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Zürich, Opernhaus: COSÌ FAN TUTTE; 07.07.2026

Erstellt von Kaspar Sannemann | | Cosi fan tutte

Applausbild, 07.07.2026: K.Sannemann

Roberto González-Monjas leitet das Musikkollegium Winterthur in der Erfolgsproduktion von Kirill Serebrennikov, u.a. mit Elbenita Kajtazi, Siena Licht Miller, Yannick Debus, Bogdan Volkov, Rebeca Olvera und Luca Pisaroni

Dramma giocoso in zwei Akten | Musik: Wolfgang Amadeus Mozart | Libretto: Lorenzo da Ponte | Uraufführung: 26. Januar 1790, Burgtheater Wien | Aufführungen in Zürich: 3.7. | 7.7. | 9.7. und 12.7.2026

Kritik:

Mozarts Dramma giocoso COSÌ FAN TUTTE kommt einem oftmals lange, sehr lange vor (Spieldauer inklusive Pause 210 Minuten) – und trotz der bezaubernden musikalischen Einfälle etwas betulich und langatmig. Nicht so in dieser Erfolgsproduktion aus dem Jahr 2018 am Opernhaus Zürich, die unter widrigsten Umständen entstanden war. Der Regisseur Kirill Serebrennikov durfte trotz des Vertrags mit dem Opernhaus Zürich seine Wohnung in Moskau nicht verlassen, da er aufgrund einer rein politisch motivierten Anklage der russischen Justiz unter Hausarrest stand. Somit übernahm damals sein Mitarbeiter Evgeny Kulagin mittels Videokonferenzen mit dem in der Wohnung eingesperrten Regisseur die Umsetzung von Serebrennikovs ideenreicher, turbulenter Produktion.

Seit der Premiere vor acht Jahren hat die Produktion nichts an erfrischender Leichtigkeit, Sexappeal und Stimmigkeit eingebüsst – der Abend ist in keinem Moment zu lang (obwohl im Schlussbild gar noch zusätzliche Musik aus Mozarts DON GIOVANNI und NOZZE DI FIGARO eingefügt wurde), im Gegenteil, die rasante Komödie zieht wie im Flug vorbei, ganz grosse Inszenierungskunst, leichtfüssig, aber nie platt.

Serebrennikovs Ideenreichtum scheint unerschöpflich und er schafft es, dass die Geschichte erstmals glaubhaft wirkt. Denn in traditionellen Inszenierungen von COSÌ FAN TUTTE fragt man sich ja immer, warum die beiden Damen so doof sind und ihre verkleideten Liebhaber trotz aufgeklebter Bärte nicht erkennen. Das ist diesmal ganz anders, denn Ferrando und Guglielmo sterben (vermeintlich) und sind von nun an für die beiden Schwestern Fiordiligi und Dorabella nur mehr als elektronische Avatare sichtbar, ihre Stimmen ertönen quasi aus dem Jenseits (wie im Film GHOST – NACHRICHT VON SAM). Am Ende tauchen sie dann bei der Hochzeit wieder auf, jedoch erscheint alles ganz irreal, die Paare finden nicht mehr zueinander. Dazwischen läuft ein erotisches, kurzweiliges Spiel mit vielen Wendungen ab, von den beiden Scheichs, die sich auf dem Sofa vor dem Fernseher fläzen und Fussball gucken (es läuft ein Spiel der Schweizer Nati – wie passend ausgerechnet am Abend dieses denkwürdigen 7. Juli anlässlich der WM in Kanada) bis zur Hochzeit mit den beiden neuen Liebhabern in einer Moschee voller Orientteppiche (Kompliment an die Technik und die Bühnenarbeiter für die perfekte, schnelle Verwandlung der zweigeschossigen Wohnung in die luftige Moschee.

