Zürich, Opernhaus: LA DAMNATION DE FAUST; 14.05.2026
Konzertante Aufführung von Berlioz' meisterhafter Légende dramatique mit Saimir Pirgu, Stanislav Vorobyov und Elīna Garanča. Leitung: Yves Abel
Dramatische Legende in vier Teilen | Musik: Hector Berlioz | Libretto: Gérard de Nerval, Almire Gandonnière, Hector Berlioz | Uraufführung: 6. Dezember 1846 in Paris (konzertant) | Aufführungen in Zürich: 10.5. | 14.5. und 17.5.2026
Kritik:
Der Versuch, die romantische Seele des Künstlers (oder des Mannes ganz allgemein) mit musikalischen Mitteln zu erforschen, zieht sich wie ein roter Faden durch Berlioz' Schaffen. In seiner frühen SYMPHONY FANTASTIQUE schreitet der „Held“ durch einen albtraumhaften Roman, in LÉLIO spielt sich ein lyrisches Melodram ab, ebenso in HAROLD EN ITALIE und natürlich auch in seinen beiden FAUST-Vertonungen, seinen HUIT SCÈNES DE FAUST von 1829 und der 1846 uraufgeführten Légende dramatique LA DAMNATION DE FAUST wandelt Faust als melancholischer Romantiker im Stile Lord Byrons durch die Szenen, mal offen für Abenteuer, mal larmoyant und voller suizidaler Gefährdung. Selbst der Aeneas in Berlioz Monumentaloper LES TROYENS ist eigentlich ein „müder“ Held.
Gestern Abend nun stellte im Opernhaus Zürich Saimir Pirgu diesen von Lebensmüdigkeit geprägten, an vielem zweifelnden Mann dar. Nur schon mit der wunderbaren, raumfüllenden stimmlichen Emphase, mit welcher er nach den kurzen Einleitungstakten fast ein wenig verschüchtert auftrat und die Ruhe der Natur besang, die Einsamkeit lobpries, vermochte für den von ihm dargestellten Charakter einzunehmen. Wie herrlich blühte doch seine Stimme auf, als das Orchester die eingängige Phrase im verdichteten Klang wiederholte, da war man schon mal hin und weg. Im weiteren Verlauf des Abends setzte er stilgerecht oftmals die Voix mixte ein, diese Gesangstechnik, welche die Resonanzräume von Brust- und Kopfstimme auf eine geschmeidige Art verbinden soll. Dies gelang ihm stellenweise nicht mit letzter Stimmschönheit, doch ist es dem wunderbaren Sänger zugute zu halten, dass er nie ins forcierte Brüllen verfiel, um die Töne publikumswirksam zu erreichen. Manche Zuhörer*innen sind wohl angesichts vieler heutiger „Brüll - Tenöre“ nicht mehr so vertraut mit dieser Stimmtechnik, so dass Pirgu am Ende etwas weniger an enthusiastischem Beifall zu spüren bekam als seine Partner und die Partnerin. Im zweiten Teil, der in Norddeutschland spielt, begeisterte Pirgu mit sanften, berührenden Piani und schön gerundeter, dynamisch subtiler Phrasierung, ein wirkungsvoller Kontrast zu den Osterhymnen (Christ vient de ressusciter) des Chors. Für mich persönlich war Pirgus Interpretation der Invocation à la Nature der vokale Höhepunkt seiner Leistung an diesem Abend. Das war durch und durch fesselnd gestaltet und zusammen mit dem differenziert und farbenreich kommentierenden Orchester der Oper Zürich unter der umsichtigen, mitreissenden und dramatisch zupackenden Leitung von Yves Abel ein Hochgenuss. Optisch auffallend war die frappierende Ähnlichkeit Saimir Pirgus mit dem von Charlie Sheen gespielten Charakter des Charlie Harper in der US-Sitcom TWO AND A HALF MEN. Als alter Serienjunkie stach mir dies sofort ins Auge. Und wie in der Serie gab es viel zu schmunzeln in dieser konzertanten Aufführung, in welcher die Protagonisten und die Protagonistin zwar ohne Bühnenbild auskommen mussten, aber mit durchaus staunenswerter Intensität und Glaubwürdigkeit ihre Rollen zu prallem Leben erweckten. Die stellvertretende Operndirektorin/Castingreferentin am Opernhaus Zürich, Natascha Ursuliak, hatte für diese dezent-amüsante szenische Einrichtung Sorge getragen. So konnte Pirgu also eine Schnute ziehen, wie Charlie Harper, wenn ihm etwas nicht passte, konnte der Méphistophélès von Stanislav Vorobyov den Faust mit einem Klaps auf den Allerwertesten in die Gänge bringen oder sich in seinem Chanson Une Puce gentille genüsslich einen Floh aus dem Haar klauben und zur blasphemischen, vom herrlich singenden Amin Ahangaran (was für ein prachtvoller, stimmschöner Bass!) angestimmten Amen-Fuge an der Schulter Fausts einschlafen. Elīna Garanča schwebte gleich eines Engels in ihrem weissen Abendkleid bei ihrem ersten Auftritt über den schmalen Laufsteg vor dem Orchester. Die Mimik der drei Sänger und der Sängerin konnten Bände sprechen; man vermisste weder Kostüme noch Bühnenbild. Zwar werden seit einer Aufführung in Monte-Carlo 1893 immer wieder Versuche unternommen, LA DAMNATION DE FAUST als veritable Oper mit Bild, Licht und Kostümen in Szene zu setzen (im Jahr 2000 konnte man eine bildgewaltige Inszenierung am Opernhaus Zürich erleben), doch der gestrige Abend hat deutlich gezeigt, dass eine konzertante Aufführung viel intensiver zu wirken vermag, als eine szenische Verdoppelung der Musik oder gar eine unpassend darüber gelegte Folie des Regietheaters.
