St.Gallen: LA GIOCONDA, 01.02.2014

Erstellt von Kaspar Sannemann | |   La Gioconda

Oper in vier Akten | Musik: Amilcare Ponchielli | Libretto: Arrigo Boito, unter dem Anagramm Tobia Gorria, nach Victor Hugos ANGELO, TYRAN DE PADOUE | Uraufführung: 8 April 1876 in Mailand | Aufführungen in St.Gallen: 1.2. | 8.2. | 11.2. | 23.2. | 2.3. | 31.3. | 24.4. | 27.4. | 30.4. | 2.5. | 6.5. | 23.5.2014

Kritik:

Mit dieser atemberaubenden Produktion von Ponchiellis oft ein wenig herablassend belächelter Oper LA GIOCONDA ist dem Theater St.Gallen ein musikalischer und vor allem auch ein szenischer Coup gelungen – ein unter die Haut gehender, packender Opernabend!

Es gibt sie also noch, die RegisseurInnen, die eine Geschichte ohne Verklausulierung oder nicht zu dechiffrierende Rätsel oder Verfremdungen auf die Bühne bringen können! Rosetta Cucchi gehört zu ihnen. Das hat sie bereits mit ihrem hoch spannenden RIGOLETTO in St.Gallen gezeigt und nun stellt sie ihr immenses Einfühlungsvermögen in die Grundstruktur und den inneren Gehalt eines Werks erneut unter Beweis! LA GIOCONDA, diese italienische Antwort auf die Grand Opéra, ist nämlich gar nicht so einfach in Szene zu setzen. Doch Rosetta Cucchi hat zusammen mit der Choreografin Beate Vollack, dem Bühnengestalter Tiziano Santi und der Kostümbildnerin Claudia Pernigotti eine in ihrer Stringenz bestechende Lösung gefunden. Mit bewegenden und drastischen Mitteln (in welche sich manchmal auch berührende Poesie mischt) greift die Inszenierung Bilder des italienischen Neorealismo oder Neoverismo eines de Sica oder Visconti auf und erinnert in ihrer Betonung des Feminismus und Antifaschismus an die Filme von Lina Wertmüller. Damit liegt sie wieder ganz nahe bei Boito und Ponchielli, die mit ihrem Werk ja auch als Wegbereiter des Verismo galten.

