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Zürich, Opernhaus: ARABELLA; 28.04.2026

Erstellt von Kaspar Sannemann | | Arabella

copyright: Toni Suter, mit freundlicher Genehmigung Opernhaus Zürich Bilder der Premierenserie von 2020

Starbesetzte Wiederaufnahme der Erfolgsproduktion von Robert Carsen mit Diana Damrau, Anett Fritsch, Michael Volle und Pavol Breslik

Lyrische Komödie in drei Aufzügen | Musik: Richard Strauss | Libretto: Hugo von Hofmannsthal | Uraufführung: 1. Juli 1933 in Dresden | Aufführungen in Zürich: nur noch am 25.4. und am 28.4.2026

Kritik: 

Die letzte Vorstellung dieser Wiederaufnahmeserie (Premiere war 2020) von Richard Strauss ARABELLA könnte ebenso gut MANDRYKA genannt werden. Denn was Michael Volle vokal aus der Partie herausholte, war schlicht und einfach stupend. Seine kraftvolle, herrlich unangestrengt strömende Baritonstimme vermochte den bäuerlichen, leicht aufbrausenden und doch in seinen Gefühlen so direkt und ehrlich daherkommenden Charakter des kroatischen Grafen mit bewegender Subtilität zu transportieren. Eine Leistung zum Niederknien. Es waren an diesem Abend vor allem die Sänger der Männerfiguren, die am meisten überzeugten. Pavol Breslik zum Beispiel als Matteo, der von Zdenko/Zdenka so sehr geliebt wird, dass er/sie ihn mittels eines Tricks in ihr Bett lockt, gibt den sympathischen Offizier mit tenoralem Aplomb und auch darstellerisch grossartig. Rein von den melodischen Einfällen her ist diese Partie ja bei weitem nicht so dankbar wie diejenige Mandrykas (Strauss schrieb selten dankbare Partien für Tenöre), doch Pavol Breslik machte das durch seine Leistung fast vergessen. Breslik war schon bei der Wiederaufnahme dieser Produktion 2022 als Matteo dabei gewesen. Wolfgang Bankl als spielsüchtiger, verarmter Graf Waldner und Vater Arabellas und Zdenkas war so herrlich behäbig, schien sie kaum Sorgen über seine finanzielle Lage und die Lage seiner Töchter zu machen – irgendwie ein sympathischer, etwas trotteliger Kerl. Grossartig! Mit viel Schneid und machohaftem Getue agierten die drei Verehrer Arabellas, allesamt Grafen und SS-Offiziere: Graf Elemer (mit festem, sicher strahlendem Tenor Johan Krogius), Graf Dominik (Felix Gygli überzeugte mit seinem angenehm timbrierten Bariton) und Graf Lamoral (den schön gerundeten Bass von Brent Michael Smith konnte man am Opernhaus bereits in mehreren Partien würdigen). Doch natürlich ist ARABELLA vor allem bekannt, als DIE Oper für zwei Sopranstimmen. Anett Fritsch als Zdenko/Zdenka war bereits bei der Wiederaufnahme 2022 dabei, Starsopranistin Diana Damrau stiess neu zum Ensemble als Interpretin der Titelrolle. Anett Fritschs Stimme schien an gewissen Stellen bereits zu gross zu sein für den zarten Charakter der Zdenka, sich in Richtung eines jugendlich-dramatischen Soprans zu entwickeln. Darstellerisch füllte sie ihre Rolle begeisternd aus, zeigte die Zerbrechlichkeit, die Hingabe ans Glück ihrer Schwester der in Bubenkleider gesteckten, tragischen Figur. Allein, der Strauss'sche Silberklang, mit diesen fein gesponnenen, auch in der Höhe wunderbar zart und unforciert dahinfliessenden Kantilenen, wollte sich nicht immer einstellen. Warum dieser hässlich klingende Druck auf die Stimme in der Höhe, welcher das zarte Gleichgewicht des Klangs der sich umschlingenden Frauenstimmen in den Duetten empfindlich störte? Diana Damrau gelang das besser. Ihre manchmal leicht herbe Stimmfarbe wirkte mehr in sich selbst ruhend, dynamisch ausgeglichener. Sie sang eine souveräne, selbstbewusste Arabella, ihre Diktion und die Textsicherheit waren (wie übrigens auch bei Michael Volle) vortrefflich, alle Parlando-Passagen ganz wunderbar vom Text her gestaltet, auch die Phrasierung vortrefflich. Doch selbst bei dieser erfahrenen Strauss-Sopranistin (sie war die Marschallin der Eröffnungspremiere dieser Saison) fehlte mir an vielen der „schönen“ Stellen der erwähnte, Gänsehaut erregende Silberklang. Aber Stimmen sind immer Geschmackssache, man hat vielleicht Aufführungen erlebt, besondere Referenz- Aufnahmen gehört, die den eigenen Geschmack geprägt haben und ist manchmal deshalb etwas festgefahren in seinem Urteil, wie eine Partie zu „klingen“ habe. Bei Yewon Han als bezaubernde, stimmlich und darstellerisch agile Fiakermilli habe ich rein gar nichts zu monieren. Stephanie Houtzeel als Mutter Adelaide war erneut (sie war schon 2020 dabei) eine umwerfende Darstellerin und kokettierte so herrlich mit dem Lamoral. Ein Beispiel dafür, was eine begnadete Künstlerin aus einer mittelgrossen Rolle herauszuholen vermag. Irène Friedli als Kartenaufschlägerin zeigte ebenfalls eine solch überzeugende darstellerische Leistung. Natürlich braucht es dazu auch einen Regisseur, der dies ermöglicht. So einer war Robert Carsen. Seine Verlegung der Handlung in die Nazizeit der Entstehungs- und Aufführungsgeschichte der Oper vermag immer noch zu überzeugen, zu beeindrucken und zu ängstigen – gerade wenn man an die aktuelle politische Weltlage denkt. Von daher ist es legitim, die Entstehungszeit der Oper und die Verstrickungen des Komponisten in das Gebaren des NS-Regimes (im Vorfeld des Anschlusses Österreichs ans nationalsozialistische Deutsche Reich) zu thematisieren, zumal Hugo von Hofmannsthal ein sensibler, politische Lagen feinsinnig spürender Autor gewesen war. Mehr zur Inszenierung kann man in den untenstehenden Links zu von mir besuchten Vorstellungen nachlesen.

