Zürich, Tonhalle: ADÈS, SCHOSTAKOWITSCH, RACHMANINOW; 18.09.2025
Saisoneröffnungskonzert mit Sol Gabetta (Fokus-Künstlerin). Werke von Thomas Adès (Creative Chair), Schostakowitsch und Rachmaninow. Leitung Paavo Järvi
Werke: Thomas Adès: DAWN, Chaconne für Orchester "at any distance" | Uraufführung: 31 August 2020 in der Royal Albert Hall, London mit dem London Symphony Orchestra unter Sir Simon Rattle | Dmitri Schostakowitsch: Cellokonzert Nr. 2 g-Moll op. 126 | Uraufführung: 25. September 1966 in Moskau, Solist: Mstislav Rostropowitsch | Sergej Rachmaninow: Sinfonie Nr. 2 e-Moll op. 27 | Uraufführung: 26. Januar 1908 in Moskau, unter der Leitung des Komponisten | Dieses Konzert in Zürich: 17.9. | 18.9. | 19.9.2025
Kritik:
Auf sehr sympathische Art wurde das Publikum gestern Abend von der neuen Verwaltungsratspräsidentin der Tonhalle-Gesellschaft Zürich AG, Hedy Graber, und der Intendantin Ilona Schmiel zur 157. Saison des Tonhalle-Orchesters Zürich begrüsst. Ilona Schmiel stellte kurz das Programm dieses Eröffnungskonzerts vor und nannte es programmatisch „pars pro toto“. Bezogen auf die einzelnen Werke war damit gemeint, dass die Konzerte des Tonhalle-Orchesters Zürich auch diese Saison Kontinuität und Entwicklung versprechen. Mit dem Komponisten Thomas Adès nimmt ein hoch interessanter und gefeierter zeitgenössischer Komponisten auf dem CREATIVE CHAIR Platz, mit der FOKUS KÜNSTLERIN Sol Gabetta wird die Kontinuität der Zusammenarbeit mit hochkarätigen Solist*innen (später in der Saison kommt noch Kirill Gerstein dazu) fortgeführt.
Den Auftakt machte Thomas Adès' Komposition DAWN. Das den Sonnenaufgang in der Form einer Chaconne (wiederkehrende Basslinie) perpetuierende Werk beginnt mit einem markanten Pizzicato-Schnalzer und crescendiert danach in einer repetitiven Art fast unhörbar über dem ostinaten Dreiklang des Cimbaloms. Die Musik erhält so einen meditativen Charakter, ja entwickelt einen regelrechten Sog oder gar eine Sucht nach immer stärker besetztem Orchesterklang. Adès befriedigt kompositorisch diese Hörerwartung und das Tonhalle-Orchester Zürich unter der souveränen, das Zeitmass wunderbar einhaltenden Leitung seines Chefdirigenten Paavo Järvi verleiht dem kurzen Werk einen glanzvollen, ja erhebenden Hoffnungsschimmer, der durch die herrliche, farbenreiche Instrumentation des Komponisten (inklusive imposanter Glockenschläge gegen Ende) seine Wirkung nicht verfehlt. Der anwesende Komponist durfte begeisterten Applaus von Seiten des Publikums entgegennehmen.