Während des Vorspiels sieht man die alte Laura als Strassenverkäuferin an einem Souvenirstand an einem der versteckten Kanäle Venedigs sitzen. Wahlplakate hängen an der Stelle, an welcher dann während der Oper die Worte LIBERTÀ oder ein Porträt Mussolinis zu sehen sein werden. Eine Touristin verirrt sich an die Stelle, macht Fotos und entdeckt am Souvenirstand einen roten Mantel, den sie gerne erwerben möchte. Der ist aber nicht zu verkaufen. Doch Laura legt der Touristin (gerade wenn das Orchester so betörend das Rosenkranz Motiv intoniert) den Arm um die Schulter und beginnt zu erzählen, was es mit diesem roten Mantel auf sich hat. Und schon sind wir mitten im Geschehen: Venedig, Anfang der 40er Jahre, der Faschismus Mussolinis liegt in den letzten Zügen, Widerstand regt sich, doch das despotische Regime bäumt sich noch einmal auf und zeigt seine hässliche Fratze (die 120 Tage von Salò stehen kurz bevor). In diesem politischen Setting legt die Regisseurin die Geschichte an und beleuchtet mit betroffen machender Präzision in der Auslegung des Librettos die dramatischen Konstellationen unter den Protagonisten. Sehr genau zeichnet Rosetta Cucchi die Charaktere: Den schmierigen Emporkömmling Barnaba, diesen fiesen Speichellecker, Spion und Denunzianten, welcher von Paolo Gavanelli mit einer wahrlich überwältigenden Gestaltungskraft gesungen und dargestellt wird. Verdis (späterer!) Jago würde über so viel Boshaftigkeit vor Neid erblassen! (Da spürt man auch, dass der Librettist von OTELLO und LA GIOCONDA ein und derselbe war!) Seine Gegenspielerin ist die Strassensängerin und heimliche Revolutionärin La Gioconda: Katrin Adel gelingt eine sehr differenzierte Interpretation dieser tragischen Frauengestalt, welche zwischen leidenschaftlicher Liebe zu Enzo, rasender Eifersucht, pflichtergebener Tochter und heimlicher Anführerin des Widerstandes regelrecht aufgerieben wird, aber am Ende eine bewundernswerte heroische Grösse in ihrem Verzicht und ihrer Menschlichkeit zeigt. Subtil stimmt Frau Adel die Dynamik ab, wirkt auch in den Ausbrüchen nie schrill und man spürt, dass unter der harten Schale der Kämpferin eine zutiefst verletzliche Seele liegt. Giocondas blinde Mutter ist mit der jungen Altistin Susanne Gritschneder ganz exzellent besetzt. La Cieca hat ja mit der Arie Voce di donna o d`angelo die ergreifendste Arie (und zugleich das beherrschende Leitmotiv) zu singen und Frau Gritschneder gelingt dies mit zu Tränen rührender Schlichtheit und tief empfundener Ausdruckskraft. Hervorzuheben ist auch ihr realistisches Spiel einer blinden Frau, ihre Schreckhaftigkeit auf unbekannte Geräusche, ihre Angst. Grossartig! Giocondas Konkurrentin um Enzos Liebe, Laura, ist mit Nora Sourouzian ebenfalls ganz herausragend besetzt. Welch satter, warm timbrierter Mezzosopran entströmt dem zierlichen Körper, wie spannend kontrastieren die unterschiedlich gefärbten Stimmen der Gioconda und der Laura im Duett des zweiten Aktes, Musik mit einer bezwingenden Sogwirkung! Zwischen den beiden Frauen steht Enzo: Mit Stefano La Colla hat das Theater St.Gallen einen Stern am Tenorhimmel entdeckt! Seine Stimme strömt mit viriler, ungebrochener Strahlkraft zum makellos gehaltenen hohen b in seiner grossen Arie Cielo e mar. Im Terzett des Finalaktes kann er seine grosse Stimme sogar soweit zurücknehmen, dass eine wunderschöne Transparenz des Gesamtklangs erreicht wird. Wahrlich ein Rohdiamant, der nur noch wenig Feinschliff in der Phrasierung benötigt, um einer grossen Karriere entgegenzublicken. Auch der zweite Bösewicht der Oper, der gnadenlose Unterdrücker Alvise, wird von der Regie mit genauem Blick analysiert. Zu Beginn gibt er zwar den harten Herrscher, der sich aber von seiner hübschen Gemahlin Laura relativ schnell zur Gnade gegenüber der Cieca erweichen lässt, da ihm der ganze Vorgang auch zu unbedeutend erscheint. Aber wehe, man kommt ihm zu nahe, oder betrügt ihn gar. Da kennt er dann kein Mitleid mehr. Ernesto Morillo zeichnet diesen sadistischen Mann mit rabenschwarzem Bass. Furchterregend! Erst treibt er seine Frau gnadenlos in den (zum Glück von Gioconda verhinderten, aber das weiss er nicht) Selbstmord, kurz danach lebt er seine Perversitäten, seine korrumpierte Macht auf abscheulichste Art und Weise aus. Dass an dieser Stelle kein betulich-kulinarischer Tanz der Stunden folgen kann, ist mehr als nur folgerichtig! Beate Vollack tanzt ihre intelligente, erschütternde Choreografie auch gleich selbst: Die sabbernden Offiziere und Schergen des Regimes greifen sich eine der gefangenen Aufständischen und nötigen sie zu erniedrigenden Tänzen, ein frauenverachtendes Gehabe wird offenbar, niedrigste Instinkte werden hemmungslos ausgelebt – und dies alles zur lieblichen Musik Ponchiellis. Die Doppelbödigkeit und Ironie, welche auch schon Boito/Ponchielli im Titel der Oper, die nun rein gar nichts „Heiteres“ an sich hat, angelegt haben, wird den Zuschauern mit sarkastischer und drastischer Konsequenz erschreckend deutlich vor Augen geführt. Umso mehr ist zu bedauern, dass Beate Vollacks enorme Leistung gleich nach dem „Tanz“ mit unsäglichen Buhs und „Pfui“-Rufen von einer leider lautstarken Minderheit im Publikum verhöhnt wurde. Spontane Reaktionen mögen an gewissen Orten ihre Berechtigung haben, in der Oper und im Theater sollte man erst mal denken, bevor man anonym aus der Masse heraus grölt.

Robert Virabyan (Zuane), Peter König (Isèpo) und und insbesondere Andrzej Hutnik (Cantore) lassen in den kleineren Rollen aufhorchen.

Der musikalische Leiter Pietro Rizzo scheut die drastischen Effekte der Partitur zu Recht nicht und das Sinfonieorchester St.Gallen glänzt nach etwas wackligem Beginn in den kammermusikalischen Streicherpassagen der Ouvertüre im Verlauf des Abends mit sattem, farbenreichem Klang. Die Chorsängerinnen und Sänger (Chor des Theaters St.Gallen und Opernchor St.Gallen, Einstudierung Michael Vogel) begeistern nicht nur mit ihren durchschlagkräftigen Stimmen, sondern auch mit eindrücklichem und realistischem Einlassen auf die durchdachte Personenregie von Rosetta Cucchi. Dass das Inszenierungsteam sich beim Schlussapplaus auch noch einige respektlose Buhs anhören musste (doch die Bravorufe dominierten!), macht betrübt.

Inhalt:

Hochdramatisches Liebeskarussell: Barnaba liebt Gioconda, Gioconda aber liebt Enzo, doch Enzo liebt Laura, leider ist Laura mit Alvise verheiratet ...

