Zum Hauptinhalt springen Skip to page footer

Zürich, Tonhalle: MISSA SOLEMNIS (Beethoven); 29.10.2025

Erstellt von Kaspar Sannemann | | Missa solemnis

Applausbild, 29.10.2025: K. Sannemann

Beethovens MISSA SOLEMNIS mit dem Orchestra La Scintilla und der Zürcher Sing-Akademie unter Florian Helgath

Missa solemnis für vier Solostimmen, Chor, Orchester und Orgel in D-Dur, op 123 | Musik: Ludwig van Beethoven | Text: liturgischer Messetext | Uraufführung: 7. April 1824 in Sankt Petersburg, Russland | Aufführungen durch LA SCINTILLA und die Zürcher Singakademie: 28.10.2025 in Bern | 29.10.2025 in Zürich

Kritik: 

Ludwig van Beethoven machte es dem breiten Publikum mit seinen letzten Werken nicht gerade leicht (vielleicht mit Ausnahme seiner neunten Sinfonie). Jedenfalls ging und geht es mir so. Man muss sich schon sehr intensiv mit den letzten Streichquartetten und eben auch der MISSA SOLEMNIS beschäftigen, um sich dem Werk wenigstens einigermassen nähern zu können. So verstaubte denn meine in den 1970er Jahren erworbene Einspielung mit dem Rundfunkchor und dem Gewandhausorchester Leipzig unter Kurt Masur (Solisten: Anna Tomowa-Sintow, Annelies Burmeister, Peter Schreier und Hermann Christian Polster) nach einmaligem Hören im Vinyl-Regal. Und live erlebt hatte ich die MISSA SOLEMNIS, das muss ich zu meiner Schande gestehen, in meinen 70 Lebensjahren noch nie. Erst als Vorbereitung auf das gestrige Konzert zog ich die LP-Kassette wieder aus dem Regal, hörte sie zweimal durch und informierte mich auch in Konzertführern und im Internet über die historischen Hintergründe und die diversen Analysen dieser aussergewöhnlichen Messe. 

Die erste Überraschung anlässlich des gestrigen Konzerts in der Tonhalle Zürich war das völlig andere Klangbild als auf der zu Hause angehörten Aufnahme. Während Masur mit dem Gewandhausorchester ein Orchester mit „modernen“ Instrumenten leitete, arbeitete der Leiter der Zürcher Sing-Akademie, Florian Helgath, mit dem historisch informiert spielenden Orchester LA SCINTILLA zusammen, das auf nachgebauten Instrumenten aus der Beethoven-Zeit spielte. Dies führte zwangsmässig zu einem raueren Klangbild, aber auch einer grösseren Transparenz, da ein solches Orchester nie so laut tönt, wie ein Orchester, das mit seinen neuen Instrumenten die ausufernden Sinfonien von Bruckner, Mahler oder Schostakowitsch interpretiert. Daran muss sich das Ohr erst mal gewöhnen. Die MISSA SOLEMNIS ist ungewohnt; sie enthält keine Arien für die Solist*innen, kaum Melodien, die auf dem Nachhauseweg noch nachhallen. Vieles erscheint wütend, rebellisch, verknorzt, mit abrupten Stimmungswechseln und ebensolchen Satzschlüssen (Beethoven war zur Zeit der Komposition bereits praktisch taub und von diversen physischen Leiden gequält). Damit zeigt Beethoven aber auch die tiefe, innere Auseinandersetzung mit dem Glaubensbekenntnis (Beethoven war nicht bekannt als Kirchgänger). Manche musikalische Phrasen scheinen beim ersten Anhören unvollständig zu sein und werden erst durch das ganze Werk erschlossen: So z.B. die offen erscheinende Melodieführung im Kyrie eleison, die erst im finalen Dona nobis pacem ihre abschliessende Ergänzung findet. Gerade im KYRIE ist es auffällig, wie die Solostimmen eingeführt werden, quasi aus dem Chorklang herauswachsen. Dieser Klang des Chores mit seinen Forderungen, seinen Bitten, seiner Ungeduld bietet kaum Gelegenheit zum wohligen Geniessen. Die Zürcher Sing-Akademie interpretierte diese Stimmungen mit packender Gestaltungskraft, dynamischer Flexibilität, lebhafter Brillanz und ungeheurer Präsenz, eindringlich und gewaltig. Die prägnanten Passagen und die teils extrem schnellen Fugati gehören zum Schwierigsten der gesamten Chorliteratur. Hervorragend auch das Solist*innenquartett: Christina Landshamers wunderbar leuchtender Sopran, Olivia Vermeulens ausdrucksstarker, durchschlagskräftiger Alt, Benjamin Bruns wunderschön timbrierter und gefühlvoll eingesetzter Tenor und Yorck Felix Speers weich, aber bestimmt und charaktervoll intonierender Bass fügten sich perfekt ins durchsichtige Klangbild ein. Niemand drängte sich in den Vordergrund, alle dienten dem Gesamtklang und dem durchaus vorwärtsdrängenden Gestus, den Florian Helgath mit seinem ausgewogenen, uneitlen und nur dem Werk dienenden Dirigat vorgab. Je länger diese MISSA SOLEMNIS dauerte, desto intensiver wurde man involviert in die Zerrissenheit, die Beethoven ausdrückte, seine Suche nach Erkenntnis. Ungewöhnlich düster erklang die von den Posaunen getragene Introduktion zum SANCTUS, tröstend dann das wunderbare BENEDICTUS, in welchem die Solovioline der Konzertmeisterin Hanna Weinmeister eine berückend schöne Stimmung zu verbreiten wusste, einen Moment der ruhenden Kontemplation ermöglichte, alle Ausführenden in ihren Bann zog und zu Herzen gehendes, verinnerlichtes Musizieren zu evozieren verstand. Beethoven hatte auf dem Autograph der Partitur geschrieben „VON HERZEN – MÖGE ES WIEDER – ZU HERZEN GEHEN“. Im Moment des BENEDICTUS und der erst fordernden, und nach der theatralisch und wild hereinbrechenden Kriegsmusik, dann vom Chor so wunderbar sanft vorgetragenen Bitte Dona nobis pacem im abschliessenden AGNUS DEI, schimmerte langsam ein gewisses Verstehen der gedanklichen Hintergründe Beethovens auf – aber meine Auseinandersetzung mit dieser gewaltigen Komposition ist damit bei weitem noch nicht als abgeschlossen zu betrachten. 

