Zürich: PIQUE DAME, 06.04. & 16.4.2014

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   Pique Dame

Oper in drei Akten | Musik: Pjotr Iljitsch Tschaikowski (1840-1893) | Libretto: Modest Tschaikowski, nach einer Novelle von Puschkin | Uraufführung: 19. Dezember 1890 in Sankt Petersburg | Aufführungen in Zürich: 6.4. | 11.4. | 13.4. | 16.4. | 27.4. | 3.5. | 6.5. | 11.5. | 18.5. 2014

Kritik:

Tschaikowskys PIQUE DAME ist eine Art Bekenntniswerk des Komponisten. Nach eigenen Aussagen hat ihn niemals zuvor einer seiner Charaktere mehr zum Weinen gebracht. Zitat aus einem Brief des Komponisten: „Ich erkannte, dass Hermann nicht bloss ein Vorwand war, um Musik zu komponieren, sondern ein Mensch, der lebte und Sympathie verdiente.“ Genau wie Hermann mit seiner Obsession für das Spiel, seinem Streben von der Gesellschaft akzeptiert, in sie aufgenommen zu werden, rang Tschaikowsky mit  seiner Homosexualität, seiner Isolierung innnerhalb der Gesellschaft. Er stand zum Zeitpunkt der Komposition vor den Trümmern seiner Ehe mit Antonia. In der Besessenheit seiner Hauptfigur erkannte der Komponist eigene Charakterzüge und es gelang ihm auf eindringliche Art, diese in und mit seiner musikalischen Sprache zu sublimieren.

Robert Carsen setzt in seiner Zürcher Inszenierung (Koproduktion mit Strasbourg) ganz auf die Perspektive des Protagonisten und erzählt die fatale Geschichte vom Ende her: Hermann liegt tot in einem gigantischen Spielzimmer. Die Farbe Grün (wie der Filzbelag der Spieltische) dominiert den Raum, selbst die Lampenschirme sind in Grün gehalten, die Stühle mit grünem Stoff bezogen, das Rautenmuster der grünen Wände setzt sich auf dem Boden fort, das gigantische Bett der Gräfin ist ebenfalls grün gepolstert. Hermann sieht zum Zeitpunkt seines Todes noch einmal wie in einem (dreistündigen) Flash, die Umstände, welche zu seinem Suizid führten, vor sich ablaufen. Dabei spielen Nebensächlichkeiten wie Landschaften und Farben der Kostüme natürlich keine Rolle mehr. Die Personen agieren also allesamt in schwarzer Abendkleidung (Kostüme von Brigitte Reiffenstuel) auf der Bühne, die Natur ist ausgeblendet. Die besungenen sonnigen Maitage, das Gewitter, der Maskenball, die zentrale Szene im Schlafzimmer der Gräfin, Lisas Selbstmord am Ufer der Newa (hier in Zürich wird sie irre, läuft nur noch im Kreis, ein ähnliches Schicksal, wie es Tschaikowskys Gemahlin Antonia beschieden war), alles findet im grün ausgeschlagenen Einheitsbühnenraum von Michael Levine statt. Man kann dies bedauern, zumal man solche Inszenierungen (Rückblenden) schon oft für Dramen wie TRAVIATA, BUTTERFLY, TOSCA, CARMEN und und und gesehen hat. Doch die Radikalität und Stringenz mit welcher Carsen sein Konzept durchsetzt, sind beklemmend – und überzeugend. Dazu musste er natürlich die meisten - nicht ganz alle - Genreszenen weglassen: So fallen der Kinderchor der Spaziergänger im Park im 1. Akt und das Schäferspiel während des Maskenballs im zweiten Akt den Strichen zum Opfer. Dieses stellt ja sozusagen einen Gegenentwurf zum Streben nach immer mehr weltlichem Reichtum dar, indem es den Triumph der Liebe preist. Doch dies hat in Hermanns Rückblende und seiner Besessenheit mit dem sozialen Aufstieg nichts gemein. Die Gouvernantenszene und die Mädchenszenen mit Lisa, Polina und ihren Freundinnen bleiben jedoch erhalten. Dramaturgisch nicht zwingend, denn sie führen eigentlich nicht zu weiteren Erkenntnissen über die Charaktere, musikalisch hingegen möchte man sie (wegen der grossartigen, wunderbar weich und warmstimmig mit zartem Vibrato für sich einnehmenden Polina von Anna Goryachova) nicht missen. Tschaikowsky hat seine Partitur mit musikalischen Mitteln (den Anklängen an den von ihm verehrten Mozart) ziemlich genau in der Regierungszeit Katharinas der Grossen verortet, Carsen will die Allgemeingültigkeit der fatalen Obsession betonen und holt das Geschehen näher an die Gegenwart heran, so ungefähr in die Mitte des 20. Jahrhunderts, als sich eben die Schere zwischen arm und reich immer weiter zu öffnen begann. Wie gesagt, das alles ist handwerklich wirklich bezwingend gemacht, allein das Auge hat sich dann nach und nach am Grün und an den schwarzen Kostümen satt gesehen, auch wenn wirbelnde Spieltische und ein gigantisches Bett, welches sich anstelle der Zarin vom Bühnenhimmel senkt, wieder aufmerken lassen. Auch das Lichtdesign ist von Carsen und Franck Evin mit fantastischer Feinarbeit gestaltet worden. Und doch fragt man sich, ob man mit einer dramatisch stimmigen, auch die von Tschaikowsky vorgesehenen und musikalisch kontrastreich gestalteten Spielorte (Frühlingstag mit Gewitter, Rokoko-Maskenball, Mädchenzimmer, eiskalte Winternacht) miteinbeziehenden, linearen Inszenierung nicht auch einmal wieder emotional punkten könnte. Ich will hier beileibe nicht verstaubten Kulissenmalerei-Puderperücken-Inszenierungen das Wort reden. Doch einen mutigen Versuch wäre es wert, eine Alternative zu den sich immer mehr gleichenden Kopfgeburten in sterilen Innenräumen zur Diskussion zu stellen. Immerhin: Das Premierenpublikum zeigte sich äusserst angetan von dieser Lesart – was doch erstaunt, wenn man die Missfallensbekundungen für ähnliche Konzepte (AIDA, FIDELIO, RIGOLETTO) noch im Ohr hat.