Der Spitzel der Inquisition, Barnaba, begehrt die schöne Strassensängerin Gioconda, wird von ihr jedoch zurückgewiesen. Aus Rache verleumdet er Giocondas blinde Mutter als Hexe. Die Meute wittert Blut und will die alte Frau auf dem Scheiterhaufen sehen. Der Inquisitor Alvise erscheint mit seiner Frau Laura, welche in der Hand der blinden Alten einen Rosenkranz entdeckt und so die Freilassung von Giocondas Mutter erwirkt. Laura erhält von der Blinden den Rosenkranz. Barnaba schmiedet bereits neue Rachepläne. Er erkennt in Giocondas Begleiter den aus Venedig verbannten Fürsten Enzo Grimaldo aus Genua, welcher Lauras Geliebter war, bevor diese mit Alvise zwangsverheiratet wurde. Barnaba macht sich an Enzo heran und verspricht ihm ein Rendezvous mit Laura zu arrangieren. Gleich danach schreibt Barnabo einen Denunziatonsbrief, in welchem er Laura und Enzo des Staatsverrats bezichtigt. Gioconda hat alles mitangehört. Sie ist verzweifelt über Enzos Untreue.

Enzo und Laura treffen sich auf Enzos Schiff und beschliessen die gemeinsame Flucht. Gioconda taucht auf und liefert sich mit Laura ein aufpeitschendes Eifersuchtsduett. Alvise nähert sich ebenfalls. Laura nimmt den Rosenkranz hervor, Gioconda erkennt in ihr die Frau, welche ihrer Mutter das Leben gerettet hat und verhilft ihr zur Flucht. Enzo zündet sein Schiff an und rettet sich mit einem Sprung in die Fluten.

In Alvises Palast wird gefeiert und getanzt (Tanz der Stunden). Alvise fordert Laura auf, sich mit Gift selbst zu töten. Gioconda vertauscht die Flacons, Laura sinkt in einen tiefen Schlaf. Barnaba zerrt die blinde Alte in den Raum, sie soll dort für Lauras Seele beten. Die Totenglocke läutet. Alvise bestätigt Lauras Treuebruch und ihren Tod. Enzo will sich auf Alvise stürzen, wird jedoch festgenommen. Gioconda will sich Barnaba hingeben, wenn dieser hilft, Enzo zu befreien.

Gioconda hat sich auf die Insel Giudecca zurückgezogen. Die scheintote Laura wird zu ihr gebracht. Gioconda kann der Versuchung widerstehen, die Rivalin ins Jenseits zu befördern. Enzo wurde befreit. Er macht Gioconda Vorwürfe, dass sie den Leichnam Lauras durch die Exhumierung entehrt habe. Als Laura jedoch erwacht, erkennt Enzo Giocondas Selbstlosigkeit. Laura und Enzo können endlich gemeinsam aus Venedig fliehen. Barnaba will seinen „Lohn“ erhalten, doch Gioconda wählt lieber den Freitod durch den Dolch. Zum Glück kann sie die letzten Worte Barnabas nicht mehr hören: Ier tua madre m' ha offeso! Io l' ho affogata! (Deine Mutter hat mich gestern beleidigt, ich habe sie ersäuft!)


Werk:

Amilcare Ponchielli (1834-1886) kennt man heute nur noch dank seiner Oper LA GIOCONDA, aus welcher die Balletteinlage DER TANZ DER STUNDEN ein Wunschkonzert-Hit wurde. Er schrieb insgesamt jedoch ein gutes Dutzend Opern und war auch der Lehrer Puccinis und Mascagnis am Mailänder Konservatorium.

Die Operntauglichkeit von Victor Hugos Schauerdramen hatten schon Komponisten wie Donizetti (LUCREZIA BORGIA) und Giuseppe Verdi (ERNANI, RIGOLETTO) erkannt. Interessant ist, dass der renommierte Arrigo Boito (der Komponist des MEFISTOFELE und Librettist für Verdis OTELLO und FALSTAFF) das Textbuch für Ponchiellis Oper unter einem Pseudonym schrieb. Vielleicht war ihm als aufgeschlossenem Intellektuellen die Anlehnung an die opulente Ausstattungsoper im Stile eines Eugene Scribe peinlich.

LA GIOCONDA wird von Musikkritikern oft ignoriert oder höchstens in Nebensätzen abgehandelt und eher belächelt. Dabei ist die Musik von einer ungeheuren Wucht. Mitreissende, hochdramatische Szenen peitschen die Handlung voran, erzeugen einen packenden Klangstrudel von sprühender italianità. Die Oper erfordert opulente Stimmen und bietet dankbare Partien. Die Titelrolle erfreute und erfreut sich bei vielen Sopranistinnen des spinto-Fachs grösster Beliebtheit: Callas, Tebaldi, Cerquetti, Caballé, Scotto, Bumbry, Marton, Urmana ... Die grosse Tenorarie Cielo e mar gehörte zu Carusos Paradestücken. Walt Disney hat dem TANZ DER STUNDEN durch seinen Zeichentrickfilm FANTASIA zu zusätzlicher Popularität verholfen.

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