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Zürich, Opernhaus: ROMEO UND JULIA (Ballett); 23.05.2026

Erstellt von Kaspar Sannemann | | Romeo und Julia

Copyright: Carlos Quezada, mit freundlicher Genehmigung Opernhaus Zürich

Erste Zusammenarbeit der Ballettdirektorin Cathy Marston mit GMD Gianandrea Noseda

Ballett in vier Akten (in Cathy Marstons Fassung in zwei Akten) | Musik: Sergej Prokofjew | Handlung: Adrian Potrowski, Sergei Radlow, Boris Assafjew, nach Shakespeares Drama | Szenarium in dieser Fassung: Caty Marston und Edward Kemp |Uraufführung: 30. Dezember 1938 in Brünn | Aufführungen in Zürich: 23.05. | 29.05. | 30.5. | 2.6. | 4.6. | 6.6. | 10.6. | 12.6. | 14.6. | 23.6. | 26.6.2026

Kritik:

THE MIRROR CRACK'D

Die stärksten, eindringlichsten Momente hat diese Neuproduktion von Prokofjews/Shakespears ROMEO UND JULIA in der Choreografie von Cathy Marston kurz vor und nach der Pause: Tybalt (von den Capulets) fühlt sich von den besten Freunden Romeos (von den Montagues) Mercutio und Benvolia provoziert, es kommt zum Handgemenge und Tybalt knallt Mercutios Schädel mit voller Wucht gegen einen Spiegel, der natürlich zersplittert. Mercutio stirbt, die Szene friert kurz ein, Vorhang. Pause. Höchste Spannung, denn die Allgemeinbildung sagt, dass erst durch Mercutios Tod, Romeo (der alle beruhigen wollte und keinen Kampf mehr gegen die Familie seiner Geliebte Julia aus dem Clan der Capulets auszuüben beabsichtigte) in den Streit eingegriffen und seinerseits Tybalt ermordet hatte. Denn mit diesem zweiten Mord nahm ja dann die Tragödie (die vorher ja eher komödiantisch daherkam) ihren Lauf. Also fragte man sich in der Pause, ob uns dieser Katalysator-Mord unterschlagen werden wird. Als sich der Vorhang nach der Pause dann endlich hob, war das Erstaunen gross: Das warm ausgeleuchtete Terrakotta-Labyrinth (Licht: Martin Gebhardt) mit romanischen Arkaden, Treppen und zurückversetzten oberen Ebenen (Bühnenbild und Kostüme: David Fleischer) war verschwunden. Die Szene nun rabenschwarz, auch die wunderschöne Kostümdramaturgie, welche vor der Pause den Capulets Rottöne zugeordnet hatte und dem Montagues pastellfarbene Blautöne, wechselte nun auf Schwarz. Einzig Romeo und Julia behielten ihre Unschuld in Weiss bei. Auf der Bühne war nur noch das Treppenelement übriggeblieben, das nun ebenfalls rabenschwarz war und ins Nichts führte, die Sinnlosigkeit des Ganzen symbolisierte. Ganz stark! Genau wie der zerbrochene Spiegel in Agatha Christies gleichnamigem Roman Miss Marple zur Erkenntnis der Mörderin geführt hatte, führte er nun in die Unausweichlichkeit des Todes: Romeo nahm eine Scherbe und ermordete damit Tybalt, Julia wurde mit einer Scherbe dieses Spiegels von Lorenzo (sah mit seinen weit geschnittenen Hosen eher aus wie ein Zen Mönch) hypnotisiert und so in ihren Scheintod versetzt, Romeo schlitzte sich die Adern damit auf und Julia schliesslich beging mit dieser vermaledeiten Scherbe Suizid. Die Symbolkraft des zerbrochenen Spiegels (Pech, Verlust der inneren Ganzheit, Selbsterkenntnis, negative Strömungen verursachend) bewahrheitete sich – wie in Lord Tennysons Gedicht: 

Out flew the web and floated wide 

The mirror crack'd from side to side; 

"The curse is come upon me", cried 

The Lady of Shalott.

