Zürich, Tonhalle: SOL GABETTA & ANDRÉS OROZCO-ESTRADA; 06.06.2026
Die diesjährige Fokus-Künstlerin des Tonhalle-Orchesters Zürich mit Martinůs erstem Cellokonzert. Andrés Orozco-Estrada am Pult!
Werke:
Richard Strauss: Don Juan, op. 20 | Uraufführung: 11. November 1889 in Weimar, unter der Leitung des Komponisten |
Bohuslav Martinů: Cellokonzert Nr. 1 | Uraufführung: 5. Dezember 1955 in Lausanne, mit dem Cellisten Pierre Fournier |
Piotr I. Tschaikowsky: ROMEO UND JULIA, Fantasie-Ouvertüre | Uraufführung: 1. Fassung 4. März 1870 in Moskau, 2. Fassung 5. Februar 1872 in St.Petersburg, 3. Fassung 19. april 1886 in Tiflis |
Dieses Konzert in Zürich: 6. und 7.6.2026
Kritik:
Aspects of Love
Lange habe ich mir überlegt, welchen Bezug die drei in diesem abwechslungsreichen Programm gespielten Werke zueinander haben könnten. Dann kam mir plötzlich auf dem Heimweg dieser Titel eines Andrew Lloyd Webber Musicals in den Sinn. Ja, alle drei Werke beleuchten je eine andere Art von Liebe: Richard Strauss komponierte als feuriger Jungspund in seiner Tondichtung eine Hommage an das promiskuitive Lieben des DON JUAN, der wie ein fleissiges Bienchen von einer Blüte zur nächsten, noch schöneren fliegt, Tschaikowsky hingegen setzte dem unsterblichen Liebespaar Romeo und Julia in seiner Fantasie-Ouvertüre das tragische Denkmal einer reinen Liebe, die sich in einer Welt voller Hass nicht behaupten konnte. Aber welchen Aspekt der Liebe beleuchtete Bohuslav Martinů in seinem Cellokonzert, das doch gar kein Programm hat, als einziges der drei Werke für das Genre der absoluten Musik steht? Für mich kommt darin Bohuslav Martinůs Sehnsucht nach seiner böhmischen Heimat zum Ausdruck, eine Vaterlandsliebe zu einem Land und seiner Musiktradition, das er nach seinem Exil in Frankreich, den USA und der Schweiz auch nach dem Krieg nicht mehr besuchen konnte/wollte.
Die Solistin in diesem Konzert war die diesjährige Fokuskünstlerin des Tonhalle-Orchesters Zürich, Sol Gabetta. Mit farbenreicher Eleganz, zupackender, rhythmischer Kraft und fantastischer Expressivität verlieh sie den Anklängen an die Volksmusik Böhmens und der Sehnsucht nach der Heimat Ausdruck. An gewissen Stellen vermeinte man gar eine klangliche Referenz an Leoš Janáčeks Zwischenspiele aus DAS SCHLAUE FÜCHSLEIN zu vernehmen. Mit perfekter Akzentuierung raste Sol Gabetta durch die vertrackten Staccati-Sechzehntel-Passagen, erfüllte das lyrische Seitenthema und vor allem den zweiten, langsamen Satz mit gefühlvoller Melancholie, ja gar mit Wehmut. Stimmungsvoll begleitete das Tonhalle-Orchester Zürich unter der Leitung von Andrés Orozco-Estrada die Solistin. Einen Höhepunkt bildete die virtuose Kadenz von Sol Gabetta im zweiten Satz, zu welcher sich am Ende auch die Solobratschistin gesellte und mit Sol Gabetta in einen spannenden Dialog trat. Beschwingt stiegen die Solistin und das hervorragend spielende Orchester in den dritten Satz ein, traten in einen fast trotzigen Dialog miteinander, wobei das Solo-Cello stets den Lead beibehielt. Nach wunderbar zarten Kantilenen im Mittelteil, gespickt mit einer kurzen Kadenz und synkopenreicher Rhythmik schloss der Satz mit orchestralem Witz. Sol Gabetta bedankte sich für den begeisterten Applaus mit einer innig interpretierten Zugabe (Bach?), welche klanglich auf den polyphonen Concerto-Grosso-Ansatz Martinůs Bezug nahm.
Ganz anders der Beginn des Konzerts, die rauschhaft, ja geradezu orgiastisch explodierende Tondichtung DON JUAN von Richard Strauss, ein knapp zwanzigminütiger orchestraler Orgasmus, brillant orchestriert, mit zart-erotischen Seitenthemen, wenn eine neue Geliebt auftaucht. Der Held, der mit seinem eingängigen, rondoartig mehrfach aufschimmernden Thema immer wieder „zu neuen (Schand-)Taten“ - um es mit Wagner zu sagen – aufbricht, wird von Strauss vermutlich als neidvoll betrachtetes Alter Ego geschildert, das freie Liebesleben muss dem 25jährigen Richard Strauss als sehr erstrebenswert erschienen sein. Andrés Orozco-Estrada und das fulminant auftrumpfende Tonhalle-Orchester Zürich faszinierten mit einem mitreissenden, soghaften Orchesterklang, wunderschön intonierten solistischen Passagen (u.a. durch die Solovioline des Konzertmeisters Andreas Janke) und begleiteten den „Helden“ bis zur finalen Erschöpfung und den (letzten?) Schlägen seines Herzens. Wobei nicht so ganz sicher ist, ob sich dessen Trieb nicht nochmals aufrichten wird ;-).
