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Zürich, Opernhaus: FESTKONZERT DER PHILHARMONIA ZÜRICH; 13.07.2025

Erstellt von Kaspar Sannemann | | Brahms Sinfonien

copyright: Admill Kuyler, mit freundlicher Genehmigung Opernhaus Zürich

Die Philharmonia Zürich und der amtierende GMD Gianandrea Noseda verabschieden den Intendanten Andreas Homoki mit einem Festkonzert in dem Haus, dessen künstlerische Entwicklung er 13 Jahre lang geprägt hatte

Werke: Richard Wagner: Ouvertüre DER FLIEGENDE HOLLÄNDER | Stefan Wirth: Trypophobia für grosses Orchester, Uraufführung | Johannes Brahms: Sinfonie Nr. 4 in e-Moll | Uraufführung: 25.Oktober 1885 in Meinigen, unter der Leitung des Komponisten

Dieses Konzert gibt's nur am 13.7.2025 zu erleben

Kritik: 

Der letzte Abend der Saison, der letzte Abend der Ära Homoki, Zeit für Reflexion über und Zeit für Dankbarkeit für 13 Jahre spannendes, ergreifendes und relevantes Musiktheater. Wie sagte doch einst einer der Vorgänger im Amt als Intendant in Zürich, Claus Helmut Drese, sinngemäss? „Theater darf nie in Konventionen erstarren, es muss jeden Abend bewegen, aufrütteln, und auch provozieren. Nur dann hat es seine Berechtigung.“ Andreas Homoki setzte dies mit seinen eigenen Regiearbeiten, aber auch mit der Wahl der GastregisseurInnen eindrücklich um. Langweiliges Mittelmass war es nie; er und sein exzellentes Team in der Dramaturgie, in den Werkstätten, in der Opern- und der Ballettdirektion haben wahrlich Grosses geleistet. Dies würdigten an diesem letzten Abend auch die Rednerin und die beiden Redner, welche alle drei prägnante Laudationen hielten. Den Anfang machte Markus Notter als Präsident des Verwaltungsrates (ja, das Opernhaus Zürich ist eine Aktiengesellschaft). Er berichtete humorvoll aus der Zeit der Findungskommission, welche eine Nachfolge für Alexander Pereira finden musste. Jacqueline Fehr, amtierende Regierungsrätin des Kantons Zürich (mit über 88 Millionen Franken pro Jahr der grösste Geldgeber des Opernhauses), stellte ihre Würdigung unter den Titel „Hadern statt Handeln“ und hob dabei die besonderen Verdienste hervor, welche sich das Opernhaus in der schwierigen Zeit der Corona-Pandemie erworben hatte. Weiter ging sie auf das humanistische Weltbild von Andreas Homoki ein, das sie (als Mitglied der SP) als echt sozialdemokratisch bezeichnete, ihn als Menschenfreund würdigte. Der langjährige Wegbegleiter Andreas Homokis, der Regisseur Barrie Kosky (der Homoki 2012 als Nachfolger an der Komischen Oper Berlin folgte) beschrieb seinen eigenen Werdegang, dankte Homoki für die langjährige Freundschaft und das Vertrauen, das ihm, dem „jüdischen Känguru“, (wie er sich selbst humorvoll bezeichnete) Andreas Homoki in Berlin und in Zürich entgegengebracht hatte. Er attestierte Homoki all die Attribute, welche für einen Direktor eines Theaters notwendig sind, damit der Direktor für alle am Haus „Mama und Papa“ sein könne: u.a. Humor, Loyalität, Mut, Vision, Freude, Intelligenz, Herzlichkeit, Handwerk, Knochenarbeit, Führungsstärke, gutes Essen, guter Wein, kritisches Denken, Authentizität, Anti-Snobismus, Charme, Empathie, Sympathie, gewinnendes Lächeln! Homoki habe unentwegt an die Kunstform Oper geglaubt, für sie gebrannt. Man hatte viel zu schmunzeln während dieser Laudatio – und doch die eine oder andere Träne zuzulassen!