Werk:

Ludwig van Beethoven (1770 – 1827) komponierte die MISSA SOLEMNIS spät in seinem Leben. Neben der C-Dur Messe (1803) und dem Oratorium CHRISTUS AM ÖLBERGE hatte Beethoven bis zur Komposition der MISSA SOLEMNIS (1819 – 1823) kaum Sakralwerke geschaffen – und dies, obwohl er in seiner Jugend an dem einem aufgeklärten Katholizismus huldigenden Hof des Kurfürsten Maximilian Franz gedient hatte. Die Schöpfung der MISSA SOLEMNIS fiel also in die letzte Schaffensphase Beethovens, der seit Jahren taub war und von anderen Krankheiten gequält wurde, sich immer mehr zurückgezogen hatte. Anlass für die Komposition der MISSA SOLEMNIS war nicht ein Auftrag, sondern die Ernennung seines Schülers, des Erzherzogs Rudolph, zum Erzbischof von Olmütz. Die Inthronisation des Erzherzogs 1820 musste allerdings ohne die versprochene MISSA SOLEMNIS auskommen, da Beethoven erst drei Jahre später mit der Komposition fertig geworden war. Er überreichte dem Bischof die Widmungspartitur 1823. Der Erzbischof verdankte sie freundlich, doch die von Beethoven erhoffte Ernennung zum Kapellmeister beim Erzbischof erfüllte sich nicht. Das Verhältnis der beiden hatte sich durch die Verzögerung der Fertigstellung der MISSA SOLEMNIS merklich abgekühlt. Somit fand die Uraufführung dann dank eines Mäzens im Jahr darauf in Sankt Petersburg statt. Zu einer kompletten Aufführung in Österreich kam es zu Beethovens Lebzeiten nicht mehr, lediglich einzelne Sätze waren zu hören gewesen.

Immer wieder bot die Auseinandersetzung mit Beethovens Meisterwerk (das er selber als „l'œuvre le plus accompli“) Anlass zu Diskussionen unter Musikern und Musikwisschenschaftlern. Hatte Beethoven den Messetext nur als Anlass genommen, eine vokale Sinfonie zu schaffen oder war er wirklich gläubig? Die gewaltigen Anstrengungen und seine zeitraubende Recherche im Bereich der Kirchenmusik während der Kompositionszeit sprechen gegen die erste Vermutung. Richard Wagner allerdings nannte die MISSA SOLEMNIS „ein rein sinfonisches Werk echt Beethovenschen Geistes“. Doch zunehmend setzte sich die Ansicht durch, dass die MISSA SOLEMNIS schlicht und einfach Kirchenmusik grössten Stils sei. Auch wenn Beethoven in seinen Wiener Jahren wenig Zeugnis einer gelebten Religiosität an den Tag gelegt hatte, würde man ihm Unrecht tun zu behaupten, er hätte den altehrwürdigen Messetext bloss als Vehikel für eine Sinfonie des Gesangs usurpiert. 

Karten

Zurück