Zürich, Tonhalle: SIR ANDRÁS SCHIFF (Bach, Beethoven, Lutosławski, Bartók); 15.01.2026
Sir András Schiff gastiert als Solist UND Dirigent beim Tonhalle-Orchester Zürich
Werke:
Johann Sebastian Bach: Klavierkonzert Nr. 3 D-Dur BWV 1054 | Entstehungsjahr unbekannt, umgearbeitet zum Cembalo-Konzert ca. 1738 in Leipzig |
Ludwig van Beethoven: Klavierkonzert Nr. 1 C-Dur op. 15 | Uraufführung: 2. April 1800 in Wien |
Witold Lutosławski: «Musique funèbre» in memoriam Béla Bartók | Uraufführung: 26. März 1958 in Katowice |
Béla Bartók: Tanz-Suite Sz 77 | Uraufführung: 19. November 1923 in Budapest |
Dieses Konzert in der Tonhalle Zürich: 14.1. und 15.1.2026
Kritik:
Der in Ungarn 1953 geborene András Schiff hat schon mehrmals zusammen mit dem Tonhalle-Orchester Zürich musiziert – nun trat er erstmals als Solist UND als Dirigent mit dem Orchester auf. Gleich zu Beginn des gestrigen Konzerts spielte er zusammen mit dem Tonhalle-Orchester Zürich das dritte Klavierkonzert von Bach (nach Schiffs eigenen Worten „der grösste Komponist, der je gelebt hat“ und mit dessen Musik er jeden Tag beginnt). Sprudelnde Freude, Lebenslust, aber auch die Innigkeit prägten die unaufgeregt dahinperlende Musik. Schiff brauchte keine grossen Gesten, um das Orchester an seiner Seite auf Kurs zu halten; kleine Gesten, mal ein Blick oder ein Nicken genügten. Zu mehr wäre auch kein Platz gewesen, da in diesem Werk der Solist ständig am Spielen ist, ihm von Bach kaum ein Moment der Ruhe gegönnt wird. Es war wunderschön zu erleben, mit welch selbstverständlicher, konzentrierter Gelassenheit Schiff und das Orchester musizierten. Der zweite Satz, dieses innige Adagio, verbreitete ein tröstende Stimmung und Sanftheit, dezent verziert mit Vorhalten und kurzen Trillern des Solisten und kaum merklichen Ritardandi. Das abschliessende Allegro in Rondoform gab dann nochmals der unbeschwerten, ansteckenden Lebensfreude Ausdruck.
Bei Beethovens erstem Klavierkonzert (das eigentlich sein zweites ist) war Sir András Schiff dann als Dirigent stärker gefordert. Die ausgedehnte Orchestereinleitung dieses längsten der drei Sätze enthält das thematische Material des Kopfsatzes mit dem markanten, marschartigen Hauptthema, das Schiff erst ganz fein ziseliert spielen liess, bevor es mit Vehemenz im Tutti erklang. Mit kammermusikalischer Transparenz erklang das Seitenthema. Dann erst mischte sich das Klavier mit neuen motivischen Ideen ein, präsentierte verspielt umspielendes thematisches Material. Schiff spielte mit bestechender Klarheit, da war klanglich nichts verwaschen durch übermässigen Einsatz des Pedals. Der Sturm-und.Drang-Charakter des jungen Beethoven wurde exzellent umgesetzt; jagende, blitzsaubere Läufe prägten die Entwicklung in der Durchführung, ein Traum klanglicher Finesse, die in eine stupende Reprise mündete. Virtuos, kraftvoll und flink wie ein Wiesel schlängelte sich Schiffs Spiel durch diesen Kopfsatz und kulminierte in einer irrwitzigen Kadenz auf höchstem pianistischen Niveau, mit kraftvollen Akkorden und endlosen Trillern, die wie an einer Perlenkette aufgereiht daherkamen. Dabei blieb ihm gar noch Zeit, einen schelmischen Blickkontakt mit dem Publikum aufzunehmen. Der