Zürich, Opernhaus: TUGAN SOKHIEV & ANNELEEN LENAERTS; 12.07.2026
Nach dem erfolgreichen TANNHÄUSER präsentiert Tugan Sokhiev nun ein Philharmonisches Konzert mit impressionistischen Werken
Gabriel Fauré: «Pelléas et Mélisande», Suite für Orchester op. 80 | Uraufführung: 21. Juni 1898 in London |
Reinhold Glière: Harfenkonzert Es-Dur op. 74 | Uraufführung: 32. November 1938 in Moskau |
Claude Debussy: La Mer, trois esquisses symphoniques pour orchestre | Uraufführung: 15. Oktober 1905 in Paris
Maurice Ravel: Daphnis et Chloé, Suite Nr. 2 | Uraufführung (als Ballett): 8. Juni 1912 in Paris, Choreografie: Michel Fokine
Kritik:
IMPRESSIONISMUS – WEGBEREITER. HOCHBLÜTE, EPIGONE
Rund um die musikalische Epoche des Impressionismus kreiste das Programm des letzten Philharmonischen Konzerts des Orchesters der Oper Zürich zum Saisonende. Mit Gabriel Faurés Bühnenmusik zu PELLÉAS ET MÉLISANDE wurde das Werk eines Komponisten an den Anfang gestellt, dessen Musik schon einiges an Klangfarben der Impressionisten vorwegnimmt, Fauré quasi als Wegbereiter ausweist, der jedoch wegen seines strenger ausgelegten Festhaltens an der Form und der kontrapunktischen Technik nicht zu den eigentlichen Impressionisten gezählt wird. Der aus Sachsen stammende Russe Glière hingegen steht ganz am Ende dieser Entwicklung, er schreibt eine sehr rückwärtsgewandte Musik im spätromantischen Stil, die aber nie schwülstig oder zu dick orchestriert wirkt und durchaus mit impressionistischen Passagen voller Zartheit zu glänzen versteht. Nach der Pause dann Impressionismus in Reinkultur, zuerst mit Claude Debussys LA MER und am Ende mit der packenden Suite Nr. 2 DAPHNIS ET CHLOÉ von Maurice Ravel. Ein wunderbar stimmiges, klug zusammengestelltes Programm, welches das begeisterte Publikum zu fesseln vermochte, wie man aus der konzentrierten Stille der Zuhörer*innen schliessen konnte, die während des hochkarätig ausgeführten Konzerts herrschte.
Zu Beginn also erklang Gabriel Faurés PELLÉAS ET MÉLISANDE. Bereits in den ersten Takten des Prélude offenbarten sich Tugan Sokhiev und das äusserst konzentriert und differenziert spielende Orchester der Oper Zürich als feinfühlige Interpret*innen dieser fantastisch schönen Musik. Was waren da für wunderbar satte, innige Piani zu hören (Wiederholung des Hauptthemas). Fein abgestufte dynamische Steigerungen führten zu schmachtendem Aufbäumen und Sokhiev verstand es immer wieder, wunderbar ausgehorchte Akzente durch Instrumentengruppen oder einzelne Instrumente hervorzukitzeln (Oboe, Celli, Bratschen. Der zweite Satz, Fileuse, erhielt so einen beruhigenden, wiegenden Gestus von feiner Poesie. In der berühmten Sicilienne (einem der bekanntesten Stücke aus Faurés Schaffen) begeisterte die Soloflötistin des Orchesters mit wunderbar anschmiegsamen Kantilen, weich und tröstlich wiegend, unterbrochen nur von entzückten Seufzern des Orchesters. Im vierten Satz dann (La Mort de Mélisande) arbeitete Sokhiev die Schwere der Tragik mit aufwühlenden Klängen sehr stimmungsvoll heraus: die filigranen Holzbläserpassagen gerieten traurig-schön.
