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Frankfurt, Oper: TRISTAN UND ISOLDE; 22.03.2026

Erstellt von Kaspar Sannemann | | Tristan und Isolde

Copyright: Barbara Aumüller, mit freundlicher Genehmigung Oper Frankfurt Marco Jentzsch (Tristan) und Miina-Liisa Värelä (Isolde)

Thomas Guggeis leitet diese Wiederaufnahme-Serie, die "Sängerin des Jahres" der Zeitschrift Opernwelt und "Beste Sängerin" der OPER! Awards Miina-Liisa Värelä singt die Isolde, Marco Jentzsch den Tristan

Handlung in drei Aufzügen | Musik: Richard Wagner | Text : vom Komponisten, nach Gottfried von Strassburg | Uraufführung: 10. Juni 1865, Nationaltheater, München | Aufführungen dieser Wiederaufnahme (Premiere war 2019) in Frankfurt: 22.3. | 28.3. | 3.4. | 6.4. und 11.4. 2026

Kritik: 

Zum Schlussapplaus holte der Dirigent, der Frankfurter GMD Thomas Guggeis, sein Orchester auf die Bühne. Nicht nur die auf der Bühne im dritten Aufzug auftretenden Instrumentalsolisten Aurélien Laizé (Englischhorn) und Eugenio Valle (Holztrompete) durften ihren verdienten Applaus entgegennehmen, sondern das gesamte Orchester durfte sich vom Publikum begeistert feiern lassen, so wie es auch Daniel Barenboim mit der Staatskapelle in Berlin regelmässig tat. Richtig so, denn was das exzellent spielende und für seine Qualitäten von Fachzeitschriften bereits mehrfach ausgezeichnete Frankfurter Opern- und Museumsorchester an diesem Abend geboten hatte, war schlicht begeisternd. Es erwies sich – bei Wagners monumentalen Werken ganz besonders wichtig – als ebenbürtiger und gleichberechtigter Partner der Sänger*innen auf der Bühne, kommentierte und erweiterte deren Affekte mit tief in deren psychischer Verfassung schürfender Subtilität. Thomas Guggeis leitete eine Aufführung, die stets das Vorwärtsdrängende suchte, kaum bei dem faustianischen Gedanken „Augenblick verweile doch, du bist so schön“ verharrte, sondern mit Vehemenz neue klangliche und gedankliche Ebenen zu erschliessen suchte. Dabei wurde der Gesamtklang nie zu laut, so dass sich die Sänger*innen dieser exzellent besetzten Wiederaufnahme zwar ins Zeug legen mussten, aber nie unnatürlich zu forcieren gezwungen waren und so ein gewaltig unter die Haut gehendes Miteinander von Bühne und Graben entstehen liessen.

