Zürich, Tonhalle: SOL GABETTA & JAAP VAN ZWEDEN; 25.02.2026
Die diesjährige Fokus-Künstlerin der Tonhalle-Gesellschaft, Sol Gabetta, mit Édouard Lalos wunderbarem Cellokonzert, dazu die siebte Sinfonie von Anton Bruckner. Dirigent: Jaap van Zweden
Werke:
Édouard Lalo: Cellokonzert in d-Moll | Uraufführung: 9. Dezember 1877 in Paris
Anton Bruckner: Sinfonie Nr. 7 in E-Dur | Uraufführung: 30. Dezember 1884 in Leipzig
Dieses Konzert in Zürich: 25. und 26. Februar 2026
Kritik:
Man weiss es, die Sinfonien Anton Bruckners dauern lange: Auf ungefähr 40-50 Minuten Aufführungsdauer kommen die Nullte und die Erste, über 80 Minuten werden für die Fünfte und die Achte benötigt. Die Siebente liegt mit 63 Minuten (gestern Abend unter Jaap van Zweden) etwa in der Mitte. Die Sinfonien sind also zu kurz, um als alleiniger Programmpunkt dazustehen. So stellt sich immer wieder die Frage, wie kombiniert man diese „symphonische, unnatürliche, aufgeblasene, krankhafte und verderbliche Riesenschlange“ (so betitelte der Kritiker Eduard Hanslick Bruckners Siebente) sinnvoll vor der Pause mit einem anderen Werk, ohne dass dieses von der nach der Pause folgenden „Riesenschlange“ verschlungen wird? Da man die wunderbare Cellistin und Fokus-Künstlerin der Saison, Sol Gabetta, verpflichtet hatte, musste es logischerweise ein Cellokonzert sein. Die Wahl fiel auf das einzige Cellokonzert von Édouard Lalo, einem praktisch gleichaltrigen Zeitgenossen Bruckners. Beide Komponisten verbindet der Ruf, „Wagnerianer“ zu sein. Bei Bruckner traf das zu Recht zu, bei Lalo war das nicht zutreffend und eher hinderlich, da der „Wagnérisme“ im Frankreich des ausgehenden 19. Jahrhunderts sehr umstritten, ja gar verpönt war. Wie dem auch sei und um die obige Frage zu beantworten: Lalos Cellokonzert neben Bruckner zu stellen war eine gute, ja eine kluge Wahl und öffnete die Ohren für ein eher unbekanntes, aber nichtsdestotrotz bedeutendes Werk, dem man gerne öfters in den Konzertsälen dieser Welt begegnen möchte.
Im ersten Satz setzte das Tonhalle-Orchester Zürich unter der Leitung von Jaap van Zweden mit wuchtigen Akkord-Tutti-Schlägen markante Sforzato-Akzente, als wollte das Orchester die warme Gesanglichkeit von Sol Gabettas Violoncellospiel aufbrechen. Daraus ergaben sich reizvolle Kontraste, harmonische Hörerwartungen wurden unterlaufen, die kantablen Stimmungen regelrecht abgewürgt. Der Satz hatte etwas durchaus Sperriges, doch plötzlich wurde man durch allerliebstes Duettieren des Solocellos und der Flöte wieder in eine zart-duftende musikalische Welt entführt. Der zweite Satz, das Intermezzo, begann mit sphärisch reinem Spiel der Streichergruppe, bevor Sol Gabetta mit elegischen Träumereien einsetzte. Das war wunderbar erhebend, mit herrlich singendem Ton und berührender Linienführung gestaltet. Erneut lockte die Flöte zum nächsten Stelldichein mit dem Solocello und die beiden jubilierten tänzelnd zusammen. So reihte sich im weiteren Verlauf Tanz an Tanz, zum Teil auch mit dezentem Witz, aber ohne die elegische Grundstimmung zu verlassen. Nein, so etwas Leichtes und Anmutiges hätte Wagner nie komponiert! Im dritten Satz setzte Sol Gabetta über einem Klangteppich der Bässe mit einer an Musik der Vorfahren Lalos erinnernden wehmütigen spanischen Weise ein. Doch Lalo zitierte keine spanischen Volksweisen, sondern verarbeitete kunstvoll den rhythmischen, iberischen Duktus zu einem schwungvollen, an klanglichen Überraschungen reichen Rondo mit herrlich abruptem Kehraus. Sol Gabetta begeisterte mit Virtuosität, geschliffenen Läufen und brillantem Spiel und das Tonhalle-Orchester Zürich war nun nicht mehr „Gegner“ der Solistin wie im ersten Satz, sondern ein klanglich fulminanter Partner. Als passende und begeistert applaudierte Zugabe wählte Sol Gabetta den mit komplexen Doppelgriffen und Pizzicati gespickten "Flamenco" aus der Suite espagnole Nr. 1 von Rogelio Huguet y Tagell.
