Zürich, Tonhalle: PAAVO JÄRVI & MARIA DUEÑAS; 08.05.2026
Werke:
Robert Schumann: Ouvertüre zu «Genoveva» c-Moll op. 81 | Uraufführung: 25. Juni 1850 in Leipzig |
Erich Wolfgang Korngold: Violinkonzert D-Dur op. 35 | Uraufführung: 15. Februar 1947 in St. Louis (mit Jascha Heifetz) |
Pjotr I. Tschaikowsky: Sinfonie Nr. 5 e-Moll op. 64 | Uraufführung: 17. November 1888 in St. Petersburg
Dieses Konzert in Zürich: 8.5. | 9.5. und 10.5.(mit Bruckners Vierter anstelle von Tschaikowsky und Schumann) und in Milano am 11.5. (wieder mit Tschaikowskys 5. aber ohne die Schumann Ouvertüre)
Kritik:
Um es kurz zu machen: Das war für mich persönlich eines der atemberaubendsten, packendsten und fulminantesten Konzerte, die ich im grossen Saal der Tonhalle Zürich erleben durfte. Paavo Järvi und sein Tonhalle-Orchester Zürich loteten in diesem Programme Aspekte der Romantik und der Spätromantik aus. Das begann mit der aufwühlenden Dramatik in Schumanns Ouvertüre zu seiner einzigen Oper GENOVEVA, der die Interpretation des Chefdirigenten nichts an tiefgründiger Kraft schuldig blieb, das Zerklüftete und die Brüche offen legte und die abgründige Musik nie romantisierend weichspülte und zukleisterte. Das war kein lieblicher „Kinderzimmer“ - Schumann, sondern Dirigent und Orchester offenbarten mit ungemeiner orchestraler Brillanz die unbestreitbare Schwermut des Komponisten, nahmen die Zuhörer*innen mit auf eine rasante musikalische Fahrt ohne Sicherheitsgurt, die am Ende in eine kurze Apotheose mündete.
Nach dieser Ouvertüre voller Dramatik aus der Zeit der Hochromantik gab es einen Zeitsprung von 90 Jahren zu einem der letzten Spätromantiker, zu Erich Wolfgang Korngold, der im amerikanischen Exil der 1930er und 40er Jahre als Filmmusiker Triumphe feierte und zwei Oscars einheimste, doch als Komponist von so genannter „ernster“ Musik in Europa dann nicht mehr so richtig Fuss fassen konnte. Wie brillant das „letzte Wunderkind“ (so der Titel einer Biographie über den Komponisten) jedoch immer noch komponieren und orchestrieren konnte, offenbarte sein Violinkonzert in D-Dur. Maria Dueñas interpretierte den Solopart mit einer unfassbaren Rasanz, höchster Virtuosität und ungemein facetten- und farbenreichem Spiel – zum Niederknien! Schmachtend erhob sich das Hauptthema der Solovioline zu Beginn des ersten Satzes über dem vom Tonhalle-Orchester Zürich warm intonierten Teppich, der exquisite Klang der Solovioline breitete sich mit immenser Fülle im grossen Saal aus. Virtuose Passagen vom Allerfeinsten und die Kadenz wurden furios attackiert, das Tempo war stupend – und doch blieben Transparenz und Präzision gewahrt. In der Romanze begeisterten die Gesanglichkeit und die atmosphärische Dichte der Interpretation und leiteten ohne Verschnaufpause zum Vivace-Finale über, in welchem sich Dueñas als wahrhaftige „Teufelsgeigerin“ (ist positiv gemeint) präsentierte. Mit virtuosen Wechseln von gezupftem zu gestrichenem Spiel und mit dynamischen, mitreissenden Accelerandi begeisterten die phänomenale Geigerin, das Orchester und der Dirigent und machten deutlich, dass Korngolds Violinkonzert unbestritten zu den glänzendsten seiner Gattung gehört.
