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Hamburg, Staatsoper: IL TROVATORE; 01.04.2025

Erstellt von Kaspar Sannemann | | Il Trovatore

copyright: Brinkhoff/Mögenburg, mit freundlicher Genehmigung Staatsoper Hamburg

Olga Peretyatko, Agnieska Rehlis, George Petean und Marco Berti in Verdis Schauerdrama:

Dramma lirico in quattro parti | Musik: Giuseppe Verdi | Libretto: Salvatore Cammarano und Leone Emanuele Bardare, nach dem Drama «El Trovador» (1836) von Antonio García Gutiérrez | Uraufführung: 19. Januar 1853, Teatro Apollo, Rom | Aufführungen in Hamburg (Wiederaufnahme): 27.3. | 1.4. | 5.4. | 9.4.2025, 18.3. | 20.3. | 25.3 | 27.3. | 4.4. | 8.4.2026

Kritik

AZUCENA: Diese rätselhafte, verwirrte, traumatisierte Frauengestalt wollte Verdi eigentlich ins Zentrum seiner Oper rücken – und musikalisch tat er dies auch unüberhörbar. Allein, die Konvention der romantischen Oper verlangte nach einem „Titelhelden“, einem fatalen Liebesdreieck. Sehr wohl ins Zentrum gerückt wird Azucena in dieser Inszenierung von Immo Karaman in Hamburg (Premiere war am 17. März 2024). Azucena bekleidet mit unheimlicher Dauerpräsenz eine der Dienstmädchenstellen in diesem heruntergekommenen Palast des Grauens, in welchem Graf Luna residiert. Angesiedelt ist das ganze in Bürgerkriegszeiten, die Kostüme von Herbert Barz-Murauer sind eher in der jüngeren Vergangenheit angesiedelt, die Architektur dieses Schlosssaals im Einheitsbühnenbild von Alex Eales deutet Barock und Klassik an, doch infolge der vielen Bürgerkriege, welche die Geschichte Spaniens durchzogen haben, wirkt der Saal zunehmend verlottert, die Wände löchrig, der Stuck bröckelt, Russ und Feuer haben deutliche Spuren hinterlassen. Allein die adretten Uniformen der Dienstboten bleiben makellos sauber in ihren schwarz-weiss Kontrasten, die weissen Smokingsakkos von Ferrando und Konsorten ebenfalls. Ansonsten viele Uniformen von paramilitärischen Truppen mit Schnellfeuerwaffen um Manrico, Graf Luna extrem hässlich gekleidet, vor allem im zweiten Teil mit abscheulichem Morgenrock, Socken und Pantoffeln oder weit geschnittenem Pyjama. Fliessende Eleganz hingegen bei Leonora, franquistischer Schick bei den Damen des Chors. Einige katholische Eiferer mit ihren Capuchones der Semana Santa verbreiten zwischendurch kaltes Grauen. Die Bediensteten gehen oftmals rückwärts durch die Szene. Wir befinden uns also nicht in einem realen Raum, sondern im verwirrten, traumatisierten Gedächtnis Azucenas, welche das Grauen, das sie und ihr Volk erfahren haben, immer wieder durchleben muss. Ein brennender Kinderwagen weist auf das Verbrechen der Vergangenheit hin, genauso wie eine Frau, die auf offener Bühne abgefackelt wird (ein Lob an die Pyrotechnik). Dazu eine bloss angedeutete Gruppenvergewaltigung, gegen die sich allerdings ausgerechnet Graf Luna wehrt. Trotzdem sind die Dienstmädchen im letzten Bild alle schwanger. Am Eingang zur Oper wird man vor sexualisierten Szenen gewarnt – unnötigerweise. Denn auf dem Besetzungszettel steht geschrieben, dass die Inszenierung nicht VON Immo Karaman sei, sondern NACH Immo Karaman. Das gilt auch für die Choreografie, die bloss mit NACH Fabian Posca aufgeführt werde. Also hat man für diese Wiederaufnahme die Inszenierung bearbeitet (nach, wie man lesen und hören konnte, unanständig lautstarken Protesten einiger pöbelnder Zuschauer anlässlich der Premiere vor gut einem Jahr). Jetzt kommt sie also ziemlich brav daher, die bissigen Zähne scheint man der Produktion gezogen zu haben. Nichtsdestotrotz ist sie mit ihrem psychologisch begründeten Geisterhaus- und Trauma-Ambiente durchaus sehenswert – IL TROVATORE, diese Oper aus dem Bereich der Schauerromantik ist wahrlich nicht einfach zu inszenieren mit ihrer Aufteilung in acht krasse, komprimierte Bilder, und die Hamburger Produktion versucht sich auf einem durchaus gangbaren Weg. Ausgerechnet die Sängerin dieser zentralen Rolle der Azucena (Kristina Stanek) musste krankheitsbedingt absagen. Mit der Einspringerin Agnieska Rehlis hatte man allerdings einen Glücksgriff gemacht: Die Polin singt die Rolle mit rauschendem Erfolg von Wien über München und Zürich bis London und begeisterte gestern Abend auch das Hamburger Publikum mit ihrem feurig lodernden Mezzosopran. Das war eine Azucena der Extraklasse. Auch wie sie sich in die Rolle in dieser Inszenierung einfügte, dem Wahn und der Verwirrung Ausdruck verleihen konnte, war schlicht umwerfend gut. Wie sie als einzige überlebende des Protagonistenquartetts am Ende auf einem Stuhl Platz nimmt und aus dem Fenster ins Dunkel starrt, ist von grosser Eindringlichkeit. Auch die übrigen Partien waren hervorragend besetzt: Olga Peretytako verlieh der Leonora ungemein zarte Töne, sponn fein verästelte Koloraturen, zeigte vor allem im Pianobereich herausragende stimmliche Kontrolle und Souveränität und verkörperte die liebende, von den Schrecken des Bürgerkriegs und der abscheulichen Situation im Palast geprägte Frau mit immenser Glaubwürdigkeit. George Petean sang einen herrlichen, stimmstarken und grandios phrasierenden Luna. Sein Bariton strömte mal mit zarter Wärme (Il balen del suo sorriso), dann wieder mit Entschlossenheit und Hass. Als er ganz am Ende von Azucena mit der Wahrheit über Manrico konfrontiert wurde, erschoss er sich (steht nicht so im Libretto, dort muss er mit seiner Schuld weiterleben, aber hier in diesem Eingesperrtsein in die Mechanismen des Krieges, macht es durchaus Sinn). Marco Berti war der mit tenoralem Aplomb lautstark seine Liebe, seinen Hass und seine Abhängigkeit von seiner (Zieh-) Mutter artikulierende Manrico, dieser Troubadour, der seinen Gefühlsverfassungen sowohl erotisch lockend und als kriegerisch brüllend Ausdruck verleihen konnte. Während in zarteren Passagen, die vom Orchester nur dünn instrumentiert begleitet wurden, sein Tenor intonatorisch etwas wackelte (Szene mit Leonora im dritten Bild) lieferte er kurz danach ein Di quella pira als vokales Feuerwerk ab, das richtig einfuhr, mit bombensicheren hohen Cs. Chapeau!!! Hubert Kowalczyk schliesslich begeisterte mit seinem schlank geführten, stimmschönen und intensiv gestaltenden Bass als Ferrando.