Im ersten Teil kam Cathy Marstons Choreografie sehr luftig, auch humorvoll daher, und begeisterte mit einer klaren Personenzeichnung. Besonders hervorzuheben ist, dass Marston auch den Nebenfiguren Platz einräumte. So wurde aus Benvolio eine freche, forsche Benvolia (mit herrlicher Agilität getanzt von Breanna Ford), die zusammen mit ihrem nicht minder virtuos tanzenden Mercutio (Charles-Louis Yoshiyama mit atemberaubenden Sprüngen) mit stupender Bühnenpräsenz begeisterte. Julias Amme erhielt hier endlich ihren Namen (Angelica) und ihre eigene Geschichte als in Tybalt Verliebte. Inna Bilash zeigte diese Wandlung der Angelica zur Gegnerin Julias sehr beklemmend, gab Julia die Schuld am Tod ihres Geliebten, zeigte deutlich ihren Hass. Auch die Eltern Julias (Jesse Fraser und Yun-Su Park) erhielten mehr Profil als gewohnt. Kraftvoll und jähzornig legte Esteban Berlanga den Tybalt an, mit weit ausholenden Gesten und in handfesten Kämpfen die Bühne beherrschend. Brandon Lawrence machte als friedliebender Zen Bruder ebenfalls ganz starken Eindruck mit seiner autoritären Gestik und seinen hypnotischen Kräften. Sean Bates (mit befremdlichen Hitlergrüssen) als Paris wurde ebenfalls Opfer von Romeos finaler Spiegelscherben-Raserei. Neu als aktive Bühnenfigur (wird bei Shakespeare nur erwähnt) eingeführt hat Cathy Marston Romeos ersten Schwarm Rosalind, getanzt von Sujung Lim, mit der er auf dem Ball der Capulets tanzt, bevor sein Blick – toll und intensiv choreografierte Szene – auf Julia fällt. Neu ist auch eine Blumenverkäuferin, aus deren Sicht das Geschehen seinen Lauf nimmt. Nun ist die Figur der Blumenverkäuferin auf dem Theater leider stets assoziiert mit der Eliza Doolittle aus MY FAIR LADY und so adrett und besorgt Ruka Nakagawa auch ihre symbolträchtigen Blumen – rote Rosen und weisse Callas - an die Mitglieder der beiden Clans verteilte, irgendwie funktionierte für mich dieser Verfremdungs- und Distanzierungseffekt nicht so ganz. Zur Symbolkraft der Blumen: Das Programmheft und das Plakat zieren weisse Callas, auch im Kübel der Blumenverkäuferin stehen weisse Callas, die dann über die vermeintliche Leiche Julias verstreut werden. Im Programmheft wird aber vieles über den Symbolgehalt weisser Lilien geschrieben. Nun gehören aber Callas zu den Aronstabgewächsen und nicht zu den Liliengewächsen. Das mag nun ein bisschen oberlehrerhaft klingen, und ich verstehe auch, dass man sich aus optischen Gründen für die stylische Eleganz der Callas entschieden hat, man hätte deshalb im Programmheft geradesogut über Callas schreiben können.

Es bleibt das wunderbar luftig und verspielt tanzende, tragische Liebespaar: Ayaha Tsunaki war eine bezaubernd und leichtfüssig tanzende Julia, eine verwirrte junge Frau, welche viel zu früh die Höhen und Tiefen des Lebens kennenlernen musste, dann in den Spiegel blickte und darin gefangen blieb. Karen Azatyan tanzte den Romeo energiegeladen, erhielt aber keine Gelegenheiten zu jugendlich sportlichen, ausladenden Sprüngen, wirkte sehr melancholisch. Manchmal wurden ihm etwas stereotype Bewegungsabläufe aufgezwungen (Anwinkeln des Knies, Umfassen des Knies oder der Fessel). Auch in den Gruppentänzen sah man wiederholte Schuhplattler ähnliche Einlagen oder repetitive ineinander verschlungene, geschlossene Armkreise und abgehackte Handbewegungen. Äusserst ergreifend jedoch gelangen die Trauerzüge für Tybalt und für Julia. In den letzten Szenen wunderte man sich, weshalb Julia zweimal durch Mark und Bein gehende Schreie ausstossen musste: Die Musik erzählt doch eigentlich schon alles. Diese Musik war bei Gianandrea Noseda, dem sich in dieser Saison im Bereich Oper etwas rar („nur“ eine Verdi-Premiere und zwei Verdi-Wiederaufnahmen) machenden GMD, in allerbesten Händen. Das war ein Prokofjew, der nie weichgespült oder behäbig wirkte, das waren Reibungen und Dissonanzen und Gefühlstiefen bis zur erschütternden Schmerzgrenze, welche die fabelhaft erzählenden Musiker*innen des Orchesters der Oper Zürich aus dem Graben steigen liessen. In der Choreografie gibt es meiner Meinung nach noch Luft nach oben, das Publikum zeigte sich jedoch begeistert, erhob sich aber nur am Ende zögernd beim Herausgehen zu einer Standing Ovation.