Ebenfalls unbestritten ist der Spitzenrang, der Tschaikowskys fünfter Sinfonie zusteht. Und noch unbestrittener, dass die Interpretation Paavo Järvis und des Tonhalle-Orchesters Zürich zu den besten dieses dramatischen Werks gehört, wurde doch die Einspielung vor fünf Jahren mit dem Diapason d'Or ausgezeichnet und in die Bestenliste (Preis der Deutschen Schallpolattenkritik) aufgenommen. Von der Trauer umflorten, elegischen Einleitung der Klarinetten und der tiefen Streicher zu den knalligen Schicksalsschlägen und der glutvoll ausgeloteten Gefühlswelt des Komponisten schufen Järvi und das Orchester einen grandiosen, fesselnden Spannungsbogen im ersten Satz. Aufwallende Gefühle, Desillusionierung, ein grossartiges Hornsolo und wiederum heftig an die Tür klopfendes Schicksal mit geschärfter Zuspitzung machten den zweiten Satz, Andante cantabile, zu einem bewegenden Erlebnis und verschafften tiefe Einblicke in eine gequälte Künstlerseele. Entspannung breitete sich im luftig-tänzerischen Walzer des dritten Satzes aus. Doch mit der sich zwischenzeitlich im wiegenden Tanz ausbreitenden Ruhe war es bald vorbei, denn der gigantische, sich kraftvoll und energiegeladen nochmals durch die Düsternis der Seele zum Licht hochschraubende Finalsatz, der erst nach mehreren Anläufen im triumphalen, weltbejahenden und fulminant ausgeführten Marsch kulminierte, schüttelte einen nochmals so richtig durch! Was für ein hochspannendes Konzerterlebenis.
Die Solistin bedankte sich natürlich mit einer wunderschönen, traumhaft zart intonierten Zugabe (zusammen mit der Soloharfenistin des Orchesters, Sarah Verrue), nämlich mit Gabriel Faurés APRÈS UN RÊVE und auch das Orchester spielte eine wunderschön elegische Zugabe eines Spätromantikers - Hugo Alfvéns ELEGIE aus GUSTAV II. ADOLF - bevor es sich nun auf die Tournee – Milano, Yokohama, Tokyo, Osaka – begibt. Die romantische Seele des Rezensenten jubelte!
Vor dem Konzert begeisterten einmal mehr drei Studentinnen und ein Student der ZHDK im kleinen Saal der Tonhalle mit einem Surprise-Konzert: Anastasia Dziadevych und Kristina Marušić, Violine, Remea Friedrich, Viola und
Nicolas Gencyilmaz, Violoncello, spielten mit Othmar Schoecks Streichquartett Nr. 1 D-Dur op.23 nicht nur die Komposition eines ehemaligen Schülers des Zürcher Konservatoriums, sie setzten damit einen klug gewählten Bezug zum Hauptprogramm im grossen Saal: Schoeck war ebenfalls ein Spätromantiker wie Korngold, auch Schoeck komponierte viel für die menschliche Stimme, seine Opern haben aber leider (im Gegensatz zu Korngolds DIE TOTE STADT oder DAS WUNDER DER HELIANE) die Renaissance noch nicht wirklich geschafft. Es wäre höchste Zeit, z.B. seine PENTHESILEA mal wieder in Zürich erleben zu dürfen. Die vier jungen, talentierten Musiker*innen der ZHDK jedenfalls gaben ein überzeugendes Plädoyer für den Schweizer Komponisten ab. Klangvoll spann sich der Bogen des wunderschön und mit subtiler Dynamik ausgehorchten Hauptthemas des ersten Satzes. Herrlich herausgearbeitet waren die rhythmischen Akzente in ihrem hüpfenden, federnden Duktus, wo die Violinen und die Bratsche wie spöttisch die warme Grundierung des Cellos kommentierten im zweiten Satz. Der dritte Satz erinnerte mit seinen musikalischen Eulenspiegeleien an Richard Strauss, aber auch den Atem Schuberts vermeinte man zu spüren. Die vier Musiker*innen glänzten jedenfalls mit flinken, herrlich sauber intonierten Passagen und begeisterten die (leider viel zu wenigen) Zuhörer*innen im Kleinen Tonhallesaal.