Das Harfenkonzert (warum ist die Konzertliteratur für dieses königliche Instrument eigentlich so dünn gesät?) von Reinhold Glière ist ein ganz bezauberndes Stück, ein Konzert, das man sich gerne immer wieder anhören möchte, vor allem wenn es so wunderbar elegant gespielt wird wie von der Soloharfenistin der Wiener Philharmoniker, Anneleen Lenaerts, die zu Gast beim Orchester der Oper Zürich war. Der erste Satz war von schlichter Schönheit, ein beruhigendes, sanftes Hauptthema, herrlich weiche Streicherteppiche, auf denen sich z.B. die Klarinette wunderbar absetzen konnte. Dazu Harfenklänge vom Allerfeinsten, glitzernde Arpeggien, wendige Akkorde, fulminante Glissandi und eine überaus virtuose Kadenz, mit manchmal gläsernen, berückenden Klängen. Anneleen Lenaerts begeisterte mit warmstimmigen Passagen, berührte mit reizvollen Dialogen z.B. mit der Oboe. Im zweiten Satz vertrieb sie mit besänftigender Anmut schnell die Düsternis, welche Celli und Bässe evoziert hatten, verlieh dem Satz eine schon beinahe französische Eleganz, obwohl der Komponist nur seinen deutschen Namen Glier in Glière abgewandelt und sonst wenig mit Frankreich zu tun gehabt hatte. Jubelnd, beinahe volkstümlich tanzend dann der Finalsatz. Wiederum war es die Harfe, welche dem Orchester nach dessen eher nüchternen, kurzen Einleitung die Beschwingtheit des eingängigen Hauptmotivs vorgab. Das Publikum (inklusive meiner Wenigkeit) war hingerissen vom herrlichen Spiel von Anneleen Lenaerts, vom so grossartig klingenden Instrument und auch von der Komposition Reinhold Glières, die zwar rückwärtsgewandt sein mag (in der Zeit wurden z.B. Bartóks 2. Klavierkonzert oder Alban Bergs LULU uraufgeführt), aber doch von einer begeisternden Qualität – schlicht und einfach schöne Musik. Mit der Zugabe, der für Harfe adaptierten Arie der Rusalka aus Dvořáks gleichnamiger Oper, begeisterte Anneleen Lenaerts noch einmal mit ihrem Spiel und dem zauberhaften Klang, welchen sie ihrer Harfe entlockte.
Nach der Pause kamen dann die beiden prominentesten Vertreter des Impressionismus zu Wort. Erst erklang Debussys LA MER, dieses dreisätzige, so plastisch mit stimmungsvollen Farben malende Orchesterstück, inspiriert von der grossen Welle auf einem japanischen Holzschnitt. Tugan Sokhiev entlockte dem Orchester der Oper Zürich erneut all die Finessen der orchestralen Überwältigungskraft, setzte auf feinste dynamische Abstufungen, behielt auch im Fortissimo eine klare Transparenz des Gesamtklangs bei: Harte Aufschreie und gewaltige Crescendi, aber auch subtile Diminuendi, sehrende Motive, flirrende Streicherpassagen, die erneut das Hauptmotiv des dritten Teils aufleuchten liessen und in einer orgiastischen Turbulenz explodierten. Klasse!