Marco Jentzsch gestaltete einen stimmlich fabelhaften Tristan. Seine Stimme sprang mit wunderbarer Leichtigkeit an, wirkte in keinem Moment zu spröde oder zu schwer. Sein enormes körperliches und psychisches Leiden und der Fieberwahn im dritten Aufzug wurden zu einem bewegenden Erlebnis. Seine Phrasen erreichten – auch dank der exzellenten Diktion – mal berührende, dann wieder trotzige Kraft, und er vermochte neben der mit grandioser Dynamik begeisternden Strahlkraft seiner Partnerin Miina-Liisa Värelä als Isolde bestens zu bestehen. Miina-Liisa Värelä glänzte daneben mit herrlich gerundeter Tiefe und gleissenden, sicher erreichten Spitzentönen. Im ungemein intensiven Liebesduett O sink hernieder, Nacht der Liebe der beiden im zweiten Aufzug verschmolzen die Stimmen von Marco Jentzsch und Miina-Liisa Värelä in herrlichen, sich hochdrehenden Umschlingungen. Mit betörend-entrückter Intensität gestaltete die finnische Sopranistin ihre Schlussszene Mild und leise, wie er lächelt. Auch der erste Aufzug, in welchem Isolde von so vielen widerstreitenden Gefühlen heimgesucht wird, von Rache- und Sühnegedanken, von Zwangsheirat, von Liebe zu ihrem Entführer, aber auch von Stolz, Eigensinn und Trotz, bestach Miina-Liisa Värelä mit hervorragender Interpretationskunst und Auslotung dieser Gefühle. Dazu legte ihre Textsicherheit die Grundlage. An ihrer Seite befand sich aber auch mit der herausragenden Sängerdarstellerin, der Kammersängerin Claudia Mahnke, eine Brangäne, welche selbstsicher, nie unterwürfig, aber doch besorgt, die Rolle der Vertrauten Isoldes fantastisch ausfüllte. Ihrer sicher geführten Stimme mischte sie ab und an eine Prise Herbheit bei, was dem Zwiegespräch der beiden Frauen sehr gut bekam. Effektvoll füllte sie die so traumhaft schön warnenden Habet-Acht-Rufe im zweiten Aufzug aus. Für die Männer rund um Tristan ist dieser Vorbild, Held, Freund, vielleicht gar Angebeteter. Jedenfalls ist von keinem irgendetwas über eine Beziehung zu einer Frau zu erfahren. Aus welchen Gründen auch immer wird der unverheiratete König Marke von Tristan, seinem Neffen, zur Hochzeit mit Isolde gedrängt. Kurwenal ist seinem Herrn Tristan sowieso bis zur Selbstaufgabe ergeben und Melot, sein enger Freund und Weggefährte, wird wohl aus Eifersucht auf Tristans Gefühle und auf dessen Beziehung zu Isolde zum Verräter. Bei dieser Wiederaufnahme der Inszenierung von 2019 sind all diese drei Rollen herausragend besetzt: Andreas Bauer Kanabas ist einer der in seinem Fach derzeit führenden Interpreten, wenn nicht gar der beste (zumindest habe ich persönlich seit Matti Salminen keinen dermassen überzeugenden Rollenvertreter mehr gehört). Seine herrlich strömende, über unendliche Ressourcen verfügende Bassstimme, glänzte mit gerundeter Profundität, berührender Interpretation und exemplarischer Diktion. Ja, er vermochte das Mitleid zu evozieren, das man mit König Marke hatte, mit ihm, dem von Tristan Betrogenen. An herausragender Durchschlagskraft stand ihm der Kurwenal von Nicholas Brownlee in nichts nach. Im ersten Aufzug noch der forsche Spötter, im zweiten kampfbereit und im dritten ganz der besorgte, treue Freund und am Ende der rasend verzweifelte Rächer. Der Rolle des Melot hat Wagner zwar nicht allzuviele Noten und nur wenig Aufmerksamkeit geschenkt, aber was man vom Bariton Taehan Kim zu hören bekam, machte eindeutig Lust auf mehr! Theo Lebow als Stimme eines jungen Seemanns und Hirte bereicherte die Aufführung ebenso wie Pete Thanapat als Steuermann. Der Herrenchor der Oper Frankfurt verlieh als Schiffsbesatzung der Begrüssung König Markes am Ende des ersten Aufzugs den notwendigen Glanz und die Wucht.

Die Regisseurin Katharina Thoma liess die Handlung nicht real oder historisierend ablaufen, legte kein Geflecht von aktuellen Bezügen darüber, sondern analysierte im klinisch weissen Bühnengeviert, das Johannes Leiacker entworfen hatte, die Psyche von Tristan. Das hatte etwas Aseptisches an sich, man musst sich erst mal hineinfinden, doch gelang es der Regisseurin (bei mir wenigstens), eine konzentrierte Fixierung auf die seelische Konstellation des Titelpaares zu ermöglichen, vor allem mit dem Schwergewicht auf der Beziehungsangst und -flucht, bzw. auf der regelrechten Bindungsverweigerung und Todessehnsucht Tristans. Die Bühne war deshalb zu Recht frei von Schnörkeln, ein Fries aus senkrechten Leuchtröhren, die bedeutungsschwanger leuchteten, erloschen oder flackerten, umgab in der Mitte das sterile Geviert. Von oben senkte sich im Vorspiel ein rechteckiges Element vom Bühnenhimmel, befestigt mit vier Seilen: War es eine Liebesschaukel oder ein Floss für die psychisch Ertrinkenden? Jedenfalls gab es Halt (eindringlich, wie sich die beiden nach Einnahme des Trankes daran festklammerten, als es zu kippen drohte), war zugleich aber auch unsicherer, schwankender Grund. An diesem schwarzen, schwebenden Körper ist ein stilisiertes Ruderboot gestrandet. Im zweiten Aufzug ist dieses Boot weiss und bildet den Zufluchtsort und das dann von Melot entdeckte Versteck für die intime Begegnung von Tristan und Isolde. Im dritten Aufzug ist das „Floss“ nur noch ein Trümmerhaufen und das Ruderboot ist wieder schwarz– Tot denn alles, alles tot. Auch die Kostüme von Irina Bartels sind ganz dieser Schwarz-Weiss-Ästhetik (die im Text akzentuierte Tag-Nacht-Symbolik unterstreichend) untergeordnet, nur Isolde (rostbraune und bronzefarbene Töne) und Brangäne (stahlblau) dürfen Farben tragen, aber am Ende steht Isolde dann ganz alleine in écrufarbenen Hosen und Strickpulli auf der blendend hell erleuchteten Bühne (Lichtdesign: Olaf Winter), während der Trümmerhaufen mit all den Leichen nach hinten verschwindet und sich die Rückwand wieder schliesst. Ist Isolde nun frei im Tod oder doch frei von einem psychisch verknorzten Mann weiter lebend, weil Tristan ihr den gemeinsamen Tod verunmöglicht hat? Das bleibt etwas offen und wir dürfen unsere eigenen Schlussfolgerungen ziehen.