Andreas Homoki selbst nahm ganz am Ende, nachdem die Passacaglia der vierten Sinfonie von Brahms mit wuchtigen Akkorden geendet hatte, das Mikrofon in die Hand. Zuerst galt es mehrere Mitglieder des Orchesters und eine Mitarbeiterin des Saal-Einlasses, die in ihrer jahrelangen Dienstzeit wahrscheinlich mehrere Direktoren erlebt hatte, in den Ruhestand zu verabschieden. Anschliessend bedankte er sich zuerst bei der Rednerin und den Rednern des Abends, Reden, die ihn sehr gerührt hätten. Es folgte der Dank an seine Frau und den Sohn. Gewürdigt wurden all seine MitarbeiterInnen, die Enormes geleistet hätten. Ganz am Ende bedankte er sich auch beim Zürcher Publikum, das seine Arbeit mit Offenheit, Neugier, Respekt und Interesse begleitet habe und - entgegen dem zwinglianischen Ruf - auch mit Leidenschaft! „Ich danke euch für diese schöne Zeit – und tschüss!“ waren seine letzten Worte als Intendant, worauf sich dieses Publikum spontan zu einer verdienten Standing Ovation erhob. 

Natürlich gab es auch Musik an diesem Abend: Die Philharmonia Zürich (im September wird das Orchester dann wieder seinen alten Namen zurückerhalten und Orchester der Oper Zürich heissen) spielte unter dem Generalmusikdirektor Gianandrea Noseda zu Beginn die furios dargebotene Ouvertüre zu Wagners Oper DER FLIEGENDE HOLLÄNDER. Noseda stürzte sich mit Haut und Haar in diese von der Nordsee inspirierten Sturmfluten, mit solcher Vehemenz, dass sein Taktstock durch die Luft sauste und mitten in den zweiten Geigen landete. Doch auch ohne Taktstock führte er das Stück mit dem sanft schimmernden Erlösungsmotiv am Ende in den sicheren Hafen. (DER FLIEGENDE HOLLÄNDER war übrigens am 9. Dezember 2012 die erste Regiearbeit Homokis am Zürcher Opernhaus gewesen, mit Alain Altinoglu am Pult und Sir Bryn Terfel in der Titelrolle). Nach den Reden folgte die Uraufführung von Stefan Wirths grandiosem Stück „TRYPOPHOBIA“ FOR LARGE ORCHESTRA. Von diesem jungen Schweizer Komponisten war 2022 am Opernhaus Zürich dessen Oper GIRL WITH A PEARL EARRING erfolgreich uraufgeführt worden. „Trypophobia“ bezeichnet Angstzustände vor sich wiederholenden, Mustern aus Löchern oder Blasen werfenden Erhebungen. Und tatsächlich, Wirth schafft es in seiner Komposition furchterregend Klangmalereien zu heraufzubeschwören, man fühlt sich regelrecht hineingeworfen ins grosse Blubbern mit Eruptionen von schleimiger, ekelhafter Masse. Das ist hochspannende Horror-Thriller-Musik der Extraklasse, faszinierend, ein wohliges Schauern auslösend und abstossend zugleich. Reisserische Klangmagie vom Feinsten. Kaum reflektive Passagen, alles wirkt gefährlich, mit aus dem Nichts aufsteigenden Klangballungen, Glissandi und Peitschenschlägen Die Philharmonia Zürich zeigte unter Gianandrea Nosedas erneut zupackender und stets die Übersicht bewahrenden Leitung ihre enorme stilistische Vielseitigkeit, die sie über die letzten Jahre erlangt hatte. Nach dem bedrohlichen ersten Teil hört man zuerst bloss einige scheinbar wahllos gezupfte Seiten, ganz ruhig, man ist sich nicht sicher, ob eine Instrument gestimmt wird, oder ob das schon komponierte Musik ist. Vogelgezwitscher wird eingespielt, eine Wohlfühlatmosphäre scheint sich breit zu machen, wie in einer Wellness-Oase. Aber darunter ist schon bald wieder das Blubbern der Lava zu vernehmen, das Inferno bricht sich mit eruptiver Gewalt Bahn. Das ist Musik, die man sich gerne mehrmals anhören möchte, da gäbe es sicher noch manches zu entdecken. Am Ende jedes der beiden Sätze verliert sich die Musik in geradezu unheimlicher Weise in die Unhörbarkeit – wie in die bedrohliche Stille im Auge des Orkans. Gruselig und doch schön! Es gab zu Recht viel verdienten Applaus für den jungen Komponisten!