Am Pult stand mit Markus Poschner (wie 2022) ein grossartig disponierender Klangmagier, der die Strauss'schen Orchesterfluten mit überschäumender Farbigkeit zum Blühen zu bringen vermochte. Kann sein, dass er und das Orchester der Oper Zürich manchmal zu stark aufdrehten, so dass einige der Sänger*innen zum Forcieren verführt wurden. Doch gerade in dieser Oper, die so viel lyrische Konversation aufweist und eigentlich nur wenige so wirklich „schöne“ gesangliche Momente hat, ist das, was beim fabelhaften Orchestrierer Strauss im Graben abgeht, natürlich von grossem (spannenderem?) Interesse. Und diesem Anspruch wurde die Aufführung vollkommen gerecht. Besonders zu erwähnen ist die Solo-Bratsche zu Arabellas grossem Monolog „Mein Elemer“. Die orchestrale Wucht der Aufführung fuhr dann doch gewaltig ein.

Inhalt:

Der spielsüchtige, verarmte Graf Waldner und seine Gemahlin können es sich nicht leisten, zwei Töchter standesgemäss in die Gesellschaft einzuführen. Sie haben deshalb die jüngere Tochter, Zdenka, in Männerkleider gesteckt und als Zdenko ausgegeben. Die ältere Tochter, Arabella, soll reich verheiratet werden. Sie hat viele Verehrer, wartet aber auf den „Richtigen“. Zdenka hingegen hat sich in einen der Verehrer Arabellas, Matteo, verguckt. In Arabellas Namen schreibt sie ihm immer wieder Liebesbriefe. Auf einem Faschingsball kommen sich der reiche Landadlige Mandryka (der Neffe eines Militärkameraden ihres Vaters) und Arabella näher. Sie weiss nun, dass er der Richtige und ihr Gebieter sein wird. Mandryka beobachtet, wie Zdenko (-a) Matteo einen Brief mit dem Zimmerschlüssel Arabellas überreicht. Rasend vor Eifersucht begibt er sich in das Hotel, wo die Familie des Grafen Waldner logiert. Dort trifft er auf Arabella und Matteo. Die Situation eskaliert. Erst das Erscheinen Zdenkas in Frauenkleidern und ihr Geständnis führen zum Happyend.

Werk:
ARABELLA setzt den Schlusspunkt unter die erfolgreiche Zusammenarbeit von Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal. Zugleich bleibt sie die letzte wirklich repertoirefähige Oper des Komponisten. Hofmannsthal starb nach der Beendigung des ersten Aufzugs. Als Huldigung an seinen Librettisten vertonte Strauss die letzten beiden Aufzüge so, wie sie der letzte Entwurf Hofmannsthals vorsah, ohne den letzten Feinschliff, den der versierte Librettist seinen Werken jeweils verpasst hatte. So bleiben einige Figuren doch relativ undifferenziert gezeichnet, die Handlung und die psychologische Durchdringung der Protagonisten weisen Schwächen auf, auch die musikalische Einfallskraft des beinahe 70jährigen Komponisten hat nachgelassen. Die Opferbereitschaft und Unterwürfigkeit der beiden Frauen ist aus heutiger Sicht beinahe unerträglich. Die beiden bekanntesten Nummern der Oper (Aber der Richtige / Und du wirst mein Gebieter sein) sind allerdings von einer betörenden Klangsinnlichkeit. Strauss liess sich dafür von slawischen Volksliedern inspirieren. Nichtsdestotrotz wurde ARABELLA zu einem Vehikel für die ganz grossen Primadonnen der Oper: Lotte Lehmann, Maria Cebotari, Lisa della Casa (wohl DIE Arabella schlechthin), Anna Tomowa-Sintow, Kiri Te Kanawa und Renée Fleming.

Musikalische Höhepunkte:
Aber der Richtige – wenn’s einen gibt, Duett Arabella-Zdenka, Aufzug I
Mein Elemer…, Schlussszene der Arabella, Aufzug I
Das ist ein Engel, Mandryka, Aufzug II
Und du wirst mein Gebieter sein, Duett Arabella-Mandryka, Aufzug II
Das war sehr gut, Mandryka …, Finale Aufzug III

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