Zürich, Opernhaus: TANNHÄUSER; 21. & 27.06.2026
Der isländische Regisseur Thorleifur Örn Arnarsson inszeniert Wagners Künstlerdrama, unter der Leitung von Tugan Sokhiev gestaltet Eric Cutler die Titelrolle, Christina Nilsson singt die Elisabeth und Christian Gerhaher den Wolfram
Romantische Oper in drei Akten | Musik: Richard Wagner | Text vom Komponisten | Uraufführung: 19. Oktober 1845 in Dresden | „Pariser Fassung“: 13. März 1861 in Paris | Aufführungen in Zürich: 21.6. | 24.6. | 27.6. | 2.7. | 5.7. | 8.7. und 11.7.2026
Kurzbericht zur Vorstellung vom 27.6. :
Vielleicht noch überwältigender, fesselnder, packender als die Premiere vor sechs Tagen. Ich hatte mir diesmal einen Platz in der Proszeniumsloge gewählt, hatte den Dirigenten Tugan Sokhiev und das erneut mit fabelhafter Souveränität auftrumpfende Orchester der Oper Zürich voll im Blick und war den Sänger*innen sehr nahe, konnte mich deshalb noch mehr im berauschenden Klangbad Wagners suhlen. Ja, Sokhievs Tempi sind an gewissen Stellen von Knappertsbuscher Langsamkeit, doch vermag er es zusammen mit dem Orchester jede Phrase mit ausdrucksstarker Intensität zu füllen, wirkt in keinem Moment akademisch oder zu schwulstig. Interessant zu sehen, wie er jedem instumentalen Detail seine Aufmerksamkeit schenkte, sei es, dass er Pizzicati der Bratschen herauskitzelte, oder Klarinettensoli prominente Stellung verlieh. Zudem ist er ein ausgezeichneter Sänger-Dirigent, so dass (trotz manchmal der fast erschlagenden Dezibelzahlen) diese sich nie zu unschönem Forcieren gezwungen sahen, sondern ihre wunderschönen Stimmen frei strömen lassen konnten. Nach wie vor habe ich etwas Mühe mit der leicht manierierten Art der vokalen Gestaltung der Partie des Wolfram durch Christian Gerhaher, der jedes Wort, ja jede Silbe überdeutlich akzentuierte, ihr Gewicht verlieh und damit jegliches natürliche Strömen des Gesangs unterband. Natürlich ist das von exemplarischer Klarheit der Diktion geprägt, von unheimlich subtiler dynamisch eingesetzter Kraft. Und doch haftete dieser Interpretation etwas Unnatürliches, Übertriebenes an; andererseits kam es natürlich dem hier als schleimig und amorph charakterisierten Charakter des Wolfram entgegen. Vielen meiner Bekannten gefiel dieser Interpretationsansatz ausnehmend gut und der begeisterte Applaus des Publikums sprach auch zu Gunsten Gerhahers. Alle andern Sänger*innen widerholten ihre überragenden Leistungen der Premiere oder übertrafen diese nochmals: So die Venus von Rachael Wilson, die noch mehr Glut in ihre volle, satte Stimme zu legen vermochte. Christina Nilsson war erneut eine Elisabeth von überragend schöner Strahlkraft, Eric Cutler ein grandioser Tannhäuser ohne jegliche Ermüdungserscheinungen in dieser fordernden Partie (trotz der 38 Grad Hitze in Zürich). Cutler bestach erneut mit der jugendlichen Emphase seines schön timbrierten Tenors - eine meisterhafte Leistung. Hervorragend besetzt waren die restlichen Minnesänger, allen voran natürlich Johan Krogius als Walther von der Vogelweide und der Landgraf von Christof Fischesser, dessen nervöses Verhalten beim Einzug der Gäste erneut zum Schmunzeln anregte: Ein überforderter Lokal-Politiker vor einer grossen Rede, herrlich! Wie immer bei einem zweiten Besuch entdeckte man Feinheiten der Regie, denen man bei der ersten Begegnung etwas zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt hatte, etwa den Damen mit den schwarzen runden Kappen, die Tannhäusers Geist schwarz gewandet im ansonsten in Weiss gehaltenen Venusberg-Traum bezirzten und sich erneut in bunter, clownesker Kleidung in der Wartburg-Sequenz unter die Gästinnen mischten. Und auch dass es am Ende Venus war, die Tannhäuser den Hammer hinstellte, mit welchem er nicht nur seine Skulptur der heiligen Elisabeth zerstörte, sondern sich auch von seiner Fixierung auf die Frau Elisabeth befreite. So hatte der Albtraum, in dessen weissen Nebel er zusammen mit seinen Alter Egos während der Ouvertüre eingetaucht war, seine kathartische Wirkung entfaltet. Die Prokduktion ist akustisch ein absoluter Hinhörer und optisch ein überwältigender Hingucker!
