Bayreuth, Festspiele: DIE WALKÜRE; 05.08.2026
Erster Tag des Bühnenfestspiels DER RING DES NIBELUNGEN | Musik: Richard Wagner | Textdichtung vom Komponisten | Uraufführung: 26. Juni 1870, Hoftheater München | Aufführungen in Bayreuth: 28.7. | 5.8. und 13.8.2026
Kritik:
Entweder habe ich mich nach dem bildgewaltigen RHEINGOLD bereits an die Fluten optischer Überdosen gewöhnt, oder DIE WALKÜRE kam tatsächlich etwas bodenständiger, rustikaler und leichter zu entschlüsselnd daher. Jedenfalls bereitete mir persönlich diese von Menschen in Bahnen gelenkte KI-Installation (denn von einer aktiven Inszenierung durch Menschenhand und Hirn kann man ja nicht sprechen) dann doch mehr Freude als der Vorabend. Meine Eindrücke vom RHEINGOLD kann man übrigens hier nachlesen, da will ich mich nicht wiederholen, höchstens aktuelle Eindrücke des Ersten Tages der Tetralogie schildern. Während der Vorspiele zu den drei Aufzügen blieb der Vorhang geschlossen, so dass man den genialen Kompositionen in der kongenialen Umsetzung des überragend aufspielenden Festspielorchesters unter der sorgsamen, feinfühligen und alles an Sublimem aus den Noten herauskitzelnden Leitung von Christian Thielemann optisch ungestört lauschen konnte. Wenn sich dann nach der Sturmmusik der Vorhang öffnete, sah man tatsächlich Hundings Hütte und die Weltesche (so wie alle Szenen dieser RING-Installation mit dem Originalbühnenbildentwurf von 1876 begannen). Nach wie vor störte mich, dass auf individualisierende Kostüme verzichtet wurde und alle Personen wie zerfledderte Vögel auszusehen hatten. Denn die Personen verschwanden im Gegensatz zum RHEINGOLD viel weniger oft in den Hologrammen, waren deutlicher sichtbar und agierten gar ein wenig, auch wenn sich Siegmund und Sieglinde beim „so blühe denn Wälsungenblut“ erst berührten, als der Vorhang nur noch wenige Zentimeter geöffnet war. Aber immerhin ... . Natürlich wechselten die Bilder ebenso schnell, wie zuvor im RHEINGOLD, aber irgendwie schien die KI einen ganz guten Abend gehabt zu haben und wählte mit sicherem Geschmack künstlerisch wertvolle Gestaltungselemente aus dem ihr zur Verfügung gestellten Pool aus. Aquarelle, die sich immer wieder leicht veränderten, zerflossen, Landschaften, die an Dalis Surrealismus erinnerten, Himmel und Wolkenformationen in Stile Vincent van Goghs, viel Tropfsteinhöhlenartiges; sie thematisierte auch das Aufkommen des Kubismus (denn auf der der KI unterlegten Zeitachse befinden wir uns in der WALKÜRE nun im ersten bis dritten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts. Aus den Walküren von 1876 werden bald einmal Soldaten, wird vielleicht die Wiederbewaffnung der Wehrmacht nach dem Ersten Weltkrieg von der KI thematisiert. Einmal taucht auch A.H. kurz auf. Vor allem der dritte Akt gerät dann zu einem visuellen (natürlich auch musikalischen, doch davon später mehr) Höhepunkt. Das Feuer wird zu einem veritablen Feuerzauber und Wotans Abschied wird auch optisch mit berührender Farbgebung der von der KI gesteuerten Beamer zu einem berührenden Gesamtkunstwerk – also Augen weit geöffnet halten, um ja nicht den schwarzen Felsen, der wie eine Haiflosse in das rote Feuergewaber ragt und sich nach und nach zu einem hellblauen Segel der Hoffnung wandelt. Das ist dermassen kongruent mit der Musik, dass es einem ganz warm ums Herz wird.
