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Luzern, KKL: BRAHMS | SCHUMANN (Le piano symphonique), 08.02.2023

Erstellt von Kaspar Sannemann | | Mahler Sinfonie Nr. 1

copyright: Philipp Schmidli

Johannes Brahms: Sinfonie Nr. 3 in F-DUR | Uraufführung: 2. Dezember 1883 in Wien unter Hans Richter | Robert Schumann: Klavierkonzert in a - Moll | Uraufführung: 4. Dezember 1845 in Dresden (mit seiner Frau Clara Schumann als Solistin)

Kritik:

Martha Argerich und die Klavierwerke von Robert Schumann - das ist eine positiv konnotierte symbiotische Beziehung der ganz besonderen Art. Selbst mit über 80 Jahren spielt die argentinisch-schweizerische Klavierlegende noch mit einer solchen Selbstverständlichkeit und einer Leichtigkeit, auch und vor allem in den vertracktesten pianistischen Passagen, dass man beim Zuhören weiche Knie bekommt. So auch gestern Abend im KKL Luzern, wo sie mit Schumanns Klavierkonzert in a-Moll die Zuhörer*innen in ihren Bann zog, wo man atemlos dem hochromantischen Kampf der beiden Kunstfiguren Schumanns lauschte, dem kühnen Florestan und dem wehmütig in sich gekehrten Eusebius. Martha Argerich versteht es beiden Charakteren gerecht zu werden, ja sie regelrecht in allen Facetten auszuloten. Feinfühlig nimmt ihr Spiel das Hauptthema auf, spannt es selbstbewusst weiter, hält aufmerksame Zwiesprache mit dem Orchester, gibt manchmal träumerisch nach und setzt sich dann aber auch wieder mit aller Vehemenz durch. Kraftvolle Akkordfolgen und zartes Umspielen, stets mit adäquatem Einsatz des Pedals, wechseln sich ab, Rubati werden klug gesetzt und vom aufmerksamen Dirigenten Michael Sanderling und dem Luzerner Sinfonieorchester einfühlsam aufgenommen. Überhaupt scheint der Kontakt der Pianistin mit dem Orchester ausgezeichnet, ja geradezu freundschaftlich zu sein; immer mal wieder blickt sie sich zu den ersten Violinen um, nickt ihnen zu - und allzugerne hätte man gehört, was sie während des frenetischen Applauses zu den Musiker*innen gesagt hatte! Doch zurück zur Musik: Ein Höhepunkt des ersten Satzes ist natürlich die von Argerich mit so organischem Accelerando attackierte Kadenz, mit säuselnden Arpeggien und fulminanten Steigerungen. Zwischen dem ersten und dem zweiten Satz wird nur einmal kurz Atem geholt, dann geht's gleich mit weit ausschwingenden Phrasen weiter, traumverloren, wunderschön, ein kurzes und graziles Intermezzo, bevor es mit fallenden Linien ad attaca in das Finale mündet, fröhlich, ausgelassen, stets glasklar und flink artikuliernend die Pianistin, tänzerisches Vergnügen verströmend das Luzerner Sinfonieorchester. Schumanns einziges Klavierkonzert ist eines der Werke der Konzertliteratur, derer man nie überdrüssig wird, schon gar nicht in einer solchen Interpretation. Mit den Zugaben aus Schumanns Kinderszenen (Von fremden Menschen und Ländern) und einem Stück von Bach liess Martha Argerich erneut mit finessenreichem Spiel den träumerischen Eusebius und den vorwärtsdrängenden Florestan aufblitzen.