Der für die Partie des Hermann vorgesehen Sänger musste einige Tage vor der Premiere aus gesundheitlichen Gründen ersetzt werden – und da man mit Aleksanders Antonenko (der hier zur Zeit den Radames singt) einen Tenor am Haus hatte, welcher die Partie beherrscht, konnte man ihn überreden, auch einige Vorstellungen dieser Premierenserie zu übernehmen. Er macht das grandios, stimmlich und darstellerisch. Seine kräftige, ungemein höhensichere und makellos eingesetzte Stimme verfügt über unglaublich viele Farben und Zwischentöne für seine Ängste, seine Leidenschaft, seine Verzweiflung. Es gelingt ihm eine wahrlich packende Charakterzeichnung dieses Aussenseiters mit strähnigen Haaren und schlecht sitzender Kleidung, welcher sich mit der Rolle nicht abfinden will, sondern fatalistisch alles (auch die Liebe) seinem Streben nach Akzeptanz in der vornehmen Gesellschaft unterordnet. Die Lisa von Tatiana Monogarova glänzt mit Fülle, dunklem, leicht gutturalem aber reichhaltigem Timbre und intensivem Spiel. Das ist kein naives Mädchen mehr, sondern eine reife Frau, welche sich zwischen zwei Männern entscheiden muss, in einen tragischen Gefühlsstrudel gerät – und letztlich auf den falschen setzt und darüber dem Wahnsinn anheim fällt.  Ihr Abschied von dieser Welt mit diesen Tönen voll russischer Schwermut, die sie wunderbar ergreifend in den Raum entschweben lässt, ist wirklich bewegend umgesetzt. Doris Soffel gelingt ein effektvolles Rollendebüt als Gräfin: Autoritär in ihrem ersten Auftritt, voller Wehmut nach vergangenen Zeiten am französischen Hof (sie singt Mitte des 20. Jahrhunderts immer noch von der Pompadour ...  ). Mit subtil gestalteter Zerbrechlichkeit in der Stimme intoniert sie die Grétry-Arie in ihrer grossen Szene, hämisch klingt sie in ihrer Erscheinung vor Hermann anlässlich ihrer eigenen Totenfeier. Überaus glücklich wurde man an diesem Premierenabend mit dem Bariton Alexey Markov, welcher den Grafen Tomski mit herrlicher baritonaler Kraft und beispielhafter Phrasierung sang. Seine Erzählung vom Geheimnis der drei Karten war hoch spannend. Dem Fürsten Jeletzky ist (ähnlich wie dem Gremin in EUGEN ONEGIN) die wohl eingängigste Arie der Oper anvertraut: Ya vas lyublyu. Brian Mulligan vermeidet jegliche Sentimentalität und Süsslichkeit, geht die Arie sehr kernig und mit Bestimmtheit, an, eigentlich ein guter Ansatz, doch klingt sie dadurch zu vordergründig und zu laut und etwas stimmprotzerisch seine gewiss bemerkenswerten Ressourcen betonend. Eine Prise mehr Zurückhaltung wäre wünschenswert gewesen. Überaus gut besetzt sind die spöttischen Offiziere Tschekalinski und Surin mit Martin Zysset und Tomasz Slawinski, sowie die Gouvernante mit Julia Riley und die Mascha mit Alexandra Tarniceru.

