Zürich, Tonhalle: JANINE JANSEN & PAAVO JÄRVI; 12.3.2026
Janine Jansen spielt das Violinkonzert von Brahms, Paavo Järvi leitet das Tonhalle-Orchester Zürich
Werke:
Thomas Adès: «Three Studies from Couperin» | Uraufführung: 21. April 2006 in Basel
Johannes Brahms: Violinkonzert D-Dur op. 77 | Uraufführung: Uraufführung: 1. Januar 1879 in Leipzig unter der Leitung des Komponisten
Felix Mendelssohn Bartholdy: Sinfonie Nr. 3 a-Moll op. 56 MWV N 18 «Schottische» Uraufführung: 3. März 1842 in Leipzig, unter der Leitung des Komponisten
Dieses Konzert in Zürich: 11. und 12. März 2026, die Werke von Adès und Mendelssohn auch am 12. März im Rahmen von Tonhalle LATE- classic meets electronic
Kritik:
Im Juli 2009 stand Paavo Järvi erstmals vor dem Tonhalle-Orchester Zürich, dessen Music Director er seit der Saison 2019/20 ist. Anlässlich dieses Konzerts vor 17 Jahren dirigierte er Mendelssohns Schottische Sinfonie, die auch gestern Abend den überwältigenden Schlusspunkt des Konzerts bildete.
Wie Järvi richtig sagt, kann man immer wieder zu Mendelssohn zurückkehren, da seine Musik stets etwas zu erzählen weiss, das direkt ins Herz trifft. Das beginnt bereits mit der Einleitung zum ersten Satz, die balladenhaft von der bewegten Vergangenheit (Schottlands) zu berichten scheint, eine geniale Eingebung Mendelssohns, der bei seiner ersten Reise auf den Spuren Maria Stuarts gewandelt war. Paavo Järvi und das mit fantastischer Präsenz aufspielende Tonhalle-Orchester Zürich gehen diese Erzählung ausgesprochen vorwärtsdrängend und flott an, setzen auf aufwühlende Dramatik, ohne jedoch die filigrane Orchestrierung zu vernachlässigen. Die Musik erklingt mit bestechender Transparenz und Järvi begeistert mit der stringenten Durchdringung der musikalischen Dramaturgie, arbeitet den Sturm und das Gewitter gegen Ende dieses Kopfsatzes mit phänomenaler Plastizität heraus. Freudig erregt, ja gar ein wenig wild, erklingt der zweite Satz (Vivace non troppo), mit der von der Klarinette so wunderbar beschwingt vorgetragenen Dudelsack-Imitation. Mit ausgesprochen emotional betontem Ausdruck beginnt nach ganz kurzer Pause das Adagio. Zart berichten die ersten Violinen über dem Pizzicato-Teppich der restlichen Streicher von einer rührenden Begebenheit, die nach und nach vom marschartig hereinbrechenden Tutti des Orchesters unterbrochen wird. Auch hier bestechen Järvi und das Tonhalle-Orchester Zürich wieder mit der zupackenden Erzählkraft und der ausdrucksstarken Intensität des Spiels. Ohne Pause folgt der vierte Satz, mit klar gemeisselten Klangblöcken, zügig, ohne Konturen zu verwischen führt uns Paavo Järvi zum triumphalen, siegesgewissen Ende der meisterhaften Sinfonie (ach, wäre es Mendelssohn bloss vergönnt gewesen etwas länger zu leben - er starb im Alter von 38 Jahren -, was hätte uns dieses musikalische Ausnahmetalent noch alles an Meisterwerken bescheren können!).
Im Konzert von 2009 war Janine Jansen die Solistin gewesen, genau wie gestern Abend auch. Damals spielte sie Mendelssohns Violinkonzert, diesmal dasjenige von Johannes Brahms. Wie privilegiert ist man doch, im Grossraum Zürich zu Hause zu sein und das Brahms-Konzert innerhalb eines Monats gleich mit zwei Virtuosen von Weltklasse erleben zu dürfen. Christian Tetzlaff spielte es im Februar in Winterthur, Janine Jansen brilliert nun mit diesem hochromantischen Konzert in der Tonhalle Zürich. Während man in Winterthur näher beim Solisten war (kleineres Orchester), wird in der Tonhalle der ganz grosse Orchesterapparat aufgefahren. Beides ist bei diesem Konzert möglich; in der kleineren Besetzung erhält es mehr Direktheit, wirkt wilder und rauer, gross besetzt versprüht es eine geschliffene, funkelnde Brillanz. Aber beide, Tetzlaff und Jansen, ziehen in ihren Bann. Im ersten Satz erfüllen die Solistin und das Orchester alle Anforderungen an die tröstende Gesanglichkeit der Themen, darin eingebettet die von Janine Jansen mit souveränem Variantenreichtum gespielte Kadenz (von Josef Joachim). Zartheit und kraftvolles Zupacken wechseln sich in diesem Kopfsatz ab. Im zweiten Satz gibt die Solo-Oboe das langgezogene Thema vor, das dann von der Violine übernommen und subtil variiert wird. Weich und geschmeidig und voller Innigkeit ist der Ansatz von Janine Jansens Spiel in diesem Satz, bevor sie mit unglaublicher Verve und irrwitzigen Tempi (immer mit fantastischer rhythmischer und intonatorischer Präzision) in den Finalsatz einbiegt. Das ist alles unglaublich energiegeladen, mit einer Energie, die das Orchester noch so gerne und mit Freude aufnimmt. Das begeisterte Publikum erhob sich spontan zu einem stehenden Applaus – aber Zugabe gab es – im Gegensatz zu Tetzlaff in Winterthur - keine.
