Winterthur, Stadthaus: TETZLAFF & LAZAROVA; 18.02.2026
Der Violinist Christian Tetzlaff gastiert für drei Konzerte in Winterthur. Am 18. und am 19. Februar spielt er Brahms' Violinkonzert, am 21. Februar steht mit Ondřej Adámeks Konzert für Violine und Orchester Nr. 2 THIN ICE eine Schweizer Erstaufführung auf dem Programm
Werke am 18.2.:
Unsuk Chin: «subito con forza» für Orchester | Uraufführung: 24. September 2020 in Amsterdam unter Klaus Mäkelä
Johannes Brahms: Violinkonzert D-Dur | Uraufführung: 1. Januar 1879 in Leipzig unter der Leitung des Komponisten
Ludwig van Beethoven: Sinfonie Nr. 2 D-Dur, op. 36 | Uraufführung: 5. Aüril 1803 in Wien unter der Leitung des Komponisten
Dieses Konzert in Winterthur: 18. & 19.2.2026
Kritik:
Der faszinierende Geiger Christian Tetzlaff gastiert zum ersten Mal seit zehn Jahren wieder beim Musikkollegium Winterthur und dies gleich mit zwei Programmen. Zuerst spielt er am 18. und 19. Februar das Violinkonzert von Johannes Brahms und am 21. Februar folgt dann die Schweizer Erstaufführung von Adámeks Violinkonzert THIN ICE.
Gestern Abend also Brahms, ein Brahms, der nicht zum behäbigen Zurücklehnen einlud. Tetzlaff bot eine unglaublich packende, geradezu wilde Interpretation von Brahms' einzigem Violinkonzert. Kein Wunder, plädiert er doch für Musik mit „Körperlichkeit“, wie er im launigen Gespräch zusammen mit Gabiz Reichert im Comensoli-Saal des Park Hotels Winterthur verriet. Nicht etwa dass die poetischen Momente vernachlässigt worden wären, weit gefehlt, die waren durchaus vorhanden, wunderschön ausgeführt, jedoch nicht ins Unendliche zerdehnt (wie er in einem kurzen Seitenhieb auf prominente Dirigenten der Vergangenheit anmerkte) oder überzuckert. Tetzlaffs Interpretation des Konzerts zog einen in Bann, war selbstredend technisch von allerfeinster Brillanz und technischer Souveränität, doch war es eine Perfektion gefüllt mit kraftvollem, spannungsgeladenem Ausdruck. Da gab's kaum Momente von „Augenblick verweile doch, du bist so schön“, die Idyllen des ersten Satzes wurden durchaus ausgekostet, aber immer wieder mit dräuender Dramatik unterlegt, ja der Einstieg ins Geschehen gelang gar mit hochdramatischem Aplomb. Das Zusammenspiel mit dem Musikkollegium Winterthur unter der Leitung von Delyana Lazarova (erste Gastdirigentin sowohl der Utah Symphony als auch des BBC Scotish Symphony Orchestra) war ein energiegeladenes Hin und Her, ein Geben und Aufnehmen der Hauptmotive, gepickt mit reflektierenden Passagen. Christian Tetzlaff wählte die Kadenz von Joseph Joachim und brillierte mit feinsten Trillern und phantastischen Läufen. Die wunderbar gespielte Oboenmelodie des zweiten Satzes, über dem sanften Bläserteppich aufsteigend, wurde von der Solovioline wunderschön aufgenommen und weitergesponnen. (Tetzlaff spielt übrigens keine der millionenteuren Stradivaris oder Guarneris, sondern eine neuere „aus Holz“, denn es gebe nur gute oder schlechte Geigen, egal ob sie im 17. oder 18. oder im 21. Jahrhundert gefertigt und mit Pferdeurin behandelt worden waren oder nicht). Durch die von der Dirigentin und dem Solisten differenziert eingesetzten dynamischen Nuancen brach auch in diesem langsamen Satz die Spannung nie ab. Faszinierend gestalteten das Musikkollegium Winterthur und Christian Tetzlaff die „ungarisch“ anmutende Spritzigkeit des Finalsatzes, setzten die kunstvoll eingewobenen retardierenden Momente effektvoll ein, um mit ansteckender Verspieltheit zum lebensbejahenden Abschluss einzubiegen. Für den grossen Applaus des Publikums im praktisch voll besetzten Stadthaussaal bedankte sich Christian Tetzlaff mit dem verinnerlicht gespielten Largo aus Bachs 3. Violinsonate BWV 1005.
Eingebettet war Brahms' Violinkonzert in dessen grosses Vorbild Beethoven: Mal original, mal augenzwinkernd verfälscht. Begonnen wurde mit dem „verfälschten“ Beethoven, nämlich mit Unsuk Chins „subito con forza“, einer begeisternd witzigen Komposition von knapp fünf Minuten Dauer. Man hätte sie gerne zweimal gehört, um alle Beethoven Zitate und deren Aufsplitterung zu erkennen. Ein „schöner“ Fortissimo-Akkord wird schnell in
gläserne Klänge aufgesplittert, in ätherische Verästelungen. Es folgen markante Crescendi, rasante Passagen, akzentuierte Rhythmen; das klingt mal strukturiert, dann wieder verspielt, immer wieder schieben sich vehemente Reibungen rein und eben, wie oft auch bei Beethoven „sforzandi“, also „subito con forza“. Immerhin, das „da-da-da-daah“ des Beginns der Fünften von Beethoven war klar zu erkennen! Delyana Lazarova hielt mit grosser Aufmerksamkeit die Zügel fest in der Hand, schenkte jeder Instrumentengruppe ganz besondere Aufmerksamkeit, wenn deren Passagen prominent hervorzutreten hatten.
