Zürich: L'ELISIR D'AMORE, 26.06.2015

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   L'Elisir d'Amore

Opera comica in zwei Akten | Musik : Gaetano Donizetti | Libretto: Felice Romani | Uraufführung: 12. Mai 1832 in Mailand | Aufführungen in Zürich: 26.6. | 28.6. | 2.7. | 5.7.2015

Kritik:

Diese fantasievolle, formvollendete Produktion von Donizettis L'ELISIR D'AMORE aus dem Jahre 1995 hat in den vergangenen 20 Jahren nichts von ihrem Charme eingebüsst. Grischa Asagaroffs Inszenierung (von Ulrich Senn sehr sorgfältig szenisch einstudiert) überzeugt, ja begeistert mit ihrem Witz, ihrer Spritzigkeit, ihrem Geschmack, ihrer ausgeklügelten Choreografie. Dazu leisten die Kostüme und das Bühnenbild des Zeichners Tullio Pericoli natürlich einen immensen Beitrag: Federleicht erscheinen sie, gekonnt wird mit den warmen, pastellfarbenen Schattierungen gespielt, lustvoll satirisch (aber mit enorm viel Liebe) wird die Naivität der Handlung illustriert – ein Riesenspass, nicht nur wegen des über die Bühne sausenden Keilers (ein running gag, der übrigens nicht überstrapaziert wird)!

Dazu wartet diese Wiederaufnahme mit einer fantastischen Besetzung auf: In erster Linie ist es der Abend des Pavol Breslik, welcher den Nemorino nicht nur verdammt gut singt (man möge mir den Ausdruck nachsehen) sondern auch wirklich umwerfend komisch spielt. Wie er erst als schüchterner, linkisch verklemmter Tölpel seine Adina anschmachtet, dann unter dem Einfluss des Liebeselixirs (sprich billigen Weines) jegliche Hemmungen fahren lässt und am Ende sich dann auch noch herrlich ziert, ist dermassen urkomisch, lustig und doch nie chargierend gespielt, dass es eine wahre Freude ist. Seine Stimme weist eine Ebenmässigkeit sondergleichen auf, rund und weich phrasierend, dynamisch nie über seine Grenzen hinausgehend, frei und sauber schwingend. Klar, dass der Tenorhit Una furtiva lagrima frenetisch bejubelt wurde. Ihm steht mit Diana Damrau eine exzellent gestaltende Adina zur Seite: silbern klingend, quicklebendig agierend, resolut, verschmitzt, von weiblicher Raffinesse durchtrieben. Ihre Mittellage und die tieferen Register zeichnen sich durch eine bruchlose Agilität aus, sie verfügt über ein breites Spektrum von dynamischen Ausdrucksmöglichkeiten und es gelingt ihr besonders eindrücklich, ihren weichen Kern unter der vermeintlich harten Schale immer wieder aufschimmern zu lassen. Bei so einer imponierenden Gesamtleistung mag man ihr auch einige klangliche Verdickungen in der Höhe nachsehen. Massimo Cavalletti gibt einen süffisant klingenden Belcore, ein wichtigtuerischer und doch sympathischer Popanz, der am Ende seine Niederlage versöhnlich schnell akzeptiert. Seinen klangstarken und wunderschön gefärbten Bariton setzt er sehr gepflegt und vom Volumen her angenehm zurückhaltend, dafür mit ausgeprägtem Spielwitz ein. Die „Venti scudi“-Szene mit Pavol Bresliks Nemorino gerät zu einem darstellerischen und gesanglichen Höhepunkt. Lucio Gallo als Quacksalber Dulcamara steht den beiden in punkto Spielfreude und -witz in nichts nach. Auch er legt ein grandioses komödiantisches Gebaren an den Tag (gepaart mit wendigem, sonorem Bassbariton), das nie übertrieben ist oder sich geschmacklich verirren würde. Hamida Kristoffersen als warmstimmige Giannetta vervollständigt das exzellente Quintett der Gesangssolisten. Eine besondere Erwähnung verdient jedoch noch Jan Pezzali in der stummen Rolle des Helfers von Dulcamara – welch ein durchtriebener, flinker Lehrling des „Meisters“. Bedeutenden Anteil an der überaus gelungenen Aufführung hat auch der Chor der Oper Zürich (Einstudierung Jürg Hämmerli), welcher nicht nur klangschön singt, sondern auch noch mit vielen komödiantischen Einlagen brilliert.

Giacomo Sagripanti leitet eine schwungvolle Aufführung (nachdem in der Ouvertüre die Feinabstimmung mit der Philharmonia Zürich noch nicht ganz reibungslos zu gelingen schien), setzte accelerandi gekonnt und präzise durch und baute das an Rossini gemahnende Räderwerk-Finale I grossartig auf.

Fazit: Eine willkommene, bunte Abwechslung vom Einheitsgrau und den dunklen Massanzügen anderer Inszenierungen. (P.S.: Ist jetzt nicht so böse gemeint, wie es klingt, ich mag intelligent durchdachte Regiearbeiten, die wirklich etwas zu sagen haben, ja auch!)

