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Zürich, Tonhalle: HILARY HAHN & PAAVO JÄRVI; 19.03.2026

Erstellt von Kaspar Sannemann | | Bartok

Hilary Hahn und Paavo Järvi Applausbild 19.3.2026: K. Sannemann

Hilary Hahn spielt Prokofjews erstes Violinkonzert

Werke:

Arthur Honegger: Sinfonie Nr. 2 | Uraufführung: 18. Mai 1942 in Zürich, Leitung: Paul Sacher

Sergej Prokofjew: Violinkonzert Nr. 1 in D-Dur | Uraufführung: 18. Oktober 1923 in Paris, Leitung: Serge Koussevitzky, Violine: Marcel Darrieux

Gustav Mahler: ADAGIO aus der 10. Sinfonie | Uraufführung: 12. Oktober 1924 in Wien unter der Leitung von Franz Schalk (Sätze I und III in der Aufführungsfassung von Ernst Krenek und Alban Berg)

Dieses Konzert in Zürich: 18.3. | 19.3. und 20.3.2026

Kritik: 

Was für drei hochspannende Werke setzte Paavo Järvi zusammen mit dem Tonhalle-Orchester Zürich und der Stargeigerin Hilary Hahn aufs Programm dieser drei Konzerte in Zürich! Alle drei Werke entstanden innerhalb von drei Jahrzehnten in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts (zwischen 1910 und 1941), alle drei Komponisten liessen ihr sehr persönliches Be- und Empfinden in die Kompositionen einfliessen, denn Mahler, Honegger und Prokofjew standen an ganz unterschiedlichen Punkten ihres privaten und professionellen Lebens. Am einfachsten und unbeschwertesten stellt sich die Situation bei Prokofjew dar: Er war 24 Jahre halt, frisch verliebt und äusserst schöpferisch und produktiv. Die innig zarte, lyrische Melodie der Einleitung geht wohl auf seine Liebe zu Nina Mescherskaya zurück. Prokofjew bezeichnete diese Kantilene selbst als eine seiner schönsten Eingebungen. Und tatsächlich, wenn man sie mit so traumhaft schöner Gesanglichkeit und Wärme gespielt zu hören kriegt wie gestern Abend in der Tonhalle Zürich durch Hilary Hahn, spürt man, wie die Liebe direkt in unser Herz fliesst. Hilary Hahn interpretiert diese wunderbare Musik bestechend sauber intoniert, lustvoll, mit herrlich gerundeter Tongebung, mit berückenden Diminuendi und präzisen Pizzicati. Mit verspielter Freude nimmt die Flöte das Hauptthema auf, die Solovioline umspielt es virtuos kommentierend, und am Ende des ersten Satzes wird das Ganze dank des exzellent aufspielenden Tonhalle-Orchesters Zürich unter Paavo Järvis Leitung schlicht zu flirrender Klangmagie. Mit scheinbar unbeschwerter Lockerheit steigt Hilary Hahn in die unermesslichen Schwierigkeiten des zweiten Satzes ein. Dieses rasante Scherzo – Vivacissimo hat es wirklich in sich: Kratzige, komplexe Doppelgriffe, rasante Läufe, virtuoseste Passagen vom Allerfeinsten scheinen für Hilary Hahn keinerlei Probleme darzustellen – atemberaubend! Verschleiert-tänzerisch gelingt dann das Einschwenken in den Finalsatz. Auch hier besticht Hilary Hahn mit der Wärme ihres Spiels und der Kantabilität und der Profundität des Ausdrucks. Wenn das den ersten Satz einleitende Andantino-Thema dann in bebender Erregung wiederkehrt, rundet sich dieses grandiose Violinkonzert, das laut Nathan Milstein das „feinste aller Werke Prokofjews“ sei. Mit der Zugabe wechselte Hilary Hahn am gestrigen Abend vom freudigen D-Dur des Prokofjew-Konzerts zu beseelt vorgetragenem d-Moll in Johann Sebastian Bachs Sarabande aus der 2. Partita BWV 1004. Wunderbar!

