Luzern, Theater: PETER GRIMES; 06.09.2025
Das Luzerner Theater zeigt eine Neuproduktion von Benjamin Brittens meisterhaftem Aussenseiter-Drama PETER GRIMES
Oper in einem Prolog und drei Akten | Musik: Benjamin Britten | Libretto: Montagu Slater, nach Crabbes Poem THE BOROUGH | Uraufführung: 7. April 1945 in London | Aufführungen in Luzern: 6.9. | 12.9. | 14.9. | 23.9. | 25.9. | 9.10. | 17.10. | 31.10.2025
Kritik:
Mit einer zutiefst bewegenden, aufwühlenden und geradezu erschütternden Aufführung von Benjamin Brittens meisterhaftem Musikdrama PETER GRIMES überwältigte das Luzerner Theater gestern Abend sein Premierenpublikum.
Benjamin Brittens packende Oper hat seit ihrer Uraufführung nichts an gesellschaftspolitischer Brisanz eingebüsst. Seine Schilderung der Mechanismen in einer Dorfgemeinschaft zeigt parabelhaft im Kleinen wie die Menschen im Grossen funktionieren und agieren, wie sie kleinkariert denken, wie leicht sie Schuld zuweisen und Sündenböcke benennen, um der Selbstreflexion auszuweichen. Der Regisseur der neuen Produktion in Luzern, Wolfgang Nägele, hat diese Spannungsfelder zwischen Individuum und Gemeinschaft mit herausragender Genauigkeit und einer optischen Sprache (Bühnenbild: Valentin Köhler, Kostüme: Marie-Luise Otto), die reich an Metaphern ist, erarbeitet. Im Prolog trennt eine Hafenmauer aus glitschig schimmernden, grob gehauenen, schwarzen Steinen Grimes von seinen Anklägern. Einzig eine Schwimmbadleiter führt zu Grimes hinunter. Ellen, die mütterliche Freundin von Grimes, ist zuerst die einzige, welche zu ihm hinunterklettert. Für die Schilderung der Monotonie des dörflichen Alltags zeigen der Regisseur, der Bühnenbildner Valentin Köhler und die Kostümbildnerin Marie-Luise Otto die Menschen bei der eintönigen Arbeit in einer Fischverarbeitungsfabrik, beim abendlichen Vergnügen in der Kneipe, die hier ein Schiffscontainer ist, der auch als “Verrichtungsbox” für Prostituierte und Freier dient. Das Bild der Fischfabrik sehen wir dann auch am Ende der Oper wieder: Die dramatischen Ereignisse haben keine Spuren hinterlassen, es werden keine Gedanken an das Vergangene verschwendet, keine Lehren gezogen, die gewohnte Monotonie setzt sich unverändert fort – und das bis in die heutige Zeit, wo wir alle immer noch sehr schnell bei der Benennung von Sündenböcken sind, wenn wir durch ungewohntes Verhalten oder neu gedachte Visionen aus unserem gewohnten Trott gerissen werden. Wolfgang Nägele, Valentin Köhler und die Kostümbildnerin Marie-Luise Otto bringen uns die Menschen dieses Dorfes mit bezwingender Unmittelbarkeit näher, die Personenführung ist exzellent, fantastisch differenziert und ganz realistisch und naturalistisch. Die Metaphern sind in der Gestaltung der Bühne angelegt, etwa in dem an Turners Kunst angelehnten Bild vom Schiff, das dem aufgewühlten Meer trotzt und vor dem Grimes seinen Traum von der Bezwingung der Natur träumt, vom Reichtum und vom Glück mit Ellen und eigenen Kindern. Doch wenn sich der Lynchmob der Dorfbewohner nähert, reisst er die Leinwand herunter, legt sich das Tuch wie eine Robe um die Schultern und schreitet majestätisch in den Suizid. Das Inszenierungsteam hat weitgehend darauf verzichtet, die vier berühmten Sea Interludes realistisch zu illustrieren, was einer Verdoppelung gleichkäme, denn die musikalische Sprache Brittens sagt eigentlich alles. Deshalb sehen wir auf der Bühne ebenfalls dezente Metaphern, etwa einen Trauerzug mit antiken Schiffsmodellen und weissen Kerzen für die Opfer der See. Brittens eindringliche Schilderungen der Abgründe werden vom Luzerner Sinfonieorchester unter der Leitung von Jonathan Bloxham mit aufwühlender, vorwärtsdrängender, aufpeitschender Kraft und subtiler Differenzierung in den kammermusikalischen Verästelungen interpretiert. Die Orchesterbesetzung ist in dem relativ kleinen Luzerner Haus etwas reduziert, was jedoch keine Einbussen der klanglichen Intensität zur Folge hat.