Auf dem Titelbild des Programmhefts und den Plakaten steht Romeo und Julia, Ballett von Cathy Marston. Erst im Inneren tauchen dann die Namen Shakespeare und Prokofjew auf. Bei LA CLEMENZA DI TITO stand immerhin noch Oper von Wolfgang Amadeus Mozart (und nicht von Damiano Michieletto …). Das Ballett scheint eigene Gesetze zu haben ... .

Werk:

Der unsterbliche Stoff inspirierte eine ganze Reihe von Komponisten zu Opern, Balletten oder Schauspielmusiken, so Gounod, Zandonai, Bellini, Sutermeister, Berlioz, Tschaikovsky oder Bernstein.

ROMEO UND JULIA stellt Prokofjews wohl bekannteste und farbenreichste Komposition dar. Obwohl nach der Rückkehr des Komponisten in die Sowjetunion vom Kirov Ballett in Auftrag gegeben, fand die Uraufführung im tschechischen Brünn statt. Nach den Vorwürfen gegen Schostakowitsch in der Prawda waren die Komponisten vorsichtig geworden. Zudem bekam Prokofjew auch vom Bolschoi Ballett den Bescheid, das Stück sei untanzbar (zu komplexe Rhythmen). Dabei machen gerade die rythmische Vielfältigkeit und die eingängige, doch stets äusserst geschmackvolle und variantenreiche melodische Verarbeitung der Themen den Reiz dieser kostbaren Partitur aus.

Erst im Januar 1940 präsentierte das Kirov Ballett eine revidierte Version (diesmal mit dem shakespearschen tragischen Schluss) und das Ballett trat seinen bis heute ungebrochenen Siegeszug durch die bedeutendsten Tanzstätten der Welt an. Berühmt wurden die Choreographien von John Cranko für das Stuttgarter Ballett (mit Marcia Haydée und Richard Cragun) und von Kenneth MacMillan für das Royal Ballet (mit Margot Fonteyn und Rudolf Nureyev).

Inhalt:

Die Tragödie spielt in der italienischen Stadt Verona und handelt von der Liebe Romeos und Julias, die zwei verfeindeten Familien angehören, den Montagues (Romeo) bzw. den Capulets (Julia). Die Fehde geht so weit, dass sich die Beteiligten regelmäßig zu Beleidigungen und blutigen Degenkämpfen hinreißen lassen, sobald sie in der Stadt aufeinander treffen. Deshalb halten Romeo und Julia ihre Liebesbeziehung vor ihren Eltern verborgen. Ohne deren Wissen lassen sie sich vom Pater Lorenzo trauen, der insgeheim hofft, auf diese Weise einen ersten Schritt zur Lösung des Konflikts beitragen zu können.

Trotzdem kommt es zwischen Romeo und Tybalt, einem Capulet und Cousin Julias, zum Kampf, in dessen Verlauf dieser von Romeo getötet wird. Romeo wird aus Verona verbannt und muss nach Mantua fliehen. Julia, die nach dem Willen ihrer Eltern in aller Eile mit einem gewissen Paris verheiratet werden soll, bittet erneut Pater Lorenzo um Hilfe. Dieser überredet sie, einen Schlaftrunk zu sich zu nehmen, der sie für 40 Stunden in einen todesähnlichen Zustand versetzen werde, um so der Hochzeit zu entrinnen. Romeo soll durch einen Brief, der ihn allerdings wegen eines Missgeschicks nie erreicht, von diesem Plan in Kenntnis gesetzt werden. In der Zwischenzeit sieht ein Freund Romeos die mittlerweile beigesetzte Julia in ihrer Familiengruft liegen, eilt zu Romeo und berichtet ihm vom angeblichen Tod seiner Liebsten. Romeo eilt nach Verona zum Grab seiner Frau, um sie noch ein letztes Mal zu sehen. In der Familiengruft der Capulets trifft er auf den Grafen Paris. Romeo ersticht ihn. Dann stösst er sich selbst den Dolch ins Herz. Julia erwacht, erblickt den toten Romeo und sieht als Ausweg nur noch den Suizid, da sie ohne Romeo nicht mehr leben kann und will. (Quelle: Wikipedia und Programmheft Staatsballett Berlin)

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