Mittelsatz, ein wunderschönes Largo, war von einnehmender Gesanglichkeit geprägt, eine mit Emotionen erfüllte Langsamkeit (mein Konzertbuch aus dem VEB Verlag Leipzig spricht von „Schönheit und Lauterkeit“), ruhend in sich selbst, ohne jegliche Aufregung dahinfliessend. Die Höhepunkte dieses Satzes waren die innigen Dialoge, welche Schiffs Klavierspiel mit der Klarinette und der Flöte führte. Behände bogen dann Schiff und das Tonhalle-Orchester Zürich in das Rondo-Finale ein, wechselten schon beinahe mit musikantischer Attitüde in der Führungsrolle, mit begeisternder Leichtigkeit und kluger Agogik steuerte das Konzert mit Humor und Schwung seinem Ende zu. Ein Erlebnis! Selbst nach der Anstrengung von zwei Klavierkonzerten und seiner Rolle als Dirigent liess es sich Sir András nicht nehmen, sich beim Publikum mit einer Zugabe für den Applaus zu bedanken: Chopins Mazurka op. 17 Nr. 4 in a-Moll erklang mit einer faszinierenden Innigkeit, wunderbar leichtem Anschlag, wie ein beglückender, leicht melancholischer Traum!
Nach der Pause dann spielte das Tonhalle-Orchester Zürich unter Schiffs Leitung Witold Lutosławskis MUSIQUE FUNÈBRE in memoriam Béla Bartók. Die Expressivität der Trauer, welche Witold Lutosławski im Prolog ausdrückte, stieg mit den Intervallen des Tritonus und der kleinen Sekunde schmerzhaft aus den Celli über die Bratschen zu den Violinen hoch und fiel wieder zurück. Dies wurde von den Streichern des Tonhalle-Orchesters Zürich mit immenser Klangintensität umgesetzt. In den Metamorphosen prägten Pizzicati und das Streichen sul ponitcello das Klangbild, das sich durch die Verkleinerung der rhythmischen Werte zu beschleunigen schien, die Pizzicati wurden durch das Spiel mit dem Bogen abgelöst. Der kurze Aufschrei der Leere im Apogäum erzeugte Gänsehaut in der Klangballung der Reibung dieses leeren, aber rhythmisch stark gegliederten Akkords. Erschütternd! Im Epilog wurde erneut auf die Tritonus-Intervalle des Beginns zurückgegriffen, eine Brücke geschlagen (wie Bartók dies in vielen seiner Werke auch machte) und danach wurde alles wieder ruhiger (perdendosi steht in der Partitur, hier und an vielen anderen Stellen), der Klang dünnt aus (wie in Haydns Abschiedssinfonie) und András Schiff gelingt das Kunststück dieses Verklingen lassens mit beispielhafter Intensität. Das ist total bewegende Musik – aber entweder war das Publikum so ergriffen oder es fand keinen Gefallen daran, jedenfalls war der Applaus sehr bescheiden.
Nicht so aber nach der fulminant dargebotenen Tanz-Suite aus der Feder des bei Witold Lutosławski noch betrauerten Béla Bartók: Fantastisch die Bläser*innen des Tonhalle-Orchesters Zürich, mit schmeichelnder Tongebung die Streicher*innen und prägnant die Musiker*innen am Schlagzeug und am Klavier. Mit wilden Ritten und furioser Attacke durchschritten sie das Amalgam aus genial erfundener Folklore, begeisterten mit elegischen Einsprengseln (Ritornellen) und Rasanz in den diversen Tanzrhythmen. Am Ende mündete das alles in einen wirkungsvollen Kehraus mit bereits in den vier vorangehenden Sätzen eingeführten Themen. Stürmisch die Musik, stürmisch der Applaus nun für András Schiff und das Tonhalle-Orchester Zürich!