Ravels Orchestrierungskunst stand derjenigen Debussys in nichts nach. Das Anbrechen des Tages, mit den murmelnden 1/32 Figuren der Flöten, dem flirrenden Morgenlicht der Streicher, das ist Impressionismus in Reinkultur, nicht mehr gebunden an irgendeine tradierte musikalische Form, sondern virtuoses Aufnehmen einer Natur-Stimmung, in welcher dann die Liebe von Daphnis und Chloé geschildert wird. Es folgt die Pantomime rund um den Hirtengott Pan und die Geburt seiner Flöte – erneut eine dankbare, souverän und stimmungsvoll ausgeführte Aufgabe für die Soloflötistin des Orchesters der Oper Zürich. Im letzten Teil wird ein geradezu bacchantisches Fest gefeiert mit Tänzen, die bald einmal beinahe diabolischen Tarantella-Charakter annehmen. Tugan Sokhiev und das an diesem Morgen phänomenal spielende Orchester der Oper Zürich blieben der Partitur nichts an mitreissendem Schmiss und entfesselter Kraft schuldig. Das Publikum war mitgerissen und erhob sich von den Sitzen, um dem Dirigenten (hoffentlich wird er bald wieder in Zürich engagiert) und dem Orchester seine Dankbarkeit zu bezeugen! (Man wird Tugan Sokhiev übrigens weltweit am Bildschirm sehen können, wenn er am 1. Jänner 2027 die Wiener Philharmoniker im Neujahrskonzert leiten wird!)
Werke:
Gabriel Fauré (1845-1924) hat der Nachwelt nicht allzu viele Werke hinterlassen, obwohl er einer der angesehensten Musiker im Frankreich des fin de siècle war. Aber die wenigen Werke sind von herausragender Qualität. Auch ausserhalb Frankreichs wurden sein REQUIEM (mit dem beglückenden Sopransolo), die Sicilienne (die er auch in die Orchestersuite PELLÉAS ET MÉLISANDE eingefügt hatte) die Pavane op.60 und das Lied Après un rêve (auch in diversen Instrumentalbearbeitungen) bekannt. Seine Oper PÉNELOPE war erst äusserst erfolgreich, geriet jedoch nach seinem Tod etwas in Vergessenheit. Die Oper Frankfurt grub das Werk vor wenigen Jahren wieder aus und präsentierte es dem Publikum (Leitung: Joana Mallwitz). Maeterlincks symbolistisches Drama PELLAS ET MÉLISANDE hatte zur Jahrhundertwende diverse Komponisten zur musikalischen Umsetzung zu inspirieren vermocht; am bekanntesten wurde die gleichnamige Oper von Claude Debussy. Aber auch Schönberg begeisterte das Publikum mit seiner symphonischen Dichtung, welche noch in der spätromantischen Phase des späteren Zwölftöners entstanden war. Sibelius schrieb ebenfalls eine Schauspielmusik dazu und Gabriel Fauré erhielt in England den Auftrag zu einer Bühnenmusik zum Drama Maeterlincks. Drei Stücke daraus arbeitete er später zu einer Suite um, dann fügte er noch als dritten Satz wie erwähnt die Sicilienne ein. Die Suite spiegelt nicht 1:1 den Handlungsverlauf, gibt aber die Stimmungen einzelner Szenen sehr atmosphärisch dicht wieder. Kurz die Handlung: Maeterlincks Drama erzählt eine tragische Dreiecksgeschichte. Golaud findet die geheimnisvolle, trauernde Mélisande im Wald. Er nimmt sie mit auf seine Burg und heiratet sie. Doch Golauds jüngerer Halbbruder Pelléas und Mélisande verlieben sich ineinander, da Pelléas sensibler ist und mehr Verständnis für die Melancholie der Mélisande aufbringt. Golaud tötet Pelléas. Auf ihrem Sterbebett, nach der Entbindung einer Tochter gesteht, Mélisande gegenüber Golaud, dass sie Pelléas zwar geliebt, jedoch nie eine sexuelle Beziehung zu ihm gehabt habe.
