Zürich, Opernhaus: GIULIO CESARE IN EGITTO; 11.03.2026
Cecila Bartoli kehrt als Cleopatra in einer ihrer Signature-Rollen ans Opernhaus Zürich zurück. Unter der Leitung von Gianluca Capuano singen auch Carlo Vistoli, Mac Emanuel Cencic, Anne Sofie von Otter, Kangmin Justin Kim, Renato Dolcini, Karima El Demerdasch und Evan Grey. Koproduktion mit der Opéra de Monte-Carlo
Dramma in musica in drei Akten | Musik: Georg Friedrich Händel | Libretto: Niccolò Francesco Haym, nach einer Librettovorlage von Giacomo Francesco Busani | Uraufführung: 20. Februar 1724 in London | Aufführungen in Zürich: 11.3. | 13.3. | 15.3. | 17.3. | 21.3. | 25.3. und 28.3.2026
Kritik:
So aufwendig inszeniert und fulminant musiziert machen Barockopern Spass und bereiten Freude, enorme Freude. Die Premiere von Händels GIULIO CESARE IN EGITTO am Opernhaus Zürich wurde zu einem überwältigenden, rauschenden Erfolg für alle Beteiligten und versetzt Zürich hoffentlich ins Barockfieber – Gelegenheit für solch fiebrige Erlebnisse wird es im März zuhauf geben, startet doch bald das Festival ZÜRICH BAROCK, in dessen Rahmen dann u.v.a. weitere Aufführungen von GIULIO CESARE folgen werden.
Regisseur Davide Livermore lässt den Mythos der Begegnung zwischen Julius Cäsar und der ägyptischen Thronaspirantin Cleopatra auf einem Nildampfer der 1920/30er Jahre spielen, so ganz im Stil von John Guillermins Agatha Christie-Verfilmung DEATH ON THE NILE. Das ist bombastisch inszeniert, ohne ab und an das ironische Augenzwinkern zu vergessen. Von der genau beobachteten Einschiffung der Passagiere, mit all den Minidramen, die sich dabei abspielen, bis zur aufregend inszenierten Choreographie des Schlussapplauses, bei der man beinahe in Musical-Stimmung gerät, zeugt diese Arbeit von einer klug durchdachten, mitreissenden und hochspannenden Lesart. Dabei kommen weder einige der ägyptische Plagen (Wasser wird zu Blut, Hagel und Sturm, Ju88 Bomber anstelle von Heuschrecken) zu kurz, noch wird die kriminalistische Erzählung vernachlässigt. Ein stummer Chronist/Regisseur (wie weiland Peter Ustinov als Hercule Poirot) notiert sich die Aufführung hindurch die berühmten Zitate Cäsars („Cesare venne, vide e vinse“), fotografiert und filmt und stellt das Ergebnis seiner detektivischen Chronik während des Schlussapplauses den Passagieren und uns im Publikum als witzig überdrehten Schwarzweiss-Stummfilm vor. Fabelhafte Unterstützung erhielt Livermore durch die von Giò Forma entworfene Konstruktion des Schiffsdecks mit Kommandobrücke, Salon und Festsaal, den Hintergrundkulissen mit all den Sehenswürdigkeiten Ägyptens und postapokalyptischen Landschaften mit gestrandetem Dampfer im Wüstensand, den fantastischen Kostümen von Mariana Fracasso (inklusive Anspielungen auf Kostüme im Film CLEOPATRA von Mankiewicz, mit Liz Taylor), der grandiosen Lichtgestaltung von Antonio Castro und vor allem den packend eingesetzten, atmosphärisch einzigartigen Videos von D-Wok (Leiter dieser Compagnie ist Paolo Gep Cucco). Die dunkel dräuenden Wolken, die gefährlich wogenden Wellen, die Bomberangriffe, die Explosionen und das sich blutrot färbende Nilwasser verfehlten ihre Hollywood-Wirkung nicht.