Kurzweilig, rasant, ja stellenweise geradezu überbordend geht es zu und her in diesem fantastischen Bühnenbild, das ebenso wie die häufig auf offener Bühne gewechselten Kostüme von Kirill Serebrennikov entworfen worden war. Fiordiligi hat in ihrem Schlafzimmer wortwörtlich mehr unter dem Kreuz zu leiden, das sie zu tragen hat, als ihre Schwester Dorabella, welche sich ihrem neuen Liebhaber relativ schnell und offen zuneigt. Die Inszenierung ist reich ausgestattet mit Ideen, Spiellust, Charakterzeichnung, Komik und spannungsgeladener Emotion. Manch einer/eine der Zuschauer*innen wird sich in den Figuren selbst wieder entdecken. Das Licht (Franck Evin), das wieder aufflackernde Feuer der Kremationen der beiden Soldaten Ferrando und Guglielmo in ihren Gruften und der Zustand der beiden Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs in dieser Nacht der lebenden Toten lassen für die Zukunft der Beteiligten nichts Gutes ahnen. 

Als durchaus voyeuristischer Beobachter - denn es geht auch erotisch ganz ordentlich zur Sache – sitzt man jedoch gebannt im Sessel und wird zum Nachdenken über das Wesen der Liebe angeregt, über Verletzbarkeit und Egoismus des Verlangens, über Karussellfahrten der Gefühle. Und zu Recht korrigiert Don Alfonso am Ende den von ihm an die Wand gesprayten Slogan „Così fan tutte“ in „Così fan tutti“, denn die Männer sind keinen Deut besser, wenn es um Treue und erotisches Verlangen geht. 

Ausser der quirligen, wunderbar komisch agierenden und fantastisch singenden Rebeca Olvera (mal Psychiaterin, mal Doktor, mal islamischer Prediger) als Despina waren fast alle Partien für diese Wiederaufnahme in diesem Sechspersonenstück neu besetzt. Elbenita Kajtazi gestaltete eine ganz wunderbare Fiordiligi, meisterte die schwierigen Intervallsprünge in ihren Arien mit einer souveränen Souplesse und begeisterte mit der Ebenmässigkeit und Geschmeidigkeit ihres wunderbaren Soprans. Ihr Furor in Come scoglio war atemberaubend! Siena Licht Miller erfüllte die Rolle ihrer etwas lebenslustigeren, neugierigeren Schwester Dorabella mit grossartigem Witz, wunderbar agilem Gesang und dem einnehmenden, satten Timbre ihres herrlich strömenden Mezzosoprans. Die Männer standen diesem grandiosen Damentrio in nichts nach: Bogdan Volkov begeisterte als Ferrando mit seinem subtil geführten Tenor und den wunderschön schmachtenden Piani im „Hit“ Un aura amorosa und Yannick Debus sang mit seiner wunderschön viril gefärbten Baritonstimme einen umwerfend präsenten, charmanten und bis fast ganz zuletzt ziemlich selbstsicheren, sich selbst als unwiderstehlich empfindenden Guglielmo, bis er dann merkte, dass auch „seine“ Fiordiligi dem Sexappeal des Arabers Sempronio erlag. Dieser Sempronio wurde pantomimisch dargestellt von Francesco Guglielmino (auch er war schon bei der Premiere vor acht Jahren mit dabei) und zusammen mit Evgeny Kulagin höchstpersönlich als Tizio (der mit Dorabella ein leichteres Verführungs-Spiel hatte) waren die beiden ein unschlagbares Duo, ein Ausbund an unwiderstehlicher Attraktivität und machohaftem, forderndem, aber auch umwerfendem Charme. Der Spiritus Rector des ganzen Geschehens, Luca Pisaroni als Don Alfonso, fügte sich in diese leicht toxisch-naive Männerrunde mit seinem fabelhaft wendigen Bassbariton vortrefflich ein. Das rückwärtsgewandte Frauenbild, das dieses Trio Alfonso – Guglielmo - Ferrando verkörperte, wurde mit witzigen Videoclip-Einspielungen (zusammengestellt von Ilya Shagalov) herrlich konterkariert, von Pussy Riot, über die Femen-Bewegung zu KKK-Werbespots aus den 50er Jahren (Küche, Kinder, Kirche als Lebenszweck für Frauen) reichte die Bandbreite dieser Clips. Damit öffnete Despina den beiden Schwestern die Augen für das Leben ausserhalb der patriarchalen Vorstellungen.

