Zürich, Tonhalle: PAAVO JÄRVI & KIRILL GERSTEIN (Adès. Rachmaninow, Bartók); 21.01.2026
Werke:
Thomas Adès «...but all shall be well» – Schweizer Erstaufführung | Uraufführung: 12. März 1994 in der Ely Cathedral |
Sergej Rachmaninow «Rhapsodie über ein Thema von Paganini» a-Moll op. 43 für Klavier und Orchester | Uraufführung: 7. November 1934 in Baltimore unter der Leitung von Leopold Stokowski, mit dem Komponisten am Klavier |
Béla Bartók «Konzert für Orchester» Sz 116 | Uraufführung: 1. Dezember 1944 in Boston |
Dieses Konzert in der Tonhalle Zürich: 21. und 22. Januar 2026
Kritik:
Seine volle orchestrale Brillanz konnte das Tonhalle-Orchester Zürich gestern Abend in drei Werken aus dem 20. Jahrhundert ausspielen – zur Kulmination gebracht im nach der Pause gespielten KONZERT FÜR ORCHESTER von Béla Bartók. Es ist überaus erfreulich, dass die Werke Bartóks einen prominenteren Platz in der Programmgestaltung einnehmen dürfen als auch schon. Vor einer Woche beglückte dieses Orchester unter Sir András Schiffs Leitung mit Bartóks Tanz-Suite, nun folgte also Paavo Järvi mit einer bestechend geschliffenen, fulminanten Interpretation von dessen gross angelegtem KONZERT FÜR ORCHESTER, in dem die Musiker*innen des Tonhalle-Orchesters sich von ihrer besten und virtuosesten Seite präsentieren durften. In diesem gewaltigsten und am grössten besetzten Orchesterwerk Bartóks kommen alle Instrumentenfamilien gleichermassen zur Geltung und die Musiker*innen des Orchesters nutzten ihre Chancen mit unfassbarer Präzision, herrlichem Klang und wurden stellenweise von Paavo Järvi zu geradezu schwindelerregender Rasanz getrieben. In der Introduzione bestachen die Celli und die Bässe mit dem in der Tiefe ruhenden, warm intonierten pentatonischen Quartenmotiv. Geradezu mystisch flirrend gesellten sich die Violinen dazu, sang die Flöte ihre elegische Melodie. Man fühlte sich in einem Zauberwald. Kontrastreich intervenierten Posaunenrufe, der Klang und die motivische Zusammenführung verdichteten sich. Mit unterhaltsamer Luftigkeit beglückten verschiedene Paarungen der Bläser in lustigen Tänzen im zweiten Satz Giuocco delle coppie, unterbrochen von einem entrüsteten Choral des Blechs. In der Elegia schwang sich schon bald die wunderbar gespielte Melodie der Oboe über das düstere Quartenmotiv der Bässe. Diese Melodie wurde mit eindringlichen Schmerzensschreien des vollen Orchesters jäh unterbrochen, wie wenn ein Vorhang reisst und eine schmerzverzerrte Fratze dahinter zum Vorschein kommt. Im vierten Satz, Intermezzo interrotto, glaubte man zuweilen, bereits in ein munteres Kehraus-Finale einzubiegen, doch gefehlt: Hier brach plötzlich Bartóks Heimweh im so unglücklichen amerikanischen Exil durch: Eine Art wehmütig hinkender Walzer versuchte tröstliche Wärme zu geben. Die Flöte schloss den Satz mit einer wunderschön gespielten Kadenz. Im Finale schliesslich steuerte die Musik in von Järvi subtil aufgebauten Crescendi auf die Kulmination zu, Motive aus der Volksmusik wirbelten auf, unterbrochen von Schlenkern zu ruhenden Punkten, die Rasanz jedoch war atemberaubend, eine veritable tour de force, vom Orchester brillant gemeistert – grosser Jubel im Saal.
