Hamburg, Staatsoper: DER NUSSKNACKER; 26.12.2025
John Neumeiers unsterbliche "Coming-of-age" Choreografie aus dem Jahr 1971
Ballett in einem bis drei Akten, je nach Fassung mit Prolog und Epilog | Musik: Pjotr Iljitsch Tschaikowski | Libretto: Marius Petipa | Uraufführung: 18. Dezember 1892 in St.Petersburg | Aufführungen in Hamburg: 21.12. | 22.12. | 26.12. | 28.12. | 29.12. | 31.12.2025 | 4.1. und 6.1.2026
Kritik:
Es ist erstaunlich: Jürgen Roses Ausstattung (Bühnenbild und Kostüme) ist in den Bildern eins und drei von einer unfassbar prachtvollen Opulenz - und erschlägt die mit faszinierender Ästhetik aufwartende, sorgfältig und kunstvoll gearbeitete Choreografie von John Neumeier trotzdem nicht. Im Gegenteil, die Ausstattung und der tänzerisch-erzählende Ablauf gehen Hand in Hand, schaffen diese ganz besondere Atmosphäre einer der populärsten NUSSKNACKER-Versionen überhaupt. Wie schon Tschaikowski selbst, so traute auch Neumeier (und mit ihm eigentlich alle Choreografen der letzten Jahrzehnte) dem etwas sperrigen und unlogischen dramaturgischen Konzept der Urfassung nicht. Neumeier machte aus dem Weihnachtsfest die Geburtstagsparty der zwölfjährigen Marie, die einen Nussknacker als Geschenk des Kadetten Günther bekommt und Spitzentanzschuhe vom Ballettmeister Drosselmeier. Drosselmeier wurde von Maries Schwester Louise, die als Ballerina an Drosselmeiers Ballett am Hoftheater arbeitet, eingeladen. Nach der Party probiert Marie die Schuhe an und versinkt in einen Traum. Auf dieser Traumreise wird sie zuerst von Drosselmeier in einen Ballett-Probesaal geführt, dann gerät sie in eine Vorstellung von den berühmtesten Balletten Drosselmeiers (John Neumeier sieht Drosselmeier als Marius Petipa, den Vater des klassischen russischen Balletts). Am Ende wacht sie aus ihrem Traum auf, hat den Sprung von der Kindheit zur Jugend bewältigt. Man sieht in dieser Choreografie nichts vom Kampf der Zinnsoldaten gegen die Mäuse, keine Zuckerfee. Dafür wird richtig viel (und hervorragend) getanzt. Es gibt einiges zu schmunzeln in der Zeichnung der Charaktere (z.B.die unterschiedlichen Tanten, die eine betrunken und die andere kunstbeflissen, und die Großmutter an der Geburtstagsfeier), man freut sich an den Späßen der Kadetten rund um Fritz und natürlich am Auftritt des affektierten Ballettmeisters Drosselmeier. Und da ist natürlich noch Louise, die Schwester Maries, die Ballerina. Die langjährige Erste Solistin des Hamburg Ballett, Anna Laudere, zeigt alle Facetten ihrer Kunst: Makellose Reinheit und Klarheit und bestechende Sicherheit im Tanz auf der Spitze, gepaart mit der Intensität des Ausdrucks. Im grandiosen Pas de deux mit dem von Matias Oberlin fulminant getanzten Günther kommt man aus dem Staunen über die Anmut und die Grandezza der beiden kaum heraus. Alexandre Riabko ist ein überaus eleganter, kraftvoll und raumgreifend tanzender (auch autoritärer, bis hin zur Übergriffikeit) Drosselmeier; er weist durchaus äußerliche Parallelen zu Petipa auf. Ana Torrequebrada macht das “coming of age” der kleinen, sich linkisch bewegenden Marie, zur staunenden, sich zusehends selbstbewusst und frei auf der Spitze tanzenden Jugendlichen mit wunderbarer Plastizität erlebbar. Die Liste der Mitwirkenden auf der Bühne ist lang und jede noch so kleine Rolle wird von den Tänzer*innen des Hamburg Ballett ganz wunderbar ausgefüllt: Besonders erwähnt zu werden verdienen Francesco Cortes als quirliger Fritz, der zusammen mit Evan L’Hirondelle und João Santana die bejubelte Einlage der drei Leutnants mit stupender Akrobatik tanzt, Hayley Paige und Florian Pohl (das ägyptische Paar) oder Lormaigne Bockmühl (der chinesische Vogel). Ganz wunderbar choreografiert und ausgeführt waren die Gruppentänze (die Schöne von Granada, Esmeralda und die Narren, Pas de quatre und Variations des hommes). Mit bestechender Originalität, Ästhetik und Reinheit bestachen der Blumenwalzer (Lebende Gärten), die Variationen von Matias Oberlin, Ana Torrequbrada und Anna Laudere. Es sind solche unvergesslichen Momente, welche John Neumeiers DER NUSSKNACKER Kultstatus verleihen. Kein Wunder steht dieses Ballett, das Neumeier 1972 für Frankfurt erarbeitet und dann über das Royal Winnipeg Ballett und das Ballett der Bayerischen Staatsoper weiterentwickelt und zwei Jahre später für Hamburg in der Ausstattung von Jürgen Rose neu herausgebracht hatte, seit über 50 Jahren ganz weit oben in der Gunst des Publikums. Die von mir besuchte Nachmittagsvorstellung am 26.Dezember war die 364. Vorstellung in Hamburg seit der Premiere im Oktober 1974!
