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Zürich, Tonhalle: IGOR LEVIT & PAAVO JÄRVI; 18.06.2026

Erstellt von Kaspar Sannemann | | Brahms | Schostakowitsch

Igor Levit Applausbild, 18.06.2026 Kaspar Sannemann

Igor Levit spielt das zweite Klavierkonzert von Johannes Brahms

Johannes Brahms: 2. Klavierkonzert in B-Dur | Uraufführung: 9. November 1881 in Budapest |

Robert Schumann: Sinfonie Nr. 1 B-Dur op. 38 «Frühlingssinfonie» | Uraufführung: 31. März 1841 in Leipzig unter der Leitung von Felix Mendelssohn-Bartholdy |

Dieses Konzert in Zürich: 17.6. | 18.6. und 19.6.2026

 

Kritik: 

Werke von Schumann und Brahms in einem Konzert zu koppeln ist naheliegend, standen doch die beiden musikalischen Schwergewichte der deutschen Romantik in gegenseitiger Bewunderung in ausgesprochen engem, freundschaftlichem Austausch zueinander. Der Ältere, Schumann, hatte durch seinen Artikel „Neue Bahnen“ in der NEUEN ZEITSCHRIFT FÜR MUSIK die musikalische Welt auf den 23 Jahre jüngeren Brahms aufmerksam gemacht und ihn als „den, der kommen wird“ bezeichnet. 

In diesem Konzert des Tonhalle-Orchesters Zürich wurde nun das zweite Klavierkonzert des reifen Brahms mit der vor jugendlicher Frische nur so überschäumenden ersten Sinfonie aus Schumanns fröhlichster und freudigster Zeit gepaart, einer Zeit, in welcher noch nichts von der später einsetzenden Schwermut und psychischen Krankheit von Robert Schumann zu spüren gewesen war.

Den Anfang machte das gigantische, meisterhafte zweite Klavierkonzert von Johannes Brahms – eine Aufführung, die von Beginn weg durch ihre Konzentration und die feinfühlige Interpretation des Solisten Igor Levit in ihren Bann zog. Levit durchlebte die Partitur gleichermassen, drehte sich immer wieder zu den Musiker*innen des Tonhalle-Orchesters Zürich um, wenn er gerade mal keine Noten zu spielen hatte, klopfte die Staccati der zweiten Violinen schon mal mit dem Finger auf dem Holz des Flügels oder am Klavierstuhl mit, schien in völliger Verzückung mit aufgerissenen Augen ins Publikum zu starren, auch mal mit eher grimmigem Blick. Aber die Töne, die dann von seinen Fingern angeschlagen wurden, waren von einer berückenden Sensibilität durchflutet, von Zartheit und Innigkeit geprägt und nur in wenigen, dafür umso imposanteren Momenten, von wuchtiger Kraft. Gerade die Repliken im Pianissimo auf motivische Vorgaben des Orchesters (das Konzert wurde ja oftmals auch als „Sinfonie mit obligatem Klavier“ bezeichnet) waren von berührender Schönheit. Also weniger effektvolle Kraftentfaltung, dafür mehr an impressionistischer Verklärung, was dem Kopfsatz ausgesprochen gut bekam. Das Konzert prägten stimmungsvolle Dialoge von Igor Levits Spiel mit solistisch eingesetzten Instrumenten oder Gruppen des Orchesters, mit Horn und Flöte im ersten Satz, mit den fantastischen Streichern im zweiten und dem wunderbar elegisch und mit erfüllter Seligkeit intonierenden Solocello von Paul Handschke und der Solooboe und der Flöte im dritten Satz. Das waren Momente, da schien die Zeit still zu stehen, erfüllt mit einer Musik, die direkt ins Herz zu dringen vermochte. Perlende Passagen des Klaviers, atemberaubende Trillerketten und reflektierende Augenblicke liessen aufhorchen, um dann in die pure Lebensfreude des Finalsatzes zu münden, der mit seinen Anspielungen an ungarische Weisen und den glitzernden Einwürfen des Klaviers klanglich das grazioso dieses Allegrettos in einer innigen Verständigung und einem beseelten Zusammenwirken von Dirigent Paavo Järvi, seinem Tonhalle-Orchester Zürich und dem Solisten Igor Levit zu einem traumhaft positiv stimmenden Abschluss brachte. Das Publikum feierte Igor Levit und die Solisten und Gruppen des Orchesters mit begeistertem Applaus. Igor Levit beglückte die Zuhörer*innen im ausverkauften Saal mit einer wunderbar witzig und mit glasklarem Anschlag gespielten Interpretation von Schostakowitschs Waltz-Joke (Nr.5 aus den sieben Tänzen für Puppen).