63 Minuten atemloser, selten so erlebter Konzentration des Publikums herrschte nach der Pause im grossen Saal der Tonhalle Zürich. Diese Wiedergabe von Bruckners grandioser Siebenter war aber auch sowas von atemberaubend interpretiert, von einer kristallinen Klarheit und einem organischen Aufbau der Themenblöcke mittels differenzierter Dynamik und intelligenter Disposition der Tempi geprägt. Jaap van Zweden führte das Tonhalle-Orchester Zürich zu einer fabulösen Höchstleistung an Klangraffinesse und Präzision, gepaart mit Sinnlichkeit. Nur schon die aufhorchen lassende Wärme der Celli über den flirrenden Violinen war von faszinierender Intensität. Das wellenartige Kulminieren und Zurückfallen der musikalischen Gedankenwelt Bruckners gelang überaus organisch, die Verbindung der thematischen Blöcke ebenso. Die aufpeitschenden Crescendi in den überragend sauber gespielten Blechbläserpassagen zogen in Bann, wunderbare Intermezzi (Flöte-Klarinette) bereicherten das spannungsgeladene Hörerlebnis dieses ersten Satzes. Um es gleich vorwegzunehmen: Im nachfolgenden Adagio gab's den umstrittenen Beckenschlag, samt Triangel-Gebimmel und Pauke. Gut so! Bewundernswert atmeten die Streicher in der Präsentation der feierlichen Vorstellung des Trauer-Themas in diesem singulären Adagio aller Adagi, an dem man sich nie satthören kann. Als sich dann nach zwei Dritteln des Adagios die Streicherfiguren steigerten, die Bläser in himmlische Sphären zu entschweben drohten und der Gesamtklang im erwähnten Beckenschlag explodierte, war Gänsehaut garantiert. Es folgte der fein ziseliert gespielte, trostreiche Abstieg in die Coda, mit dem von den Hörnern und den Wagner-Tuben exzellent intonierten Thema aus Bruckners Te Deum (die Nachricht von Wagners Tod erreichte Bruckner angeblich mitten in der Komposition dieses Satzes). Kämpferisch und glanzvoll leiteten die Trompeten das jagende Scherzo ein, voller Innigkeit erklang das eingebettete Trio, bevor das jagende Scherzo, ohne Überhastung ausgeführt, erneut einen fulminanten Satzschluss bescherte. Das Tonhalle-Orchester Zürich klang in diesem Satz nie „giftig“ und doch gelang es, eine Art „Fegefeuer-Effekt“ zu erzielen. Das Finale lebte vom Kontrast des energischen Hauptthemas mit dem choralartigen Seitenthema. Hier wurde die „Riesenschlange“ von der Hanslick gesprochen hatte, durch die ständigen Anläufe zum Kulminationspunkt am deutlichsten hörbar. Jaap van Zweden baute diese Steigerungen des jubelnd werdenden Themas zur Apotheose mit energiegeladener, spannungsreicher Gestaltungskraft auf. Endlich konnte sich die angespannte Konzentration des Publikums in Jubel und Applaus auflösen.