Vor der Pause erklang die dritte Sinfonie von Johannes Brahms, einem Komponisten der von Robert und Clara Schumann stark gefördert worden war und der Clara sein Leben lang auch nach dem Tod Roberts treu ergeben war (platonisch natürlich). Michael Sanderling bevorzugte eine klar akzentuierte, markige Interpretation der Ecksätze, die geprägt sind von der dreitönigen Keimzelle f - as -f, ein Dreitonmotiv, welches die gesamte Sinfonie durchzieht, ihr einen wunderbaren, auch in den Ecksätzen im Piano verklingenden Bogen verleiht. Sehr schön, doch nie weichgespült wurde die ländliche Stimmung im zweiten Satz (Andante) heraufbeschworen. Mit wunderbarer Schlichtheit erklangen die Klarinette und das Fagott, führten eine Art Trauermarsch ein, verhalten und ohne Pomp. Der dritte Satz ist und bleibt ein grosser "Hit" von Johannes Brahms, kein Wunder tauchte er in der Françoise Sagan Verfilmung von Aimez-vous Brahms? mit Ingrid Bergman und Anthony Perkins immer wieder auf. Er verfehlte auch unter dem einfühlsreichen Dirigat Sanderlings seine wehmütig-melancholische Wirkung nicht. Wunderbar warm intonierten die Streichergruppen dieses eingängige Hauptthema. Scharfe Konturen erhielt der Finalsatz, dramatisch aufwallendes Lodern, aufgewühlte Unruhe, schnelle, ausgezeichnet gespielte Passagen der Flöte, starke Einwürfe des Blechs und feinstes Verklingen in stiller Ruhe. Diese Dualität zwischen Kampf und Verträumtheit hat Brahms von Schumann gelernt!

Das Festival LE PIANO SYMPHONIQUE geht noch heute, morgen und übermorgen weiter. Hingehen und sich vom vielfältigen Klang des Pianos und herausragenden Interpret*innen verzaubern lassen!

Werke:

Während die zweite Sinfonie nur in kurzem Abstand zur ersten entstanden war, nahm sich Johannes Brahms (1833-1897) danach wieder mehr Zeit, um eine neue Sinfonie zu präsentieren; sie wurde erst sechs Jahre nach der zweiten vollendet. Diese dritte Sinfonie gilt allgemein als Brahms' persönlichste Sinfonie, obwohl er dazu nie irgendein „Programm“ bekanntgegeben hatte. Die Komposition ist durch und durch sehr ästhetisch und gerundet gehalten, in ihrem Gesamtbild als vollkommen zu bezeichnen. Im politischen Umfeld muss das bisher von Bismarcks Politik und den französischen Reparationszahlungen profitierende Grossbürgertum nun durch die Erstarkung der Sozialdemokratie Rückschläge einstecken. Jubelndes Aufbegehren und ungetrübte Idylle haben keinen Platz mehr in dieser Sinfonie, sie ist durchwoben von herber Melancholie, Resignation, Nachdenklichkeit. Viel Raum erhalten aber auch volksliedhafter Balladencharakter und trotzige Innigkeit. In der dritten Sinfonie mischt Brahms also liebliche Wendungen mit entrücktem Weltschmerz. Diese Sinfonie führt nicht „durch Nacht zum Licht“, sondern verklingt im Leisen. Bei der Uraufführung störten Anhänger Bruckners und Wagners die Aufführung. Die Sinfonie war höchst umstritten, den einen war sie zu konservativ, die anderen schätzten sie gerade deshalb sehr.

Filmregisseur Anatole Litvak verwendete den dritten Satz aus dieser Sinfonie für sein Melodram Aimez-vous Brahms? (1961) mit Ingrid Bergman, Anthony Perkins und Yves Montand. Auch der Song Love is just a word, welchen Diahann Carroll im Film so toll singt, basiert auf dieser Komposition von Johannes Brahms.

Robert Schumann (1810-1856) hatte zwar viele Kompositionen für Klavier geschrieben, allein ein Klavierkonzert fehlte noch in seinem reichhaltigen Oeuvre. Einsätzige Arbeiten wurden von seinen Verlegern zurückgewiesen, erst als er die Phantasie für Klavier und Orchester in a-Moll zu einem dreisätzigen Werk erweiterte, stellte sich der Erfolg ein. Dabei arbeitete Schumann (wie auch in seinen anderen Solokonzerten) nach dem Verschmelzungsprinzip, d.h. die traditionelle Satzaufteilung wird in einen grösseren sinfonischen Zusammenhang gestellt. Besonders schön herausgearbeitet hat Schumann darin den reizvollen Kontrast von stürmischem Verlangen und versonnener Träumerei. Biografen sehen im Konzert den Niederschlag von Schumanns Werben um seine Frau Clara Wieck. Sie war es auch, welche sowohl die Phantasie (1841) als auch das fertig gearbeitet Klavierkonzert zur Uraufführung (1845) brachte.

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