Der quirligen Frische der Inszenierung entsprach auch das mitreissende, wunderbar vorwärtsdrängende und lebhafte Musizieren des Orchesters: Diesmal war das Musikkollegium Winterthur zu Gast im hochgefahrenen Orchestergraben des Opernhauses Zürich. Dessen Chefdirigent Roberto González-Monjas (er ist in gleicher Position auch beim Mozarteumorchester Salzburg tätig und designierter Erster Gastdirigent beim Orchestre de Paris) leitete eine herrlich flüssige Aufführung, mit klarer Zeichengebung und wunderbar agogischem Feingefühl. Besonders erwähnenswert das saubere Spiel der Hörner! Das war kein Zuckerguss-Mozart, sondern der witzig, auch durchaus derb zupackende, manchmal augenzwinkernde Wolferl, der sicherlich seinen Spass an diesem Abend gehabt hätte, ganz im Gegensatz zu Richard Wagner, dem die Thematik der Oper als zu frivol und sittenlos erschien – ausgerechnet ihm, der ja auf sexuellem Gebiet auch kein Kostverächter war ... . Es ist gerade dieser Art von Bigotterie, welcher diese Produktion einen amüsanten Spielgel vorhält. Bravi tutti – auch für den klangstarken Chor der Oper Zürich (einstudiert von Alice Lapasin Zorzit) und für die pelzigen Teufelchen des Statistenvereins am Opernhau Zürich.

Werk:

COSÌ FAN TUTTE gehörte lange Zeit nicht zu den beliebtesten Opern Mozarts, obwohl die Musik zum Schönsten und Einfühlsamsten zählt, was Mozart komponiert hatte. Seine Gabe, tief in die Seele der Menschen hineinzublicken, Schwächen und widerstreitende Gefühle auszuloten und diese in beglückend schöne Noten zu setzen, erreichte in dieser Oper einen Höhepunkt.

Mozarts liberale Gesinnung und sein Einstehen für die sexuelle Selbstbestimmung stand in herbem Widerspruch zum aufkeimenden Puritanismus, der nach der französischen Revolution einsetzte. Wegen des nach dem Tod des aufgeklärten Reformkaisers Joseph II. moralisch unter Druck gekommenen Librettos und abfälliger Äusserungen von Beethoven (obwohl er eine Fiordiligi Arie zum Vorbild für die grosse Leonoren Arie genommen hat …) und Wagner bekam das Werk erst im 20. Jahrhundert seinen verdienten Stellenwert im Repertoire.

Inhalt:

Die Wette, die Guglielmo und Ferrando mit dem Philosophen Don Alfonso eingehen, entpuppt sich als Spiel mit dem Feuer. Um die Liebe von Fiordiligi und Dorabella auf die Probe zu stellen, geben die Offiziere vor, in den Krieg zu ziehen. Nach tränenreichem Abschiednehmen der fassungslosen Frauen betreten Guglielmo und Ferrando als fremdländische Brautwerber verkleidet die Szene und das böse Spiel nimmt seinen Lauf: Kammerzofe Despina, Intrigantenhelferin Don Alfonsos, rät den Bräuten, das Liebesvergnügen willkommen zu heissen und diese, obwohl anfänglich noch resistent gegen voreheliche Untreue, geben sich den Freuden der neuen Liebe schliesslich hin. Dies geschieht nach Metastasios Intrigenschema natürlich über Kreuz, sodass nun Guglielmo und Dorabella sowie Ferrando und Fiordiligi jeweils vor Zuneigung füreinander vergehen. Dass am Ende alles doch wieder seine zweifelhafte Ordnung erhält – Was soll’s! So machen’s alle!

Musikalische Höhepunkte:

Soave il vento, Terzett Fiordiligi, Dorabella, Don Alfonso, Akt I

Ah, scostati … Smanie implacabili, Szene und Arie der Dorabella, Akt I

Come scoglio, Arie der Fiordiligi, Akt I

Un aura amorosa, Arie des Ferrando, Akt I

Una donna a quindici anni, Arie der Despina, Akt II

Per pietà, Arie der Fiordiligi, Akt II

Il core vi dono, Duett Dorabella, Guglielmo, Akt II

Fra gli amplessi, Duett Fiordiligi, Ferrando, Akt II

Karten

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