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Frankfurt, Oper: PETER GRIMES; 14.09.2025

Erstellt von Kaspar Sannemann | | Peter Grimes

copyright: Barbara Aumüller, mit freundlicher Genehmigung Oper Frankfurt

Oper in einem Prolog und drei Akten | Musik: Benjamin Britten | Libretto: Montagu Slater, nach Crabbes Poem THE BOROUGH | Uraufführung: 7. April 1945 in London | Aufführungen in Frankfurt (Wiederaufnahme): 12.9. | 14.9. | 18.9.2025

Kritik: 

Brittens erste Erfolgsoper PETER GRIMES zählt unbestritten zu den wichtigsten und packendsten Schöpfung im Bereich des Musiktheaters aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Und wenn sie dann noch in einer dermassen stimmigen, atmosphärisch dichten Inszenierung und musikalisch auf höchstem Niveau präsentiert daherkommt wie anlässlich dieser Wiederaufnahmeserie an der Oper Frankfurt, ist ein bewegendes Opernerlebnis garantiert.

Keith Warners Inszenierung feierte im Oktober 2017 Premiere. Die Wiederaufnahme wurde nun von Axel Weidauer szenisch mit grosser Sorgfalt in der Personenführung betreut. Keith Warner hatte mit seiner Konzeption im Bühnenbild von Ashley Martin-Davis, mit den stimmigen, an die erste Hälfte des Lebens in England zu Beginn des 19. Jahrhunderts angelehnten Kostümen von Jon Morrell und dem faszinierenden Lichtdesign von Olaf Winter ein Kunstwerk geschaffen, das zusammen mit der Musik Brittens und dem Text von Montagu Slater zum Gesamtkunstwerk wurde, einen Sog entwickelte, dem man nicht entrinnen konnte. Meisterhaft wird die Geschichte um den Aussenseiter Peter Grimes erzählt, mit genauer Plastizität werden die unterschiedlichen Charaktere der Dorfbewohner*innen geformt, die letztendlich viel Schuld auf sich laden, durch ihre Selbstgerechtigkeit, ihre scheinbare moralische Überlegenheit, ihre Jagd auf den willkommenen Sündenbock, durch die sie sich nicht mit Selbstreflexion auseinandersetzen müssen. Warner schildert in seiner Inszenierung sehr anschaulich den Gegensatz zur dörflichen Gemeinschaft, in welchen sich Grimes manövriert. Seine einsame, unruhige Seele, geprägt von einer bestimmt nicht einfachen Kindheit (man erlebt Reminiszenzen mit), sein poetisches Träumen, sein egozentrisches Streben nach Glück und Reichtum, aber auch seine Ungeduld und die cholerischen Ausbrüche, werden von der Gesellschaft nicht verstanden geschweige denn toleriert. Mit Allan Clayton hat die Oper Frankfurt eine Idealbesetzung für diese anspruchsvolle Titelrolle von Brittens Oper gefunden. Claytons biegsame Stimme ist wie geschaffen für die verträumten, poetischen, verinnerlichten Arien, aber auch für die krassen Stimmungsschwankungen dieses raubeinigen Fischers. Er meistert die schwierigen Intervallsprünge souverän, verfällt nie in Hysterie oder in eine rhapsodische Art des Singens. Das ist alles stets mit perfekt ausgeformten Linien phrasiert. Kein Wunder wird Allan Clayton in dieser Rolle, seit er in Madrid darin debütierte, weltweit gefeiert (es folgten die New Yorker Met, die Royal Opera Covent Garden, das Teatro dall'Opera di Roma, l'Opéra national de Paris). Magdalena Hinterdobler gelingt ein überragendes Porträt der Ellen Orford. Sie kann resolut und Respekt einfordernd sein, mütterlich mit dem Jungen umgehen und tief verletzt agieren, wenn sie erkennen muss, dass sie und Grimes in ihrem Streben nach einer – wenn auch nicht erotischen – Gemeinsamkeit gescheitert sind. Sehr genau werden auch die einzelnen Dorfbewohner*innen charakterisiert: Da ist der eher abgeklärte Captain Balstrode, eigentlich