Vor dem Konzert wurde das Publikum für eine SURPRISE mit Studierenden der ZhdK in den kleinen Saal der Tonhalle geladen. In diesem Format soll auf das Konzert im grossen Saal eingestimmt werden. Dies gelang auch diesmal bestechend. In Anlehnung an Béla Bartóks Tanz-Suite präsentierten die jungen Musiker*innen eine Zürcher Tanz-Suite. Ausgewählt wurden zwei Werke von ehemaligen Direktoren des Konservatoriums Zürich, das in diesem Jahr auch sein 150jähriges Bestehen feiert. Zuerst erklang das originelle Quartett von Rudolf Wittelsbach (1902-1972) für Klavier, Klarinette und Fagott, komponiert 1931/32, virtuos gespielt von Yesool Kim (Klavier), Hayk Gurgenyan (Trompete), Dávid Karikás (Klarinette) und Daria Fedorova (Fagott). Wunderbar der jazzige Drive im ersten Satz, die elegische Trompetenmelodie im zweiten und die an Schostakowitsch gemahnende Tonsprache im dritten Satz, mit dem aufgeräumten, fröhlich sprühenden Gestus. Danach folgte die Tanzsuite für Bläserquintett und Klavier, welche Alfred Baum (1904-1993) zusammen mit dem Maler Walter Jonas im 2. Weltkrieg konzipiert und 1946 komponiert und 1955 umgearbeitet hatte. Von den ursprünglich 17 Bildern Walter Jonas' hatten in der finalen Fassung der Suite acht eine Vertonung erhalten. Diese Bilder wurden im kleinen Saal der Tonhalle auf eine Leinwand projiziert und man konnte sich an ihnen und der trefflichen musikalischen Umsetzung durch Alfred Baum erfreuen. Vom aparten Spiel der Tänzerinnen im Boudoir zum traurigen Pierrot, der majestätischen Attitüde des Narziss, der Luftigkeit der Colombine, dem Nocturne-artigen Gestus von Contraste, der Komik von Mister Mississippi Habakuk, der Wehmut von Le Regard und den mitreissenden, luftigen Sprüngen von Saltimbanques. Das war herrliche, erstklassige Musik und herausragend gespielt von Ada Maso (Flöte), Marika Takeuchi (Oboe), David Karikás (Klarinette), Martina Donolato (Horn), Daria Fedorova (Fagott) und Yesool Kim (Klavier). Es macht immer grosse Freude, bisher unbekannte (und in diesem Fall kaum publizierte) Kompositionen zu entdecken und man fragt sich ganz leise: Warum bemühen sich die führenden Institutionen hier in der Schweiz (Tonhalle, Opernhaus usw.) nicht vermehrt um die Wieder- oder Neuentdeckung einheimischen Schaffens? Wie gut würden sich die beiden Werke z.B. für eine Choreografie des Balletts Zürich eigenen! Jedenfalls möchte ich allen Konzertgänger*innen jeweils den Besuch dieser Surprise-Konzerte ans Herz legen. Es lohnt sich!
Werke:
Johann Sebastian Bach (1685-1750) war und bleibt der Fixstern am deutschen Komponistenhimmel, von ihm kommt alles, um ihn kommt man nicht herum. So auch bei seinen Kompositionen für Klavier (zu Bachs Zeiten verstand man unter „Clavier“ Cembalo, Clavichord oder gar Orgel). Besonders in seinen Konzerten für Cembalo legte Bach seine protestantische Strenge zur Seite und präsentierte Werke voller Esprit, Charme, guter Laune und Glanz. Die Konzerte sind allerdings zumeist Transkriptionen von dreisätzigen Konzerten, welche für andere Melodieinstrumente entstanden waren, so auch das dritte Klavierkonzert BWV 1054, welches auf einem Violinkonzert (BWV 1042) fusst, das vermutlich in Bachs Köthener Zeit entstanden war und in E-Dur steht, während er die Umarbeitung als Klavierkonzert in D-Dur verfasste. Der erste Satz ist weiträumig gehalten, das motivische, sehr eingängige Material wird zwischen Solo und Tutti vielfach variiert und stellt eine permanente Entwicklung dar. Das darauf folgende Adagio ist geprägt vom Ostinato-Bass, über dem sich deine grüblerische Kantilene entfaltet. Im rondoartigen Finalsatz werden dem Solisten sich ständig steigernde Arpeggiofiguren abverlangt.
