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Zürich, Tonhalle: BRAHMS | SCHUMANN; 07.12.2023

Erstellt von Kaspar Sannemann | | Schumann, Sinfonien

Applausbilder: 7.12.2023, K. Sannemann

Marek Janowski, James Ehnes und Pablo Ferrández mit grosser Romantik

Johannes Brahms: «Tragische Ouvertüre» d-Moll op. 81 | Uraufführung: 26. Dezember 1880 in Wien unter Hans Richter | Johannes Brahms: Doppelkonzert a-Moll op. 102 | Uraufführung: 18. Oktober 1887 in Köln | Robert Schumann: Sinfonie Nr. 4 d-Moll op. 120 | Uraufführung (reividierte Fassung): 3. März 1853 in Düsseldorf | Dieses Konzert in Zürich: 7.12. und 8.12.2023

 

Kritik: 

AIMEZ-VOUS BRAHMS?

... fragt Simon die wesentlich ältere Paula in Françoise Sagans gleichnamigem Roman (in der Verfilmung durch Anatol Litvak richtet Anthony Perkins die Frage an Ingrid Bergman). Klar doch, würden die meisten Klassikliebhaber antworten. "Jedoch nicht im Overkill", würde ich persönlich einschränken. Vielleicht habe ich in letzter Zeit einfach zu viel Brahms in Konzerten erlebt, allein in den vergangenen vier Monaten alle Sinfonien des nordeutschen Meisters. Zwar wurden im gestrigen Konzert in der Tonhalle Zürich mit der TRAGISCHEN OUVERTÜRE und dem DOPPELKONZERT nicht gerade die am häufigsten gespielten Werke aus Brahms' Schaffen aufgeführt - und dafür war man dankbar - doch irgendwie schlich sich bei mir persönlich ein gewisses Sattheitsgefühl dieses warmen, pastosen Brahms-Klangs ein. Das lag bestimmt weder am Dirigenten Marek Janowski noch am ausgezeichnet aufspielenden Tonhalle-Orchester Zürich. Janowski ging beide Werke glücklicherweise sehr zügig an, ja die auswendig dirigierte TRAGISCHE OUVERTÜRE, erklang regelrecht forsch und beinahe aufmüpfig, kein überhaben zelebrierter Weltschmerz, sondern klare Akzente wurden mit warm singenden Streichergruppen kontrastiert. Aber auch beim Publikum im gut gefüllten Saal schien der Funken noch nicht ganz übergesprungen zu sein; der Applaus war zurückhaltend freundlich. Ganz anders dann im darauffolgenden Doppelkonzert, dem lezten sinfonischen Stück des Meisters. Hier wurden die in der Tonhalle debütierenden Solisten James Ehnes (Violine) und Pablo Ferrández (Violoncello) enthusiastisch gefeiert. Sie boten eine spannende, ja geradezu theatralische Umsetzung des stellenweise etwas sperrigen Stücks. Pablo Ferrández übernahm dabei mit seinem wunderbar warm klingenden Stradivari-Cello den Part des Schmachtenden, der mit verliebten, flehenden Blicken seine Kantilenen dem Geiger aufdrücken wollte. James Ehnes gab dagegen den eher ernsthaft kalkulierenden Musiker, der jedoch die vom Cello intonierten Themata trotzdem dankbar aufnahm und sie wunderbar sauber intoniert in beinahe transzendentale Ebenen erhob. Das Duettieren der beiden allein schon war eine wahre Freude. Die zauberhaften Läufe der Violine (auch eine Stradivari) und die erdverbundenen Klänge des Cellos vermochten zu fesseln und wurden vom Tonhalle-Orchester Zürich in satten Klang gehüllt. Differenzierter Klangzauber entfaltete sich unter der auch hier zügigen, souveränen Leitung von Marek Janowski, der sowohl den leicht pastoralen Charakter des zweiten und vor allem den wilden Tanz des dritten Satzes energiegeladen strömen liess. Mit wunderschön in Bläsergruppen eingebettetem, freudvollem Klang der beiden Soloinstrumente schloss das Werk.

DER MAESTRO

Höhepunkt des Konzerts jedoch war der zweite Teil: Marek Janowski dirigierte (wiederum auswendig) Schumanns vierte Sinfonie mit einer Energie, einer vorwärtsdrängenden, nie nachlassenden Spannung, die den Saal am Ende vom Hocker riss. In seinem stolzen Alter von 84 Jahren versprühte Janowski eine unglaubliche Frische, evozierte einen mitreissenden Fluss. Sparsam ist seine Zeichengebung, kein Hampelmann auf dem Podest, nein, einer der dem Orchester vertraut (zu Recht, sie kennen einander auch schon lange), es auch mal einfach spielen lässt, nur mit der linken Hand die Dynamik und mit den Schultern die Akzente vorgibt. Er baut wohl gesetzte, architektonische Blöcke auf, lässt den ersten Satz (die Sätze gehen pausenlos ineinader über) in überschäumendem Triumph enden, in einem enthusiastischen Schwung, der die gesamte Interpretation dieser Sinfonie prägt, welche Schumann ja in einer aufgeräumten Stimmung gleich nach seiner ersten Sinfonie konzipiert hatte. Die leicht elegische Stimmung der Romanze des zweiten Satzes wurde nicht überbetont und die Solostellen der Flöte und die fein gespielte Arabeske des Konzertmeisters Andreas Janke erklangen prächtig eingebettet in den Gesamtklang. Das Scherzo rollte mit einer nicht überspitzten Dramatik daher, kurz abgelöst von einem lieblich gespielten Trio. Doch das markante Rollen des Scherzos verdrängte die sanften Klänge des Trios zunehmend und mit spannungsgeladenem Tremolieren der tiefen Streicher wurde der explosive Finalsatz eingeleitet. Hörner und Posaunen setzten zum choralhaften Musizieren an, verströmten Erhabenheit; doch schon bald nahm sprühender, beinahe Weberscher Jubel überhand, Schicksalsakkorde wurden vom flottem Voranschreiten der freudigen Stimmung schnell übertönt. Marek Janowski machte einem bewusst, wie fantastisch kompakt Schumanns vierte Sinfonie gearbeitet ist. Ein Werk, das nie ausufert und überzeugend schnell auf den Punkt kommt.