Nach der Pause dann Beethovens zweite Sinfonie, ein Werk, das man – nach dieser Aufführung muss man sagen „leider“ - nicht allzu oft im Konzertsaal erleben darf. Bei Beethoven haben sich die Sinfonien mit der ungeraden Nummerierung (die 3., 5., 7,. oder die 9.,) eher etablieren können als die mit den geraden Nummern (mit Ausnahme der „Pastoralen“, der 6. also). Zu Unrecht, wie das Musikkollegium Winterthur und Delyana Lazarova bewiesen. Diese Zweite hat es durchaus in sich; so interpretiert ist dieses Werk des Meisters mehr als würdig. Mit bestechender Klarheit (und eben auch „con forza“) wird der Siegeswille im ersten Satz akzentuiert, die klare Zeichengebung und der zielgerichtete Gestaltungswillen der Dirigentin führen zu einer grandiosen Plastizität und Stringenz. Details werden wunderbar herausgehoben, die Vehemenz führt zu einem kraftvollen Vorwärtsdrängen – ein Sturm-und-Drang-Charakter wird klar erkennbar. Im Larghetto werden exquisite Linien und beschwingte Seitenthemen mit schöner Durchhörbarkeit gestaltet. Voll sprühenden Humors und präziser Attacke wird das Scherzo inklusive Donnergrollens gestaltet. Der Zug ins Heroische wird mit autoritärem Duktus angegangen, doch dieser Finalsatz hat von Beethoven ja auch das Attribut „giocoso“ erhalten und spielerisch, ja gar amüsant verspielt und turbulent kommt die Sinfonie zum beinahe schwindelerregenden, kraftvollen Abschluss. Delyana Lazarova und das Musikkollegium Winterthur wurden zu Recht mit dankbarem Applaus gefeiert.
Werke:
“subito con forza” ist ein etwa fünfminütiges Orchesterwerk der südkoreanischen Komponistin Unsuk Chin (geboren 1961 in Seoul), das im Jahr 2020 uraufgeführt wurde. Das Stück entstand als Hommage an Ludwig van Beethoven anlässlich seines 250. Geburtstags.
Der Titel stammt von einer musikalischen Anweisung, die Beethoven häufig verwendete und übersetzt „plötzlich mit Kraft“ bedeutet. Chin nutzt diesen Begriff als konzeptionellen Rahmen, um Beethovens Vorliebe für abrupte Kontraste und extreme Dynamiksprünge in ihre eigene moderne Klangsprache zu übersetzen.
Johannes Brahms (1833-1897) komponierte nur ein einziges Konzert für Solovioline und Orchester. Auffallend ist auch die gleiche Tonart wie bei Beethovens Violinkonzert, die traditionelle Dreisätzigkeit (schnell – langsam – schnell), die klassische Formgebung mit dem langen ersten Satz und den beiden kürzeren Folgesätzen, die zusammen in etwa die Länge des Kopfsatzes erreichen, ähnlich wie bei Beethoven (und auch bei Bach). Und wie Beethoven geht es auch Brahms darum, den Solopart in ein sinfonisches Gesamtbild einzubetten. Häufig umspielt der Solist begleitend das Orchestergeschehen, aber immer wieder auferlegt Brahms dem Solisten auch die Führung. Für den mit anforderungsreichen Schwierigkeiten gespickten Solopart hatte sich Brahms immer wieder Rat beim Geiger Joseph Joachim geholt. Joachim brachte das Werk auch unter Brahms' Leitung zur Uraufführung. Das Konzert zeigt den sonst oft als sehr ernst und introvertiert bezeichneten Komponisten von einer eher heiteren Seite. Vor allem der Finalsatz mit seinen ungarischen Weisen und dem tänzerischen Charakter unterstreicht diese Heiterkeit. Der zweite Satz wird von einer bekannten Oboenmelodie eingeleitet, welche erst später von der Solovioline aufgenommen und variiert wird. Dies führte auch zu einer Kontroverse: So soll sich der Virtuose Pablo de Sarasate geweigert haben, das Konzert zu spielen, da die einzige nennenswerte Melodie nicht dem Solisten, sondern der Oboe vorbehalten sei ... .
Ludwig van Beethovens (1770-1827) Sinfonie Nr. 2 in D-Dur (op. 36) ist ein kraftvolles Werk des Übergangs, das zwischen dem klassischen Erbe von Haydn und Mozart und Beethovens späterem „heroischen“ Stil steht.
Die Sinfonie wurde zwischen 1801 und 1802 komponiert – einer Zeit, in der Beethoven mit seinem beginnenden Hörverlust kämpfte und das Heiligenstädter Testament verfasste. Trotz dieser persönlichen Krise sprüht das Werk vor Energie und Humor.
Die Sinfonie besteht - wie die meisten Sinfonien von Haydn und Mozart - aus vier Sätzen. Auffallend ist das Larghetto, das für Beethovens Verhältnisse ziemlich lange geraten ist
Die zeitgenössische Kritik reagierte teilweise schockiert; ein Kritiker verglich das Finale gar mit einem „verwundeten Drachen, der nicht sterben will“. Heutzutage wird die zweite Sinfonie Beethovens als entscheidende Wegbereiterin zur monumentalen dritten Sinfonie, der EROICA geschätzt.