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Bayreuth, Festspiele: DAS RHEINGOLD; 04.08.2026

Erstellt von Kaspar Sannemann | | Das Rheingold

Copyright: Enrico Nawrath, mit freundlicher Genehmigung Bayreuther Festspiele

Der RING DES NIBELUNGEN - erstmals inszeniert von der Künstlichen Intelligenz. Zum 150jährigen Geburtstag der Bayreuther Festspiele entsteht jeden Abend ein neuer Kosmos aus Licht, Text, Geschichte und Assoziationen zur Rezeptionsgeschichte von Wagners monumentaler Tetralogie.

Vorabend zum Ring des Nibelungen | Musik: Richard Wagner | Textdichtung vom Komponisten | Uraufführung: 22. September 1869 im Nationaltheater, München | Aufführungen in Bayreuth 2026: 27.7. | 4.8. und 12.8.2026

Kritik:

„Gehen Sie mit EYES WIDE SHUT in diesen RING 10010110“, empfiehlt Dr. Sven Friedrich in seinem Einführungsvortrag zur neuen – und einmaligen – Bayreuther Festspielproduktion von Wagners 15 Stunden dauerndem Gesamtkunstwerk. Damit spielt er auf den Titel des letzten Films des genialen Stanley Kubrick an (der Film wiederum fusst auf Arthur Schnitzlers TRAUMNOVELLE): Mit weit geöffneten Augen nicht sehen (wollen). Der Kurator Marcus Lobbes und sein Team (Nils Corte hat zusammen mit Marcus Lobbes die künstlerisch-technische Konzeption erarbeitet, Andri Hardmeier zeichnete verantwortlich für die Dramaturgie, Roman Senkl betreute das Digital- und KI-Storytelling, Nils Corte und Phil Hagen Jungschlager haben den Creative Code und die Visual Art entwickelt und Wolf Gutjahr war für die Bühne verantwortlich, Pia Maria Mackert entwarf die Kostüme) stellen zum 150jährigen Jubiläum der Bayreuther Festspiele ein sowohl nachdenklich stimmendes als auch ungemein aufregendes Experiment einer unter gewichtiger Mithilfe der KI entstandenen Inszenierung auf den heiligen Brettern des Festspielhauses zur Diskussion. Selbstredend mussten der KI Grenzen gesetzt werden, weil in unserer Gesellschaft (noch) der Mensch die Verantwortung trägt; so mussten zur Realisierung dieses Projekts Urheberrechtsfragen geklärt werden (man weiss, wie empfindlich z.B. gewisse Theaterfotografen heutzutage selbst einfache Blogger, die nur Kulturvermittlung beabsichtigen, mit Forderungen in fünfstelliger Höhe für kleinste Unterlassungen zu belangen geruhen). Ausserdem wagt man es sich kaum vorzustellen, was eine entfesselte KI mit Cues wie Brudermord (Fafner erschlägt Fasolt), Misshandlungen (Mime, Alberich), sexuell geifernden, missgestalteten Männern, die jungen Frauen nachstellen (Alberich und Rheintöchter), durchtriebenen Vertragsbrechern (Wotan, Loge), geschweige denn vom im Verlauf der Tetralogie dann vorkommenden inzestuösen Handlungen alles an nicht jugendfreien Bildern produzieren würde. Somit haben der Kurator und sein Team der KI durch einen Bilderpool Grenzen gesetzt, aus welchem diese angeln darf. Zusätzlich legten sie über die 150 Jahre Ring-Geschichte auch noch eine Zeitachse von 150 Jahren Kultur- und Menschheitsgeschichte, teilten die insgesamt rund 900 Minuten umfassende Dauer der Tetralogie durch 150, so dass jedes Jahr der Musik von ca. sechs Minuten entspricht. Dadurch konnte sich die KI auch aus Bildern und Texten aus der jeweiligen Zeitgeschichte bedienen, frei assoziieren, auf Cues und Prompts reagieren. Jeder der in dieser Spielzeit stattfindenden Zyklen des RINGS wird deshalb anders gestaltet sein, da die KI selbstständig innerhalb der gesetzten Grenzen „träumen“ darf. Und da sind wir wieder bei Kubricks EYES WIDE SHUT: Wir sehen einer Maschine beim Träumen zu (oder wie Sven Friedrich sagte, beim „Morphen“. Morpheus, war ja bei den Griechen der Gott der Träume, aber auch der Gestaltung, Namensgeber des Morphiums und wichtige Figur in den MATRIX-Filmen) – und verstehen zeitweise doch nicht, was wir sehen. Es sind schnell wechselnde Bilder, die wir nicht immer einordnen können, die sich ständig leicht verschieben, zusammengestellt aus verfremdeten Bildern von Ring-Inszenierungen der vergangenen 150 Jahre Festspielgeschichte, von Josef Hoffmanns Ölskizzen zur ersten Gesamtproduktion von 1876 in der Regie Richard Wagners zu Valentin Schwarz' trashig genialer Soap-Opera Inszenierung von 2020. Aber eben auch Bilder aus der Zeitgeschichte. Plötzlich taucht z.B. der Baubeginn des Eiffelturms auf - da wissen wir, dass bis dahin 13x6 Minuten vergangen sein müssen, dass das RHEINGOLD etwas über die Hälfte rum ist. Der technische Aufwand für diese Inszenierung war gewaltig: Sechs (angeblich sündhaft teure) Hochleistungsbeamer projizieren die von der KI ausgewählten Bilder auf zwei Projektionsflächen, die vordere zum Zuschauersaal natürlich transparent. Denn zwischen den beiden Flächen sind die Sänger*innen platziert, alle mit Infrarot-Trackern auf dem Kopf, da die KI auch die Steuerung des Lichts übernimmt und somit wissen muss, wer sich gerade wo aufhält. Deshalb bewegen sich die Götter und Alben und die Töchter des Rheins auch kaum, sind alle in flauschige, aufgeplusterte vogelartige Kostüme gepackt, alle in identischem Schwarz-Weiss-Grau mit nur wenig individuellen Schnitten. Denn wir sehen kein Narrativ, keine Parabel, keine nachvollziehbare Logik – nur Impressionen der KI, die innerhalb der von den Menschen gesetzten Grenzen frei assoziieren darf. Wir sehen zwar, aber sehen nicht dahinter. Das Hirn ist gefordert, überfordert, das notwendige Abschalten des Denkens mag nicht immer gelingen, wird Training brauchen. Man sollte den Traum mit all seinen Absurditäten über sich ergehen lassen. Denn dann kann man sich durchaus erfreuen und staunen über Farben, Formen, Gedankensprünge und Assoziationen der KI, die unser Leben in rasantem, mit ungeahnter Geschwindigkeit fortschreitendem Tempo immer stärker beherrschen wird.

