Malmö, Opera: LA BOHÈME; 14.05.2025
Puccinis Meisterwerk, inszeniert im New York der 1960er Jahre
Oper in vier Bildern | Musik: Giacomo Puccini | Libretto: Luigi Illica und Giuseppe Giacosa | Uraufführung: 1. Februar 1896 im Teatro Regio, Turin | Aufführungen in Malmö: 4.5. | 14.5. | 17.5. | 25.5. | 28.5. | 1.6.2025
Kritik:
Liebe. Krankheit, Tod - der Themenbereich von LA BOHÈME ist weder zeit- noch ortsgebunden. Somit gehört Puccinis Erfolgsoper zu den Werken, die ohne Verlust an Glaubwürdigkeit aktualisiert und/oder vom Quartier Latin in Paris an andere Handlungsorte verlegt werden können. So machte es auch die Regisseurin Rodula Gaitanou für diese Neuproduktion von LA BOHÈME in Malmö: Das Ambiente der Bohemiens aus dem Paris der 1830er Jahre (Henry Murgers Vorlage) oder der 1890er Jahre (Entstehung von Puccinis Oper) wurde in die 1960er Jahre nach New York verlegt, die Zeit der großen gesellschaftlichen und künstlerischen Umwälzungen, dargestellt in der Entourage rund um Andy Warhol und Jim Dine. Als Handlungsorte wählten die Regisseurin und ihre Bühnen- und Kostümdesignerin Cordelia Chisholm ganz konkret Warhols THE FACTORY. Hier in dieser Industrieruine hausen die vier jungen Künstler Rodolfo, Marcello, Schaunard und Colline. Die Gemeinschaftsküche wird auch von der Textilkünstlerin Mimì mitbenutzt. Alle vier Akte spielen an diesem Ort, der sowohl die Galerie MOMUS beherbergt (wo Warhol persönlich seine neuesten Werke präsentiert, als auch Marcello im dritten Akt seine eigenen Werke ausstellen darf, inspiriert von seiner Muse Musetta). Das ist alles hervorragend inszeniert, mit einer natürlichen und stimmigen Personenführung, lustig, witzig und am Ende ergreifend tragisch. Einzig die Idee, den Pop Art Universalkünstler Jim Dine als pantomimischen Conférencier zwischen den Akten als hellseherischen Cupido mit Pfeil, Bogen und rosa Flügeln (die er dann vor dem Schlussbild heulend verliert und von seinen Assistentinnen in Schwarz gewandet wird) auftreten zu lassen, wirkt etwas konstruiert.
Gesungen wird auf ganz hohem Niveau. (Ich liebe ja die kleineren und mittleren Opernhäuser, da gibt es jeweils so viele erfrischende, vielversprechende Stimmen und Darsteller*innen zu entdecken.) Das war auch gestern Abend in Malmö der Fall: An erster Stelle muss man den Tenor Konu Kim in der Rolle des Rodolfo erwähnen. Sein Tenor strömt mit einnehmendem Schmelz, er verfügt über eine sichere, saubere, mühelose Höhe, kommt ohne Drücker und Schluchzer aus. Ganz wunderbar! Ein Sänger, dessen Karriere man gerne verfolgen wird. Yana Kleyn singt eine Mimì mit apartem, sehr schön aufblühendem Timbre. Der leicht herbe Farbton verleiht ihrer Stimme interessante, selbstbewusste Aspekte. Die beiden Stimmen schwingen sich in ihren Zwiegesängen mit Emphase zu begeisterndem, klangmanischem Rausch hoch. Als Musetta und Marcello liefern sich Kseenia Proshina und Richard Hamrin grandiose Dramen zwischen der freigeistigen Muse und dem eifersüchtigen Künstler. Musettas Walzer im zweiten Akt gerät zum Dahinschmelzen schön, Marcellos Empathie gegenüber dem Schicksal Mimìs und seines Freundes Rodolfo ist von baritonaler Wärme gezeichnet. Solche Empathie bietet auch Kihwan Sim als Philosoph Colline auf (Abschied von seinem alten Mantel). Der Musiker Schaunard wird von Jonah Spungin mit quirliger szenischer und stimmlicher Präsenz interpretiert und sorgt mit seinen Einnahmen für das körperliche Wohl in der Wohngemeinschaft. Nils Gustén als von den Künstlern übertölpelter Benoît und Bengt Kranz als ebenso übertölpelter reicher Verehrer Musettas, Alcindoro, ergänzen hervorragend das spielfreudige Ensemble. Der zweite Akt in der Galerie, wo Musetta ganz ohne Scham die aufgeblasenen Kunstwerke Warhols mit ihren langen Fingernägeln platzen läßt, ist grandios inszeniert, und die Statisten, der Chor der Oper Malmö und der exzellent singende Kinderchor tragen zusammen mit dem Malmö Operaorkster unter der straffen, feinfühlig zwischen Emphase und Innigkeit disponiernden Leitung von Alexander Joel entscheidend zum Publikumserfolg der Aufführung bei. Jubel und stehende Ovationen!