Reinhold Glière (1875-1956) war ein russischer Komponist deutscher Abstammung. Er war der Sohn des aus Sachsen eingewanderten Blasinstrumentenmachers Ernst Moritz Glier und kam in Kiew zur Welt. Um 1900 änderte er seinen Familiennamen zu Glière, seine Beweggründe dazu sind nicht weiter bekannt. Nach Studien bei Tanjew unterrichtete er selbst Komposition am Konservatorium in Moskau, wo u.a. auch Prokofiew zu seinen Schülern zählte. Im Gegensatz zu anderen Komponisten und Schülern verliess Glière Russland und den Nachfolgestaat, die UdSSR, nur für kürzere Studienaufenthalte, aber nie für längere Zeit. Sein Musikstil orientierte sich an der russischen Nationalromantik in der Nachfolge Tschaikowskis. Vorübergehend flossen auch impressionistische Klangfarben in seine Schaffen ein. Glière war in der Sowjetunion sehr angesehen, wurde dreimal mit dem Leninorden ausgezeichnet, dreimal mit dem Stalinpreis und war Volkskünstler der UdSSR. Sein Harfenkonzert op. 74 gehört noch heute zu seinen populärsten Schöpfungen (von den fünf Opern, den vielen Ballettmusiken, den drei Sinfonien und den restlichen Instrumentalkonzerten hört man hier im Westen leider kaum mehr etwas). Dieses für die Ausführenden sehr dankbare Harfenkonzert (allzu zahlreich sind die Orchesterkonzerte für Harfe leider nicht) ist traumhaft schön, von spätromantischer Emphase ohne Schwulst und von klarer orchestraler Transparenz, in welche sich die herrlichen Arpeggien der Harfe und die glitzernden Läufe wunderbar einbetten.
Claude Debussy (1862-1918) gilt als der Impressionist schlechthin. Besonders bedeutsam für ihn war seine Begegnung mit der asiatischen Kunst, der bildenden und der musikalischen. So übte die Pentatonik mit ihrem schwebenden Klangbild einen grossen Einfluss auf seinen Kompositionsstil aus. Um diesen Einfluss zu unterstreichen, wählte er z.B. Hokusais Holzschnitt DIE GROSSE WELLE als Titelbild für einen Druck seiner Partitur LA MER aus. Dieses zwischen 1903 und 1905 entstandene Orchesterwerk umfasst die drei Teile De l’aube à midi sur la mer – Jeux de vagues – Dialogue du vent et de la mer. Er beschreibt darin mit differenzierter musikalischer Sprache Atmosphärenwechsel in der Natur, irisierendes Licht und Wellenschläge, die bis zur Bedrohung durch Sturmwinde im dritten Teil reichen.
Maurice Ravel (1875-1937): DAPHNIS ET CHLOÉ, Suite Nr. 2
Der umtriebige Impresario der Ballets Russes, Sergei Diaghilew, hatte Ravel mit der Komposition einer Ballettmusik zur antiken griechischen Romanze von DAPHNIS ET CHLOÉ beauftragt. Ravel schuf eine “Symphonie choréografique”, in welcher er der Szenenabfolge des vom Choreografen Michel Fokine entworfenen Konzepts folgte. Ravel komponierte nach eigenen Aussagen ein “breites musikalisches Fresko, basierend auf dem Griechenland meiner Träume.” Es geht um die Liebe des Schaäferpaares Daphnis und Chloé: Chloé wird von Piraten entführt; der Gott Pan rettet sie aus den Fängen der Seeräuber. Als Dank tanzen die beiden Liebenden eine Pantomime für den Gott. Darin entflieht die Nymphe Syrinx den Nachstellungen Pans und verwandelt sich in ein Schilfrohr. Daraus schnitzt Pan eine Flöte - die Geburt der Panflöte. Das Ganze steigert sich im anbrechenden Tag zu einem glanzvollen Bacchanal. Aus der Ballettmusik destillierte Ravel zwei Orchestersuiten, von denen sich insbesondere die zweite grosser Beliebtheit in den Konzertsälen erfreut. Sie ist unterteilt in drei Abschnitte: Lever du jour, Pantomime und Danse générale. Das stimmungsvolle Morgengrauen sollte eigentlich noch von einem Fernchor untermalt werden, aus Kostengründen wird dieser jedoch oft in Konzerten weggelassen. Die Pantomime gehört mit zu den raffiniertesten Passagen aus Ravels Œuvre.