Bei Schostakowitschs zweitem Cellokonzert hingegen ist meditatives Zurücklehnen nicht angesagt. Die Komposition hatte Schostakowitsch ja zur Feier seines 60. Geburtstags angefertigt. Doch nach dem relativen „Tauwetter“ in der Sowjetunion unter Chruschtschow hielten unter Breschnew wieder härtere Gangarten bezüglich Kultur und Gesellschaft in der UdSSR Einzug. Schostakowitsch war ja immer auch ein politischer Künstler gewesen. Man spürt dem Werk an, dass der Komponist alles vermeiden wollte, um nicht eine erhebende, den Machthabern gefällige Huldigung an den erwarteten „Sozialistischen Realismus“ zu präsentieren. Sol Gabetta bringt dieses Ausscheren aus dem von den Repräsentanten des Regimes erhofften Verlauf mit einer fantastischen Fokussierung auf das Widerborstige, Widerspenstige, Zerklüftete der Komposition zum Ausdruck. Sie zeigt mit ihrer Interpretation, wie viel Trauer und auch Wut in dem Komponisten steckte, der zwar nach der schwierigen Stalin-Ära vom System mehrfach ausgezeichnet worden war, aber doch nie frei sein durfte. Kurze, wie angerissen aufblitzende Passagen des Solocellos werden unterbrochen von grellen Einwürfen der Bläser, mit feiner Intonation erklingen die reibenden Doppelgriffe, wie mit Kanonenschüssen unterbricht die grosse Trommel die vertrackte Solokadenz, manchmal scheint das Cello wie beleidigt zu „schnurren“. Im zweiten Satz, der auf einem Thema eines ukrainischen Volkslieds fusst, kehrt keine Heiterkeit ein, eher eine makabere Groteske. Der mit Glissandi akzentuierte Rhythmus wird von Orchester und Solistin mit enormer innerer Spannung versehen, die Fanfare wirkt wie die Prozession zu einer Hinrichtung. Düsternis allüberall. Allerdings versucht das Cello mit einer schlichten, barocken Melodie und Trillern dagegen zu halten, rast irrwitzig durch eine Kadenz mit Tamburin-Begleitung. Noch einmal bietet das Orchester alles an Fortissimo und Schlagzeug auf, inklusive peitschendes Knallen des Holzblocks – allein, das Cello hat nur abgerissene Seufzer übrig, Sein Stimme verstummt. Das ist vom Tonhalle-Orchester Zürich ungemein faszinierend und erschütternd umgesetzt und von Sol Gabetta werden diese zerrissenen, suchenden Melodiefetzen mit bewegender Ausdruckskraft intoniert. Es ist politische und persönliche Musik mit Relevanz! Als Zugabe beglückte Sol Gabetta mit einer Komposition von Manuel de Falla, „Nana“ aus den SIETE CANCIONES ESPAÑOLAS. Mit wunderbarer Wärme und Zartheit und dezent begleitet vom Vibraphon spielte sie dieses Lullaby. Dies war nach der angestrengten und anstrengenden Konzentration auf das intensive, aufrüttelnde Konzert Schostakowitschs eine äusserst willkommene Entspannung.
Nach der Pause dann eine spätromantische Sinfonie, Rachmaninows Zweite, die erstaunlicherweise (nach den Angaben im Programmheft) erst zweimal in den Programmen des Tonhalle-Orchesters erklungen war, 1979 unter Jan Krenz und am 2. September diesen Jahres anlässlich des Auftritts des Orchesters beim Enescu Festival in Bukarest mit Paavo Järvi. Der erste Satz, der die elegische Stimmung der russischen Seele aus dem tiefen Grummeln der Celli, der Bässe aufsteigen lässt und dann schnell zu epischer Breite findet, mag Rachmaninow etwas lang geraten sein, da der kompositorische Einfallsreichtum hier etwas begrenzt wirkt. Nichtsdestotrotz freut man sich an berückenden Passagen der Solovioline des Konzertmeisters Andreas Janke, an herrlich gespielten, martialischen Passagen des Blechs und am eindrücklichen Donnergrollen, das den Satzschluss einleitet und zu einem überwältigenden WOW-Effekt führt. Der zweite Satz, der einem Scherzo ähnelt, allerdings im 2/2 Takt und im zweiten Thema an Tschaikowsky erinnert, rauscht in rasantem Tempo vorbei, die Streicher des exzellent spielenden Tonhalle-Orchesters Zürich werfen sich mit stupender Vehemenz in die irrwitzig schnellen Passagen, der Trio-Teil gerät zu einem wilden, diabolischen und mitreissenden Ritt. Was danach folgt, ist pures Glück: Das Adagio-Hauptthema ist eine von Rachmaninows genialsten Einfällen. Das lange Klarinetten-Solo greift das von den Streichern zuerst vorgestellte Thema mit berührender Farbgebung auf, Paavo Järvi führt das blendend spielende Orchester zu zwei effektvollen Kulminationspunkten mit Gänsehaut-Charakter, bevor alle zusammen freudig, ja beinahe schon exaltiert in den Finalsatz einbiegen, ein Satz voll positiver Stimmung, eine lichtdurchflutete Idylle. Noch einmal bietet die Solovioline kurz das erhebende Adagio Thema an, danach dreht und schraubt sich die Musik im Fortissimo nach oben und endet in einer knalligen, effektvollen Apotheose.
Heute Abend noch einmal zu erleben in der Tonhalle Zürich!