Inhalt:
In einer Mansarde im Quartier Latin hausen die vier (Lebens-)Künstler Rodolfo, Marcello, Schaunard und Colline. Ihre Armut meistern sie mit zum Teil bissigem Humor. Es ist Weihnachtsabend. Der Musiker Schaunard ist zu etwas Geld gekommen und lädt seine Freunde ins Café Momus ein. Rodolfo, der Dichter, will noch schnell einen Artikel beenden und verspricht, den Freunden gleich zu folgen. Da klopft seine Nachbarin Mimi an der Tür und bittet um Feuer. Als Mimi in der Dunkelheit auch noch ihren Schlüssel verliert, nutzt Rodolfo die Gelegenheit und nähert sich ihr sachte an. (Wie eiskalt ist dies Händchen...). In einem leidenschaftlichen Duett spürt man das Aufflammen ihrer Liebe. Sie folgen den Freundin ins Café. Da herrscht eine ausgelassene Stimmung. Marcellas frühere Geliebte Musetta taucht mit einem älteren Verehrer auf. Marcello reagiert eifersüchtig. Musetta spielt mit diesen Gefühlen, wird den Alten los, wirft sich Marcello wieder in die Arme und lässt den Alten am Ende gar noch die Rechnung der Künstler bezahlen. Einige Zeit später, nach wechselhaften Wochen für die beiden Paare, befinden wir uns vor einem Gasthaus an der Zollschranke. Mimis Krankheit hat sich verstärkt, Rodolfo hat sich von ihr getrennt, was sie sich nicht erklären kann. Mimi sucht den Rat von Marcello. Als Rodolfo auftaucht, versteckt sie sich und belauscht die beiden Freunde. Da erfährt sie, dass nicht eigentlich die Eifersucht Rodolfos der Trennungsgrund war, sondern seine Hilflosigkeit gegenüber ihrer Krankheit. Mimis Husten verrät ihr Versteck. Die beiden schliessen sich erneut in die Arme, beschliessen jedoch, sich erst im Frühling zu trennen, da der Winter zur Einsamkeit nicht tauge. Marcello und Musetta streiten sich mal wieder im Hintergrund.
Im letzten Bild befinden wir uns wieder in der Mansarde des Anfangs und treffen auf die in Liebesdingen so unglücklichen Freunde Rodolfo und Marcello. Bei einem bescheidenen Mahle dominiert trotz aller Sorgen die Heiterkeit. Doch mit dem Auftauchen Musettas ändert sich alles dramatisch. Musetta bringt die todkranke, schwache Mimi mit. Alle kümmern sich rührend um sie, der Philosoph Colline nimmt gar Abschied von seinem geliebten Mantel und will ihn im Leihhaus versetzen, um Geld für den Arzt zu bekommen. Alle gehen raus, um Geld zu besorgen, Mimi und Rodolfo bleiben allein und versichern sich gegenseitig ihrer Liebe. Musetta und die anderen kommen zurück, Mimi erhält einen Muff, um ihre kalten Hände zu wärmen. Sie verstirbt - Rodolfo realisiert dies als Letzter. Mit seinen durchdringenden Schreien der Verzweiflung endet die Oper.
Werk:
In eindringlichen, atmosphärisch dichten Bildern zeichnen Puccini und seine Librettisten Szenen aus dem Leben junger Menschen. Diese träumen von Freiheit und Selbstverwirklichung, sie lieben und sie streiten sich, sie kämpfen mit Humor ums Überleben. Doch als eine von ihnen tödlich erkrankt, wird aus dem sorglosen Leben bitterer, tragischer Ernst.
Puccini hat dazu eine seiner farbenprächtigsten Partituren komponiert, lyrisch-sentimentale Stellen verschmelzen mit humorvoll kontrastierenden Passagen, die Personen sind überaus stimmig in kurzen, prägnanten Ariosi charakterisiert. Im letzten Bild verschmelzen all diese Leit- und Erinnerungmotive, der Orchesterklang wird aber zugleich dünner und führt so zum ergreifenden Schluss.
Puccinis "Rivale" Leoncavallo hat den Stoff von Murger Scènes de la vie de bohème ebenfalls vertont. Sein Werk erschien ein Jahr nach Puccini auf der Bühne, erreichte jedoch nie die Popularität von Puccinis Werk, obwohl er an sich näher bei der Vorlage blieb und seine Oper weniger von Sentimentalität gezeichnet ist.
Die Uraufführung unter der Leitung von Arturo Toscanini war kein besonderer Erfolg, die Kritik bezeichnete die Musik als oberflächlich. Erst nach der Aufführung in Palermo, im April 1896, setzte das dem Verismo nahestehende Werk zu seinem bis heute ungebrochenen Siegeszug über die Bühnen der Welt an.
Die Diskographie umfasst über hundert Einspielungen auf Schalplatte, CD und DVD. Allein die berühmtesten Interpreten der Mimi (Mirella Freni) und des Rodolfo (Luciano Pavarotti) haben das Werk über zwölf Mal mit verschiedenen PartnerInnen eingespielt. Referenzaufnahmen sind die Einspielungen unter Herbert von Karajan von 1972 (Freni/Pavarotti) und unter Thomas Beecham (de los Angeles/Björling).
Musikalische Höhepunkte:
Che gelida manina, Arie des Rodolfo, Bild I
Si, mi chiamano Mimì, Arie der Mimi, Bild I
O soave fanciulla, Duett Mimì-Rodolfo, Bild I
Quando m’en vo, Walzer der Musetta, Bild II
Addio dolce svegliare, Duett Mimì-Rodolfo mit Hintergrundgezänk Marcello-Musetta, Bild III
Vecchio zimarra, senti, Arie des Colline, Bild IV
O Mimì, tu più non torni, Arioso des Rodolfo, Bild IV