Inhalt:

Der etwas schüchterne, aber liebenswerte Bauer Nemorino ist in die Gutsbesitzerin Adina verliebt, die jedoch anscheinend von ihm keine Notiz nimmt. Sie, die gebildete junge Frau, liest den Landleuten die Geschichte von Tristan und Isolde vor, welche durch einen Liebestrank zueinander gefunden haben. Nemorino ist von der Geschichte beeindruckt. Soldaten kommen ins Dorf. Der wichtigtuerischen Sergeant Belcore flirtet mit Adina und macht ihr gleich einen Heiratsantrag, den diese jedoch abweist. Nemorino gesteht Adina seine Liebe, wird jedoch von ihr verspottet. Der Quacksalber Dulcamaro erscheint auf der Szene und preist seine „Heilmittel“ an.  Nemorino erkundigt sich, ob er auch einen Liebestrank habe. Dulcamara verakuft ihm als Liebestrank eine Flasche Wein, erklärt aber, dass die Wirkung erst nach 24 Stunden einsetze. Der alkohol tut seine Wirkung und Nemorino tritt nun sehr selbstsicher auf, versichert, dass sein Liebeskummer bald vorbei sein werde. Adina ist verärgert und beabsichtigt nun doch, Belcores Heiratsantrag anzunehmen. Als die Meldung eintrifft, Belcores Regiment nüsse unverzüglich aufbrechen,  beschliesst Adina, Belcore noch am selben Tag zu heiraten. Nemorino ist verzweifelt, doch seine Beschwörungen, die Hochzeit noch um einen Tag aufzuschieben, ziehen Spott nach sich.

Adina will mit der Unterzeichnung des Heiratsvertrages zuwarten, bis Nemorino anwesend ist und als Zeuge mit unterschreiben kann. Nemorino verlangt von Dulcamara einen sofort wirksamen Liebestrank, doch hat er kein Geld mehr, um diesen zu bezahlen.  So heuert er in Belcores Regiment an, um vom Sold den Liebestrank bezahlen zu können.

Unterdessen trifft die Nachricht ein, dass Nemorinos wohlhabender Onkel gestorben sei. Die Mädchen umschwärmen den wohlhabenden Bachelor (der von seiner Erbschaft noch nichts weiss). Er führt seine Beliebtheit auf den Liebestrank zurück. Nemorino empfihelt auch Adina, den Liebestrank einzunehmen, da er Anzeichen von Trauer in ihren Zügen zu erkennen glaubt. Adina ist gerührt als sie erfährt, dass Nemorino sich als Rekrut verdingt hat, weist den Trank allerdings zurück. Stattdessen kauft sie den Söldnervertrag von Belcore zurück und gesteht Nemorino ihre Liebe. Dulcamara seinerseits ist nun überzeugt, dass sein Wässerchen nicht nur eine Liebes- sondern auch eine Reichtumswirkung besitzt. So herrscht rundum Friede, Freude, Eierkuchen – ausser bei Belcore, der Dulcamara und seine Scharlatanerien verflucht.

Werk:

Gaetano Donizetti, der Vielschreiber unter den Opernkomponisten Italiens des 19. Jahrhunderts (insgesamt über 70 Opern), schrieb vor seinem Durchbruch mit ANNA BOLENA mehrheitlich Buffo- Opern. In seiner zweiten Schaffensperiode dagegen traten die melodramatischen Tragödien in den Vordergrund (LUCIA DI LAMMERMOOR, LUCREZIA BORGIA, ROBERTO DEVEREUX, POLIUTO u.a.m.) Nichtsdestotrotz ragen aus dieser Periode drei musikalische Komödien aus seinem Werkverzeichnis heraus, von denen eine ununterbrochene Aufführungstradition überliefert ist. L’ELISIR D’AMORE, LA FILLE DU RÉGIMENT und DON PASQUALE. Donizetti mag nicht der grosse Reformator der Musiktheaterszene gewesen sein, doch mit diesen drei Opere comiche emanzipierte er sich deutlich von den Buffoopern Rossinis, indem er nicht mehr die Archetypen der Commedia dell’arte auf die Bühne stellte, sondern seinen Protagonisten sentimentale und gar melancholische Züge verlieh. L’ELISIR D’AMORE entstand in sehr kurzer Zeit: Donizetti hatte eben an der Scala einen Misserfog einstecken müssen (mit UGO, CONTE DI PARIGI) und war daher dankbar, dass ihm die zweite Mailänder Bühne, das Teatro alla Canobbiana ein Angebot machte. Sein Librettist, Felice Romani (welcher auch für Donizettis Konkurrenten Bellini tätig war), griff auf ein Libretto des Vielschreibers Eugene Scribe zurück, LE PHILTRE, welches dieser für eine Oper von Daniel  François-Esprit Auber verwendet hatte. L’ELISIR D’AMORE wurde (trotz nicht gerade optimaler sängerischer Besetzung) zu einem der grössten Erfolge Donizettis und verschwand seit der Uraufführung auch kaum mehr aus dem Repertoire Opernhäuser, ganz im Gegensatz zu  vielen anderen Opern des Meisters.

Das liegt vor allem an den quirligen, abwechslungsreichen musikalischen Qualitäten der Partitur, in welcher es Donizetti meisterhaft verstanden hat,  Buffo-Elemente (Dulcamara, Belcore) und Melancholie zu verschmelzen. Die Moll-Romanze Nemorinos Una furtiva lagrima wurde zum Paradestück lyrischer Tenöre. Das Finale I ist von herzerquickender Frische. 

Musikalische Höhepunkte:

Quanto è bella, quanto è cara, Cavatina des Nemorino, Akt I

Della crudel Isotta, Cavatina der Adina, Akt I

Come Paride vezzoso, Cavatina des Belcore, Akt I

Udite, udite, o rustici, Cavatina des Dulcamara, Akt I

Finale I

La donna è un animale stravagante...Venti scudi, Duett Nemorino-dulcamara, Akt II

L’elisir mirabile, Quartett Nemorino, Giannetta, Adina, Dulcamara, Akt II

Una furtiva lagrima, romanze des Nemorino, Akt II

Prendi, per me sei libero, Adina, Nemorino, Akt II

Ei corregge ogni difetto, Dulcamara, Finale Akt II

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