Ludwig van Beethoven (1770-1827) wurde in jungen Jahren als Klaviervirtuose in Wien gross gefeiert und steurte zu seinen Auftritten bald schon eigene Kompositionen bei. Seine fünf Klavierkonzerte gehören zum Standardrepertoire aller grossen Pianisten. Das erste dieser Konzerte entstand um 1795 herum. Eigentlich ist es sein zweites Klavierkonzert, denn es entstand nach dem B-Dur Konzert. Doch da es vor diesem in Druck ging, erhielt es die Opuszahl 15, das B-Dur Konzert dann die Opuszahl 19. Auch die Instrumentierung weist auf die spätere Entstehungszeit schliessen, denn im C-dur Konzert verwendet Beethoven Klarinetten, Trompeten und Pauken, die im B-dur Konzert noch fehlen. Im ersten Satz sorgt ein sich zum strahlenden Tutti steigerndes Marschmotiv für festlichen Charakter. Der erste Satz ist der umfangreichste der drei Sätze und schliesst mit einer brillanten Solokadenz des Klaviers. Das Largo ist von edler Feierlichkeit geprägt. Daran schliesst sich der abschliessende dritte Satz, ein fröhliches Rondo-Finale geprägt von schwungvoller, vergnügter Lust.
Witold Lutosławski (1913-1994) war einer der bedeutendsten Komponisten Polens im 20. Jahrhundert. Zuerst versuchte er, folkloristische Elemente in neuartigem harmonischem Gewand zu verarbeiten, ab den 1950er Jahren wandte er sich einer Art "kontrollierter" Aleatorik zu, das heisst, dass Zufälliges genau vom Komponisten kontrolliert in die Musiksprache einwirkt. Er setzte sich auch mit dem seriellen Kompositionsstil auseinander, fühlte sich dadurch aber in seinen Ausdrucksmöglichkeiten blockiert. Die “Trauermusik für Béla Bartók” enthält Anteile an Zwölftonmusik wie sie Schönberg konzipiert hatte, ist allerdings eher ein Ringen um eine eigenständige Tonsprache und eine Hommage an Bartók, der auch ein Suchender für neue Ausdrucksformen war. Die vier Abschnitte tragen die Titel Prolog, Metamorphosen, Apogäum (Erdferne der Sterne im Weltall) und Epilog. In der Art einer Fächerfuge entwickelt sich das kanonische Geschehen zu Beginn aus einem Zwölftonthema, in dem die Intervalle Tritonus und die kleine Sekunde schmerzhaft hervortreten. In den Metamorphosen wird durch die Verkleinerung der rhythmischen Werte ein scheinbares Acelerando erreicht. Im Apogäum wird der akustische Höhepunkt mit einem zwölftönigen Akkord erreicht. Der Epilog greift thematisch zurück auf den Prolog, doch die Dynamik flacht ab. “Trauer”, “Dramatisches Aufbegehren”, “Einsamkeit” und “Verzweiflung” könnten auch als Titel über den vier Teilen stehen. Das rund 15 Minuten dauernde Stück ist von überwältigender Expressivität und rangiert zu Recht unter den bedeutendsten Werken aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
Béla Bartók (1881-1945) schuf die Tanz-Suite für ein Festkonzert anlässlich des 50. Jahrestags der Vereinigung der beiden Städte Buda und Pest 1923. Die Suite besteht aus sechs Teilen, fünf Tänze und Finale und dauert etwa 16 Minuten. Bartóks Leitgedanke war eine Verbrüderung der Völker zu evozieren, er verarbeitet selbst erfundene Themen mit ungarischem, rumänischem, slowakischem und arabischem Einschlag. Ritornelle verbinden die attaca gespielten Sätze. Im Finale werden die Themen bunt durcheinandergewirgbelt.