Bei Tschaikowskys Fantasie-Ouvertüre ROMEO UND JULIA hingegen war man sich der Tragik von Beginn an bewusst. Die schwermütige Einleitung verwies bereits auf das traurige Ende. Dunkel dräuten die Klarinetten und Fagotte, schmerzliche Trübungen der Streicher und bewegende Arpeggien der Harfen (sie war für einmal prominent ganz links am Rande des Podiums hinter den ersten Violinen platziert und deshalb ganz besonders gut hörbar!). Plastisch und wuchtig setzten die Clan-Kämpfe der verfeindeten Familien ein. Da liessen es Orozco-Estrada und das Tonhalle-Orchester Zürich so richtig krachen, man wurde beinahe klanglich erschlagen. Das aus diesem Gerangel aufsteigende Liebesthema mit den sordinierten Streichern vermochte sich nur teilweise durchzusetzen, denn die erneut ausbrechenden Kämpfe erstickten die Liebe des Paares, machten die bewegende Emphase zunichte. Am Ende stand ein ermatteter Bläserchoral und führte zu einer vom Orchester erhebend intonierten Verklärung einer Liebe, die nie eine Chance gehabt hatte. Paukenwirbel, ein düsterer Schlussakkord und begeisterter Applaus für alle Ausführenden beschlossen ein bewegendes, begeisterndes Konzert über individuell empfundene Aspekte der Liebe. Heute Abend nochmals zu erleben in der Tonhalle Zürich!
Werke:
Richard Strauss (1864-1949) machte sich einen grossen Namen durch seine Tondichtungen (Don Juan, Don Quixote, Also sprach Zarathustra, Till Eulenspiegels lustige Streiche, Tod und Verklärung, Ein Heldenleben u.a.m.), noch bevor er sich mehrheitlich der Komposition von Opern zuwandte. Im Alter von 24 Jahren schuf er mit der Tondichtung DON JUAN für grosses Orchester bereits einen grossen Wurf, ein Durchbruchswerk. dessen Erfolg nach der umjubelten Uraufführung in Weimar bis heute ungebrochen ist. Mit dieser Tondichtung setzte er den programmusikalischen Weg fort, den vor ihm Berlioz und Liszt gegangen waren. Hinreissend orchestriert, mit jugendlichem Elan durchzogen, sprühende Musik durch und durch. Und nicht zuletzt dank der inhärenten (auch erotischen) Sinnlichkeit ein Protest gegen die Spiessigkeit des Bürgertums. Als Inspiration für seine rein musikalische Tondichtung diente Strauss Nikolaus Lehnaus dramatisches Fragment DON JUAN, u.a. die Textzeilen daraus, wie "Wo eine Schönheit blüht, hinknien vor jede, und wär's nur für einen Augenblick", “Leidenschaft ist immer nur die neue, sie kann nur sterben hier, dort neu entspringen, und kennt sie sich, so weiss sie nichts von Reue”. Gegossen hat er die Eindrücke aus Lenaus Fragment in eine freie Sonatenform. Verführerisch und von glutvoller Erotik geprägt ist das reichhaltige thematische Material. Am Ende wechselt das heroische E-Dur zu einem Verglimmen in e-Moll, doch vielleicht ist es kein endgültiges Versinken und Resignieren, jedenfalls kein Abstieg ins Fegefeuer, eher dezente Erschöpfung nach wild gelebten Ausschweifungen..
Bohuslav Martinů (1890-1959) durchlebte all die Strömungen in der Musikwelt, welche sich nach dem Ersten Weltkrieg in Europa Bahn schlugen, als die Komponisten nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten suchten, um die schwülstige Spätromantik hinter sich zu lassen. Nicht zuletzt angeregt durch Strawinskys Neoklassizismus suchte auch Martinů in den alten Formen nach Möglickeiten für zeitgemässe Strukturen- insbesondere die Form des Concerto grosso hatte es ihm angetan. So entstand die erste Fassung seines Cellokonzerts für Solocello und Kammerorchester, um grösstmögliche akkustische Klarheit zu erlangen. Einige Jahre später arbeitete er das Konzert aber trotzdem für grosses Sinfonieorchester um; doch war er damit immer noch nicht zufrieden und orchestrierte es für die endgültige Fassung von 1955 neu. Zwei schnelle Sätze rahmen ein expressives Andante ein. Martinůs Klangsprache ist leicht zugänglich, immer wieder liess er Themen aus seiner böhmischen Heimat in seine musikalische Sprache einfliessen, auch in seinen Spätwerken, obwohl er nach seinen Exilaufenthalten in Frankreich und den USA nach dem Zweiten Weltkrieg nie mehr tschechischen Boden betrat.
In Pjotr Iljitsch Tschaikowskys (1840-1893) sinfonischem Schaffen nehmen die durch literarische Werke inspirierten Tondichtungen einen gewichtigen Platz ein. Neben Shakespeare (ROMEO UND JULIA; HAMLET; DER STURM) liess sich der Russe auch durch Ostrowskij, Dante (FRANCESCA DA RIMINI) oder Byron (MANFRED) zu Instrumentaldramen inspirieren. Die Fantasie Ouvertüre ROMEO UND JULIA entstand 1869 nach einem Plan seines Komponistenkollegen Balakirew, dem das Werk auch gewidmet ist. Tschaikowsky arbeitete das Werk zweimal um. Die dritte Fassung von 1880 wurde ein weltweiter Erfolg. Die Form ist die eines Sonatenhauptsatzes mit zwei Themen, dem Kampf zwischen den beiden Familien und dem Liebesthema. Umrahmt werden diese beiden Themen von einer Einleitung (Choralthema) und einer Coda in Form eines Trauermarsches.