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Zürich, Tonhalle: BUNIATISHVILI & JÄRVI; 16.09.2026

Erstellt von Kaspar Sannemann | | Tschaikowsky, Klavierkonzert

Khatia Buniatishvili und Paavo Järvi Applaus Bild, 16.9.2026: K. Sannemann

Die Fokus-Künstlerin der neuen Saison, Khatia Buniatishvili, spielt Tschaikowsky, vom Creative Chair Komponisten Dieter Ammann spielt das Tonhalle-Orchester Zürich BOOST

Werke:

Pjotr Iljitsch Tschaikowsky: Klavierkonzert Nr. 1 in b-Moll | Uraufführung: 25. Oktober 1874 in Boston (mit Hans von Bülow am Klavier) |

Dieter Ammann: BOOST | Uraufführung: 9. Januar 2002 in Luzern |

Alexander Skrjabin: POÈME DE L'EXTASE | Uraufführung: 10. Dezember 1908 in New York |

Dieses Konzert in Zürich: 16.9. | 17.9. | 18.9.2026

Kritik: 

Drei gewaltige „Brocken“ standen auf dem Programm des Tonhalle-Orchesters Zürich zur Saisoneröffnung: Eingerahmt von zwei gross und sehr gross besetzten Werken der russischen Spätromantik (Tschaikowsky und Skrjabin) erklang Dieter Ammanns ebenfalls riesig besetztes Orchesterwerk BOOST.

Rollen wir das gestrige Konzert vom Ende her auf, da für mich Skrjabins POÈME DE L'EXTASE (auch als seine 4. Sinfonie bezeichnet) den nachhaltigsten Eindruck dieser drei Schwergewichte hinterliess. Bereits der mystische Anfang dieses kurzen, aber ungeheuer spannenden Werks, zieht in den Bann und lässt den Zuhörer 20 Minuten lang nicht mehr los. Die Vielfalt des thematischen Materials wird präsentiert, Themen, die später geschichtet, aufgetürmt, mit fesselnden Rhythmen unterlegt werden, entfalten ihre betörende Sogwirkung. Das Tonhalle-Orchester Zürich unter der Leitung von Paavo Järvi exponierte das teilweise impressionistisch farbige Material mit bestechender Klarheit, gab den suchenden Gedanken Raum, liess die Ekstase sich klanglich überragend und geradezu erschütternd aufbäumen. Natürlich dominierte gegen Ende hin immer mehr das stark besetzte Blech (u.a. acht Hörner, fünf Trompeten), erdrückte die Holzbläser weitgehend (auf CD-Aufnahmen lässt sich dies natürlich differenzierter aussteuern als im live gespielten Konzert). Doch im ersten Teil der Komposition Skrjabins waren wunderbare Soli der Holzbläser zu hören und natürlich die prominent eingesetzte Solovioline von Konzertmeisterin Julia Becker, die mit betörenden, sinnlichen Passagen direkt ins Herz traf. Am Ende dann eine Klangexplosion, eine Eruption in 30 Takten um den dröhnenden Orgelpunkt in C, welche in Skrjabins eigenen Worten „die göttliche Synthese vollzieht, die Wiederherstellung der Weltharmonie, die Ekstase, die zum Zustand der Ruhe zurückführt.“ Am Ende ist man fix und fertig und denkt einfach nur WOW. (Und bitte mehr Skrjabin aufs Programm setzen, liebe Tonhalle Gesellschaft; der viel zu früh verstorbene Meister hat immerhin fünf Sinfonien und ein bedeutendes Klavierkonzert geschrieben).

Was den Gesamtklang anbelangt, ist Dieter Ammanns zuvor gespieltes Werk BOOST gar nicht so weit von Alexander Skrjabins POÈME DE L'EXTASE entfernt. Auch Ammann hält nicht zurück mit Klangexplosionen, die sich aus flächigem Material auftürmen. Das Ganze ist noch um einige Stufen bruitistischer angelegt als Skrjabins Werk, arbeitet viel mit Spannungsaufbau (eben „geboostet“) und Klangmalerei, vor allem die Glocken sind sehr präsent, stellenweise fühlt man sich auf einer Kuhweide. Der riesige Orchesterapparat scheint stets in Aufruhr. Allerdings ist es etwas schwieriger ins Werk hineinzufinden, da der Wiedererkennungswert von thematischem Material geringer ist, als in der danach erklingenden, spätromantischen Komposition Skrjabins. Es ist wie so oft bei zeitgenössischer Musik: Man müsste ihr öfters begegnen, um sie wirklich schätzen zu lernen und sie nicht als beliebig abzutun. Die weiteren beiden Teile dieses Triptychons werden im Verlauf dieser Saison noch erklingen. Fazit: Man ist erschlagen von der Lautstärke, fasziniert von gewissen rhythmischen Verschlingungen, hört durchaus fein ziselierte Verästelungen (tropfende, perlende, glissandierende Passagen, wie in einer Tropfsteinhöhle) – und bewundert die Ausführenden des Tonhalle-Orchesters Zürich. Der anwesende Komponist Dieter Ammann durfte den freundlichen Applaus des Publikums persönlich entgegennehmen. 

War der zweite Konzertteil überaus anspruchsvoll und fordernd (nicht nur für das Orchester, auch für das Publikum), so konnte man sich im ersten Teil in bekannten Klängen suhlen. Tschaikowskys wohl beliebtestes und bekanntestes Konzert, das Klavierkonzert in b-Moll erklang mit der georgischen Starpianistin und diesjähriger Fokus-Künstlerin des Tonhalle-Orchesters, Khatia Buniatishvili. Man bewunderte die stupende Rasanz in gewissen Passagen, die ungeheure Virtuosität und die Kraft der Akkordkaskaden und der Läufe. Allerdings erschienen mir persönlich gewisse Tempi (vom Dirigenten und der Solistin) als allzu zügig genommen, was einen gewissen etwas fahrigen, gehetzten Eindruck hinterliess. Daneben aber viel packende Brillanz von höchster Virtuosität, die Kadenz und die Überleitung zum Wiedereinsatz des Orchesters von magischer Wirkung.