sympathisch und Grimes beileibe nicht feindlich gesinnt, es schert ihn eigentlich wenig, was die anderen denken, wie sie sich mit Tratsch und Gehässigkeit und falschen Anschuldigungen das Maul zerreissen. So ist er denn auch beim Prozess im Prolog nicht anwesend. Aber ausgerechnet er ist es, der am Ende das Urteil fällt und Grimes sehr bestimmt zur Begehung des Suizids auffordert. Nicholas Brownlee porträrtiert diesen etwas amorphen Charakter mit seiner wunderbar sicher geführten Baritonstimme. Die Pubbetreiberin Auntie wird von Katharina Magiera mit charaktervollem Mezzosopran gesungen. Als die (ihre?) beiden Nichten glänzen Anna Nekhames und Julia Stuart mit quirligem Spiel und munter-hellen Sopranstimmen. Einer der vokalen Höhepunkte der Oper ist sicher das Frauenquartett im zweiten Akt: Britten hatte sich anscheinend in die Partitur von Strauss' ROSENKAVALIER (Schlussterzett/Duett) vertieft und dem Meister im Verschmelzen und Übereinanderlegen von Frauenstimmen einiges abgeguckt. Denn dieses Quartett ist überragend geworden, ein Ruhepunkt ziemlich genau in der Hälfte der Oper angelegt, eine Reflexion über das Verständnis der Frau als Mutter und Trösterin. Magdalena Hinterdobler, Katharina Magiera, Anna Nekhames und Julia Stuart bringen dieses Glanzstück aufs Allerfeinste zum Klingen. Von den Dorfbewohnern wissen wir eigentlich wenig über ihre Biografie (Ellen ist Witwe, war Lehrerin), ausser dass sie allesamt zur Zeit als Single zu leben scheinen. So auch die opiatsüchtige Mrs Sedley, eine ganz bösartig intrigante, sich als Kriminalistin verstehende Person. Judita Nagyová singt und spielt sie grossartig, ohne zu chargieren. Auch ein ganz schrecklicher Zeitgenosse ist Bob Boles, ein religiöser Eiferer mit (wie oft bei dieser Sorte Mensch) offensichtlicher Doppelmoral. AJ Glueckert charakterisiert ihn trefflich mit seiner starken, hellen Tenorstimme und bringt das Hasserfüllte dieses Typen blendend zum Ausdruck. Auch der Dorfrichter Swallow ist irgendwie bigott; er vergnügt sich lieber mit den Nichten, als sich um die wichtigen Belange der Bürger zu kümmern und foutiert sich um Recht und Moral. Thomas Faulkner zeichnet ein genaues Bild dieses fahrlässigen Richters, der mit seinem Urteil im Prolog „accidental circumstances“ den Grundstein der Treibjagd auf Grimes legt. Auch Horace Adamx, der Reverend der Gemeinde, der ebenfalls eine Instanz der Gerechtigkeit darstellen müsste, kümmert sich lieber um seine Rosen als um das Wohlergehen aller seiner Gemeindemitglieder. Michael McCown zeigt sehr genau, dass dieser Geistliche mehr Wert auf adrettes Auftreten, denn auf Einsatz gegen die aufkeimende Lynchjustiz legt. Jarrett Porter ist ein exzellenter Interpret für den schmierigen, durchtriebenen und nur auf seine Einträge aus dem Opiathandel fokussierten Apotheker und Quacksalber Ned Keene. Morgan Andrew-King schliesslich verleiht dem Handlanger für alles und alle, Hobson, Profil und führt den Mob noch so gerne als trommelnder Anführer zu Grimes' Hütte. Philippe Jacq geistert in der stummen Rolle des Dr. Crabbe als Autor der Verserzählung THE BOROUGH, auf der die Oper fusst, persönlich wie ein Chronist durch die Szene. Johann Felix Böhme ist der eingeschüchterte, zurückgezogene Lehrjunge, der schliesslich vor Grimes' Hütte von den Klippen in den Tod stürzt. Eine riesige Partie hat auch der Chor zu bewältigen. Der Chor und der Extrachor der Oper Frankfurt bewältigen diese immense, aber auch dankbare Aufgabe mit Bravour, ja streckenweise gar Gänsehaut erregend.

