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Zürich, Tonhalle: MAHLER, SINFONIE NR. 2 C-MOLL (Auferstehungssinfonie); 12.11.2025

Erstellt von Kaspar Sannemann | | Mahler 2. Sinfonie

Applausbild 12.11.2025: K. Sannemann Tonhalle-Orchester Zürich, Zürcher Sing-Akademie, Anna Lucia Richter, Paavo Järvi, Mari Eriksmoen, Florian Helgath

Fortsetzung des Mahler-Zyklus des Tonhalle-Orchesters Zürich unter der Leitung seines Musikdirektors Paavo Järvi

Gustav Mahler: 2. Sinfonie in c-Moll | Uraufführung: 13. Dezember 1895 in Berlin | Aufführungen in Zürich: 12.11. | 13.11. und 14.11. 2025

 

Kritik: 

„ ... Ich sah, dass Männer weinten und Jünglinge zum Schluss einander um den Hals fielen ... als nachher der Chor einfiel, drang ein schauerndes Aufatmen aus jeder Brust ...“, schrieb Mahlers Schwester Justine nach der Uraufführung der 2. Sinfonie ihres Bruders Gustav an eine Freundin. Nun, soweit ging das Publikum gestern Abend in der Tonhalle Zürich nicht – vielleicht sind die Männer auch heutzutage nicht mehr so leicht in romantischen Überschwang zu versetzen wie zur Zeit der Uraufführung vor 130 Jahren. Aber es kann wohl niemand behaupten, dass er/sie am Ende dieser aufwühlenden Aufführung durch das Tonhalle-Orchester Zürich unter der Leitung von Paavo Järvi und mit der von Florian Helgath einstudierten Zürcher Sing-Akademie, der Mezzosopranistin Anna Lucia Richter und der Sopranistin Mari Eriksmoen nicht tief ergriffen gewesen wäre. Jedenfalls herrschte ein kurzer Moment der absoluten Stille, bevor der Jubel der standing ovation einsetzte. Mahler hat es aber auch mit dramatischem Geschick verstanden, während 80 Minuten auf dieses überwältigende Finale hinzuarbeiten. Vom Ringen in der markanten „Totenfeier“ des ersten Satzes, mit dem brachialen Aufbäumen des Orchesters (in kontrollierter, durchhörbarer Wucht durch das Tonhalle-Orchester Zürich ausgeführt), dem idyllischen Intermezzo, das so wunderschön ausmusiziert wurde, um dann wieder der entfesselten Dynamik des Blechs zu weichen, welche quasi in einen Abyss mündete, ein durch abwärts führende Triolen ausgelöstes Zusammenbrechen. Auf die von Mahler eigentlich vorgegebene Pause von fünf Minuten nach dem ersten Satz verzichtete Paavo Järvi. Er liess das wunderbar kontrastreich ausgeführte Andante moderato, mit seinen delikaten Holzbläserphrasen und den exquisiten Pizzicati der Streicher elfenhaft dahin huschend unmittelbar an die „Totenfeier“ anschliessen. Der dritte Satz, mit seinem Scherzo-Charakter (Adaption seines Orchesterliedes Des Antonius von Padua Fischpredigt), klang manchmal in seinem 3/8 Takt wie ein verschleierter Walzer, liebevoll, und doch leicht distanziert, gar abgründig, wie wenn man tanzende Menschen mit leichtem Augenzwinkern betrachtet. Zum Glück hatte Mahler vor dem Finale noch das „Urlicht“ aus der Brentano-Sammlung Des Knaben Wunderhorn eingefügt. Denn so kam man gestern Abend in den Genuss der einmalig schönen, herrlich raumfüllenden und doch so unforciert strömenden Stimme der Mezzosopranistin Anna Lucia Richter. Mit dem etwas kitschigen Text von „abweisenden Engelein und dem Willen zu Gott zu gehen und ein Lichtchen zu erhalten, das ins ewig selig' Leben leuchten soll“, können wir konfessionslosen heutigen Menschen wohl nicht mehr allzu viel anfangen, aber so schlicht und vertrauensvoll intoniert, sprach das Lied dann doch ergreifend zu unserer Seele. Mit wildem Klangrausch brach das Finale herein, die Pforten der Hölle schienen sich zu öffnen. Surround-Sound-Effekte hallten durch den grossen Saal der Tonhalle Zürich, denn das zweite Orchester war im Zwischengang positioniert und agierte wie ein „Banda“ in einer italienischen Oper. Nach dem gigantischen Weckruf des Dies-irae-Themas und dem Nachtigall-Zwitschern der Flöte hob endlich die Zürcher Sing-Akademie an mit dem ppp vorgetragenen „Aufersteh'n, ja aufersteh'n wirst du“, woraus sich in einer fantastischen Steigerung vom fast Unhörbaren bis zum leuchtend Strahlenden die lichte Sopranstimme von Mari Eriksmoen schälte. Auch Anna Lucia Richter schaltete sich nochmals ein (O glaube, mein Herz). Erst zum gewaltigen, mit exzellenter klanglicher Homogenität intonierten, strahlkräftigen Unisono erhob sich der Chor und zusammen mit den Solistinnen und dem unglaublich präsent spielenden Tonhalle-Orchester Zürich bog man ein in die religiös anmutende Verzückung des Finales, mit Orgel und Glockenklang. Wie gesagt, Tränen und Umarmungen sah ich nicht, aber bewegte Ergriffenheit dann doch. Gustav Mahler, auch wenn er keine eigentliche Oper fertiggestellt hatte, wusste durchaus Emotionen zu schüren! 