Während bei Prokofjew also verliebte Freude und rasante, ja überbordende Verspieltheit herrschen, stellt sich bei der vor der Pause gespielten zweiten Sinfonie von Arthur Honegger die persönliche Situation vollkommen anders dar. Honegger lebte zu der Zeit im von den Nazis okkupierten Frankreich. Mit dem stockenden Thema, das von der Bratsche vorgestellt wird beginnt der traurig-aufwühlende erste Satz. Klagend werden Leid und Wut über die Kriegssituation evoziert. Darunter schlägt jedoch das Herz, der Pulsschlag ruft wie zum Widerstand auf. V,ergeblich, denn Paavo Järvi und das Tonhalle-Orchester Zürich lassen den zweiten Satz, dieses Adagio mesto, berührend dumpf und desillusioniert klagend erklingen, wiederum geht das Seufzen von der Bratsche aus. Auch die langgezogenen Kantilenen der Violinen vermögen kein Licht der Hoffnung aufschimmern zu lassen. Zwar findet eine aufwühlende Steigerung statt, die ist jedoch von kurzer Dauer und wie Järvi und das Orchester dann das Zurücksinken in ersterbendes Verklingen schaffen, ist einfach von überragender Grossartigkeit. Im dritten Satz endlich scheint Hoffnung auf glückenden Widerstand aufzukeimen; die Musik erhält einen marschartigen Gestus, die Streicher finden zu einem hart-gleissenden Klang, der oftmals etwas Mechanisches, Maschinenartiges hat, ja ziemlich trotzig klingt. Effektvoll dringt die Trompete wie ein Fremdkörper in den stürmisch bewegten Streicherteppich ein, verstärkt das choralartige Thema der ersten Violinen. Doch bringen die bitonalen Reibungen und das eher profane Choralthema wirklich Hoffnung oder ist es nur zur Selbstberuhigung konzipiert? Diese Sinfonie wird vom Tonhalle-Orchester unter Paavo Järvi eingespielt – und weitere Werke Honeggers sollen folgen. Spannend!

Ganz persönliches Leid verarbeitete Gustav Mahler in seiner unvollendet gebliebenen zehnten Sinfonie. Immerhin hat er das Adagio vor seinem Tod noch vollständig instrumentieren können. Dieses Adagio, das mit seinem weit ausschwingenden Hauptthema und seinen Dimensionen durchaus etwas an Bruckner erinnert, zeugt von Todesfurcht, Krankheit und Leiden und persönlicher Desillusionierung. Ein gut 25minütiger Abschied von der Welt, durchaus mit pathetischen, manchmal nach meinem Empfinden gar larmoyanten Zügen versehen. Paavo Järvi arbeitet das Hauptthema sehr prominent heraus, auch wenn es mal nur versteckt im Gesamtklang aufschimmert, sorgt für weiche, fliessende Übergänge. Glänzend werfen die Holzbläser ihre spritzig-frechen Passagen ein, der bei Mahler oftmals vorkommende Ausdruck pastoraler Idylle taucht nur noch verschattet auf. Doch knapp zehn Minuten vor dem Ende, trotz der kurzzeitigen Erhabenheit des Blechs, steuert Mahler auf eine durch Mark und Bein gehende, alles und alle zerreissende Dissonanz zu, die Töne scheinen sich loszulösen und nicht mehr aufzulösen – eine Angst vor dem schmerzlichen Tod, ein letztes Aufbäumen, aber auch eine Vorahnung auf die Entwicklung der Musik, die nach ihm kommen wird? Danach folgt nur noch intimes Versinken, zarte Verklärung des Hauptthemas, eine - durch wenige kurze Aufbäumungen des geplagten Körpers unterbrochene - tröstliche Ruhe. Eine Ruhe, die Järvi mit grosser Sensibilität spielen und nachklingen lässt, bevor er die Arme senkt und der dankbare, aber doch auch von der Macht dieses Schwanengesangs Mahlers ziemlich ergriffene Applaus einsetzt.

Werke:

Arthur Honegger (1892-1955) war ein äusserst vielseitiger Schweizer Komponist. Er schloss sich der “Groupe des Six” an, einem losen Zusammenschluss von Komponisten (dem u.a. auch Poulenc und Milhaud angehörten), welche das gemeinsame Ziel hatten, den spätromantischen Stil (konkret wagnerscher Ausprägung), sowie den Impressionismus zu überwinden und mehr zeitgenössische Musik aus dem Unterhaltungsbereich in ihre Werke einfliessen zu lassen. Honegger komponierte neben Opern (ANTIGONE), szenischen Oratorien (LE ROI DAVID, JEANNE D'ARC AU BÛCHER), spektakulären Orchesterwerken (RUGBY, PACIFIC 231) auch fünf Sinfonien. Seine zweite Sinfonie (nur für Streichorchester geschrieben, mit einer Trompete als Verstärkung der melodieführenden Violinen im dritten Satz) entstand im von Hitlers Wehrmacht besetzten Frankreich 1941. Honegger fühlte sich der französischen Résistance tief verbunden. Von dunkel gefärbter, schmerzerfüllter Trauer durchwoben klingt der erste Satz, zeigt aber im Verlauf auch einen Willen zurm Kampf. Dieser Wille wird im erneut seufzerartigen zweiten Satz wieder zurückgebunden. Erst der Finalsatz spült dann wieder den Optimusmus an die Oberfläche und die choralartige Melodie mit der erwähnten Trompetenverstärkung setzt ein Zeichen der Hoffnung. Das Werk ist dem Schweizer Mäzen und Dirigenten Paul Sacher gewidmet, der die Uraufführung der zweiten Sinfonie Honeggers dann auch in Zürich selbst leitete.