Bayreuth war ja schon immer (ok, zumindest nach dem Zweiten Weltkrieg) Werkstatt, versuchte ein Brennglas des Zeitgeistes zu sein. Deshalb ist diese Inszenierung auch wichtig und gerade zum jetzigen Zeitpunkt richtig. Selbst der Wagner-Sohn Siegfried (Leiter der Festspiele von 1906/08 bis zu seinem Tod 1930) hatte ja mal gesagt: „Das lebendige Theater kennt nur einen Stil, den seiner eigenen und aktuellen Epoche.“ (Zitat aus dem Programmheft) Dazu haben Marcus Lobbes und sein Team einen verdankenswerten und bedenkenswerten Beitrag geleistet. Da die KI ständig anders reagiert, wird es auch keine dramaturgischen Nachschärfungen geben können, wie sie z.B. Patrice Chereau in seinem Jahrhundertring von 1976 vorgenommen hatte, der ja im Jubiläumsjahr damals zu wütenden Reaktionen der Reaktionäre im Publikum geführt hatte und bereits im Jahr darauf zur Kultinszenierung avancierte. Der Lobbes-Ring wird also diese Chance nicht erhalten. Das mag die vielen Buh-Rufer eventuell besänftigen, die nur Sekunden nach dem Fallen des Vorhangs ihren Unmut lautstark äusserten, die Bravi gingen im Buh-Gegröle leider unter. Das Inszenierungsteam zeigte sich aber nicht; vielleicht werden sie erst nach der GÖTTERDÄMMERUNG vor den Vorhang treten. Sobald sich dann jedoch die drei Rheintöchter vor dem Schlussvorhang zeigten, gab es für den begeisterten Applaus kein Halten mehr. Denn was an diesem Abend musikalisch geboten wurde (und durch die EYES WIDE SHUT konnte man das vielleicht gar noch intensiver erleben) war nicht von dieser Welt. Christian Thielemann und das Festspielorchester garantierten für eine Wiedergabe, in welcher jede noch so kleine Phrase erklang, als ob man sie zum ersten Mal hörte. Das war von einer sensibel herausgearbeiteten, instrumentalen Qualität ersten Rangs, trotz aller Detailgenauigkeit in keinem Moment akademisch klingend, sondern die Szenen mit absolut bahnbrechender Klarheit erfüllend, eine faszinierende Rundung und Bogenbildung erzielend. Die berühmte, einmalige Akustik des Festspielhauses bewirkte ein Klangerlebnis und eine Transparenz der Sonderklasse. Auf diesem Teppich konnten sich die Sänger*innen geborgen fühlen und ihre wunderbaren Stimmen frei und unforciert strömen lassen, allesamt ganz vortrefflich artikulierend und phrasierend. Mit fantastischer, beeindruckender Souveränität gestaltete Michael Volle den Wotan, wunderbar leicht und bestechend rein klang Klaus Florian Vogt als Loge (als erster Tenor wird er in einem Ringzyklus in jedem Werk der Tetralogie zu erleben sein). Jochen Schmeckenbecher war ein gekonnt schmieriger, dämonischer Alberich, Gerhard Siegel ein ebenso gekonnt klagender, sich selbst bemitleidender Mime, Mika Kares und Peter Rose bestachen mit ihren profunden Bassqualitäten als Fafner, respektive Fasolt. Anna Kissjudit glänzte mit wunderschön satten Phrasen als besorgte Fricka, Evelin Novak mit Silberglanz als Freia und Christa Mayer mit ausdrucksstarken Warnungen als Erda. Der Donner von Alexander Gasshauer und der Froh von Siyabonga Maqungo ergänzten die Riege der Götter aufs Wunderbarste. Ganz herausragend aufeinander abgestimmt erklangen die Stimmen der drei Rheintöchter: Woglinde (Katharina Konradi), Wellgunde (Natalia Krycka) und Flosshilde (Marie Henriette Reinhold) – an ihnen konnte man sich kaum satthören. 