Jiri Belohlávek bevorzugt mit der klangstark spielenden Philharmonia Zürich eine vorwärtsdrängende, stark aufpeitschende und die Unerbittlichkeit betonende Lesart der Partitur, die Ruhepole waren nicht allzu zahlreich, dafür dann wunderbar zart gestaltet (so zum Beispiel das Herzflimmern Hermanns im Schlafgemach der Gräfin). Manchmal werden die elegischen, melancholisch ausgeprägten Phrasen von Tschaikowskys Musiksprache etwas stiefmütterlich behandelt, doch ist diese Interpretation in wunderbar stimmigem Einklang mit der unsentimentalen, stringenten Erzählweise des Regisseurs.

Nachtrag: Vorstellung vom 16.April 2014

Auch wenn mich die Inszenierung von Robert Carsen auch beim zweiten Anschauen stimmungsmässig nicht besonders in ihren Bann zieht (wobei sie zweifelsohne ihre starken Momente innerhalb der grünen Eintönigkeit hat), ist die Produktion musikalisch ganz grosse Klasse: Aleksandrs Antonenko gestaltet die Riesenpartie des Hermann mit einer breiten Palette an Ausdrucksnuancen und frappierender Souveränität, zeigt keinerlei Ermüdungserscheinungen - grossartig. Tatiana Monogarovas Lisa klingt an diesem Abend bedeutend runder und ausgewogener, ihr Abschied von dieser Welt geht wahrlich unter die Haut. Brian Mulligan als  Jeletzky geht seine grosse Arie nun mit viel mehr Gefühl an, er erreicht nun tatsächlich die von Tschaikovsky wohl beabsichtigte Wirkung. Doris Soffel ist wiederum ganz stark als alte Gräfin und Alexey Markov wiederholt ebenfalls seine fantastische Leistung als Tomski. Mit bezwingendem dramatischem Zugriff braust Jiri Belohlávek durch die Partitur, doch bleibt die Balance zwischen Graben und Bühne stets ausgewogen, die Sänger sind zwar durchaus laut zu vernehmen, aber brauchen nicht über iher stimmlichen Möglichkeiten hinaus zu forcieren. Starke Aufführung einer meisterhaften Oper.

Werk:

PIQUE DAME ist die vorletzte von Tschaikowskys zehn Opern. Entstanden ist die Komposition auf ein Libretto seines Bruders Modest während eines Aufenthalts in Florenz. Das Libretto weist gegenüber der Originalvorlage Puschkins einige Abweichungen auf: Bei Puschkin ist die Liebe Hermanns zu Lisa weniger vordergründig, die Obsession des Spiels steht da eindeutiger im Mittelpunkt, während es Hermann in der Oper auch darum geht, durch den Geldgewinn Zugang zu höheren Gesellschaftsschichten (und damit zu Lisa) zu erhalten. Bei Puschkin wählt Lisa ebenso wenig den Freitod wie Hermann, welcher in der Novelle im Irrenhaus endet. Zudem verlegten die Tschaikowskys die Handlung in die Zeit Katharinas der Grossen. Diese Verlagerung der Zeitebene wird zum Beispiel durch das Schäfer-Intermezzo im zweiten Akt unterstrichen, welches ganz im Stile Mozarts daherkommt (deutlich hörbar sind die Klavierkonzerte KV 466 und 503, sowie eine Passage Papagenos aus der ZAUBERFLÖTE). Die Gräfin summt beim Schlafengehen eine Arie aus Grétrys RICHARD LÖWENHERZ.