Einen zentralen Bestandteil der Oper stellt das tiefgründig erzählende und kommentierende Orchester dar. Britten hat ja eine meisterhafte Partitur verfasst, da ist von den Tonarten, den Reibungen, der Dynamik und der Orchestrierung her alles an psychischen Charakterisierungen und Gefühlen und Stimmungen angelegt, um zusammen mit den Gesangslinien und dem Text die unentrinnbare Wirkung der Oper zu erzeugen. Unter der auf Hochspannung und Differenzierung angelegten Leitung des GMD Thomas Guggeis lässt das Frankfurter Opern- und Museumsorchester Tonmalereien und Gemälde von eindringlicher, aufwühlender Wirkung entstehen, die zusammen mit den diversen, fantastisch stimmungsvoll gemalten Hintergrundprospekten auf der grossen Bühne der Oper Frankfurt überwältigenden Eindruck machen. Dass das nicht nur mir so ging, spürte man gestern Abend am langanhaltenden Jubel des Publikums für alle Beteiligten im praktisch voll besetzten Haus. 

Inhalt:

Ort: Die Ostküste Englands

Der Fischer Grimes wird des Mordes an seinem Lehrbuben verdächtigt, die Dorfbewohner halten ihn für schuldig, doch der Untersuchungsrichter erklärt den Tod für einen Unfall. Gleichzeitig jedoch legt er Grimes nahe, künftig keine Lehrbuben mehr aufzunehmen. Ellen Orford und Kapitän Balstrode sind die einzigen, welche zu Grimes halten. Grimes kann und will auf einen Lehrbuben nicht verzichten (auch wegen seiner latenten pädophilen Neigung). Ellen macht sich trotz eines aufziehenden Sturms auf den Weg zum Waisenhaus, um einen Lehrbuben für Grimes abzuholen. Die im Wirtshaus versammelten Dorfbewohner missbilligen das Vorgehen.

Schon nach kurzer Zeit entdeckt Ellen Spuren körperlichen Missbrauchs beim neuen Jungen. Zwischen Grimes und Ellen kommt es zu einer Auseinandersetzung. Peter wird auch gegenüber Ellen gewalttätig. Die Dorfgemeinschaft kommt aus der Kirche und will Grimes zur Rechenschaft ziehen. Grimes flieht mit dem Lehrbuben. Als die Dorfbewohner sich seiner Hütte nähern, schickt Grimes den Buben fort. Der Knabe gleitet aus, stürzt von einer Klippe und stirbt.

Im Dorf kursieren Gerüchte, da man weder Grimes noch den Jungen kürzlich gesehen hat. Die Meute wird von der bigotten Mrs. Sedley noch zusätzlich gegen Grimes aufgehetzt. Ellen und Balstrode treffen auf Grimes. Dieser ist dem Wahnsinn nahe. Balstrode rät ihm, aufs Meer zu fahren und das Schiff sinken zu lassen, um so der drohenden Lynchjustiz zu entkommen. 

Die Meldung eines sinkenden Schiffes macht die Runde im Dorf. Gleichgültig bemerken die Anwesenden, dass eh jede Hilfe zu spät komme und gehen ungerührt ihren Alltagsbeschäftigungen nach.

Werk:

Benjamin Brittens (1913-1976) zweites Bühnenwerk PETR GRIMES (das erste war die "Operette" PAUL BUNYAN) trägt unübersehbar autobiographische Züge: Das Schicksal eines Aussenseiters, ja eines Ausgestossenen. Britten war homosexuell und Pazifist. Seine Lebenspartnerschaft mit dem Tenor Peter Pears wurde gesellschaftlich erst nach seinem Tod anerkannt, als die Queen ein Beileidstelegramm an Peter Pears sandte. Ansonsten sublimierte Britten seine Neigungen in seinen musikalischen Werken, so zum Beispiel in PETER GRIMES, BILLY BUDD, ALBERT HERRING und natürlich in seinem letzten Bühnenwerk DEATH IN VENICE, nach der Novelle von Thomas Mann.

Über seine Musik schrieb Leonard Bernstein: „ ... wenn man ihr richtig zuhört, bemerkt man ihre dunklen Seiten. In ihrem Getriebe wechseln die Gänge nicht butterweich, vielmehr knirschen sie und bereiten grosse Pein.“ Die Oper umfasst ariose Gebilde und aggressive, aufpeitschende Ensembleszenen, daneben ruhiger fliessende Duette und aufbäumende Naturschilderungen der Kraft des Meeres. Diese orchestralen Zwischenspiele hat Britten auch in seinem Orchesterwerk FOUR SEA INTERLUDES zusammengefasst. Orchestraler Höhepunkt ist die Passacaglia im zweiten Akt.

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