Angeführt von Brett Sprague, der mit seinem sensibel geführten, biegsamen Tenor all die komplexen Charakterzüge und Träume von Peter Grimes offenzulegen vermag, begeistert ein hochkarätiges Ensemble mit subtilen Porträtierungen der Menschen in dieser kleinräumigen Dorfgemeinschaft: Mit wunderbar leuchtender Sopranstimme verkörpert Eyrún Unnasdóttir die mütterlichen Gefühle der Ellen Orford, mit warmstimmiger Autorität gestaltete Vladyslav Tlushch den Captain Balstrode, mit der notwendigen Vulgarität und enormen stimmlichen Ressourcen überzeugt Judith Schmid als Auntie. Ihre von ihr zur Prostitution gezwungenen Nichten (im - die pädophilen Neigungen manch eines Dorfbewohners befriedigenden - Outfit aus überlangen Kniestrümpfen, kurzem Röckchen und auf Rollschuhen) werden von Tania Lorenzo Castro und Elvira Margarian mit anrührendem Ekel und gekonnter Verdorbenheit verkörpert. Robert Maszl singt eindringlich den widerlichen, hetzerischen, methodistischen Eiferer Bob Boles, Rueben Mbonambi zeigt mit grossem Können die widersprüchlichen Seiten des Rechtsanwalts und Bürgermeisters Swallow, Valentina Stadler porträtiert mit irrer Bühnenpräsenz die drogensüchtige und bigotte Mrs. Sedley, Luca Bernard ist der realitätsfremde Pastor Horace Adams, der geradezu eskapistische Züge an den Tag legt. Der Bariton Michael Temporal Darell gestaltet mit immenser Darstellungskraft den durchtriebenen Apotheker Ned Keene und Marc-Olivier Oetterli ist fantastisch als mürrischer Hobson. Arush Kathri füllt die Rolle des Lehrjungen mit ergreifender, tragischer Verschlossenheit (er kann sich nicht mitteilen, konzentriert sich einzig auf sein Jo-Jo, das dann von Grimes in einem Wutanfall zertreten wird) und der Offenbarung seiner zu tiefst gestörten und verletzten kindlichen Seele aus.
Der Opern- und der Extrachor Luzerner Theater (Einstudierung: Manuel Bethe) macht die wichtigen chorischen Passagen zum klangstarken und unter die Haut gehenden Ereignis.
Fazit: Unbedingt hingehen, das Werk und die Produktion in Luzern sind absolut sehens - und hörenswert!
Inhalt:
Ort: Die Ostküste Englands
Der Fischer Grimes wird des Mordes an seinem Lehrbuben verdächtigt, die Dorfbewohner halten ihn für schuldig, doch der Untersuchungsrichter erklärt den Tod für einen Unfall. Gleichzeitig jedoch legt er Grimes nahe, künftig keine Lehrbuben mehr aufzunehmen. Ellen Orford und Kapitän Balstrode sind die einzigen, welche zu Grimes halten. Grimes kann und will auf einen Lehrbuben nicht verzichten (auch wegen seiner latenten pädophilen Neigung). Ellen macht sich trotz eines aufziehenden Sturms auf den Weg zum Waisenhaus, um einen Lehrbuben für Grimes abzuholen. Die im Wirtshaus versammelten Dorfbewohner missbilligen das Vorgehen.
Schon nach kurzer Zeit entdeckt Ellen Spuren körperlichen Missbrauchs beim neuen Jungen. Zwischen Grimes und Ellen kommt es zu einer Auseinandersetzung. Peter wird auch gegenüber Ellen gewalttätig. Die Dorfgemeinschaft kommt aus der Kirche und will Grimes zur Rechenschaft ziehen. Grimes flieht mit dem Lehrbuben. Als die Dorfbewohner sich seiner Hütte nähern, schickt Grimes den Buben fort. Der Knabe gleitet aus, stürzt von einer Klippe und stirbt.
Im Dorf kursieren Gerüchte, da man weder Grimes noch den Jungen kürzlich gesehen hat. Die Meute wird von der bigotten Mrs. Sedley noch zusätzlich gegen Grimes aufgehetzt. Ellen und Balstrode treffen auf Grimes. Dieser ist dem Wahnsinn nahe. Balstrode rät ihm, aufs Meer zu fahren und das Schiff sinken zu lassen, um so der drohenden Lynchjustiz zu entkommen.
Die Meldung eines sinkenden Schiffes macht die Runde im Dorf. Gleichgültig bemerken die Anwesenden, dass eh jede Hilfe zu spät komme und gehen ungerührt ihren Alltagsbeschäftigungen nach.
Werk:
Benjamin Brittens (1913-1976) zweites Bühnenwerk PETR GRIMES (das erste war die "Operette" PAUL BUNYAN) trägt unübersehbar autobiographische Züge: Das Schicksal eines Aussenseiters, ja eines Ausgestossenen. Britten war homosexuell und Pazifist. Seine Lebenspartnerschaft mit dem Tenor Peter Pears wurde gesellschaftlich erst nach seinem Tod anerkannt, als die Queen ein Beileidstelegramm an Peter Pears sandte. Ansonsten sublimierte Britten seine Neigungen in seinen musikalischen Werken, so zum Beispiel in PETER GRIMES, BILLY BUDD, ALBERT HERRING und natürlich in seinem letzten Bühnenwerk DEATH IN VENICE, nach der Novelle von Thomas Mann.
Über seine Musik schrieb Leonard Bernstein: „ ... wenn man ihr richtig zuhört, bemerkt man ihre dunklen Seiten. In ihrem Getriebe wechseln die Gänge nicht butterweich, vielmehr knirschen sie und bereiten grosse Pein.“ Die Oper umfasst ariose Gebilde und aggressive, aufpeitschende Ensembleszenen, daneben ruhiger fliessende Duette und aufbäumende Naturschilderungen der Kraft des Meeres. Diese orchestralen Zwischenspiele hat Britten auch in seinem Orchesterwerk FOUR SEA INTERLUDES zusammengefasst. Orchestraler Höhepunkt ist die Passacaglia im zweiten Akt.