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Zürich, Tonhalle: PAULUS; 17.12.2025

Erstellt von Kaspar Sannemann | | Mendelssohn Paulus

Paulus, Applausbild: K. Sannemann, v.l. Anke Vondung, Christina Landshamer, Florian Helgath, Werner Güra, Michael Volle

Florian Helgath leitet seine Zürcher Sing-Akademie, das Tonhalle-Orchester Zürich und die Solist*innen Christina Landshamer, Anke Vondung, Werner Güra und Michael Volle

Felix Mendelssohn Bartholdy: PAULUS | Oratorium nach Worten der Heiligen Schrift op. 36 MWV A 14 | Uraufführung: 22. Mai 1836 in Düsseldorf unter der Leitung des Komponisten | Aufführungen in der Tonhalle Zürich: 17. und 18. Dezember 2025

Kritik:

Es gab Momente (zahlreiche), da war man gestern Abend bis ins Innerste erschüttert vom gewaltig einfahrenden Chorklang; ja man fühlte sich gleich dem vom Saulus zu Paulus gewandelten Apostel auf seinem Weg nach Damaskus geradezu von Erweckungsfantasien und -gefühlen heimgesucht. Diese Wirkung vermochte die mit hinreissender Überzeugungskraft singende und gestaltende Zürcher Sing-Akademie zu evozieren, deren Leiter, Florian Helgath, nun zum ersten Mal auch als Dirigent des Tonhalle-Orchesters Zürich am Pult stand. Florian Helgath gelang es vorzüglich, das meisterhafte Oratorium Mendelssohns mit einem ruhig voranschreitenden, inneren Pulsschlag zu versehen, um dann an den dramatischen Stellen so richtig vehement zuzuschlagen. So führte die Aufführung bei mir zur eingangs beschriebenen Wirkung. Der Chor begleitete uns von den Anrufungen und Lobpreisungen des Eröffnungschors über die wutentbrannten Steinigungsrufe, die erhebende Erleuchtungsszene mit den Frauenstimmen als Jesus von Nazareth, zum eindringlich intonierten Choral Wachet auf! ruft uns die Stimme der Wächter und dem den ersten Teil beschliessenden Chor O welch eine Tiefe des Reichtums. Im zweiten Teil führte uns die Musik Mendelssohns zu den Heiden in Lystra, der Gemeinde in Ephesus und mit dem eindringlichen Schlusschor Nicht aber ihm allein, sondern allen, die seine Erscheinung lieben vollbrachte die Zürcher Sing-Akademie eine unter die Haut gehende Leistung, der man mit Worten kaum gerecht werden kann. Die Chorsänger*innen sprachen mit ihrer Reinheit der Intonation, ihrer engagierten, dynamisch differenzierten und dramaturgisch einleuchtend gestalteten vokalen Pracht direkt in die Herzen der Zuhörer*innen.

Unterstützt wurden die Chorsänger*innen vom packend gestaltenden Tonhall-Orchester Zürich, welches unter der unaufdringlichen, klug disponierenden und auf Balance zwischen Stimmen des Chors, der Solist*innen und des Orchesterklangs sorgsam achtenden Leitung von Florian Helgath einen plastisch erzählenden Klangteppich auszubreiten wusste. Ein im besten Sinne „beredtes“ Musizieren war da zu erleben. Da ertönten strahlende, ja triumphale Fanfaren der Blechbläser, weich umhüllender Streicherklang, fein ziselierte Passagen der Holzbläser und monumentale Einsätze der Orgel. 

