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St.Gallen, Theater: THE FAIRY QUEEN; 07.02.2026

Erstellt von Kaspar Sannemann | | Dido & Aeneas

copyright: Ludwig Olah, mit freundlicher Genehmigung Theater St.Gallen

Die Openair-Produktion von 2024 in Flumserberg kommt ins wetterfeste Theater!

Semi-Oper in fünf Akten | Musik: Henry Purcell | Libretto: frei nach Shakespeares EIN SOMMERNACHTSTRAUM, vermutlich verfasst von Thomas Betterton | Uraufführung: 2. Mai 1692 im Queen's Theatre, Dorset Garden in London, revidierte Fassung 1693 | Aufführungen in St.Gallen: 7.2. | 15.2. | 1.3. | 2.3. | 24.3. | 12.4.2026

Kritik: 

Eine im wahrsten Sinne des Wortes Auge, Ohr und Seele be- und verzaubernde Produktion von Henry Purcells Semi-Oper THE FAIRY QUEEN ist seit gestern Abend im Theater St.Gallen zu erleben. Die Regisseurin Anna Bernreitner hat ihre ursprünglich für Opernair-Aufführungen vor eineinhalb Jahren in Flumserberge konzipierte Inszenierung, die auf Grund von Wetterkapriolen nur wenige Male gespielt werden konnte, nun für Indoor-Aufführungen im Theater St.Gallen angepasst. Ihre Fassung von Purcells Werk begeistert mit der Poesie der (deutsch gesprochenen) Dialoge aus Shakespeares EIN SOMMERNACHTSTRAUM und WIE ES EUCH GEFÄLLT und den in der englischen Originalsprache gesungenen solistischen und chorischen Passagen. Dabei offenbart Anna Bernreitner ein feines Gespür für die sprachlichen Finessen Shakespears, für dessen doppelbödigen, zarten Humor, der nie grobschlächtig oder platt daher kommt. Sie bettet die Geschlechterkampfszenen zwischen der Elfenkönigin Titania und dem Elfenkönig Oberon geschickt in den musikalischen Ablauf der beiden menschlichen Paare Hermia/Lysander und Helena/Demetrius ein. Dazu kommt noch der Poet Jacques, der durch sein Einfühlungsvermögen und sein waches Empfinden die Brücke zur Elfenwelt zu bauen weiss. Entstanden ist so eine comicartige Collage in einem prächtig ausgeleuchteten Zauberwald (Lichtdesign: Paul Grilj), mit fantasievoll kostümierten, viel Schabernack treibenden Elfen und Kobolden. Manche tragen Hörner, viele haben auffallend lange Schwänze und erinnern entfernt ein wenig an die ebenfalls langschwänzigen Comicfiguren der MARSUPILAMI. Einfallsreiche Choreografien von Steffi Wieser machen die vielen „Musicken“ von Purcell zu unterhaltsamen Momenten des Innehaltens und des augenzwinkernden Amüsements. Die Kostüme für diese Elfen und Kobolde, aber auch die für die Menschenpaare und den Poeten Jacques folgen einer stringenten Kostümdramaturgie (Bühnenbild und Kostüme: Hannah Oellinger und Manfred Rainer). Oberon (brillant dargestellt von Christian Hettkamp) ist ein androgyner Charakter, gleicht den Elben-Herrschern Legolas und Galadriel. Er kann das Aufstreben weiblicher Macht nicht akzeptieren und kann in der Gestalt des Esels dann nur noch erbärmlich iahen und sich in einen Baum verlieben. Seine zur Macht strebende Gemahlin Titania wird ebenso brillant gespielt von Chantal Dubs, welche der Titania emanzipatorisches Profil verleiht. Klug auch der Einfall der Regisseurin, beiden einen Puck zur Seite zu stellen, Oberon bekommt den Puck „Nachtspuk“ und Titania den Puck „Morgentau“. Die beiden Tanz- und Perfomance-Künstler Mario Venanzi und Wassilissa Serafin Gutzwiller entwickeln dabei ein von ihren Herrschern inspiriertes Eigenleben, bilden den Geschlechterkampf, Abstossung und Anziehung, parallel nach. Das ist herrlich erfrischend getanzt, wie alle Choreografien des Abends. Und hier ist insbesondere auch dem Chor des Theaters St.Gallen (Einstudierung: Filip Paluchowski) ein Kränzchen zu winden, denn nicht nur singt der Chor mit fantastischer Plastizität, er bewegt sich auch mit stupender Agilität zur farbenreich dargebotenen Musik, welche das Sinfonieorchester St. Gallen so frisch und lebendig aus dem Graben erklingen lässt. Dass diese Partitur in den Händen des renommierten Barockspezialisten Robert Howarth (u.a. auch schon am Opernhaus Zürich bei IL RITORNO D'ULISSE IN PATRIA zu erleben gewesen) in besten Händen liegt, war deutlich zu hören. Welch eine musikalische Poesie, eine berührende Schönheit des Klangs, aber auch Verve und Leidenschaft wehen da durch den Saal. Herausragend. Diese berührende Schönheit und Leidenschaft ist auch in den solistischen fünf Gesangspartien zu erleben. Théo Imart beeindruckt (nach der dänischen Gräfin, der Dagmar und der Oberschwester in LILI ELBE in St.Gallen) erneut mit seinem herrlich strahlenden, durchschlagskräftigen Countertenor als Poet Jacques. Das neue Ensemblemitglied des Theaters St.Gallen, die Sopranistin Olivia Smith, rührt als Helena mit ihren wunderschön und einfühlsam intonierten Arien die Herzen der Zuschauer*innen. Was für eine beglückende Wärme, was für eine wunderbar gerundete Tongebung. Herrlich! Fantastisch füllt auch Robert Bartneck die Rolle des unglücklich in Hermia verliebten Demetrius mit seinem wunderschön und einnehmend timbrierten Tenor aus. Aber das Paar Helena und Demetrius kommt am Ende trotz all der puren Schönheit der vokalen Linien dann doch nicht zusammen, die Gräben durch Untreue sind zu tief und unüberbrückbar. Und auch bei Hermia und Lysander muss man sich diese Frage stellen: Ist der Lysander, der fast dauerbetrunken ist und seine Hermia nur so knapp (wenn überhaupt) ertragen kann, wirklich der ideale Partner für die selbstbewusste Hermia? Wie dem auch sei, beide erhalten von der lyrischen Sopranistin Kali Hardwick und dem ausdrucksstarken Bass Jonas Jud bestechend klares vokales und darstellerisches Profil.