Nach der Pause liessen es Paavo Järvi und das Tonhalle-Orchester Zürich so richtig krachen: Schumanns erste Sinfonie, dieses lebensfrohe sinfonische (Frühlings-)Erwachen eines jungen Mannes kam mit eruptiver, orgiastischer Kraft daher, ja ein geradezu brachiales, sexuell aufgeladenes Eindringen der Frühlingsgefühle war da zu erleben, ein Werk aus der „Sturm-und-Drang“ -Zeit des Komponisten. Järvi dirigierte das Werk auswendig, schenkte neben all den plakativen Klangballungen aber auch den facettenreichen Farben der Instrumentierung die gebotene Aufmerksamkeit. Die Streicher rasten mit fantastischer Präzision durch die Zweiunddreissigstelläufe und Vierundsechzigstelfiguren, das Blech präsentierte sich mit seinen sauberen Fanfaren in Bestform. Immer wieder begeisterten Schumanns melodischer Einfallsreichtum und die Spritzigkeit der Interpretation. Etwas Entspannung brachte das auf den Kopfsatz folgende Larghetto mit seiner getragenen, gesanglichen Wärme, ja geradezu einer Ermattung nach den ekstatischen Ausbrüchen des ersten Satzes. Allerdings erwachten die Lustgefühle im Mittelteil dieses Larghettos erneut zum Leben, meldeten sich mit Vehemenz zurück. Mit beinahe augenzwinkernder Diabolik lud Paavo Järvi das Scherzo auf, ein Satz der von dem Kontrast zum Ländlerhaften lebte. Järvi und das Tonhalle-Orchester Zürich gehen die leicht verschattete Diabolik sehr zügig und mit schwebender Leichtigkeit vorbeihuschend an. Eine rasante Fahrt stellte der Finalsatz dar, welchen das Orchester mit temporeicher Bravour meisterte. Die dramatisch sich Bahn brechen wollenden Aufwallungen des ersten Satzes wurden von den Bläsern mit fröhlich lüpfiger Thematik geradezu weggefegt, eine verträumte Nocturne-Episode von Flöte, Oboe und Horn wich der Reprise und die Sinfonie schloss mit der triumphal und effektsicher laut daherkommenden Coda.

Ein begeisterndes Konzert mit Werken von Brahms und Schumann, diesen beiden zu Recht wohl unverzichtbaren Stützen des Repertoires grosser Sinfonieorchester; heute Abend nochmals zu erleben in der Tonhalle Zürich.

Werke: 

Johannes Brahms (1833-1897) schrieb sein zweites Klavierkonzert in B-Dur über 20 Jahre nach seinem ersten Konzert für Klavier und Orchester (d-Moll). Das Konzert mit seinen vier Sätzen und einer Aufführungsdauer von ca. 50 Minuten gehört zu den längsten seiner Gattung und wird manchmal auch als "Sinfonie mit Klaviersolo" bezeichnet, was eigentlich nicht korrekt ist, da der Klavierpart äusserst virtuos und auch dominierend angelegt ist. Brahms selbst spielte am Klavier die Uraufführung und gastierte mit dem erfolgreichen Konzert in vielen europäischen Metropolen.

Brahms zeigt in diesem Konzert seine Meisterschaft der vielschichtigen thematischen Variation. Im dritten Satz verwendet Brahms eine Melodie, welche er später für das Lied "Immer leiser wird mein Schlummer" wieder verwendet hat und gibt sie zur Exposition dem Solocello. Der Finalsatz erinnert thematisch und in seinem Kolorit an eine ungarische Weise.

Robert Schumann (1810-1856) komponierte bis zu seinem 30. Lebensjahr nur für das Klavier. Doch dann kam der Durchbruch: Seine erste Sinfonie schuf er in ganz kurzer Zeit, skizzierte sie innert vier Tagen und bereits einen Monat später war er mit der Instrumentierung fertig. Die Uraufführung unter Mendelssohn-Bartholdy war überaus erfolgreich. Die Sinfonie widerspiegelt mit ihrem ungetrübten Charakter des Aufbruchs auch die glückliche persönliche Phase, in der sich Schumann damals befand. "Wir sind sehr glücklich miteinander", schrieb Schumann über das Zusammenleben mit seiner Frau Clara. Die thematische Anregung zu seinem ersten sinfonischen Werk erhielt Schumann durch eine Zeile eines Gedichts von Adolph Böttger ("Im Thale blüht der Frühling auf"). Er verwendete die folgenden Satzüberschriften: Frühlingsbeginn - Abend - Frohe Gespielen - Voller Frühling. Diese Überschriften liess er jedoch für die Stichvorlage der Partitur wieder entfernen.

Karten

 

 

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