Begonnen hat das Konzert in der Tonhalle Zürich mit einem Werk des derzeitigen Inhabers des Creative Chairs, Thomas Adès: THREE STUDIES FROM COUPERIN. Spannend, wie Adès die drei Cembalostücke Couperins in seiner Instrumentation verarbeitet: Die Taktzahlen und die Harmonien des barocken Meisters Couperin werden beibehalten, der Klang jedoch auf die Instrumente des Orchesters verteilt und so neu ausgehorcht. Dunkel und gedämpft (mit imposanter Bassflöte) kommt das erste Stück Les Amusements daher, witzig verspielt das zweite Stück Les Tours de passe-passe und von sehrender Pein und Qual durchtränkt, mit beinahe erstickender Bedrohlichkeit erklingt am Ende L'Âme-en-peine. Adès gehört eindeutig zu den zeitgenössischen Komponisten, die ihr Publikum abzuholen versuchen, nicht intellektuell verkopfte Werke schreiben und somit eine sympathische Zugänglichkeit zu dieser Art neuer Musik ermöglichen. Schön, dass man in dieser Saison oft Werken aus der Feder von Thomas Adès begegnen kann.
Werke:
Thomas Adès (geboren 1971) ist der derzeitige Inhaber des Creative Chairs des Tonhalle-Orchesters Zürich. Im Verlauf dieser Saison gelangen mehrere Werke dieses Komoponisten zur Aufführung. THREE STUDIES FROM COUPERIN war eine Auftragskomposition des Kammerorchesters Basel. In diesem rund 15 Minuten dauernden “Tryptichon” nahm Adès drei Kompositionen von François Couperin (1668-1733) für Cembalo als Vorlage (Les Amusements, Les Tours de passe-passe, L'Âme-en-peine), behielt deren Struktur bei, gelangte jedoch durch ausgeklügelte Instrumentation zu verblüffenden Klangerlebnissen, die durch Echowirkungen und instrumentale Schattierungen erzielt werden.
Johannes Brahms (1833-1897) komponierte nur ein einziges Konzert für Solovioline und Orchester. Auffallend ist auch die gleiche Tonart wie bei Beethovens Violinkonzert, die traditionelle Dreisätzigkeit (schnell – langsam – schnell), die klassische Formgebung mit dem langen ersten Satz und den beiden kürzeren Folgesätzen, die zusammen in etwa die Länge des Kopfsatzes erreichen, ähnlich wie bei Beethoven (und auch bei Bach). Und wie Beethoven geht es auch Brahms darum, den Solopart in ein sinfonisches Gesamtbild einzubetten. Häufig umspielt der Solist begleitend das Orchestergeschehen, aber immer wieder auferlegt Brahms dem Solisten auch die Führung. Für den mit anforderungsreichen Schwierigkeiten gespickten Solopart hatte sich Brahms immer wieder Rat beim Geiger Joseph Joachim geholt. Joachim brachte das Werk auch unter Brahms' Leitung zur Uraufführung. Das Konzert zeigt den sonst oft als sehr ernst und introvertiert bezeichneten Komponisten von einer eher heiteren Seite. Vor allem der Finalsatz mit seinen ungarischen Weisen und dem tänzerischen Charakter unterstreicht diese Heiterkeit. Der zweite Satz wird von einer bekannten Oboenmelodie eingeleitet, welche erst später von der Solovioline aufgenommen und variiert wird. Dies führte auch zu einer Kontroverse: So soll sich der Virtuose Pablo de Sarasate geweigert haben, das Konzert zu spielen, da die einzige nennenswerte Melodie nicht dem Solisten, sondern der Oboe vorbehalten sei ... .
Felix Mendelssohn Bartholdy (1809-1847) war wie viele junge Menschen seiner Generation fasziniert von Schottland, von der Geschichte um Maria Stuart und den Romanen von Sir Walter Scott (der u.v.a. die Vorlagen zu den Opern Lucia di Lammermoor von Donizetti, La donna del lago von Rossini, Ivanhoe von Arthur Sullivan, La muette de Portici von Auber lieferte). Als 20 Jähriger bereiste Mendelssohn zum ersten Mal die britischen Inseln. Dabei kam er auch nach Schottland und auf die Hebriden. Die Reise hinterliess beim Romantiker Felix Mendelssohn einen tiefen Eindruck. Während er seine Eindrücke der Fahrt zu den Hebriden relativ schnell musikalisch verarbeitete, nahm die “Schottische” Sinfonie bedeutend mehr Zeit in Anspruch - 13 Jahre lang trug Mendelssohn das Werk in sich, ehe er es in Leizig zur Uraufführung brachte. Die Sinfonie, die eigentlich seine letzte ist (weil die 4. und die 5. Sinfonie erst nach der 3. veröffentlicht wurden), wurde denn auch zum reichhaltigsten seiner sinfonischen Werke. Richard Wagner bescheinigte Mendelssohn, ein ausgezeichneter “Landschaftsmaler” zu sein. Und tatsächlich sieht man beim Anhören seiner “Schottischen” die raue Küstenlandschaft Schottlands vor seinem inneren Auge, trifft auf Lokalkolorit, auf Anlehnungen an Dudelsackklänge, auf wild hereinbrechende Stürme und wähnt sich in der Schauerromantik zerfallender Burgruinen. Allerdings kommt Mendelssohn - im Gegensatz etwa zu Berlioz' Symphonie fantastique - ohne Programm aus, verwebt seine Eindrücke kunstvoll im klassischen Sonatensatz der sinfonischen Tradition.