Nach der Pause dann Brahms vierte Sinfonie. Wunderschön gerät der Philharmonia Zürich die wiegende Einleitung der Streicher, welche von Holzbläsergirlanden sehr schön umspielt wird. Die auf gewichtige Akzente setzende Interpretation Nosedas erlaubt keinen warmen, einlullenden Brahms. Da ist von Beginn weg ein dramatischer Kampf hörbar, eine glutvolle Intensität, sehr effektvoll – vielleicht etwas zu hart. Das Andante schleppt in keinem Moment, klingt ruhig und friedlich. Sehr schön wird das leichte Eindunkeln des Klangs herausgearbeitet, das Aufbäumen und der versöhnliche Schluss dieses zweiten Satzes. Lebhaft und klar akzentuiert wird im dritten Satz musiziert, klare Konturen gesetzt, allerdings mit einer gewissen Schärfe. Das setzt sich im Finalsatz weiter durch, der erklingt streckenweise etwas gar stampfend, erhält zu viel an ermüdender Dramatik auferlegt, für meine Begriffe „zu opernhaft“, manchmal meint man Schmerzensschreie zu hören. Diese Passacaglia wirkt für mich zu ungestüm, zu roh im Klang. Aber: Die Interpretation hat etwas zu sagen, zu erzählen – genau wie die Premieren der vergangenen dreizehn Jahre am Opernhaus Zürich. Kein Wischiwaschi, keine abgehobene Träumerei, keine verkopften Gedankenverschlingungen, aber auch nicht künstlich weichgespült. 

EIN GROSSES DANKESCHÖN AN ANDREAS HOMOKI FÜR ALLES!

Es waren dreizehn gute Jahre, gut für das Haus und sehr gut für uns, das Publikum!

Werke:

Der Schweizer Komponist Stefan Wirth (geboren 1975), dessen Oper Girl with a Pearl Earring hier am Opernhaus Zürich 2022 zur «Uraufführung des Jahres» gewählt wurde, hat mit Trypophobia ein neues Werk für grosses Orchester geschrieben, das von einem eigenartigen Phänomen inspiriert ist: dem Unbehagen, das manche Menschen vor löchrigen oder blasenwerfenden Oberflächen empfinden. (Text Opernhaus Zürich)

Auch in seiner 4. und letzten Sinfonie ist Johannes Brahms (1833-1897) durchaus auch Chronist seiner Zeit, drängt auf Besinnung, auf stabile Werte aus dem deutschen Volksliedgut, auf den Stil der klassischen Vorbilder. Auffallend, dass Brahms für den letzten Satz die Variationenform der Passacaglia (auf ein Thema von Bach) wählte, eine Form, die vor allem in der Zeit der Aufklärung sehr en vogue war. Den ersten Satz beginnt Brahms quasi seufzend, mit absteigenden Terzen und ansteigenden Sexten. Von der Unbeschwertheit seiner zweiten Sinfonie ist kaum mehr was übrig geblieben. Nichtsdestotrotz setzte sich die konsequent durchgestaltete vierte Sinfonie beim Publikum durch und wird seit der Uraufführung sehr häufig gespielt.

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