Am Pult des Philharmonischen Staatsorchesters stand der Spezialist für Opern des 19. Jahrhunderts, Paolo Arrivabeni. Er bevorzugte stellenweise sehr getragene Tempi, was der Schönheit der Gesangslinien zugute kam und die Sänger*innen trotzdem nicht in Atemnot brachte. Abgesehen von einigen kleineren Patzern im Graben führte dies zu einer sehr gerundeten Aufführung, dazu trug auch der rhythmisch sichere, klangintensive Ausdruck des Chors der Staatsoper Hamburg (Einstudierung: Christian Günther) entscheidend bei. Nicht unerwähnt bleiben dürfen die Interpret*innen der beiden kleineren Partien: Marie Maidowski als Inez und Aaron Godfrey Mayes als Ruiz liessen mit wunderbar intonierten Einwürfen aufhorchen!

Diesen TROVATORE kann man sich also ohne weggucken zu müssen getrost offenen Auges ansehen (und natürlich mit gespitzten Ohren vor allem anhören)!

Inhalt:

Entgegen ihrem Ruf ist die Handlung von Verdis IL TROVATORE gar nicht so kompliziert, jedenfalls nicht für Leute, die an Fernsehserien und Familiensagas mit unglaublichen und überraschendne Wendungen gewöhnt sind ...