Simon Hewett leitete die wunderbar rund und warm intonierenden Symphoniker Hamburg.
Inhalt:
l. BILD - Maries Geburtstag
Marie wird zwölf Jahre alt, ist also in einem Alter, in dem Mädchen aufhören, mit Puppen zu spielen. Ihr Bruder Fritz, ein Kadett, hat seine Regimentskameraden eingeladen, ihre Schwester Louise, Ballerina am Hoftheater, den Ballettmeister Drosselmeier. Der Kadett Günther, ein Freund von Fritz und Wortführer seiner Kameraden, schenkt Marie im Namen des Regiments einen Nussknacker, Ballettmeister Drosselmeier macht ihr ein Paar Spitzenschuhe zum Präsent. Drosselmeier fasziniert Marie, in Günther verliebt sie sich.
2. BILD - Maries Traum - Die Probe
Als die Gäste gegangen sind, kommt Marie mit dem Nussknacker im Arm noch einmal ins Zimmer und zieht heimlich die Spitzenschuhe an. Sie erschrickt vor der Erscheinung Drosselmeiers, der sie im Traum in die geheimnisvolle Welt des Theaters führt. Marie ist von dieser Umgebung bezaubert. Die Begegnung mit Günther kehrt im Traum wieder: Sie trifft ihn als Solist des Hofballetts und tanzt mit ihm zum erstenmal auf Spitze. Sie nimmt an einer großen Probe teil.
3. BILD - Maries Traum - Die Vorstellung
Drosselmeier führt Marie vor, wie eine Aufführung entsteht: Die leere Bühne verwandelt sich in eine Szenerie, in der sich alles auf die Vorstellung vorbereitet. Drosselmeier führt verschiedene Divertissements vor und tanzt zuweilen selber mit. Auch ihr Bruder Fritz erscheint Marie als Tänzer. Im Grand Pas de deux tanzt Louise mit Günther. Nach einem turbulenten Finale verschwindet die Theaterwelt - Marie wird aufgeweckt. Wehmütig nimmt sie Abschied von ihrem Traum.
(Text: Hamburg Ballett)
Werk:
Tschaikowskis DER NUSSKNACKER gehört heutzutage zu den populärsten Handlungsballetten, nicht nur des russischen Komponisten, sondern der gesamten Ballettliteratur, insbesondere erfreuen sich natürlich Aufführungen zur Advents- und Weihnachtszeit grosser Beliebtheit. Für das neue Ballett fand Tschaikowski seine Inspiration in E.T.A. Hoffmanns Märchen Nussknacker und Mäusekönig und in einem Theaterstück, welches sein Bruder Modest für die Kinder seiner Schwester geschrieben hatte.
Erstaunlicherweise war die Uraufführung in der Choreographie von Lev Ivanov kein überwältigender Erfolg, die Kritiken sehr abfällig. Doch schliesslich hat sich das wunderbare Ballett mit seiner unsterblichen Melodienfülle und der zauberhaften tänzerischen Substanz doch durchgesetzt, und wem sind sie nicht vertraut, der Schneeflockenwalzer, der Tanz der Zuckerfee, der Tanz der Rohrflöten, der Blumenwalzer u.v.a.m. In der Partitur verwendet Tschaikowski auch erstmals die Celesta, ein Instrument, welches er während einer Reise nach Paris entdeckt hatte.
Populär wurde auch die Orchestersuite, welche Tschaikowski aus den schönsten Nummern des Balletts zusammengestellt hatte. Walt Disney verwendete daraus Musik für seinen Zeichentrickfilm Fantasia. Auch in Episoden von Tom und Jerry oder The Simpsons taucht Musik aus dem Nussknacker auf. Selbst in der Pop Musik haben Melodien aus Tschaikowskis NUSSKNACKER Einzug gehalten, von Duke Ellington über Emerson, Lake & Palmer bis zu den Pet Shop Boys.