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Zürich, Theater 11: WEST SIDE STORY, 17.01.2023

Erstellt von Kaspar Sannemann | | West Side Story

Copyright aller Bilder: Johan Persson, mit freundlicher Genehmigung FBM Entertainment | BB Promotion GmbH

Musical in zwei Akten | Musik: Leonard Bernstein | Buch: Arthur Laurents (basierend auf Shakespeares ROMEO UND JULIA) | Songtexte: Stephen Sondheim | Idee und Choreographie der Uraufführung: Jerome Robbins | Uraufführung: 26. September 1957 in New York | Aufführungen in Zürich: 17. bis 29.1.2023

Kritik:

Aus den weit über 100'000 Werken, die für das Musiktheater kreiert wurden, schaffen es nur ein paar Dutzend unauslöschlich im Gedächtnis der Allgemeinheit und auf den Spielplänen weltweit zu verbleiben. Leonard Bernsteins WEST SIDE STORY mit den Songtexten von Stephen Sondheim gehört zweifelssohne dazu. Hier kommen eine zeitlos aktuelle Handlung, wundervoll komponierte Musik und grossartige Songtexte zusammen und berühren seit 65 Jahren immer wieder aufs Neue das Publikum. So auch gestern Abend im Theater 11, wo die Neuinszenierung von Lonny Price Premiere feierte. Es ist eine mitreissende und bewegende Aufführung geworden, die so richtig unter die Haut geht. Dem renommierten Regisseur (mehrere Folgen von DESPERATE HOUSWIVES; Produktionen von SUNSET BOULEVARD mit Glenn Close, oder von SWEENEY TODD mit Emma Thompson) gelang mit dieser Inszenierung der WEST SIDE STORY eine mustergültige Aufführung, die einen vom ersten Auftritt der Jets bis zum tragischen Ende zu fesseln verstand. Nur ein Beispiel für seine herausragende Personenführung: Er verstand es, den Mitgliedern der beiden Gangs - Jets und Sharks - mit halbsolistischen Rollen individuelles Profil zu verleihen und so die Gruppenkonstellationen und ihre Implikationen hochspannend zu machen. Besonders hervorzuheben sind bei den Jets die junge Frau Anybodys (Laura Leo Kelly), die unbedingt bei den harten Jungs mitmachen will, Diesel (Mark Zurowski), Baby John (Calvin Ticknor Swanson) und Snowboy (Liam Johnson), sowie Action (Antony Gasparre III), A-Rab (Sky Bennett) und Big Deal (Ashton Lambert). Bei den Sharks begeisterten der grossartig agierende Chino (Christopher Alvarado) und die Chicas Rosalia (Michel Vascas), Consuela (Deanne Cudjoe) und Teresita (Gianna Annesi). Hitzköpfe der Sharks waren auch Pepe (Alessandro Lopez), Luis (Michael Bishop), Anxious (Vako Gvelesiani), Moose (Ernesto Olivas) und Nibbles (Gerardo Esparza). Das spielfreudige, präzis und schwungvoll tanzende und ausgezeichnet singende Ensemble wurde ergänzt mit Graziella (Natalie Soutier), Minnie (Nicole Lewandowski), Velma (Victoria Biro), Clarice (Gabi Simmons), Francisca (Maja Rivero) und Margarita (Veronica Quezada).

In den Hauptrollen liess an erster Stelle die Maria von Melanie Sierra aufhorchen. Welch eine wunderbare Sopranstimme, leicht und sauber ansprechend und mit einem fantastischen naiven Timbre, welches die Tragik dieser Figur erlebbar machte. Sie konnte theatralisch schmollen, ihre stürmische Verliebtheit ausdrücken und am Ende mit berührender Kraft zur Versöhnung aufrufen. Ihr a capella intoniertes SOMEWHERE über der Leiche ihres Geliebten Tony liess kein Auge trocken, das fuhr ganz gehörig ein. Grandios! Als Tony begeisterte Jadon Webster mit fein geführter Stimme, ein die nicht ganz einfachen gesanglichen und intonatorischen Klippen wunderbar meisternder junger Mann auf der Schwelle zum Erwachsen werden. Die unsterblichen Melodien Maria, Tonight, I feel pretty u.v.a.m. vermochten zu begeistern und zu rühren. Fantastisch agierten die temperamentvolle Anita von Kyra Sorce und der Rädelsführer und Feuerkopf Riff (Taylor Harley) von den Jets und der stolze Macho Bernardo (Antony Sanchez) von den Sharks. Vortrefflich besetzt waren die vier Erwachsenen: Der weise Doc (Darren Mattias), der rassistische Lt.Shrank (Bret Tuomi), der etwas tumbe Officer Krupke (Eric Gratton) und der tuntige Glad Hand (Stuart Dowling).