Kritik der Premiere vom 21. 6.:
AUF IDENTITÄTSFINDUNGSTRIP
Die Fragen „Wer bin ich?“, „Was will ich noch vom Leben?“, „Hat das Leben mir noch mehr zu bieten, als bisher?“, „Genüge ich den Ansprüchen, die von aussen an mich gestellt werden?“ beschäftigten seit jeher Künstler*innen aller Gattungen. Viele suchten Antworten in exzessiven Drogenexzessen, nimmermüder Arbeitswut, Ausstiegen aus dem bisherigen Umfeld oder verfielen gar in Wahn oder Depressionen. (Beispiele gibt es unzählige: Im Bereich der Kunst etwa van Gogh mit seinen unzähligen Selbstbildnissen in diversen emotionalen Zuständen, Beckmann oder Frida Kahlo, die persönliche körperliche und psychische Traumata in ihrer Kunst offenlegten. Im Bereich der Literatur sind Thomas Mann u.a. mit TOD IN VENEDIG, Hermann Hesse mit STEPPENWOLF, Max Frisch mit STILLER und HOMO FABER, die Autoren der Beat-Generation Jack Kerouac oder Willam S. Burroughs zu nennen, selbst Hape Kerkeling mit ICH BIN DANN MAL WEG kann man in diese Selbstfindungs-Pilgerfahrten einordnen. Besonders erwähnenswert in diesem Zusammenhang sind Pascal Merciers Romane PERLMANNS SCHWEIGEN und NACHTZUG NACH LISSABON. Joseph Conrads DAS HERZ DER FINSTERNIS ist geradezu ein Klassiker des Genres.) Unterdessen sind Selbstfindungsseminare und Identitätstrips längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen.
Auch der Protagonist in Richard Wagners TANNHÄUSER ist solch ein getrieben Suchender. Ein Künstler, der ausbricht, um zu sich selbst zu finden, in sein Inneres reist, eine surreale Reise, die einer Realitätsflucht gleicht. Das Inszenierungsteam dieser Neuproduktion von TANNHÄUSER am Opernhaus Zürich bringt diese albtraumartige Suche mit schlicht grandiosen, überwältigenden Bildern auf die Bühne. Da greifen Bild (von der für ihre surrealen Bilder bekannten Isländerin Erna Mist gestaltet), Kostüme (von Teresa Vergho entworfen), die geniale Lichtdramaturgie von Martin Gebhardt, die Bewegungschoreografie von Sebastian Zuber und die Regie von Thorleifur Örn Arnarsson mit geradezu atemberaubende Eindringlichkeit ineinander. Man sitzt gebannt während der drei jeweils gut eine Stunde dauernden Akten im Sessel und verfolgt die Reise des Tannhäuser mit höchster Konzentration und Anspannung, vom langen Tisch im Venusberg mit den unzähligen Gläsern drauf, zur bronzenen Halle des Sängerwettstreits im zweiten und der finalen Eiswüste mit den riesigen Eisscherben (Splitter der vor Rastlosigkeit zersprungenen Seele) im dritten Akt. Dies sind die Stationen von Tannhäusers Reise in sein Inneres – an ein Ziel als Künstler und als Mensch kommt er nicht, höchstens zur Erkenntnis, dass er in seiner Kunst gescheitert