Die Sänger*innen lassen sich auf dieses Konzept mit einer umwerfenden Spielfreude ein, feuern gewaltige Koloratur-Salven ab, geben jedoch auch den Affekten von Wut, Trauer, Rache und ja, Liebe Raum zur Entfaltung. Dem Giulio Cesare des Countertenors Carlo Vistoli gehört der Lorbeerkranz der Aufführung: Ein begnadeter Darsteller, der den Kapitän und Showman Cäsar, der sich quasi incognito unter die Passagiere der TOLOMEO mischt, mit unfassbarer vokaler Virtuosität gibt. Vistoli brilliert in seinen Arien mit allerschönster Tongebung, so z.B. in seinem umwerfenden Auftritt im von Lydia (Cleopatra) inszenierten Zauberhain. Hier wird der Showstar Cesare zu seiner Arie Se in fiorito ameno prato auf der Bühne begleitet vom zauberhaften Violinspiel der Konzertmeisterin Ada Pesch, die mit Fes und Frack stilecht gekleidet ist. Was die beiden da showmässig zusammen abliefern, wäre ESC-würdig. Vistoli begeistert mit seiner Darstellungskunst und Mimik auch in den Interaktionen mit den anderen Protagonisten, wie zum Beispiel im von heuchlerischer Diplomatie geprägten Aufeinandertreffen mit dem dauerbesoffenen, intrigant-dümmlichen Tolomeo von Countertenor Max Emanuel Cencic, welcher der Rolle nichts an stimmlicher Wendigkeit schuldig bleibt. Auch dies eine Glanzleistung. Der dritte Countertenor des prominent besetzten Countertenor-Trios ist Kangim Justin Kim als von seiner Mutter und dem Geist und Schatten seines ermordeten Vaters zur Rache getriebener Jüngling Sesto. Kangmin Justin Kim verleiht diesem stürmischen Jungen faszinierendes Profil, lotet alle Empfindungen dieses durch die Ermordung Pompeos zum Halbwaisen gewordenen Jünglings aufs Schönste aus. Die Rolle seiner Mutter Cornelia wurde der Mezzosopranistin Anne Sofie von Otter anvertraut. Bei ihrem ersten Auftritt vermisst man noch dramatisch-stimmliche Kraft, ihre Trauer um Pompeo kommt etwas blutleer über die Rampe, wirkt fast buchstabiert. Doch dann kommt kurz vor Ende des ersten Aktes mit dem berückend schön gesungenen Duett mit ihrem Sohn Sesto Son nato/a a lagrimar/sospirar ein regelrechter Showstopper, in welchem sich die beiden Stimmen mit wunderbarer Zartheit umschlingen. Von diesem Moment an ist man tief berührt und gefesselt vom unermesslichen Leid Cornelias und hängt an Anne Sofie von Otters Lippen und ihrer weichen, subtilen Phrasierungskunst. Renato Dolcini ist der in Cornelia verliebte Achilla. Er gestaltet seine Arien und Szenen mit wunderbar agilem Bariton und macht als Einziger der Passagiere auf dem Dampfer eine Art Wandlung durch: Vom durchtriebenen Mörder an der Seite Tolomeos zum unglücklich Verliebten.
Und dann ist da natürlich noch der Star der Aufführung: Cecilia Bartoli hat die Rolle der Cleopatra vor 21 Jahren in Zürich gesungen – und scheint nicht gealtert. Noch immer weiss sie zu kokettieren, zu flirten, zu rühren und ihre Gesangslinien aufs Virtuoseste zu kolorieren. Dies geschieht mit einer unglaublichen Leichtigkeit und Intensität. Man muss ihre Manierismen im Sotto-Voce-Bereich mögen, doch wenn man sie mag, hat man grosse Freude und Vergnügen an der Kunstfertigkeit der bezaubernden Fiorituren und an der einnehmenden Ausnahmekünstlerin und verspürt enorme Dankbarkeit dafür, dass sie die Produktion nach Zürich gebracht hat (Cecilia Bartoli ist ja seit 2023 Intendantin der Opéra de Monte-Carlo wo diese Produktion 2024 Premiere gefeiert hatte). In den Arien V'adoro pupille, Venere bella, oder den trauerumflorten Klagegesängen Se pietà di me non senti und Piangerò la sorte mia (meinen persönlichen Lieblingsarien der Oper) vermag Cecilia Bartoli die Herzen der Zuhörer*innen zu berühren und löst Begeisterungsstürme aus.
In den beiden kleineren Partien von Nireno und Curio nehmen Karima El Demerdasch respektive Evan Gray für sich ein. Witzig geraten sind die Auftritte der Tänzer*innen Sina Friedli, Valentina Rodenghi und Francesco Guglielmino. Wunderschön gestalten die SoprAlti und der Zusatzchor der Oper Zürich ihre kurzen, aber prägnanten Auftritte (Einstudierung: Alice Lapasin Zorzit). Entscheidend für den fulminanten Gesamteindruck der Produktion ist natürlich das mit wunderbarer Farbigkeit und Verve aufspielende Orchestra La Scintilla unter der Leitung von Gianluca Capuano (Bester Dirigent bei den OPER! AWARDS 2026), der die Fäden perfekt zusammenhält, die Partitur dramatisch auf Affekte auslotet und unzählige spritzige Akzente zu setzen weiss. Man verliert über die drei Stunden Spieldauer keinen Moment lang die Konzentration, bleibt voll involviert in die Geschehnisse auf dem Dampfer TOLOMEO, der am Ende flugs seinen Namen auf CESARE ändert.
Hingehen und sich amüsieren und berühren lassen!