Diese Wärme strömte auch aus dem Orchestergraben: Erneut war da eine ganz besondere Sinnlichkeit zu hören, betörend schön, trotz oder gerade wegen der teilweise sehr getragenen Tempi, welche Thielemann in dieser WALKÜRE bevorzugte. Für das Textverständnis war das ein grosser Vorteil, denn durch die nie überhasteten Tempi wurde es den Sänger*innen ermöglicht, die Phrasen wunderschön auszugestalten, so dass die Diktion bei allen tadellos war. Gerade in den grossen Monologen (Wotan im zweiten Aufzug), die langen Zwiegesprächen (Wotan-Fricka im zweiten und Wotan-Brünnhilde im dritten Aufzug) war dies eine enorme Hilfe für die Zuhörenden (das Bayreuther Festspielhaus bietet ja keine Übertitelungsanlage an, bei Bedarf können jedoch Untertitel-Brillen gemietet werden). Der Wotan von Michael Volle geriet in dieser WALKÜRE eindeutig zur Hauptfigur. Was für eine komplette, intelligente musikalische und textliche Durchdringung der gewaltigen Partie. welch souveräne Kraft und unermüdliche Energie für den inneren Monolog, Mit unendlicher Zärtlichkeit und liebevoll intonierter Zuwendung zu Brünnhilde gestaltete er den Abschied im Finale 3. Zum Niederknien! Klaus Florian Vogt zeigte in seiner zweiten Tenorrolle (Siegmund) dieses Zyklus (nach dem Loge folgen noch zweimal Siegfried in SIEGFRIED und GÖTTERDÄMMERUNG). Den Siegmund gab er erneut mit einer unnachahmlichen Reinheit, feiner Diktion und leicht ansprechender, nie forcierender Stimmgebung. Das mag einigen zu liedhaft sein, doch für mich ist diese Stimme einfach ein Wunder an Schönheit und Rundung, auch an sich problemlos über das Orchester legender Kraft (die Wälse-Rufe ganz wunderbar unangestrengt und trotzdem fest und sicher im Raum schwebend!), die zudem bestens mit der im ersten Akt sehr mädchenhaft klingenden Sieglinde von Elza van den Heever harmonierte. (Erstaunlich, hatte Elza van den Heever doch vor wenigen Wochen noch die Turandot in Frankfurt gesungen!) Camilla Nylund meisterte als Brünnhilde die Klippen der Hojotoho! Hojotoho! Heiaha! Heiaha! - Rufe souverän und setzte sich als trotzige Tochter eindringlich gegen ihren Vater durch, trug Entscheidendes zur grossartigen Wirkung des Finales bei. Eine Klasse für sich war auch Anna Kissjudit als Fricka, die ihrem Anliegen und ihrem Ärger über den Gemahl Wotan mit geradezu unheimlicher Expressivität Ausdruck zu verleihen vermochte. Das Sextett der Solist*innen ergänzte Mika Kares als Hunding mit seinem überaus schön timbrierten Bass ganz wunderbar: Kein unsympathisch polternder Macho, sondern ein mit Vehemenz seine Anliegen als vom Wälsungenpaar betrogener Mann vertretend. Die Walküren von Martina Welschenbach, Brit-Tone Müllertz, Karis Tucker, Freya Apffelstaedt, Magdalena Hinterdobler, Alexandra Ionis, Marie Henriette Reinhold und Natalia Skrycka machten den Beginn des dritten Aufzugs zum gewohnt effektvollen vokalen Ereignis.
Natürlich gab es ganz am Ende wieder vereinzelte Buhs von den Reaktionären im Publikum, doch viel verhaltener als nach dem RHEINGOLD. Danach jedoch erneut ein tobend-polternder (der Holzboden des Festspielhauses muss einiges aushalten) Jubelsturm, vor allem für Michael Volle und Christian Thielemann.
Das Werk:
DIE WALKÜRE bildet den zweiten Teil von Wagners vier Abende umfassenden Werk DER RING DES NIBELUNGEN und ist wie der erste Teil (Vorabend) DAS RHEINGOLD während Richard Wagners Aufenthalt in Zürich entstanden. Unüberhörbar flossen in die Partitur die leidenschaftlichen Gefühle Wagners für seine Mäzenin Mathilde von Wesendonck ein. Es ist dies der “menschlichste” Teil des grossen Epos und damit auch der populärste.
Inhalt des ersten Tages:
Siegmund taucht auf der Flucht vor Verfolgern bei Sieglinde auf. Die beiden Geschwister, Kinder des Göttervaters Wotan, erkennen sich noch nicht. Hunding, Sieglindes ungeliebter Ehemann, tritt auf. Da er ein Feind der Sippe Siegmunds ist, fordert er ihn für den nächsten Tag zum Zweikampf, in dieser Nacht jedoch soll noch das Gastrecht gelten. Sieglinde und Siegmund erkennen sich, Siegmund zieht Wotans Schwert Nothung aus der Esche. Die beiden Geschister lassen ihren Trieben freien Lauf und zeugen den zukünftigen Helden Siegfried.
Wotans Gattin Fricka, die Hüterin der Ehe, kann und will den Ehebruch der Geschwister nicht dulden. Sie verlangt von Wotan, Siegmund sterben zu lassen. Brünnhilde, Wotans kampfeslustige Tochter, stellt sich auf die Seite Siegfrieds und widersetzt sich dem Befehl ihres Vaters. Siegmund stirbt durch Hunding, Hunding anschliessend durch Wotans Hand.
Brünnhilde vermag es noch, der schwangeren Sieglinde zur Flucht zu verhelfen und gibt ihr die Trümmer des Schwertes mit, dann wird sie vom Göttervater gestellt. Als Strafe verliert sie ihren Status als Walküre und wird „menschlich“. Sie erreicht jedoch noch Wotans Zusage, dass nur der unerschrockenste Held sie erwecken können solle. Wotan nimmt bewegt Abschied von seiner Lieblingstochter, dann befiehlt er Loge, den Walkürenfelsen mit Feuer zu umgeben.
Musikalische Höhepunkte:
Der Männer Sippe, Sieglinde, Aufzug I
Winterstürme wichen dem Wonnemond, Siegmund Aufzug I
Todesverkündung, Brünnhilde, Aufzug II
Walkürenritt, Aufzug III
Wotans Abschied und Feuerzauber, Aufzug III