Sergej Prokofiew (1891-1953) komponierte zwei Violinkonzerte, die beide zu seinen stärksten Kompositionen gehören. Obwohl Prokofjew in erster Linie Pianist war, hatte er sich ausgiebig mit der Violintechnik auseinandergesetzt. Sein erstes Violinkonzert ging aus Arbeiten hervor, die er 1915 noch in Russland begonnen hatte (ein Concertino mit einer lyrischen Eingangsmelodie). Diese lyrische Melodie im 6/8 Takt eröffnet denn auch das Konzert, kontrastiert mit einem virtuos-heftigen, ans Groteske grenzenden Seitenthema. Beinahe schockierend grob prasselt das Vivacissimo-Scherzo des zweiten Satzes auf die Hörer*innen ein und verlangt von der Solistin höchste technische Schwierigkeiten ab. Im dritten Satz findet Prokofjew zu eleganter Kantabilität zurück und schliesst den grossen Bogen mit dem Wiederauftauchen des lyrischen Themas des Beginns. Für die Besucher*innen der Uraufführung war das erste Violinkonzert Prokofjews wohl noch zu sehr mit Romantismen durchwoben und deshalb nur ein mässiger Erfolg; der Zeitgeschmack strebte nach musikalischen Schockerlebnissen. Bemerkenswert war hingegen die russische Erstaufführung: Nathan Milstein spielte den Solopart, ein Orchester gab es nicht, sondern kein geringerer als Vladimir Horowitz übernahm den Orchesterpart am Klavier. Nathan Milstein sagte später: “Wenn man einen Horowitz hat, braucht man kein Orchester." 

Gustav Mahler (1860-1911) konnte seine 10. Sinfonie nicht vollenden. Als er sie begann, steckte Mahler in einer tiefen Lebenskrise. Seine Frau Alma hatte sich vernachlässigt gefühlt und ein Verhältnis mit dem jungen Architekten Walter Gropius begonnen. Die gesundheitlichen Probleme Gustav Mahlers (doppelter Herzklappenfehler) machten sich immer stärker bemerkbar. Im Februar 1911 dirigierte er sein letztes Konzert in New York, erkrankte an einem bakteriellen Infekt am Herzen und reiste über Paris nach Wien zurück, um sich behandeln zu lassen. Doch die Ärzte konnten nichts mehr für ihn tun. Im Mai verstarb Mahler, ohne nochmals an der 10. Sinfonie gearbeitet zu haben. Er hinterliess einige Skizzen, nur das einleitende Adagio war einigermassen ausgearbeitet und lag immerhin im Partiturentwurf vor. Die Sätze II und III waren als Particell und teilweise im Partiturentwurf vorhanden, die Sätze IV und V lagen nur im Patricell (Skizzen auf wenigen Notensystemen) vor. Erahnen lässt sich daher der Grundduktus der Sinfonie, die von Todesahnung, ja Todesgewissheit und Verhöhnung des Todes zu sprechen scheint. Die weiten Intervalle des einleitenden Adagio, das immer wieder stockende Fliessen der Melodik und der expressive Charakter dieser Musik scheinen von wissendem Sterben zu erzählen. Dieses Adagio ist unterdessen in den Kanon der Werke Mahlers eingegangen und im Repertoire diverser Orchester angekommen. Es wurden auch mehrere Versuche unternommen, die Sinfonie zu vervollständigen, die bekannteste stammt vom britischen Musikwissenschaftler Deryck Cooke. Bernstein lehnte diese zwar ab, doch andere Dirigenten führten sie auf, Eugene Ormandy z.B. spielte sie mit seinem Philadelphia Orchestra 1973 auf Schallplatte ein.

Karten

 

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