Vorgeschichte

Eine Zigeunerin berührt das Kind einer Adligen. Die Eltern befürchten, das Kind sei nun verhext und verbrennen die vermeintliche Hexe auf dem Scheiterhaufen, wie es damals üblich war. Die Tochter der Zigeunerin (Azucena) will natürlich den Tod der Mutter rächen. Sie entführt das „berührte“ Baby und will es ebenfalls ins Feuer werfen. Doch in ihrer Verwirrung greift sie sich den eigenen Sohn. So zieht sie den Sohn des Grafen als eigenes Kind auf: Manrico – er wird Troubadour. Verhängnisvollerweise liebt er die selbe Frau (sie heisst Leonora) wie sein Bruder, der Graf Luna (von dem er natürlich nicht weiss, dass es sein Bruder ist).

Handlung der Oper

Der Hauptmann (Ferrando) der gräflichen Garde erzählt den Soldaten die Vorgeschichte.

Leonora erwartet ihren heimlichen Verehrer, den Troubadour Manrico, der auch bei den Aufständischen mitkämpft, denn die Oper spielt in den Wirren um eine spanische Thronfolge. Luna und Manrico treffen aufeinander – Duell. Manrico siegt, lässt aber Luna leben. Das war ein Fehler, denn Lunas Schergen verletzen Manrico.

Azucena kümmert sich um die Wunden Manricos. Ihr Geist verwirrt sich manchmal, und so gibt sie einen Teil der Vorgeschichte preis. Manrico wird skeptisch: Wer ist er? Doch bevor er weiter in die Mama dringen kann, erreicht ihn die Nachricht, dass Leonora ins Kloster gehen will. Das muss natürlich verhindert werden. Auch Luna kann sich logischerweise nicht mit einer Nonne Leonora abfinden und an den Klostermauern treffen die Brüder erneut aufeinander. Manrico gelingt es, Leonora zu entführen. Azucena wird von den Soldaten Lunas gefangen genommen. Dieser triumphiert: Nun hat er ein Pfand gegen Manrico in seiner Gewalt. Leonora und Manrico bereiten unterdessen die Hochzeit vor. Doch wiederum erscheint ein Bote und berichtet von Azucenas Gefangennahme. Manrico muss seiner Mutter natürlich umgehend zu Hilfe eilen, singt vorher aber noch die gefürchtete Stretta Di quella pira, mit den hohen Cs, die zwar nicht notiert sind, aber gemeinhin vom Publikum erwartet werden. Doch Manricos Rettungsversuche schlagen fehl, zusammen mit der Mama sitzt er im Kerker. Schon brennt der Scheiterhaufen. Leonora unternimmt bei Luna einen Rettungsversuch: Sie verspricht, Luna zu heiraten, wenn er Manrico laufen lässt. Luna geht darauf ein, doch Leonora trinkt heimlich Gift, um nicht mit Luna das Bett teilen zu müssen. Leonora berichtet Manrico im Kerker, dass er bald frei sein werde. Erst beschimpft er sie, doch als er merkt, welches Opfer sie für ihn gebracht hat, ist er erschüttert. Leonora stirbt in Manricos Armen. Luna merkt, dass er betrogen wurde und lässt Manrico köpfen. Azucena erwacht aus ihrem Dämmerzustand und schreit Luna triumphierend ins Gesicht: ER WAR DEIN BRUDER! O MUTTER, DU BIST GERÄCHT!

Werk:

IL TROVATORE ist das mittlere Werk aus Verdis so genanntem Dreigestirn (RIGOLETTO, IL TROVATORE, LA TRAVIATA) und trug entscheidend zur Popularität des Komponisten bei. Bis heute erfreut sich die Oper einer ungeheuren Beliebtheit. Dies liegt natürlich vor allem an Verdis effektvollen und mitreissenden Melodien, welche die blutig-dramatische Handlung bühnenwirksam untermalen. Obwohl Verdi hier auf althergebrachte Stereotypen der formalen Musiksprache zurückgreift (Kavatine – Unterbrechung durch Chor oder Boten – Kabaletta, Stretta), schafft er es, die Spannung nie abreissen zu lassen. Wie in den meisten seiner Opern ist dem Bühnentier Verdi ein perfektes Timing gelungen. Tableau artig ist die Architektur, stimmig die Zuordnung der Tonarten, spannend die geschaffenen Klangräume. Mit der Azucena hat Verdi erstmals in seinem Oeuvre eine zumindest gleichwertige Gegenspielerin zur Primadonna geschaffen, wie später mit Elisabetta-Eboli oder Aida-Amneris.

Musikalische Höhepunkte:

Jede einzelne Nummer, jeder Chor, jedes Ensemble ist ein Ohrwurm oder ein mitreissender Hit!

Karten

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