Das Programm bestand "nur" aus Brahms und Schumann, Hochromantik pur vom Förderer (Schumann) und dem von ihm Geförderten. Anstelle der TRAGISCHEN OUVERTÜRE hätte man sich sehr gut ein anderes Werk vorstellen können, ein Werk, das den romantischen Wohlklang etwas kontrastiert und gewürzt hätte, z.B. Aribert Reimanns SIEBEN FRAGMENTE IN MEMORIAM ROBERT SCHUMANN.

Werke:

Johannes Brahms (1833-1897) hat zwei Konzertouvertüren komponiert, die AKADEMISCHE FESTOUVERTÜRE op. 80 und die TRAGISCHE OUVERTÜRE op. 81. Die beiden Werke entstanden quasi als sinfonisches Interludium zwischen den Kompositionen der zweiten und der dritten Sinfonie. Während die AKADEMISCHE FESTOUVERTÜRE ein glanzvoll konzipiertes Potpourri aus organisch verbundenen Studentenweisen darstellt, erschliesst sich die mit heroisch-pathetischem d-Moll aufwartende TRAGISCHE OUVERTÜRE weniger leicht. Sie hat etwas Unerbittliches an sich, wartet mit drängendem Ungestüm und dem Titel entsprechender Grundstimmung auf. Ob sich Brahms zur Zeit der Entstehung in einer solchen Verfassung befunden hat? Die Brahmssche Wesensart tritt in diesem Werk sehr deutlich hervor: Aufgewühlt, von epischer Melancholie, mit leicht lyrisch angehauchten Momenten - und selbstredend eindringlich orchestriert. Formal folgt diese Ouvertüre der Sonatenhauptsatzform und setzt sich damit klar von den zu der Zeit gängigen sinfonischen Dichtungen (Strauss, Liszt) ab.

Das Doppelkonzert für Violine, Violoncello und Orchester ist das letzte Orchesterwerk von Johannes Brahms. In der Uraufführung spielte der damasl berühmteste Geiger Joseph Joachim den Violinpart. Das ist insofern bemerkenswert, da sich die Jugendfreundschaft zwischen Joachim und Brahms zwischenzeitlich eingetrübt hatte. Das Werk stellt somit einen Versöhnungsversuch von Seiten Brahms' dar. Ein überaus erfolgreicher Versöhnungsversuch übrigens, die beiden näherten sich wieder an. Die beiden Soloinstrumente spielen sich dabei die Motive und Themen zu, wobei oftmals das Cello (das wohl den Komponisten symbolisiert) das erste Wort hat, so gleich im dritten Takt des Kopfsatzes und auch bei der Einführung des volkstümlichen Themas im Schlusssatz. Immerhin finden beide ganz am Ende zu freudvollem A-Dur. Im Gegensatz zu Brahms' Violinkonzert und seinen beiden Klavierkonzerten ist das Doppelkonzert eher selten zu hören. Das liegt nicht etwa an Sperrigkeit oder mangelnder Qualität der Komposition, eher im Gegenteil. Man braucht jedoch zwei ausgezeichnet aufeinander abgestimmte Solisten, um dieses diffizile Werk zum Leuchten zu bringen. Dieses Doppelkonzert steht in der Linie der Sinfonie concertante des 18. Jahrhunderts; Eine Linie, die von Stamitz, Johann Christian Bach, Salieri, Mozart (Konzert für Violinie und Viola) oder Beethoven (mit seinem Tripelkonzert) eben zu Brahms' Doppelkonzert und im 20. Jahrhundert zu Werken von Frank Martin, Szymanowski oder Martinu führt.

Robert Schumann (1810-1856) war der grosse Förderer des jungnen Brahms. Seine d-Moll Sinfonie skizzierte er bereits kurz nach der FRÜHLINGSSINFONIE, seiner ersten des Genres 1841 und legte sie seiner Frau Clara auf den Geburtstagstisch. Die Uraufführung unter Ferdinand David (als "Symphonische Phantasie" bezeichnet) erfolgte bereits im Dezember des selben Jahres, war aber nicht erfolgreich. Das Werk blieb 10 Jahre lang liegen, bevor Schumann es gründlich revidierte, den tiefen Streichern und dem Blech gewichtigere Aufgaben zuteilte und so den leicht dämonischen Charakter der Sinfonie unterstrich. Unter Schumanns Leitung erfolgten dann am 3. März 1853 eine Voraufführung in Düsseldorf und die grosse, stürmisch gefeierte Premiere am Niederrheinischen Musikfest am 15. Mai 1854. Die Sinfonie mit ihren vier pausenlos ineinandergreifenden Sätzen ist ganz im Geist von Beethoven "aus dem Dunkel ins Licht" gestaltet, beginnt mit lastender Schwere im ersten, wartet mit melancholischer Schwermut im zweiten, kämpferischer Energie im dritten und Siegeszuversicht im letzten Satz auf.

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