Zürich, Tonhalle: BERG | MAHLER, 12.09.2018

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Berg | Schostakowitsch Berlin

Alban Berg: Violinkonzert (Dem Andenken eines Engels) | Uraufführung: 19. April 1936 in Barcelona | Gustav Mahler 9. Sinfonie in D-Dur | Uraufführung: 26. Juni 1912 in Wien unter der Leitung von Bruno Walter | Dieses Konzert in Zürich: 12.9. | 13.9. | 14.9.2018

 

Kritik:

Vielfältig sind die Verbindungen und Berührungspunkte zwischen diesen beiden Meilensteinen der Musik aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts: Weder Berg noch Mahler erlebten die Uraufführungen ihrer letzten vollendeten Werke. Die Achtung Bergs vor Mahlers neunter Sinfonie war enorm, er bezeichnete sie als Übergang zu einer neuen Epoche, die dann tatsächlich mit ihm und Schönberg anbrechen sollte. Berg seinerseits pflegte engen, freundschaftlichen Kontakt zu Mahlers charismatischer Witwe Alma (in zweiter Ehe verheiratet mit dem Architekten Walter Gropius, in dritter mit dem Dichter Franz Werfel, Liebschaften mit Oskar Kokoschka und Franz Schreker u.a.m.). Alma Mahler unterstützte Berg auch finanziell (Drucklegung seiner Oper WOZZECK). Als Almas wunderschöne Tochter Manon Gropius im Alter von 18 Jahren an Kinderlähmung starb, widmete ihr Alban Berg sein Violinkonzert und gab ihm den Titel Dem Andenken eines Engels. Diesem Werk und auch Mahlers letzter vollendeter Sinfonie wohnt ein Hauch von Abschieds- und Weltschmerz inne, eine Transzendenz, mit der beide Werke enden, die tief bewegt, mehr Fragen aufwirft als Antworten gibt.

Am Beginn des Konzerts stand Bergs Violinkonzert. Schon Arnold Schönberg hatte seinem Schüler Berg eine „überströmende Wärme des Fühlens“ attestiert. Diesem Empfinden steht auch die Zwölftonmusik nicht im Wege. Davon konnte man sich gestern Abend in der Tonhalle Maag erneut überzeugen. Die Violinistin Janine Jansen (diese Saison als Artist in Residence des öfteren zusammen mit dem Tonhalle-Orchester Zürich und in Kammermusikkonzerten in der Tonhalle Maag anzutreffen) traf für Bergs Violinkonzert genau den richtigen Ton und evozierte bewegende Effekte. Mit kristalliner Reinheit zu Beginn intonierend, wo Berg die Schönheit, die Anmut der jungen Manon Gropius beschreibt, mit tänzerischem Aplomb dann in die Kärntner Volksweisen mündend, unbeschwert und frisch sich dem Reigen hingebend. Obwohl das Thema stehenzubleiben scheint, entwickelte das Tonhalle-Orchester Zürich unter der Leitung von Jukka-Pekka Saraste (er sprang relativ kurzfristig für den erkrankten Semyon Bychkov ein und übernahm das vorgegebene Programm) einen vorwärts gerichteten Drive und es kam zu einem spannungsgeladenen Dialog mit der Solistin Janine Jansen. Der kristalline, reine Ton wich im zweiten Teil dann einer packenden Vehemenz, einer gegen die Krankheit kämpfenden Manon, die mal wütend aufzubrausen schien, dann wieder ermattet zusammenbrach. Schmerzattacken und Wut steigerten sich auf aufwühlende Art, bis dann die Solovioline den von Berg meisterhaft zitierten Bach-Choral Es ist genug anstimmte, schmerzhaft in ausgeklügelter Zwölftontechnik konterkariert durch Bratschen und Fagott. Da war dann plötzlich wieder die Weichheit der Bogenführung, der warme Ton der Violine von Janine Jansen zu erleben, ein letztes Aufbäumen bevor das Werk in den höchsten Lagen der Solovioline in einer jenseitigen Unergründlichkeit verklingt, in die Janine Jansen noch ein letztes kleines Crescendo einbaute, ein letztes Einatmen vor dem Übergang ins Paradies. Das war nicht nur technisch absolute Spitze, das liess einem den Atem stocken. Eine Minute absoluter Stille im nicht ganz voll besetzten Saal, bevor der begeisterte Applaus aufbrandete.

