Zürich, Tonhalle: STABAT MATER (Dvořák); 27.02.2025
Patrick Hahn am Pult des Tonhalle-Orchesters Zürich leitet Dvořáks ergreifendes STABAT MATER
Stabat Mater, op. 58 (B 71) für Soli, Chor und Orchester | Komponist: Antonín Dvořák | Text: beruht auf dem gleichnamigen, lateinischen, mittelalterlichen Gedicht | Uraufführung: 23. Dezember 1880 in Prag
Kritik:
Die von Antonín Dvořák selbst geleitete Aufführung seines STABAT MATER 1884 in der Royal Albert Hall in London muss ja ein gewaltiges und lautes Erlebnis gewesen sein, wenn man dem Inhalt des Briefes, den er nach dem Konzert an den befreundeten Musikverleger Urbánek geschrieben hatte, Glauben schenken darf. Dvořák berichtet darin von einem Chor von 840 Sänger*innen, einem Orchester mit u.a. 24 ersten Violinen, Applaus des 12'000köpfigen Publikums nach jedem Satz (heute regen sich gewisse Konzertbesucher schon auf, wenn am Ende eines Satzes einer Sinfonie applaudiert wird) – damals wurde anscheinend selbst ein sakrales Werk, wie es Dvořáks STABAT MATER mit seiner Beschreibung der Trauer und der Klage der Mutter Gottes darstellt, mit Applaus unterbrochen. Das war gestern Abend in der Tonhalle Zürich zwar nicht der Fall, aber laut war die Aufführung auch, streckenweise sehr laut. Das war keine introvertierte Beschreibung der Trauer Marias um ihren gekreuzigten Sohn, das war eine aufgewühlte und aufwühlende Trauer der dramatischen, ja der hochdramatischen Anklage. Patrick Hahn wusste mit dem tadellos aufspielenden Tonhalle-Orchester Zürich effektsicher die Steigerungen zu den dissonanten, durch Mark und Bein gehenden Akkorden aufzubauen, explodieren zu lassen. Nur selten fanden Orchester, Chor und die vier stimmstarken Solisten zur leisen, nach innen gewandten Trauer, so z.B. die Mezzosopranistin Karen Cargill im Inflammatus et accensus oder die exzellent intonierende Zürcher Sing-Akademie (Einstudierung: Florian Helgath) im eröffnenden Stabat mater dolorosa. Wunderschön eingefangen von Orchester und Chor war auch der kontemplative Charakter des siebten Satzes, Virgo virginum praeclara. Immer wieder liessen die Holzbläser*innen des Tonhalle-Orchesters aufhorchen, wechselten sich im Spiel mit dem warmen Teppich, den die Musiker*innen mit ihren Streichinstrumenten auszubreiten wussten. Patrick Hahn führte mit ruhiger Unaufgeregtheit durch das herrliche Werk – und erzielte trotzdem eine bewegende Lebendigkeit. Die oftmals eher an der oberen Grenze des Lautstärkepegels angesetzte Dynamik bewirkte Spannungsbögen, an denen man nie das Interesse verlor, die knapp 90 Minuten rauschten wie im Flug vorbei, mal mit marschartigen Themen, dann wieder mit Melodien, die sich ans Volksliedhafte anlehnten. Immer wieder war man fasziniert vom sich gegenseitig spiralartigen Hochschrauben der Solist*innen mit oder gegen Chor/Orchester. Benjamin Bruns gestaltete die Tenorpartie mit klarer, heller Tongebung, seine Stimme vermochte er mit heldentenoralem Aplomb in den Ensembles und in seinem Solo Fac, me vere tecum flere strahlen zu lassen. Christof Fischesser beeindruckte mit profundem, herrlich gerundetem Bass in seinem grossen Solo Fac, ut ardeat cor meum. Die Sopranistin Sarah Wegener hatte zwar von Dvořák kein ausladendes Solo zugeteilt bekommen, doch sie glänzte mit lichter Höhe im schönen Duett mit dem Tenor (Fac, ut portem Christi mortem) im Quartett (Quis est homo) und in den effektvollen Ecksätzen, von denen natürlich der Finalsatz wahrlich unter die Haut ging. Die mittelalterliche Dichtung bittet ja man Ende um die Teilnahme an der Seligkeit des Paradieses, und Dvořák greift zwar Themen des ersten Satzes auf, führt das Moll jedoch zum strahlenden, ja geradezu gleissenden Dur! Dieses aus dem „Dunkel ins Licht“ verfehlte auch gestern Abend in der Tonhalle Zürich seine Wirkung nicht: Patrick Hahn, die Zürcher Sing-Akademie, das Tonhalle-Orchester und Sahra Wegener, Benjamin Bruns, Caren Kargill und Christof Fischesser liessen das erhoffte Paradies in funkelndem Gold erstrahlen. Zwar versuchte Patrick Hahn nach dem Verklingen des „Amen“ einen Moment der inneren Einkehr zu wahren, allein gegen die vereinzelten, voreiligen Applaudierer im Saal („hört, hört, ich bin der erste, der merkt, dass es zu Ende ist“) hatte er keine Chance. Passt zur Ich-Ich-Ich-Gesellschaft, die (wie gestern beobachtet) auch PET Flaschen mit in den Saal nimmt, während des Konzerts immer wieder das Smartphone konsultiert – oder quengelnde Kleinkinder dabei hat.
Werk:
Während der Entstehungszeit dieses ersten grossen geistlichen Werks Dvořáks starben zwei seiner Kinder: Ružena im Alter von elf Monaten an einer Vergiftung, Otakar an Pocken (Josefa war ein halbes Jahr vor Beginn von Dvořáks Arbeit am Stabat Mater kurz nach der Geburt gestorben. Die Trauer der Gottesmutter um ihren gekreuzigten Sohn konnte wohl kaum ein anderer Komponist dermassen direkt nachempfinden wie der um drei Kinder trauernde Vater Antonín Dvořák. Mit Ausnahme der drei Mittelsätze 5, 6 und 7 stehen alle übrigen der insgesamt zehn Sätze in Moll-Tonarten. Die Klage über die Trauer der Mutter Maria beginnt in h-Moll und endet auch wieder in dieser Tonart im zehnten Satz, in welchem musikalisches Material aus dem Kopfsatz wieder aufgenommen wird. So erhält das berührende Werk eine tonartliche und gestalterische Klammer. Das STABAT MATER wurde zu einer der erfolgreichsten Kompositionen des Komponisten, und eine von ihm geleitete Aufführung in London festigte seinen internationalen Ruf. Das STABAT MATER wurde viele Male auf Tonträger eingespielt, u.a. von Rafael Kubelik mit der kürzlich verstorbenen Schweizer Sopranistin Edith Mathis.