Werke:
Robert Schumanns (1810-1856) einzige wirkliche Oper gilt als Hauptwerk der deutschen Opernromantik, mischen sich darin doch Aspekte der Schauerromantik mit biedermeierlichen Zügen. Das geradezu aufgesetzt wirkende Happyend weist auf des Komponisten wichtigstes künstlerisches Anliegen hin, die moralische Besserung einer unheilen Welt. Die dramatische Ouvertüre zählt zu den kompositionstechnisch reifsten Leistungen Schumanns, die Grund- und Erinnerungsmotive werden darin angelegt und im Verlaufe des Werks subtil weiter entwickelt. Liedhafter Gesangston mischt sich mit grossartig differenzierten Orchesterfarben und einer Harmonik, die vor allem im ersten Teil bereits in „Tristan“-Nähe gerät.
Erich Wolfgang Korngold (1897-1957) VIOLINKONZERT D-DUR, op.35:
Nach seiner Emigration in die USA (1934) wandte sich Korngold eigentlich ausschliesslich der Komposition von Filmmusik zu. Es bedurfte der immensen Überzeugungskraft seines Freundes, des Geigers Bronislaw Huberman, um Korngold von den Filmstudios wegzulotsen. Das von Jasha Heifetz dann zur Uraufführung und zum weltweiten Erfolg gebrachte Violinkonzert wurde Korngolds grösster Konzerterfolg (neben den frühen Erfolgen mit seinen Opern DIE TOTE STADT, 1920 und DAS WUNDER DER HELIANE, 1927).
Die drei ungefähr je sieben Minuten dauernden Sätze (Moderato nobile, Romanze, Allegro assai vivace) entlehnen einige Motive aus seinen Filmmusiken, werden in den ersten beiden Sätzen eher elegisch verarbeitet und kulminieren in einem virtuosen Klimax im dritten Satz. Erwähnenswert ist auch der Einsatz eines grossen, vielgestaltigen Schlagwerks, mit Vibraphon, Xylophon, Celesta u.a.m.
Pjotr Iljitsch Tschaikowskys (1840-1893) fünfte Sinfonie handelt – ähnlich wie seine 4. Sinfonie – von der Überwindung des tragischen Schicksals und führt aus dem Dunkel ins Licht (per aspera ad astra). Tschaikowsky hat zum ersten Satz gar ganz klare inhaltliche Gedanken formuliert: „Introduktion. Völlige Ergebung in das Schicksal oder, was dasselbe ist, in den unergründlichen Ratschluss der Vorsehung. - Allegro: Murren, Zweifel, Klagen, Vorwürfe“. Im Verlauf der Sinfonie weichen die Moll-Tonarten immer mehr denjenigen in Dur. Das einem Trauermarsch nahe kommende Schicksalsmotiv, des ersten Satzes taucht zwar auch in den restlichen drei Sätzen auf, im Schlusssatz allerdings erstrahlt es in feierlichem Dur. Wunderschön erklingt das Hauptthema des zweiten Satzes, das vom Solohorn vorgetragen wird und die für Tschaikowsky so typische melancholisch-elegische Stimmung evoziert. Wenn die Oboe dann mit ihrem Gesang darauf antwortet, bezeichnete Tschaikowsky dies als „Lichtstrahl“. Insgesamt weist der Satz einen pastoralen Charakter auf. Der dritte Satz ist ein lyrischer Walzer, indem erneut das Schicksalsmotiv auftaucht. Dieses Motiv wandelt sich nun im Finale zu einem triumphierenden Marsch. Nach einem tänzerisch-jubelnden Mittelteil kommt es in der Coda zur Apotheose im vierfachen forte.
Die fünfte Sinfonie gehört zusammen mit der vierten und der sechsten zu den meistgespielten Sinfonien des Russen, obwohl die zeitgenössischen Kritiken (und auch Tschaikowskys Selbstkritik) zum Teil sehr harsch ausfielen (die Sinfonie sei zu lärmig, ein trunkenes Delirium tremens etc.). Im Oktober 1941 wurde die Sinfonie in Leningrad gespielt und im Radio auch nach London übertragen, just als die deutschen Bomben fielen. Trotzdem spielte das Orchester die Sinfonie zu Ende.