Der zweite Satz dann, mit dem herrlichem Flöten- und später Cello-Solo, verströmte exquisite Klanglichkeit. Allerdings rauschte der scherzoartige Mittelteil dann wieder sehr hurtig vorbei. Berückend schön gelangen der Pianistin dann die ganz leisen, träumerisch – melancholischen und Triller reichen Takte am Ende des langsamen Satzes zusammen mit der wunderbaren Kantilene der Oboe. Das finale Rondo dann wie erwartet auch wieder am Geschwindigkeitslimit dahinfliegend. Irrwitzige Läufe und fulminante Akkordkaskaden beschlossen das Konzert. 

Kahtia Buniatishvili bedankte sich mit zwei ganz unterschiedlichen Zugaben beim Publikum im voll besetzten Saal: Zuerst erklang das mit berückender Zartheit und Einfühlsamkeit gespielte Menuett in g-Moll von Georg Friedrich Händel (zum Niederknien schön) und anschliessend gar noch die sich fulminant steigernde und verdichtende, rasant sich wie der Tanz eines Derwischs drehende Ungarische Rhapsodie Nr. 6 von Franz Liszt. Wie nach der Ekstase Skrjabins vermeinte man ein kollektives WOW des Publikums zu vernehmen.

Werke:

Pjotr Iljitsch Tschaikowsky (1840-1893) komponierte sein erstes (und mit Abstand beliebtestes Klavierkonzert) im Jahre 1874. Ursprünglich wollte er es seinem Mentor Nikolai Rubinstein widmen, doch der bezeichnete die Komposition als armselig, vulgär, wertlos, unspielbar. Daraufhin schickte Tschaikowsky das Konzert an Hans von Bülow und bat um sein Urteil. Der befand es als hinreissend in jeder Hinsicht. Und das ist es tatsächlich. Bis heute verfehlt das Schlachtross unter den Klavierkonzerten der Romantik und Spätromantik seine mitreissende Wirkung nie. Bereits der Beginn ist von einer effektvollen, unnachahmlichen Wucht, quasi ein elementares Ereignis. Die Melodie des Orchesters wird vom Klavier mit sich über die gesamte Tastatur erstreckenden Akkorden begleitet. Das Hauptthema, welches dann in b-Moll gehalten ist, erinnert an ein ukriainisches Volkslied. Der zweite Satz beginnt mit einer melancholischen Melodie der Querflöte, welche das Thema des ukrainischen Voksliedes wieder aufnimmt. In der Mitte dieses Satzes wird ein damals bekanntes französisches Chanson (Il faut s' amuser, danser et rire) schnell dahinrauschend verarbeitet. Der dritte Satz, in der Form eines fulminanten Rondos, verlangt viel Tastenakrobatik vom Pianisten, so viel, dass dieser Satz meist in der von Alexander Siloti gekürzten Fassung aufgeführt wird.

Rubinstein hat übrigens seine vernichtenden Worte später bedauert und das Konzert sogar selbst aufgeführt.

Berühmt wurde die Aufnahme mit dem blutjungen Pianisten Van Cliburn von 1961. Dies war die erste Schallplatte aus dem Bereich der klassischen Musik, welche sich über eine Million Mal verkaufte.

Dieter Ammann (geboren 1962 in Aarau) zählt zu den meistaufgeführten Schweizer Komponisten der Gegenwart. In diesem Jahr wurde er als “Komponist des Jahres” mit dem renommierten Opus-Klassik-Preis ausgezeichnet. Sein pralles, spritziges Orchesterwerk BOOST ist der erste Teil eines Triptychons für grosses Orchester (die weiteren Teile sind CORE, entstanden 2002 und TURN, entstanden 2010). Das komplette Triptycheon wurde 2010 unter der Leitung von Pierre Boulez beim Lucerne Festival aufgeführt, die einzelnen Teile tauchen regelmässig in den Programmen bekannter Orchester weltweit auf. 

Alexander Skrjabin (1872-1915) war in jungen Jahren stark von der Klaviermusik Chopins beeinflusst, komponierte deshalb viele äusserst virtuose Klavierwerke im spätromantischen Stil, fand dann aber schnell zu einer ganz eigenen Tonalität, welche diese an den Rand der bekannten Harmonik brachte und teilweise komplett auflöste oder in neuartigen Schichtungen von Quarten zu neuen Ufern führte. Leider starb er bereits im Alter von 42 Jahren an einer Blutvergiftung. Sein sieben Tage dauerndes Gesamtkunstwerk “Mysterium”, das in einer dafür eigens errichteten Halle am Fusse des Himalayas in Indien stattfinden sollte, konnte er nicht mehr realisieren. In einer utopischen Vision wollte er ein Werk für alle Sinne schreiben, in dem es keine Zuhörer*innen gebe, sondern nur Partizipierende, welche die Menscheit in eine rein geistige Transformationsexistenz führen sollten. In seinem bekanntesten Werk POÈME DE L'EXTASE ist er in einer Phase zwischen Tradition und Mystik angekommen. In einer Art Sonatenhauptsatzform bewegt er sich zwischen zarten, sehnsüchtigen Motiven in der Einleitung, wilden Tänzen des Begehrens in der Durchführung zu orgiastischem C-Dur Finale, dessen überwältigender, geradezu erotisch-besessener Wirkung man sich kaum entziehen kann.

Karten

 

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