PIQUE DAME stellt den grossartigen Kulminationspunkt von Tschaikowskys musikdramatischem Schaffen dar: Die kunstvolle Verflechtung von Phantastischem, Lyrischem, Nationalem und Anklängen an die grosse französische Oper ist dem Komponisten in dieser vielschichtigen Oper meisterhaft gelungen.

Es wird vermutet, dass Tschaikowskys langjährige Mäzenin, die Baronin von Meck, die Figur der Gräfin zum Anlass genommen hat, Tschaikowsky den Geldhahn zuzudrehen. Sie war zunehmend von ihm, der seine Homosexualität stets zwanghaft unterdrücken musste, angewidert. Doch überlebte Frau von Meck den Komponisten nur um wenige Monate – das Motiv der Todesverkündigung für die Gräfin aus PIQUE DAME entfaltete seinen beunruhigenden Nachhall auch in der Realität ausserhalb der Opernbühne ...

Inhalt:

Der deutschstämmige Offizier Hermann ist in Sankt Petersburg ein Fremder, fasziniert von den Verlockungen der Stadt, doch zurückhaltend und schüchtern. Er ist verliebt in Lisa, die Enkelin einer geheimnisvollen Gräfin. Aufgrund des Standesunterschieds und seiner bescheidenen Vermögensverhältnisse erscheint ihm eine Liaison mit Lisa unmöglich. Zudem ist Lisa mit dem Fürsten Jeletzkij verlobt. Graf Tomskij, ein Offizierskumpan Hermanns, enthüllt das Gemheimnis der Gräfin: Sie sei in ihren Jugendjahren ein wahrer Vamp gewesen, hätte dank eines Kartengeheimnisses einst ein riesiges Vermögen beim Kartenspiel erworben. Hermann ist von der Geschichte tief beeindruckt, steigert sich in eine wahrhaftige Obsession hinein. Er MUSS der Gräfin das Geheimnis der drei Karten entlocken. Bei einem Maskenball gibt ihm Lisa den Schlüssel zu ihrem Zimmer, welches direkt neben der Schlafkammer ihrer Grossmutter liegt. Hermann bedroht die alte Gräfin mit einer Pistole, die alte Frau stirbt. Lisa weist Hermann zurück, da sie nun glaubt zu wissen, dass er nicht ihr ihretwegen gekommen sei. Bald darauf bereut Lisa aber ihr abweisendes Verhalten und gibt Hermann noch eine Chance. Aber die Obsession des Spiels ist stärker: Hermann vermeint den Geist der Gräfin zu hören, welcher ihm das Geheimnis zuflüstert: Drei, Sieben, As.

Hermann erscheint nicht zum Rendez-vous mit Lisa. Aus Verzweiflung stürzt sie sich in die Newa. Am Spieltisch gewinnt Hermann unterdessen mit der Drei und der Sieben. Die Spieler ziehen sich zurück, nur Fürst Jeletzkij spielt noch gegen Hermann. Dieser setzt nun alles auf das As, doch als er die Karte aufdeckt, ist es die Pique Dame. Der Geist der Gräfin lacht höhnisch auf. Hermann, dem Wahnsinn nahe, ersticht sich. Im Sterben vermeint er Lisas Vergebung zu spüren.

Musikalische Höhepunkte:

Ya imyeni yeyo nye znayu, Hermann, Akt I

Odnazhdï v Versalye, Tomskij, Akt I

Uzh vecher, Lisa-Pauline, Akt I

Ya vas lyublyu, Jeletzkij, Akt II

Je crains de lui parler la nuit, Gräfin, Akt II

Akh! istomilas ya goryem, Lisa, Akt III

Shto nasha zhizn? Igra!, Hermann, Akt III

Karten