Die zweite Hauptfigur der Oper, der Méphistophélès, wurde also von Stanislav Vorobyov gesungen – und wie! Mit seiner stimmlichen Agilität, seinem geradezu exemplarisch sanften Tonansatz, seinem zwar voluminösen, aber doch schlank geführten Bass, vermochte er die Rolle des durchtriebenen Teufels, Verführers und Einflüsterers hervorragend zu gestalten, das Abgründige der Figur hinter der Fassade des Humoristischen, Kumpelhaften zu verstecken. Eine reife Leistung! Die fabelhaft singenden Chöre (Chor der Oper Zürich und die SoprAlti, einstudiert von Klaas-Jan de Groot), waren als Osterpaziergänger, Landleute, Soldaten, trinkfeste Studenten, Geister und höllische und himmlische Heerscharen (vom 2. Rang herab) stark gefordert, ebenso wie das mal grandios schmissig (Marche hongroise), dann wieder impressionistisch schwebend und irrlichternd (Menuet des follets) spielende Orchester der Oper Zürich unter Yves Abel. Immer wieder blitzten in der meisterhaft orchestrierten Partitur Berlioz' begeisternd ausgeführte solistische Leistungen auf (vier Violinen zu den himmlischen Chören, Englischhorn zur Romance der Marguerite). Dies alles verkürzte die gespannt ausgehaltene Wartezeit und steigerte die Vorfreude auf den Auftritt der Mezzosopranistin Elīna Garanča als Marguerite. Elīna Garančas herrlich strömende Stimme passte perfekt zur Marguerite. Mit einem stimmlichen Glanz, der fein und sauber im Ansatz war, sich herrlich im Raum auszubreiten vermochte, auch mit einer ganz kleinen Prise des Herben timbriert war, zeichnete Elīna Garanča das Porträt einer Frau, die schon einiges erlebt, aber „den Richtigen“ noch nicht gefunden und trotzdem nicht verlernt hat zu träumen. Sowohl im Chanson gothique Le Roi de Thulé, im Duett mit Faust und im Terzett mit Faust und Méphistophélès, als auch in der grossen Romance D'amour l' ardente flamme begeisterte Elīna Garanča mit ihrer Stimmschönheit und der ihr eigenen, überragenden Gestaltungskraft.
Fazit:
Berlioz, der als zweitem Broterwerb auch dem Metier des scharfzüngigen Musikkritikers frönte, war bekannterweise kein Freund der Allüren von Gesangsstars. Er schrieb einmal: "Ein Sänger oder eine Sängerin, fähig auch nur sechzehn Takte gute Musik mit natürlicher, gut sitzender, sympathischer Stimme zu singen, und zwar ohne Überanstrengung, ohne Verstümmelung des Ausdrucks, ohne Plattheit, Effekthascherei oder Geziertheit, ohne Sprachfehler, ohne bedenkliches Portamento, ohne Hiatus, ohne freche Änderung von Text oder Tonart, ohne Glucksen, Bellen oder Meckern, ohne falsche Einsätze, verbogene Rhythmen, lächerliche Verzierungen, schändliche Appogiaturen, mit einem Wort, so zu singen, dass die vom Komponisten geschriebene Musik verständlich wird und einfach das bleibt, was sie nach ihrem ursprünglich notierten Sinn war – ein solcher Sänger, eine solche Sängerin ist ein seltener, ein sehr seltener, ein ausserordentlich seltener Paradiesvogel."