Werke:
Der britische Komponist THOMAS ADÈS (geboren 1971) gehört zu den erfolgreichsten Komponisten der Gegenwart, er wurde mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Ernst-von-Siemens Musikpreis, dem Preis der Osterfestspiele Salzburg und dem Royal Philharmonic Music Award. Er ist Ehrenmitglied der American Academy of Arts and Letters. Grossen Erfolg feierte er mit seinen Opern POWDER HER FACE und THE TEMPEST. Sein Orchesterstück DAWN ist konzipiert für Orchester verschiedener Grössen. Aus einer ruhigen Folge von Ostinato-Figuren und Akkorden breitet sich eine grosse, kontemplative Ruhe aus, ganz langsam, fast unmerkbar, steigert und intensiviert sich der Klang stetig, kommen weitere Stimmen dazu. Adès gelingt es darin, auf beschauliche Art die Dämmerungsstimmung zu evozieren. Herrliche Musik von eingängiger Schönheit!
DMITRI SCHOSTAKOWITSCH (1906-1975) erholte sich nach einem Schlaganfall Anfang 1966 auf der Halbinsel Krim und vollendete dort sein zweites Cellokonzert, das er - wie sein erstes - dem Cellisten und Freund Mstislav Rostropowitsch widmete, der es dann auch zur Uraufführung in Moskau brachte. Schostakowitsch war zwar zu dieser Zeit in der UdSSR wieder einigermassen rehabilitiert, nachdem er in der Stalin-Ära in Ungnade gefallen war und sich nur dank - vermeintlicher - Anbiederung an die künstlerischen Vorgaben der Partei dem Gulag entziehen konnte. Im Jahr 1966 feierte Schostakowitsch auch seinen 60. Geburtstag und zu diesem Anlass wurde die Uraufführung des 2. Cellokonzerts anberaumt. Doch die Parteibonzen waren zeimlich konsterniert, als sie nicht einem fröhlich, heiteren Werk, das den sozialistischen Realismus feierte, beiwohnen konnten, sondern eine Komposition voller Resignation und Abschied über sich ergehen lassen mussten. Im ersten Satz erklingen Fetzen aus früheren Werken des Komponisten, der Satz hat eine Art “Ruinen”-Charakter. In der Solokadenz wird das Cello immer wieder von dumpfen Trommelschlägen unterbrochen. Im zweiten Satz zitiert Schostakowitsch ein Lied aus Odessa, das er bereits vierzig Jahre zuvor in seiner Oper DIE NASE verwendet hatte. In der Oper ein zweideutiges Lied: Bietet die Sängerin Backwaren oder sexuelle Dienstleistungen dar? Im nahtlos folgenden dritten Satz versuchen Fanfaren vergeblich, das Cello zu heroischen Kantilenen anzustacheln. Das Cello bleibt verträumt zurück. Das Volksliedthema wird ins Groteske gedreht, das Konzert verklingt stockend, wie tröpfelnd, intovertiert (Holzblock, Xylofon und Solocello) und ohne jegliche Final-Effekthascherei!
SERGEJ RACHMANINOV (1873-1943) wollte nach dem Misserfolg seiner ersten Sinfonie das Komponieren beinahe aufgeben. Er verfiel in eine Depression, aus welcher ihm eine Hypnosetherapie verhalf wieder zu seiner Arbeit zurückzukehren. Die zweite Sinfonie entstand in Dresden, wohin er sich nach der anstrengenden Arbeit als Dirigent am Bolschoi Theater in Moskau zurückgezogen hatte, um wieder mehr Zeit zum Komponieren zu haben. Die Sinfonie hat eine beachtilche Spieldauer von 60 Minuten, doch entstanden im Verlauf der Jahre immer wieder gekürzte Fassungen, die zum Teil nur 35 Minuten dauern. In dieser Sinfonie, die neben den Klavierkonzerten zu seinen meistgespielten Werken zählt, begeistern Rachmaninows reichhaltige Orchestrierungskunst, die elegischen Melodiebögen und die kunstvoll gearbeiteten Fugati.
Einige Themen fanden ihren Weg in die Filmmusik (Birdman von Alejandro González Iñárritu, mit Michael Keaton, Emma Stone, Edward Norton, vier Oscars) und Jazz- und Popsongs (wie Never gonna fall in love again, von Eric Carmen). Die Sinfonie wurde vom Musiker Alexander Warenberg gar zu einem Klavierkonzert (Rachmaninow's 5th) umgearbeitet.