ist. Sein zentrales Werk sollte wohl die von ihm erschaffene Statue der Elisabeth werden, welche im Venusberg erst als non-finito Skulptur herumsteht, danach als vollendetes Werk von den Minnesängern auf die lichte Höhe gestellt wird, um im zweiten Akt lebendig zu werden – mit der Hallenarie. Danach schminkt sich Elisabeth während des Einzugs der Gäste ab, um im dritten Akt während des Gebets wieder als Statue zu erstarren. Ganz am Ende zerschlägt Tannhäuser mit dem Riesenhammer - den er bereits zu Beginn mal in der Hand gehalten hatte - die Statue (zum Glück konnte die Sängerin vorher entweichen). Ein grandioser Coup de théâtre. Im Programmheft wird die französische Literaturnobelpreisträgerin Annie Ernaux zitiert: „Ein Pilger sucht nicht den Weg, der Weg formt ihn.“ Tannhäuser scheitert in dieser hochspannenden Inszenierung auf ganzer Linie, wird nirgends heimisch, bleibt „unbehaust“ in einer ihm fremd und absurd erscheinenden Welt, ein Mensch, wie ihn Albert Camus in MYTHOS DES SISYPHOS beschreibt (ebenfalls im ausgezeichneten Programmheft abgedruckt).
KOKSENDE MINNESÄNGER
Das Absurde begegnet ihm auf seiner ganzen Reise: Am Ende des ersten Aktes, nachdem sich Tannhäuser von Venus losgerissen hat (Zu viel, zu viel), krachen die Minnesänger und der Landgraf im Kombi mit voller Wucht in den Venusberg-Tisch. Dank einer Kamera, die im Inneren des Wagens angebracht ist, kann man live wie ein Voyeur auf einer riesigen Leinwand mitverfolgen, was diese Männergesellschaft im Wagen so alles treibt: Da wird gekokst und aus dem Flachmann gesoffen, dass es eine Freude ist. Mit all den diversen Drogen zugedröhnt (wahrscheinlich um ihre eigene, unglaubwürdige Bigotterie zu überdecken), nehmen sie Tannhäuser wieder in ihre Gesellschaft auf, locken ihn mit seiner Elisabeth – Skulptur auf die Wartburg zurück. Dort nimmt ihnen (alle sind in Felle gehüllt mit Tierköpfen, man erinnert sich an die Stürmer auf das Kapitol am 6. Januar 2021) Tannhäuser ihre moralinsauren, bigotten Lobpreisungen der „reinen“ Liebe nicht ab, und so kommt es zum bekannten Eklat, die schweren Wände verengen sich, scheinen ihn zu erdrücken, also auf zur Pilgerreise nach Rom. Zu Eis erstarrt ist die Landschaft im dritten Akt. Keine fallenden Blätter, von denen Wolfram singt, sondern fallender Schnee. Das Bühnenbild ist hier ein echter Hingucker. Die Pilger, die man bereits im ersten Akt sah (allesamt Alter Egos Tannhäusers, identische Kleidung, Tannhäuser – Gesichtsmasken) fallen vor Erschöpfung zusammen, scharen sich dann aber um die sich erneut zur Statue transformierende Elisabeth. Auch dies ist inszenatorisch und choreografisch ganz hervorragend gelöst.