„Ein Werk wie der Ring ist, was Ursprung, Wachstum und Vollendung anlangt, das einzige seiner Art in der Welt und vielleicht das rätselhafteste Kunstgebilde der letzten Jahrtausende ... .“ (so wird Gerhart Hauptmann im informativen Programmheft zitiert). Ich werde also versuchen, mich dem Rätsel an den kommenden drei Abenden weiterhin mit weit geöffneten Augen zu stellen und nicht in der Kunst (oder den Bilderfluten) zu ertrinken.

Werk:

Richard Wagner beschäftigte sich über einen Zeitraum von mehr als 20 Jahren mit dem Nibelungenstoff. Entstanden ist ein zeitloses, gigantisches Gesamtkunstwerk, mit beinahe 20 Stunden Spieldauer, welches sich über vier Abende erstreckt. Über hundert meisterhaft verarbeitete Leitmotive prägen die Partitur, welche an die Solisten und das Orchester höchste Anforderungen stellt.

Den RING DES NIBELUNGEN kann man immer wieder neu sehen und interpretieren. Er kann eine Apotheose auf das Menschentum sein, eine Kritik an der industrialisierten Gesellschaft, eine politisch-soziale Kritik, eine Entsagung im Sinne Schopenhauers; man kann darin eine Vorwegnahme von Freuds Deutung des Unbewussten erkennen oder andere tiefenpsychologische Exkurse.

Im RING geht es um Machtstreben, Machtmissbrauch, List, Betrug, Entführung, Vergewaltigung, Inzest, Verträge und deren Brüche – und um Liebe.

Wagner hat den Text im konsequent angewandten Stabreim selbst verfasst. Er benutzte als Quelle seiner Inspiration weniger das mittelalterliche Nibelungenlied, sondern griff auf ältere nordisch-germanische Sagen zurück.

Inhalt des Vorabends:

Mit einem Fluch auf die Liebe raubt der Zwerg Alberich den Rheintöchtern das Gold. Daraus lässt er sich von den Nibelungen unter der Leitung seines Bruders Mime einen Tarnhelm sowie einen Ring schmieden, der ihm unermessliche Macht bescheren wird.

Die Riesen Fafner und Fasolt haben den Göttern eine gewaltige Burg gebaut – Walhall. Als Lohn haben sie sich die Göttin Freia ausgehandelt, die ewige Jugend verspricht. Göttervater Wotan jedoch weigert sich, Freie herauszugeben. Loge, der listige Feuergott, bietet den Riesen das Gold des Nibelungen an.

Auf betrügerische Art und Weise bemächtigen sich Wotan und Loge des Goldes und des Ringes. Allerdings heftet Alberich einen fürchterlichen Fluch an den Ring, welcher jeden, der sich seiner bemächtigt, vernichten soll. Der Fluch wirkt: Fafner erschlägt bei der Teilung des Goldschatzes seinen Bruder Fasolt.

Die Erdgöttin Erda prophezeit Wotan das Ende der Götter.

Wotan – voller Sorge über die Prophezeiung – und die Götter schreiten über eine Regenbogenbrücke zur Burg.

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