Und selbstverständlich hatten die vier exzellenten Solist*innen Christina Landshamer, Anke Vondung, Werner Güra und Michael Volle enormen Anteil am durchschlagenden Erfolg der Aufführung. Christina Landshamers leicht und sicher ansprechender und über sehr schönes Leuchten gebietender Sopran berührte in der Arie Jerusalem! Jerusalem!, im Arioso Lasst uns singen von der Gnade des Herrn ewiglich! sowie in den wunderbar gestalteten Rezitativen als Erzählerin. Der Tenor Werner Güra glänzte in den verschiedenen Rollen als Stephanus, Ananias und Barnabas, sowie ebenfalls als Erzähler mit seinem herrlich einnehmenden, lichten Tenor. Einer der vielen Höhepunkte der Aufführung war bestimmt die Kavatine Sei getreu bis in den Tod, welche Werner Güra mit seiner einfühlsam intonierenden Tenorstimme und der herausragende Solo-Cellist des Tonhalle-Orchesters, Paul Handschke, mit viel Wärme und Eindringlichkeit zu gestalten wussten. Auf das Eingreifen des Paulus in den musikalischen Ablauf muss man sich bei Mendelssohn etwas gedulden, doch sobald Michael Volle mit seinem prachtvollen Bariton seine Stimme erhob, war man hin und weg von der raumgreifenden Wucht, der Wärme, der Fülle und der unschlagbaren Kraft der Gestaltung, des Erfüllens des Textes mit Ausdruck und musikalischer Kraft, gepaart mit exemplarischer Diktion. Michael Volle vermochte die gesamte Bandbreite der Dynamik mit einer berückenden Rundung der Stimme zu durchschreiten, stets unforciert und deutlich phrasierend, das war unfassbar packend und bewegend gestaltet, in Rezitativen, Arien, Duetten und Zwiesprachen (Ich danke dir, Herr, mein Gott) mit dem Chor. Wenn man Mendelssohn einen Vorwurf machen könnte, dann wäre es dieser: Warum hat er der Altpartie nicht mehr Raum gegeben? Denn gerade wenn man eine Sängerin vom Format einer Anke Vondung zur Verfügung hat, die in ihrem Arioso Denn der Herr vergisst der Seinen nicht ihre warme, so herrlich erfüllte Stimme vorzüglich in den Orchesterklang einzubetten wusste, hätte man ach so gern noch mehr von ihr gehört. 

Im Schlusschor Lobe den Herrn, meine Seele! konnte man sich noch einmal am homogenen Mysterium des Klangs der Zürcher Sing-Akademie erfreuen und das Ohr an der ergreifenden Präzisionskunst der Schlussfuge laben lassen.

Heute Abend ist dieser PAULUS nochmals in der Tonhalle Zürich zu erleben. Es gibt noch Karten – hingehen!

Werk:

Nach Haydns DIE JAHRESZEITEN entstand kein deutsches Oratorium von Bedeutung mehr. Diese Lücke füllte erst Felix Mendeslssohn Bartholdy (1809-1847) wieder mit PAULUS und später mit ELIAS und schuf mit diesen beiden gewaltigen Oratorien Marksteine der Musikgeschichte, mit denen er punkto Grösse und Würde an Bach und Händel anknüpfte, ihnen zwar mit seiner Gestaltung Referenz erwies, sie aber nicht einfach kopierte. Mendelssohn verstand es vortrefflich, der Geschichte der Wandlung vom Saulus zum Paulus dramatischen Atem einzuhauchen ohne seinen Hang zu lyrischer Gestaltung zu verleugnen. Eine wunderbare Ouvertüre stimmt auf das Geschehen ein. In ihr wird u.a. bereits der zentrale Choral “Wachet auf, ruft uns die Stimme” zitiert. Es folgt die Verfolgung und Steinigung des Stephanus, an der Saulus von Tarsus durchaus seine Freude hat. Doch auf dem Weg nach Damaskus hat er eine Gotteserfahrung, wird vom Licht des Herrn dermassen geblendet, dass er komplett erblindet. Durch sein Bekenntnis zum christlischen Glauben und die Taufe wird er wieder sehend. Damit schliesst der erste Teil des Oratoriums. 

Der zweite Teil dreht sich um das missionarische Wirken des zum Paulus gewandelten Saulus zusammen mit Barnabas, seine Verfolgung durch ehemalige Glaubensgenossen und seine Standhaftigkeit und Glaubensfestigkeit bis in den Tod. Im Schlusschor werden wir alle dazu aufgefordert, den Herrn, unseren Gott, zu lieben und zu loben.

Mendeslsohns PAULUS wurde zu einem riesigen Erfolg, der vor allem nach der kurz nach der Uraufführung in Düsseldorf von der Aufführung in Liverpool ausging und sich über Deutschland (bis in die Provinz), England, Frankreich, Schweden und die Vereinigten Staaten ausbreitete. Trotz mancher Anfeindungen (Richard Wagner: DAS JUDENTUM IN DER MUSIK. In dieser Schrift wurde Mendeslsohn mehrfach von Wagner angegriffen, der Trieb des Juden zur Kunst sei luxuriös und ziehe die Kunst ins Triviale - und dies obwohl Mendelssohn lutherisch getauft war und seine Eltern 1822 ebenfalls konvertierten) blieben Mendelssohns Oratorien populär. Erst die antibürgerlichen Tendenzen in den 1920er Jahren und erst recht der Nationalsozialismus liessen die wunderbaren Werke des viel zu früh Verstorbenen vorübergehend verstummen. Es ist jammerschade, dass Mendelssohn sein geplantes drittes Oratorium CHRISTUS nicht vollenden konnte.

Karten

 

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