Begeisterter und verdient lang anhaltender Applaus für alle Beteiligten!

Inhalt:
Vorgeschichte:
Tristan tötet im Befreiungskampf um Cornwall den Iren Morold und schickt seinen Kopf dessen Verlobter Isolde nach Irland. Auch er selbst wird im Kampf schwer verwundet und lässt sich von der in heilenden Künsten bewanderten Isolde behandeln. Diese erkennt in ihm jedoch den Mörder ihres Verlobten, vermag es aber nicht, ihn zu töten. Tristan kommt erneut nach Irland und nimmt Isolde als Friedenspfand für seinen König (Marke) mit.

Oper:

Auf dem Schiff überhäuft Isolde Tristan mit bitteren Vorwürfen. Sie weigert sich an Land zu gehen, wenn Tristan nicht mit ihr den Sühnetrunk zu sich nehmen werde. Isoldes Vertraute, Brangäne hat jedoch den Todestrunk mit dem Liebestrank vertauscht. Tristan und Isolde gestehen einander ihre Liebe.
Isolde, unterdessen König Markes Gemahlin, erwartet Tristan voller Ungelduld im Garten. Die beiden Liebenden vereinigen sich in einem ekstatischen Rausch und hören nicht auf Brangänes Warnrufe. Von Melot, einem alten Kampfgefährten Tristans, herbeigrufen, erscheint Marke, der sich bitter enttäuscht zeigt über den vermeintlichen Treuebruch seines Helden Tristan. Mit einem letzten Kuss für Isolde provoziert Tristan Melot. Dieser verwundet ihn schwer.
Tristan wird von seinem Getreuen Kurwenal auf die Burg seiner Väter gebracht. In Fieberfantasien sehnt er seine Heilerin und Erlöserin Isolde herbei. Kurwenal hat nach Isolde geschickt, ihr Schiff legt endlich an, doch zu spät. In Isoldes Armen stirbt Tristan. In einem zweiten Schiff erreichen auch König Marke, Melot und Brangäne die Burg. Kurwenal erschlägt Melot, wird aber selbst auch tödlich verwundet. Marke, nun von Brangäne über die Zusammenhänge aufgeklärt, beklagt die Toten.
Isolde sinkt in visionärem Wahn über Tristans Leiche: „Ertrinken, versinken, unbewusst – höchste Lust!“ lauten ihre letzten Worte.

Werk:
Fünf Jahre dauerte es nach der Fertigstellung der Komposition bis zur Uraufführung in München. Wien brach die Produktion nach 77 Proben ab, das Werk galt als unspielbar. Die immensen Anforderungen, welche an die beiden Interpreten der Titelpartien gestellt werden, erfordern Sänger allergrössten Formats.
Wagner hat in seinem wohl schönsten Werk private Konflikte (seine Beziehung zur Frau seines Mäzens Wesendonck) verarbeitet und auf wunderbare Weise sublimiert. Ausgehend vom berühmtesten Akkord der Musikgeschichte, dem Tristan-Akkord F-H-Dis-Gis entwickelt er eine Musik voller Trugschlüsse, chromatischen Wendungen, raffinierten Übergängen, angepeilten und doch nie erreichten Auflösungen, welche ein wahrhaftes Versinken in der Musik ermöglichen. Diese unendliche Melodie voll aufgebauter Spannung, die sich selten löst, übt auf das Ohr eine ungeheure Sogwirkung mit Suchtpotential aus.

Höhepunkte:
Vorspiel mit Tristan Akkord
O sink hernieder, Nacht der Liebe, grosse Szene Isolde-Tristan, Aufzug II
Mild und leise, wie er lächelt, Schlussszene der Isolde, Aufzug III

Karten

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