Die Zürcher Besetzung vereinigte nun vier solcher Paradiesvögel auf der Bühne – also hingehen. Es gibt jedoch nur noch eine einzige Vorstellung, nämlich am nächsten Sonntagnachmittag – man muss sich beeilen, denn die Aufführung ist schon stark gebucht.
Inhalt:
Faust erwacht in der Puszta-Landschaft Ungarns. Er preist den Frieden und die Einsamkeit und singt einen Hymnus auf den Frühling. Weder die fröhlichen Gesänge der Bauern noch der mitreissende Rakoczy-Marsch vermögen Faust aus seiner Schwermut zu reissen.
In seinem Arbeitszimmer führt Faust einen Giftbecher zum Mund. Das Ostergeläute erklingt, Engelsstimmen singen vom Auferstandenen. Faust ist seltsam berührt: „Die Erde hat mich wieder....“ Mephisto erscheint und führt ihn in Auerbachs Keller. Doch die drolligen Trinklieder der Studenten beeindrucken Faust nicht. Am Ufer der Elbe ruft Mephisto Luft- und Erdgeister herbei. Diese erschaffen für Faust ein bezwingendes Traumbild von überirdischer Schönheit und Kraft. Darin sieht Faust Margarethe. Mephisto führt ihn zu ihr. Faust verbirgt sich hinter einem Vorhang. Margarethe singt das Lied vom „König von Thule“. Mephisto ruft die Irrlichter herbei. Es folgt das grosse Liebesduett Faust-Margarethe, begleitet vom Spott Mephistos.
Den letzten Teil leitet die grosse Arie der von Faust verlassenen Margarethe D'amour l'ardente flamme ein, gefolgt von Fausts Anrufung an die Natur. Mephisto schildert Faust die bevorstehende Hinrichtung Margarethes. (Sie hat ihre Mutter umgebracht.) Falls Faust sich ihm komplett verschreibt, will Mephisto die Vollstreckung verhindern. Am Ende durchleben wir die aufwühlend-grandiose Höllenfahrt Fausts, kontrastiert von Engelsstimmen, welche Margarethe Erlösung verheissen.
Werk:
Hector Berlioz (1803-1869) wollte ursprünglich eine der damals üblichen Grand Opéras schaffen. Tatsächlich enthält seine Faust-Version alle dafür notwendigen Ingredienzen: Grosse Chöre, tableauartige Szenen, immenser Aufwand an orchestralen und vokalen Mitteln, vielfältige Schauplätze, tänzerische Intermezzi. Durch den Verzicht auf eine geschlossene, dramaturgisch durchgearbeitet aufgebaute Handlung entstanden jedoch nicht eine Oper im herkömmlichen Sinne, sondern bezwingend intensiv durchgestaltete, epische Einzelbilder, eine Art Kolossalgemälde, aufgeteilt in kontrastreiche, ungemein fortschrittlich und exzessiv instrumentierte musikalische Szenen mit hoch illustrativer Erzählkraft.
„Ich betrachte dieses Werk als eines der besten, die ich hervorgebracht habe ...“ , schrieb Berlioz in seinen Memoiren. Trotzdem führte die Uraufführung an der Opéra-Comique in Paris zu einem finanziellen Desaster für den Komponisten. Zu seinen Lebzeiten wurde das Werk (nach nur zwei Aufführungen) kaum gespielt. Erst 1893 folgte in Monte Carlo eine erste szenische Aufführung. Doch bis heute sind szenische Aufführungen von Berlioz' Werk (ganz im Gegensatz etwa zu Gounods FAUST oder Boitos MEFISTOFELE) selten geblieben.
Von mir besuchte Aufführungen von LA DAMNATION DE FAUST in Zürich:
09.04.1983 in der Tonhalle: ML: Ralf Weikert, Faust: Alain Vanzo, Marguerite: Ann Marray, Méphistophélès: Samuel Ramey
19.12.2000 im Opernhaus: ML: Philippe Auguin, Inszenierung: Erwin Piplits, Faust: Zoran Todorovich, Marguerite: Liliana Nikiteanu, Méphistohélès: Egils Silins
11.12.2003 in der Tonhalle: ML: Charles Dutoit, Faust: Jerry Hadley, Marguerite: Ruxandra Donose, Méphistophélès: Willard White