Diese Aufführungen in Zürich werden für Alpha Classics auf CD und Vinyl im Rahmen der Gesamtaufnahme der Mahler-Sinfonien durch Paavo Järvi und das Tonhalle-Orchester Zürich eingespielt werden. Die Sinfonien 1 und 5 sind bereits erhältlich, die 7. ist in Produktion. Diese Saison folgen nun also die 2. und die 10. Sinfonie.

Werk:

Gustav Mahler schuf mit seiner 2. Sinfonie ein Werk von immensen Ausmassen, das einen gewaltigen instrumentalen (und im 4. und 5.Satz) auch vokalen Aufwand erfordert. Die Aufführungsdauer beträgt ca. 80 Minuten.

Mahler arbeitete mit Unterbrüchen etwa 6 Jahre an diesem gigantischen Werk. Die Unterbrüche kamen daher, dass er durch seine Arbeit als Opernchef in Budapest und seinen anschliessenden Antritt als 1. Kapellmeister in Hamburg nicht allzuviel Zeit zum konzentrierten Komponieren hatte. Zeitgleich zur Komposition der 2. Sinfonie vertonte Mahler auch Lieder aus der Sammlung Des Knaben Wunderhorn von Clemens Brentano und Achim von Arnim. Zwei dieser Lieder flossen auch in diese Sinfonie ein, Des Antonius von Padua Fischpredigt wird instumental im dritten Satz eingeflochten, das Urlicht wird zum Altsolo des vierten Satzes. Am Anfang der Sinfonie steht jedoch mit der „Totenfeier“ (die Bezeichnung stammt von Mahler selbst) ein gewaltiges Ringen zwischen unruhigem Aufbäumen und sanfteren Kantilenen. Mahler selbst hat erklärt, dass er hier seinen „Helden“ aus der ersten Sinfonie zu Grabe trägt. Wie aus weiter Ferne werden die Fragen aufgeworfen Warum hast du gelebt? Warum hast du gelitten? Die Antwort gibt Mahler im letzten Satz (der dem Werk auch den Übertitel Auferstehungssinfonie eingetragen hat, obwohl dieser nicht von Mahler stammt): Mahler schildert einen dramatischen Kampf zwischen wilden Klangorgien wie bei einem Dies irae und hoffnungsvolleren Erlösungsphrasen der Posaunen. Das Zarte obsiegt mit Innigkeit und Naturidylle. Misterioso kommt wie von Ferne der gemischte Chor mit Sopransolo dazu. Als Text verwendet Mahler das Klopstockgedicht Auferstehung. Chor und Orchester steigern sich unter Mithilfe der Orgel zur strahlenden Apotheose der Erlösung. Sterben werd'ich, um zu leben!

Mahler musste nach der Urauffühung seiner zweiten Sinfonie zum Teil bissigsten Spott über sich ergehen lassen. Das Publikum war noch nicht reif für Mahlers Tonsprache. Heutzutage gehört die 2. zusammen mit der 4. (auch eine der Wunderhorn-Sinfonien) und der 5. Sinfonie zu den meist aufgeführten Sinfonien Mahlers.

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