Werke:
Édouard Lalo (1823-1992) stammte aus einer Familie, die im 16. Jahrhundert aus Spanien nach Frankreich eingewandert war. Oftmals spürt man in seinen Kompositionen noch den Einfluss von Charakteristika der Musik aus dem Land seiner Ahnen, so z.B. in seinem berühmtesten Werk, der Symphonie espagnole, das keine Sinfonie, sondern ein Pablo de Sarasate gewidmetes Violinkonzert ist. Neben weiteren Violinkonzerten, dem Cello-Konzert und viel Kammermusik komponierte er auch zwei hochinteressante Opern, nämlich FIESQUE und LE ROI D'YS, die beide in Gesamteinspielungen vorliegen. Zu seinen Lebzeiten wurde Lalo den (nicht angebrachten) Ruf des Wagnerianers nicht los, deshalb erreichten die Bühnenwerke nicht die ihnen zustehende Popularität und werden selbst heutzutage nur selten aufgeführt. Die verleumderische Bezeichnung “Wagnerianer” zu sein, traf überhaupt nicht zu. Seine “Vorbilder” waren eher Schumann und Schubert, deren Stil er in den spätromantischen Stil der leicht parfümierten französischen Eleganz im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts überführte. Diese Eleganz ist auch in seinem einzigen Cello-Konzert zu erleben, gerade im Prélude zum ersten Satz, im Intermezzo und der Einleitung zum lebhaften, Rondo-artigen Schlusssatz.
Anton Bruckner (1824-1896) bekam seine verdiente Anerkennung als Komponist erst in seinen letzten Lebensjahren. Die siebte Sinfonie war die erste, welche zu seinen Lebzeiten einen durchschlagenden Erfolg erzielte und die bösen konservativen Kritiker um den scharfzüngigen Eduard Hanslick endlich etwas zum Verstummen brachte, obwohl Hanslick auch weiterhin über Bruckner lästerte. Bruckners Siebte gehört heute zu den am häufigsten aufgeführten Sinfonien des Meisters aus St.Florian. Nach der Uraufführung verbreitete sich dieses grandiose Werk bald in den musikalischen Zentren Europas und in Übersee. Die Beliebtheit dieser Sinfonie erklärt sich nicht aus ihrer Architektur, denn in ihren gigantischen Ausmassen unterscheidet sie sich kaum von Bruckners anderen Werken. Doch muten die Motive einprägsamer an, der Fluss ist kaum durch die von Bruckner so gern eingefügten Generalpausen unterbrochen, die Melodien erscheinen oft sehr hell, beinahe ätherisch und lieblich. Dadurch liegt sie nahe bei seiner vierten Sinfonie, der romantischen. Im Gegensatz zu seinen anderen Sinfonien liegt die siebte nur in einer Fassung vor.
Erwähnenswert ist insbesondere das wunderbare Adagio: Hier hat Bruckner eine Vorahnung des Todes seines Idols Richard Wagner in Töne gesetzt. Und tatsächlich erreichte ihn die Nachricht vom Tode Wagners mitten in der Komposition dieses Satzes. In der Coda mit ihren Tuben- und Hörnerklängen hat er dieses „Andenken an des Meisters Hinscheiden“ verarbeitet. Was Hanslick noch als „krankhafte Übersteigerung des Ausdrucks“ und als „unnatürlich und aufgeblasen“ bezeichnete, hören wir heute ganz anders: Der Brucknersche Klangkosmos mit seiner Intensität, seiner aufwallenden Ekstase, seiner gewagten Harmonik, seiner weihevollen Feierlichkeit und den jubelnden und erhabenen Schlüssen löst in den Konzertsälen rund um die Welt stets Begeisterungsstürme aus.