MUSIKALISCHE WUCHT
Gewählt hat man die Dresdner Fassung des TANNHÄUSER, inklusive seiner Überarbeitungen bis 1860, also ohne das für Paris geschaffene Bacchanale und die ebenfalls für Paris vorgenommenen Erweiterungen im ersten und Kürzungen im zweiten Akt. Eine gute Wahl (obwohl ich das vor erotischer Chromatik nur so strotzende Bacchnale persönlich sehr mag), denn so kommt das Werk stilistisch sehr einheitlich daher. Der weltweit gefragte russische Dirigent Tugan Sokhiev leitete erstmals eine Neuproduktion am Opernhaus Zürich – und es war eine auch musikalisch überwältigende Aufführung. Perfekt ausgewogene Tempi, eine überragend subtile Dynamik, die auch vor krachenden, knallenden Ausbrüchen nicht zurückschreckte, dann aber wieder ganz fein ausgehorchte, intime Passagen hörbar machte und die Sänger*innen in keinem Moment zum Forcieren zwang. Diese kamen aus der derzeit führenden, jungen Wagner-Riege: Eric Cutler begeisterte mit seiner Stamina, seiner ungebrochenen Kraft, aber auch mit der Schönheit der romantisch - liedhaften Aspekte in der fordernden und gefürchteten Titelpartie – ein stimmlich und darstellerisch überaus gelungenes Rollendebüt. Ein Wagnertenor, dem man ausgesprochen gerne zuhört! Zu den jungen rising stars gehört auch Christina Nilsson: Die schwedische Sopranistin (sie sang die Partie der Elisabeth bereits 2024 in Frankfurt, kann man hier nachlesen) zählt unterdessen mit ihrem leuchtenden, frei schwebenden und ungemein durchschlagkräftigen Sopran zu den grossen Hoffnungen im lyrisch-dramatischen Fach. Hoffentlich kann man diese Sängerin längerfristig ans Haus binden. Überwältigend auch die Venus von Rachael Wilson (mit Rollendebüt!). Was für eine vokale Prachtentfaltung eines sowohl sinnlichen, als auch klangsatten Timbres! Der Bass Christof Fischesser ist zum Glück immer wieder in Zürich zu erleben. Sein Landgraf verströmte Wärme, vermochte aber auch eine gewisse Gebrochenheit der Figur zu zeigen. Überragende, exemplarische Diktion brachte Christian Gerhaher als Wolfram von Eschenbach für die in dieser Inszenierung sehr zwiespältig angelegte Rolle mit (servil und schleimig wie Wurm in Schillers Kabale und Liebe, dann wieder überdreht und zugedröhnt). Mit unheimlich subtiler dynamischer Differenzierungskunst erfüllte er seine Kantilenen, von beinahe geflüsterten Passagen zu vehementen Ausbrüchen war da die gesamte Bandbreite sängerischer Souveränität zu erleben. Vieles erschien sehr ungewohnt, ja beinahe manieriert (O du, mein holder Abendstern), verfehlte jedoch die effektvolle Wirkung nicht. Eine tenorale Glanzleistung an Schöngesang vollbrachte Johan Krogius als Walther von der Vogelweide: Seine Lobpreisung der edlen, reinen Liebe (Den Bronnen, den uns Wolfram nannte) ist ein grosses Versprechen für die Zukunft des jungen finnischen Sängers. Andrew Moore wetterte vortrefflich mit seinem sonoren Bassbariton gegen Tannhäuser im Sängerkrieg. Nathan Haller hatte als Heinrich der Schreiber von Wagner leider nicht allzu viele solistische Noten zugeteilt bekommen, doch seine witzige Darstellung des zu kurz Gekommenen war herrlich. Das gilt auch für Brent Michael Smith, der als Reinmar von Zweter gute Figur machte. Yewon Han beglückte das Ohr als (im Glitzerkostüm und mit weihnächtlicher Leuchtgirlande geschmückt) auftretender Hirte mit ihrer wunderschön gesungenen Lobpreisung und Begrüssung des Wonnemonats Mai (Frau Holda kam aus dem Berg hervor).