Die Choreographien von Julio Monge waren temperamentvoll, energiegeladen und gerade in den Schlägereien zwischen den Gangs raffiniert und kraftvoll echt wirkend. Anna Louizos hat eine stimmungsvolle, funktionale Bühne kreiert, mit dem wandelbaren und vielseitige Schauplätze schnell und trefflich verortenden Block in der Mitte. Durch sich öffnende Elemente waren die Balkonszene, das Zimmer Marias, Docs Drugstore und das Nähatelier im Handumrehen da, der Stars and Stripes Zwischenvorhang bei der Ballszene machte grossen Effekt und die Gitterabsperrung für den fatalen Kampf unter der Autobahnbrücke verbreitete die passend düstere und unheimliche Stimmung. Vor allem aber wird der flammend orange Vorhang zum utopischen SOMEWHERE in Erinnerung bleiben. Eine Verschmelzung von Inhalt, Melodie und Bild die ihresgleichen sucht!

Ein erstaunlich grosses Orchester hatte im schmalen Graben des Theaters Platz gefunden und spielte unter der Leitung von Grant Sturiale Bernsteins Partitur mit Verve, aber auch mit ganz fein ausgehorchten Zwischentönen, die von der reich besetzten Bläsergruppe wunderbar intoniert wurden.

Ein ganz grossen Lob gebührt der Beleuchtungsequippe und vor allem auch der Technik: Die Musik und der Gesang waren akustisch perfekt abgemixt und vor allem nie übersteuert (wie das leider oft bei Musical-Produktionen vorkommt).

Fazit: Unbedingt empfehlenswert!

Werk:

Der ursprüngliche Plan der Autoren sah vor, den jüdisch-christlichen Konflikt im New York der Nachkriegszeit zu thematisieren, der Arbeitstitel hiess damals noch EAST SIDE STORY. Doch diesen Plan verwarfen die Autoren bald wieder als unzeitgemäss. Stattdessen konzentrierte man sich auf immer wieder ausbrechende Rassenkonflikte, so zwischen Hispanics (Puertoricanern - Sharks) und weissen Amerikanern (Jets) und wählte neu den Titel WEST SIDE STORY.

Musikalisch griff Bernstein Elemente des Jazz, der Unterhaltungsmusik, aber auch der klassischen Oper auf und verflocht die Stile ausserordentlich gekonnt in mitreissende, eingänige und treffend charakterisierende, zu unsterblichen Klassikern gewordene Melodien und Rhythmen.

Die WEST SIDE STORY wurde durch die aussergewöhnlich stimmg gelungene Verbindung von Wort, Musik und Tanz zu einem bis heute andauernden Grosserfolg, von vielen auch als Mutter aller Musicals bezeichnet. Die Verfilmung durch Robert Wise und Jerome Robbins (u. mit Nathalie Wood und Rita Moreno) erhielt zehn Oscars. Die Neuverfilmung durch Steven Spielberg (bei der Rita Moreno ebenfalls einen Auftritt hatte!) erhielt 2022 immerhin aus sieben Nominierungen eine der begehrten Trophäen.

1985 spielte Bernstein das Musical in Opernbesetzung selbst ein, u.a. mit Kiri T Kanawa, José Carreras und Marilyn Horne. 

Inhalt:

Vor dem Hintergrund eines Bandenkrieges zwischen eingewanderten Puertoricanern  (Sharks) und ansässigen weissen polnischen Einwanderern (Jets) spielt sich eine tragische Liebesgeschichte ab, da sich Tony, ein Jet, in die vor kurzem eingewanderte Maria verliebt, die Schwester von Bernado, dem Anführer der Sharks. Tony gerät ungewollt in einen Zweikampf mit Bernado und verletzt diesen tödlich. Tony muss fliehen. Maria will ihm eine Nachricht zukommen lassen. Da die Überbringerin der Nachricht, Anita, von den Jets vergewaltigt wird, erzählt sie aus Rache die Lüge von der Ermordung Marias durch den eifersüchtigen Chino. Nun will Tony auch nicht mehr leben, sucht Chino, damit dieser ihn ebenfalls erschiesse. In einer Strasse findet er jedoch Maria, läuft auf sie zu - und wird von Chino erschossen. Erst jetzt begreifen die Gangs, dass es sich nicht lohnt, wegen ihrer banalen Konflikte Menschenleben zu opfern.

Musikalische Höhepunkte:

Prolog, Tanz der Gangs

Maria, Tony

Tonight, Tony und Maria

America, Anita, Rosalie und Sharks

I feel pretty, Maria, Consuela, Rosalie

Somewhere, die wohl ergreifendste berührendste Melodie des Stücks

Gee, Officer Krupke, Ensemble Jets

Taunting, Anita und Jets

Finale, Tony und Maria

Karten

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