Fazit: Purcells THE FAIRY QUEEN in St.Gallen ist ein musikalisches Juwel, feinsinnig und unterhaltsam inszeniert und garantiert einen beglückenden Opernabend.

Inhalt:

Die Handlung beginnt mit dem Streit zwischen Oberon und Titania, der Feenkönigin, um ein indisches Findelkind. Oberon beauftragt den Kobold Puck, Titania mit einem Liebeszauber (aus einer Wunderblume) zu verhexen, damit sie sich in das erste Wesen verliebt, das sie sieht.

Gleichzeitig verirren sich die vier jungen Liebenden Hermia, Helena, Lysander und Demetrius im Feenwald, wo sie ebenfalls Opfer von Pucks Streichen werden.

Puck verwandelt den Handwerker Zettel (Bottom) in einen Esel. Titania, von dem Zauber getroffen, erwacht und verliebt sich augenblicklich in den Esel Zettel.

Der magische Spuk führt zu komischen Verwirrungen bei den Menschen und dem Feenpaar. Am Ende findet Oberon das indische Kind, erlöst Titania, und alle Paare finden zu ihren wahren Gefühlen zurück.

Die Menschen kehren in ihre Welt zurück, und die Feen feiern mit Tanz, Gesang und Allegorien der vier Jahreszeiten die wiederhergestellte Harmonie und die Macht der Liebe. 

Werk:

Henry Purcell (1659-1695) war neben Händel der angesehenste Komponist Grossbritanniens in der Barockzeit. Als nach seinem Tod die erste Sammlung seiner Lieder erschien, erfolgte dies unter dem Titel ORPHEUS BRITANNICUS. Bald schon geriet er jedoch in Vergessenheit. Erst die Zweihundertjahr-Gedenkfeiern seines Todes 1895 rückten den Komponisten wieder ins Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit. Der viel zu früh verstorbene Komponist hinterliess insgesamt nur ein einziges Bühnenwerk, das man als vollständige Oper bezeichnen könnte (DIDO UND AENEAS). Alle anderen waren sogenannte Semi-Opern, so auch THE FAIRY QUEEN, da sich darin gesprochener Text und Musik abwechselten, die Musik oftmals nur als Zwischenspiele für szenische Verwandlungen eingesetzt wurde oder die Musik missbraucht wurde, um das Sprechtheater vor dem Aussterben zu retten. (Einfügen von musikalischen Mini-Maskenspielen in die Semi-Opern, Arien wurden oftmals Nebenfiguren anvertraut.) In der Restaurationszeit in Grossbritannien ab 1660 musste der von der Cromwell-Diktatur verfügte Theaterbann zuerst mal aufgehoben werden, und so dauerte es eine gewisse Zeit, bis sich die Bühnenkunst nach der vom Puritanismus geprägten Herrschaft wieder einigermassen zu etablieren vermochte. THE FAIRY QUEEN ist jedoch von einem für Semi-Opern erstaunlichen Reichtum an musikalischen Formen: Chöre, Instrumentalnummern, Tänze, Arien beglücken mit melodischem Einfallsreichtum und Spritzigkeit. Die Partitur ging nach Purcells Tod verloren und wurde erst Anfang des 20. Jahrhunderts wiederentdeckt. 

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