Fantastisch und bewegend gestalteten der Chor der Oper Zürich und die SoprAlti der Oper Zürich ihre diversen Einsätze als Pilger, als Sirenen und als herrlich bunt und clownesk gekleidete Gäste auf der Wartburg (mit herzförmigen Luftballonen). Man konnte sich so richtig im satten Chorklang suhlen! (Einstudierung: Klaas-Jan de Groot)
Nach Matthew Wilds überragend stimmiger Lesart des TANNHÄUSER in Frankfurt präsentiert nun auch das Opernhaus Zürich eine andere, aber genauso interessante Interpretation des TANNHÄUSER durch Thorleifur Örn Arnarsson. Auch wenn Wagner mal geäussert hat, dass er der Welt noch einen Tannhäuser schuldig sei – wir können mit den vorhandenen Fassungen bestens leben und sie immer wieder neu auf ihre Relevanz hinterfragen (lassen). Dazu waren anscheinend nicht ganz alle im Saal gestern Abend bereit, doch die Bravi überwogen bei weitem. Für die Sänger*innen, den Dirigenten und das fabelhaft disponierte Orchester der Oper Zürich war der Jubel einhellig!
Inhalt:
Die Oper zeigt die innere Zerrissenheit eines Künstlers zwischen profaner Fleischeslust und deren vergeistigter Sublimierung.
Tannhäuser hat sich von den strengen, sittsamen Regeln des höfischen Lebens abgewandt und sich im Venusberg sinnlichen Freuden in der Entdeckung seiner eigentlichen sexuellen Bedürfnisse hingegeben. Doch gerät er hier in eine Art erotischer Überforderung, fühlt sich wohl auch geistig nicht entsprechend ausgefüllt und will die Liebesgöttin verlassen. Diese versucht ihn mit allen Mitteln zurückzuhalten, doch durch die Anrufung der heiligen Jungfrau Maria verschwindet der Zauber des Venusbergs und Tannhäuser findet sich im friedlichen Wartburgtal wieder. Er wird mit einigen Vorbehalten erneut in den Kreis der Sänger aufgenommen, seine Liebe zur Nichte des Landgrafen, Elisabeth, entflammt wieder. Anlässlich eines Sängerwettstreits aber lässt sich Tannhäuser dummerweise von der heuchlerischen Doppelmoral eines Walther von der Vogelweide oder eines Wolfram von Eschenbach provozieren und preist die freie Liebe in all ihren Ausformungen im Venusberg. Entsetzen pur bei den prüden Anwesenden. Tannhäuser muss als Wiedergutmachung eine Pilgerreise nach Rom unternehmen, um die Vergebung des Papstes zu erlangen. Elisabeth erwartet vergeblich seine Rückkehr, Wolfram ist erfüllt von Todesahnungen. Tannhäuser naht. In einem aufwühlendem Bericht schildert er seine katastrophalen Erfahrungen im Vatikan. Vergebung hat er nicht erlangt. Deshalb will er zurück zu Venus, ruft die Liebesgöttin an. Wolfram kann ihn nur mit dem Bericht, dass Elisabeth sich für ihn und sein Seelenheil geopfert habe, von diesem Schritt zurückhalten. Tannhäuser ist am Ende seiner Kräfte angelangt. Mit den Worten „Heilige Elisabeth, bete für mich“ auf den Lippen stirbt er. Pilger bringen den ergrünten Pilgerstab als Zeichen dafür, dass dem Sünder Erlösung gewährt wurde.
Werk:
Wagner gehörte zweifelsohne zu den belesensten Künstlern des 19. Jahrhunderts. Für seinen TANNHÄUSER hielt er sich an Quellen Brentanos, E.T.A. Hoffmanns, Heines, der Gebrüder Grimm und an mittelalterliche Dichtungen. Die musikalische Form ist gegenüber dem FLIEGENDEN HOLLÄNDER noch weiter in Richtung Musikdrama verfeinert. Zwar sind noch Reste der alten Nummernoper hörbar (Elisabeths „Hallenarie“, Wolframs „Lied an den Abendstern“, der Einzug der Gäste auf der Wartburg), doch sind die Formen in grosse, geschlossene Szenen eingearbeitet. Die Romerzählung Tannhäusers gilt hingegen als eigentlicher musikalischer Durchbruch im Hinblick auf die Entwicklung Wagners vom romantischen Komponisten hin zum Musikdramatiker.