Dieser Jubel brach auch vor der Pause aus, nachdem der diesjährige Fokus-Künstler des Tonhalle-Orchesters Zürich, Kirill Gerstein, Rachmaninows RHAPSODIE ÜBER EIN THEMA VON PAGANINI so furios beendet hatte. War das ein pianistisches Feuerwerk allererster Güte. Mein Gott! Man klebte beinahe mit dem Ohr (und von meinem Platz in der linken Hälfte des Saals auch mit dem Auge) am Flügel, den Händen und den Fingern des Solisten und an der Tastatur, wurde hineingezogen in den von Rachmaninow so virtuos heraufbeschworenen Strudel an Einfällen, welche diese Variationen über Paganinis Caprice in a-Moll auszeichnen. Gerstein offenbarte dabei eine ansteckende Spielfreude, das Zusammenspiel mit dem Tonhalle-Orchester Zürich unter Järvis Leitung klappte mit messerscharfer Präszision, ohne an Verspieltheit einzubüssen. Wirkungsvolle Dialoge zwischen dem Solisten und einzelnen Instrumenten (z.B. das aparte Zwiegespräch mit dem Fagott) bereicherten das effektsichere Stück. Das Dies Irae-Motiv tauchte beklemmend auf, wurde sofort wieder von jazzigeren Variationen abgelöst, um ganz am Ende nochmals mit Wucht hervorzubrechen, bevor ihm spasshafte Virtuosität den Garaus machte. Kirill Gerstein spielte mit bestechender Fingerfertigkeit; die berührende Variationen 18 mit ihrer horizontalen Spiegelung des Motivs erklang mit viel Wärme intoniert, aber ohne zähen Zuckerguss. Die vertracktesten Akkordfolgen, die fulminantesten, beidhändigen Läufe mit überkreuzten Händen, dies alles schien für Gerstein ein Kinderspiel zu sein. Er lieferte ein Tastenfeuerwerk, das vom ersten Takt an in seinen Bann zog. Somit bot dann die so ruhig und innig gespielte Zugabe, Rachmaninows Melodie op. 3, eine mehr als willkommene Entspannung – und war zugleich das einzige Musikstück des Abends, das noch aus dem (späten) 19. Jahrhundert stammte.
Denn begonnen hatte das Konzert des Tonhalle-Orchesters Zürich mit der Schweizer Erstaufführung von Thomas Adès' (der Inhaber des Creative Chair in dieser Saison in der Tonhalle ist) Komposition für grosses Orchester „... BUT ALL SHALL BE WELL“. Trotz des riesigen Orchesterapparats ist es eigentlich ein sehr intimes Stück, das eine beinahe transzendentale Ruhe ausbreitet. Mystisch der Beginn mit Triangel- und Celestaklängen, spannend die ursumpfartigen Quakgeräuschen des Blechs, die Reibungen, die oft in lichte Höhen entschwinden, die Ostinati und die gesanglichen Passagen, die erfreulicherweise im Ohr haften bleiben, die dezent ausgeführte Kulmination von instrumentalen Farben. Das war ein Werk (vor etwas über dreissig Jahren entstanden), das man sich gerne anhörte und dem man auch gern wieder einmal begegnen möchte.
Eingestimmt darauf wurde man vor dem Konzert im kleinen Saal der Tonhalle Zürich in der Reihe PRÉLUDE. Studierende der ZhdK, ein Musikwissenschaftler und Interviewgäste stimmten auf das kommende Programm im grossen Saal ein. Der Musikwissenschaftler führte mit sympathischer Eloquenz durch das ca. 1 h dauernde Programm. Begonnen wurde mit dem spannenden Stück CATCH von Thomas Adès, das dieser kurz vor „... BUT ALL SHALL BE WELL“ geschrieben hatte. In dieser Komposition für Klarinette, Klavier, Violine und Violoncello stellt Adès eigentlich ein traditionelles Klaviertrio aufs Podium, das von einer Klarinette unterbrochen wird und die Aufmerksamkeit auf sich zieht, deshalb wohl der Titel CATCH (the attention). Die Komposition hat etwas Raues, Wildes mit den schrägen Glissandi der beiden Streichinstrumente, den heftigen Pizzicati des Cellos unterhalb des Stegs auf den leeren Saiten. Doch plötzlich tritt die Klarinettenspielerin aus der Tür aufs Podium, schreitet barfuss ruhig um die Instrumentengruppe herum, spielt einen einzigen langgezogenen Ton, verschwindet und kommt wieder, diesmal mit elegischer Phrase, die drei anderen scheinen sich zu beruhigen, da hat die Klarinette aber dann doch einen hysterischen Ausbruch, grell beissende Klänge mischen sich, die Klarinette spaziert durch den Saal, kommt zurück aufs Podium, auferlegt den anderen lange Notenwerte, nimmt schliesslich Platz – das Quartett hat sich gefunden. Die jungen Musiker*innen Alessia Boccacino, Klarinette, Elise Vats Jonsson, Violine, Sebastian Ortega, Violoncello und Roy Ranen, Klavier, spielten das alles mit engagierter Konzentration. Im Anschluss daran geben Elise Vats Jonsson und Sebastian Ortega dem Musikwissenschaftler und dem Publikum interessante Einblicke