Inhalt:
Giulio Cesare hat seinen politischen Widersacher Pompejus besiegt und trifft umjubelt in Alexandria ein. Dort trifft er auf Pompejus' Sohn Sesto und dessen Mutter Cornelia, um sich mit ihnen zu versöhnen. Doch in diesem Moment bringt Achilla das Haupt von Pompejus, der in Ägypten Schutz gesucht hatte. Tolomeo, der Bruder Cleopatras, hatte diesen Mord in Auftrag gegeben, um damit Cesare im Kampf um den ägytischen Thron auf seine Seite zu ziehen. Cornelia bricht zusammen und Sesto schwört Rache. Cesare ist über die brutale Ermordung seines Gegners entrüstet. Cleopatra will nun Cesare auf ihre Seite ziehen, Tolomeo hingegen will auf den Rat von Achilla hin auch Cesare ermorden lassen. Er verspricht Achilla als Lohn die Hand von Cornelia. Cleopatra verkleidet sich als Dienerin und bittet den um Pompejus trauernden Cesare um Hilfe für ihr Land. Tolomeo gibt ein Fest und lädt auch Cesare ein, um ihn während der Feierlichkeiten ermorden zu lassen. Cesare ahnt die Finte und entfernt sich heimlich. Cornelia und Sesto dringen uneingeladen in Tolomeos Palast ein und beschuldigen Tolomeo des Mordes an Vater und Ehemann. Sie werden jedoch überwältigt, entwaffnet und in den Kerker (Cornelia ins Serail) geworfen. Achilla verspricht Cornelia Hilfe, wenn sie seine Gemahlin werde. Sie weist das Angebot entrüstet von sich.
Cesare kommt in Cleopatras Gemächer. Sie ist immer noch als Dienerin verkleidet, doch als ihr Getreuer Nireno hereinstürzt und berichtet, dass Mörder nahen, die Cesare umbringen wollen, gibt sie sich als Cleopatra zu erkennen und weist Cesare einen Fluchtweg: Er stürzt sich aus einem Fenster direkt ins Meer. Tolemeo und Achilla werben nun jeder für sich um Cornelia. Sesto wurde unterdessen von Nireno befreit und versucht Tolemeo zu töten. Er wird jedoch erneut überwältigt. Achilla fordert nun seinen Lohn, nämlich Cornelia, da Cesare ja nun tot sei und er seinen Auftrag erfüllt habe. Tolomeo lehnt seine Bitte ab. Achillo wechselt das Lager, er tritt nun auf Cesares Seite und befreit Sesto.
Tolomeo hat Cleopatras Truppen und ihre römischen Verbündeten besiegt und lässt seine Schwester in Ketten legen. Cesare konnte sich aus dem Meer retten. Er beobachtet, wie der tödlich verwundete Achilla Sesto seinen Siegelring (und damit die Befehlsgewalt über die ägyptischen Truppen) übergibt. Sesto reicht den Ring an Cesare weiter.
Cleopatra ist von Tolomeo zum Tode verurteilt worden. Cesare dringt ins Zeltlager Tolomeos ein und befreit die Geliebte. Tolomeo wird in der Schlacht von Sesto getötet. Cleopatra wird unter dem Jubel des Volkes zur Königin ausgerufen. An ihrer Seite steht Giulio Cesare … .
Werk:
1710 erklang erstmals Musik von Georg Friedrich Händel (1685-1759) in London, wenige Jahre später zog Händel definitiv nach London, übernahm zusammen mit dem Schweizer Heidegger ab 1719 das King's Theatre. Für jede Saison komponierte Händel ein bis zwei Opern und es gab Wiederaufnahmen seiner früheren Werke. Nach dem wirtschaftlichen Zusammenbruch des Theaters (auch weil diese italienischen Opern aus der Mode gerieten) verlegte Händel den Schwerpunkt auf das Komponieren von Oratorien.
GIULIO CESARE IN EGITTO kam 1724 heraus und wurde eine der zu seiner Lebenszeit am häufigsten gespielten Opern des “göttlichen” Händel. Auch die Renaissance von Händels Opern ab 1920 wurde in Deutschland von GIULIO CESARE IN EGITTO eingeläutet. Diese Oper ist von all den fast unzähligen Werken (nach neueren Berechnungen hat er mehr komponiert als Bach und Beethoven zusammen) des grossen Barockkomponisten seine reichhaltigste: Überaus farbig instrumentiert, mit grandios die Charaktere umreissenden Arien für die Protagonisten und gar einem zusätzlichen Bühnenorchester für die Parnass-Szene (Verführungs- und Liebesszene) im zweiten Akt. Die Titelrolle in der Uraufführung am King's Theatre sang der Star-Kastrat Senesino.
Von mir besuchte Aufführungen von GIULIO CESARE IN EGITTO am Opernhaus Zürich
29. Januar 1986:
ML: Nikolaus Harnoncourt, Inszenierung: Federik Mirdita
Cesare: Thomas Hampson, Cleopatra: Rahel Yakar, Cornelia: Anne Gjevang, Sesto: Susanne Mentzner, Curio: Werner Gröschel,
Tolomeo: Roderick Kennedy, Achilla: Rudolf A. Hartmann, Nireno: Victor Ramirez
2. April 2005:
ML: Marc Minkowski, Inszenierung: Cesare Lievi
Cesare: Franco Fagioli, Cleopatra: Cecilia Bartoli, Cornelia: Charlotte Hellekant, Sesto: Anna Bonitatibus, Curio: Gabriel Bermudez, Tolomeo: Martin Oro, Achilla: Allan Ewing, Nireno: José Lemos