Nach der Pause erklang dann Mahlers neunte Sinfonie, ein gewaltiger Brocken – aber für einmal ein Fels, der das Werk, das vor der Pause gespielt worden war, weder vergessen machte, noch dieses zu erdrücken drohte, sondern es auf ganz wunderbare Art ergänzte, weitere Türen in eine transzendentale Welt zu öffnen vermochte. Auf die Verbindungen zwischen den beiden klug programmierten Werke habe ich hingewiesen. Auf eine ganz besondere Affinität machte die Intendantin Ilona Schmiel vor dem Konzert aufmerksam: Mahlers Sinfonie entstand nämlich kurz vor der Eröffnung der Maag Zahnradfabrik, in derer einstiger Fertigungshalle sich nun die Ausweichspielstätte des Tonhalle-Orchesters Zürich befindet. Und tatsächlich kann man auch den dritten Satz der Sinfonie, diese die Tonalität auflösende, groteske Rondo-Burleske, als leicht maschinell und lärmig empfinden. Jukka-Pekka Saraste gelang es, den leicht stampfenden Charakter des Satzes mit seinen Blechgrundierungen markant zu präsentieren. Die Einwürfe der Holzbläser waren mal diabolisch verschmitzt, dann wieder überaus hässlich (vom Komponisten gewollt!), es entwickelte sich ein gewaltiger Kontrast zum Weltenschmerz des finalen Adagios. Der Weg dahin allerdings ist lang und beschwerlich, diese neunte Sinfonie beginnt (ähnlich wie Bergs Violinkonzert) eher suchend, zerklüftet, das weiche, Trost spendende Thema wird immer wieder durch harte Einwürfe unterbrochen, hinterfragt. Saraste und das Tonhalle-Orchester vermochten die unterschiedlichen Stimmungen genau auszuhorchen, mal depressiv, dann wieder lieblicher, um gleich darauf ins Mystische abzugleiten. Herrlich schräg und derb dann die für Mahler so typischen Ländlerpassagen im zweiten Satz (auch hier eine Parallele zu Berg, der ebenfalls Volksweisen zitiert). So erreichte man also dann nach der ausser Rand und Band geratenen Maschinerie der Burleske das Finale, 25 Minuten Hochspannung, manchmal gegen Ende hin kaum auszuhalten. Immer wieder vermeinte man, im Jenseits angekommen zu sein, doch Mahler fiel immer wieder eine neue Wendung ein, ein Aufblitzen eines Motivs oder einer Idylle, welche das Sterben hinauszögert, der Titan will nicht abtreten. Ja, er richtet sich gar noch in einer letzten gewaltigen Kulmination vollends auf (akustisch kommt der Maag Saal da an seine Grenzen, doch bei den feineren Passagen überzeugt er mit einer Klangtransparenz sondergleichen). Aber wenn das Sterben schliesslich unausweichlich wird, dann ist dies von so überirdischer, paradiesischer Schönheit (auch wie bei Berg), dass man nach dem letzten Verklingen gar nicht applaudieren mag – diese Anspannungen, Klänge und Emotionen, müssen erst verdaut werden.

Doch selbstverständlich wurden - nach einer stillen Einkehr - die Mitglieder des Tonhalle-Orchesters und der Dirigent gebührend gefeiert – zu Recht. Sicher kein einfacher, leicht verdaulicher Konzertabend – aber ein überaus lohnenswerter!

Werke:

Alban Berg (1885-1935) vollendete sein Violinkonzert - bereits schwer krank - im August 1935, am 24. Dezember desselben Jahres verstarb er. Alban Bergs Violinkonzert trägt den Titel Dem Andenken eines Engels und stellt ein Requiem für Manon (Gropius) dar, welche im Alter von 18 Jahren an Kinderlähmung verstarb. Manon Gropius war die Tochter Alma Mahlers (Witwe des Komponisten Gustav Mahler) und des Architekten Walter Gropius. Alban Berg war mit der Familie Mahler/Gropius freundschaftlich verbunden. Bergs Violinkonzert bilden zwei Sätze, deren erster quasi die Kindheit Manons in Kärnten erzählt (ein Ländler, ein Walzer klingen verfremdet auf), und deren zweiter dann das Sterben des jungen Mädchens nachzeichnet, mit der transponierten Ganztonreihe aus Bachs Choral Es ist genug. Bergs akademische Verschachtelung der Tonarten in einer Zwölftonreihe und seine Vorliebe für beinahe mystisch anmutende Zahlenspielereien lassen auf den ersten Blick vielleicht die Befürchtung aufkommen, das Konzert sei "schwierig" für das Publikum, ist es aber nicht, im Gegenteil, sein Violinkonzert ist zum meistgespielten instrumentalen Werk des Komponisten avanciert.

Gustav Mahlers (1860-1911) neunte Sinfonie ist wie die Sinfonien Nr.1, 5, 6 und 7 ein rein instrumentales Opus. Sie ist das letzte vollständig von Mahler vollendete Werk und wird oft als Schlüsselwerk zum Übergang in die Epoche der Neuen Musik bezeichnet. Mahler konnte die Uraufführung nicht mehr erleben, er verstarb bereits ein Jahr zuvor. Er komponierte die Sinfonie in seinem Haus in Toblach, als Alma mit der Tochter im Ausland weilte.

Im ersten Satz entwickelt sich das Hauptmotiv quasi aus dem Nichts. Nach einem Dialog zwischen Streichern, Harfe und Horn brechen die Posaunen und Pauken mit Gewalt in die ruhevolle Stimmung ein. Der Satz ist geprägt von Themenfragmenten, welche immer wieder in sich zusammenbrechen, sich dann doch wieder aufbäumen und erneut in Verklärung (Leb wohl) versinken. Der zweite Satz stellt ein groteskes Scherzo dar, mit verzerrten Ländlermotiven. Der dritte Satz ist eine Rondo-Burleske: In der komplizierten Kontrapunktik erinnert sie an ein amorphes, chaotisches Maschinengefüge, die Tonalität löst sich praktisch vollständig auf. Auf die drei aufwühlenden, zum Teil hektischen Sätze folgt als Finale ein stellenweise entrückt klingendes Adagio, dessen Fluss gegen Ende jedoch immer mehr ins Stocken gerät, sich zunehmend auflöst und zusammenfällt. Am Ende erklingt ein Motiv aus seinen KINDERTOTENLIEDERN: Oft denk’ich, sie sind nur ausgegangen. Mit ersterbenden, transzendentalen Klängen endet die letzte vollendete Sinfonie Gustav Mahlers.

Das Publikum der Uraufführung reagierte eher verstört auf das Werk, Komponistenkollegen wie Alban Berg oder Arnold Schönberg hingegen sahen darin den Übergang zur Neuen Epoche. Wie Beethoven, Bruckner oder Dvorak schaffte auch Mahler genau neun Sinfonien, er starb vor der Vollendung einer zehnten. 

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