in die intensive musikalische Probenarbeit eines zeitgenössischen Werks und die Erarbeitung der Choreografie. Die nächste Gesprächspartnerin war die Geigerin Elisabeth Bundies, welche seit dreissig Jahren Mitglied des Tonhalle-Orchesters Zürich ist. Sie sprach über die Probenarbeit zu Bartóks KONZERT FÜR ORCHESTER, die Herausforderungen, die Bartók für die Violinen bereit hält. Zudem stellte sie Paganinis Caprice vor, welches das Ausgangs-Thema in Rachmaninows RHAPSODIE im Hauptprogramm bildet und zeigte ein Variationenbeispiel. Schliesslich folgte noch eine veritabel Uraufführung: Der sich in einem Master-Studium im Fach Komposition befindende Wenjie Hu hat ein Stück für Klavier, Violine und Violoncello geschrieben, Titel INSEL, das gestern Abend nun seine Uraufführung erlebte. Die Interpret*innen waren wieder Roy Ranen, Elise Vats Jonsson und Sebastian Ortega. Pointierte, schnell repetierte Noten, rhythmisch virtuos, schräger und lauter werdend. Man müsste es sich ein weiteres Mal anhören dürfen, um das Stück einordnen zu können. In einem kurzen Gespräch sprach der junge Komponist über Vorbilder und Inspirationen. Der Pianist Hendrik Heilmann sprach anschliessend noch über den wieder restaurierten Solti-Flügel, den Sir András Schiff vor einer Woche gespielt hatte und den Heilmann im KONZERT FÜR ORCHESTER im anschliessenden Konzert im grossen Saal spielte und der in Zukunft im kleinen Saal der Tonhalle Zürich mit seinem warmen und dem edlen, viele Schattierungen ermöglichenden Klang seinen Platz finden wird. Schade, dass das kostenlose Angebot dieses PRÉLUDE nicht vermehrt von den Konzertbesucher*innen genutzt wird. Es verloren sich nur gut drei Dutzend Zuhörer*innen im kleinen Saal.
Werke:
Thomas Adès (geboren 1971) wurde von diesen Zeilen aus dem letzten der “Vier Quartette” des Literaturnobelpreisträgers T.S. Eliot zu seiner ersten grossflächig angelegten Komposition für Orchester inspiriert:
«Sin is Behovely, but
All shall be well, and
All manner of thing shall be well»
In seinem Spätwerk “Vier Quartette” fasst Eliot das zusammen, was ihn am meisten bewegt hatte und führt uns an entscheidende Stellen seiner Biografie. Daraus hat Adès die erwähnte Passage als Ausgangspunkt seiner Komposition gemommen: Alles könnte eigentlich gut sein, auch angsichts von Katastrofen. Das rund 10 Minuten dauernde Stück ist in drei Abschnitte unterteilt, die entfernt an eine Sonatensatzform erinnern: Exposition, Durchführung, Reprise. Klanglich werden Romantiker (Liszt) und Spätromantiker entfernt zitiert. Die britische Zeitung THE OBSERVER schrieb: «Intime, meditative Musik, die aufwendig und liebevoll ausgearbeitet sowie sorgfältig gestaltet wurde.»
Die 24 Variationen über ein Thema von Paganini (dessen berühmtes Caprice in a-Moll, das auch Brahms und Liszt zum Komponieren von Variationen inspiriert hatte) zählen zu Sergej Rachmaninows (1873-1943) reifsten Werken und sind sehr diffizil zu spielen. Die 24 Variationen können in drei grosse Abschnitte unterteilt werden und gleichen somit einem Sonatensatz. Die erste Variation erklingt noch vor dem Thema und wird somit zu einer Art Passacaglia. Die folgenden 9 Variationen bilden quasi die Exposition des Sontensatzes. In der 7. Variation schimmert das von Rachmaninow in vielen seiner Werke verwendete Dies-Irae-Motiv auf. Danach folgt mit der 11. Variation der Übergang zur Durchführung. Mit der 19. Variation wird wieder die Gundtonart erreicht und so die Reprise als letzter Abschnitt aufgebaut. Ganz am Ende taucht im Blech nochmals das Dies Irae auf. Michail Fokine wollte dieses Opus Rachmaninows gerne als Ballett bearbeiten. Daraufhin gab ihm der Komponist einige inhaltliche Hinweise: Paganini (das Hauptthema) geht mit den Mächten der Finsternis (Dies Irae) ein Bündnis ein, das ihm virtuose Vollkommenheit (19. Variation) und Erfüllung in der Liebe (Menuett-Variation) garantiert.
Béla Bartók (1881-1945) schrieb das KONZERT FÜR ORCHESTER 1943, kurz nach seiner Flucht aus Ungarn in die USA. Die Uraufführung des stupend orchestrierten Werks war ein gewaltiger Erfolg. Der spannende Wechsel zwischen geheimnisvoll klingende Passagen mit rhythmisch prägnanten Themen, effektvollen Taktwechseln, verfremdeten, auf die Spitze getriebenen Zitaten (Lehár, Schostakowitsch) und ein mitreissendes finales Perpetuum-mobile bewirken, dass das KONZERT FÜR ORCHESTER bei Publikum und Musikern gleichermassen populär ist.