Noch kurz vor seinem Tod schrieb Wagner in einem Tagebucheintrag, der Welt noch einen TANNHÄUSER schuldig zu sein. Er hat das Werk mehrmals überarbeitet, eine definitive Fassung wie bei seinen nachfolgenden Musikdramen aber nie erreicht. Die so genannte Pariser Fassung entstand für eine Produktion an der Opéra de Paris beinahe 20 Jahre nach der Uraufführung und beinhaltet hauptsächlich Änderungen im ersten Akt . So ist hier de Rolle der Venus aufgewertet, die ganze erste Szene durch ein Bacchanal ergänzt. Darin hat Wagner in Musik ausgedrückt (nämlich das immense Drängen des Fleisches nach sexueller Befriedigung) was er sich in Worten nicht getraute. Diese chromatisch-sinnliche Musik führte dann auch zu einem der ganz grossen Theaterskandale: Nach nur drei Aufführungen wurde das Werk in Paris nach unvorstellbaren Tumulten im Zuschauerraum abgesetzt. Und doch begründeten diese Aufführungen den wagnérisme in Frankreich, welcher in Künstlerkreisen zunehmend Anhänger fand. Puristen bemängeln die Uneinheitlichkeit der Werkteile, wenn die Pariser Fassung gespielt wird, doch ist sie für das Verständnis des Werks und die psychologische Charakterisierung des „Titelhelden“ eindeutig zu bevorzugen. Meistens kommt heutzutage die “Wiener” Fassung zum Zuge, die von Wagner aufgrund der ins Deutsche zurückübersetzten und mit kleinen Änderungen versehen Pariser Fassung erstellt wurde.
Musikalische Höhepunkte:
Ouvertüre
Bacchanale, Akt I
Dir töne Lob! Die Wunder sei'n gepriesen, Tannhäusers Lied an Venus, Akt I
Zieh hin, Wahnsinniger, Venus-Tannhäuser, Akt I
Als du in kühnem Sange, Finale Akt I
Dich teure, Halle, Elisabeth, Akt II
Freudig begrüssen wir die edle Halle, Einzug der Gäste, Akt II
Versammelt sind aus meinen Landen, Finale Akt II
Allmächt'ge Jungfrau, Gebet der Elisabeth, Akt III
Wie Todesahnung Dämmrung deckt die Lande, Wolfram Akt III
Inbrunst im Herzen, Romerzählung Tannhäusers, Akt III
Willkommen ungetreuer Mann, Venus-Tannhäuser-Wolfram, Akt III
Von mir besuchte Aufführungen von TANNHÄUSER im Opernhaus Zürich:
12.6.1974: ML: Ferdinand Leitner, I: Ernst Pöttgen; Tannhäuser: Jess Tohmas, Elisabeth: Jeannine Altmeyer, Venus: Gerry de Groot, Wolfram: Roland Hermann, Landgraf: Werner Gröschel
19.5.1975: ML: Ferdinand Leitner, I: Ernst Pöttgen, T: Hermin Esser, E: Liselotte Rebmann, V: Gerry de Groot, W: Roland Hermann, L: Werner Gröschel
13.7.1999: ML: Franz Welser-Möst, I: Jens Daniel Herzog; T: Peter Seiffert, E: Inga Nielsen, V: Stefania Kaluza, W: Thomas Hampson, L: Alfred Muff
30.1.2011: ML: Ingo Metzmacher, I: Harry Kupfer; T: Peter Seiffert, E: Nina Stemme; V: Vesselina Kasarova, W: Michael Volle, L: Alfred Muff
23.3.2029: ML: Axel Kober, I: Harry Kupfer; T: Stephen Gould, E: Lise Davidsen, V: Tanja Ariane Baumgartner, W: Stephan Genz, L: Mika Kares