Zürich, Tonhalle: JUSSEN & RUSTIONI; 08.02.2026
Das weltweit gefeierte Klavierduo Lucas und Arthur Jussen spielen mit dem Orchester der Oper Zürich unter Daniele Rustioni!
Werke:
Francis Poulenc: Konzert für zwei Klaviere und Orchester d-Moll | Uraufführung: 5. September 1932 in Venedig
Hector Berlioz: Symphonie fantastique op. 14 | Uraufführung: 5. Dezember 1830 in Paris
Dieses Konzert in Zürich nur am 8. Februar 2026
Kritik:
Ein Konzert mit den Brüdern Lucas und Arthur Jussen ist stets ein beglückendes, begeisterndes Erlebnis. Die beiden Klaviervirtuosen kommen mit einer ansteckenden Spielfreude daher, vereinen Präzision, Technik und lustvolles Gestalten zu einer phänomenalen Klangerfahrung. So auch gestern Abend in der Tonhalle Zürich, wo sie zusammen mit dem Orchester der Oper Zürich unter der Leitung von Daniele Rustioni die Zuhörer*innen im voll besetzten Saal mit französischer Musik zu begeistern wussten.
Begonnen wurde mit Francis Poulencs so humoristischem, beinahe eklektisch zu nennenden Konzert für zwei Klaviere und Orchester in d-Moll. Mit bestechender technischer Souveränität und forscher Attacke stiegen das Orchester und die beiden Solisten in den rasanten Kopfsatz ein. Hämmernde Passagen, in denen die beiden Klavier wie ein zusätzliches Schlaginstrument wirken, wechselten mit kristallklar perlenden Läufen und romantisch angehauchten Teilen, französische Salon-Eleganz kontrastierte mit ruppig-rhythmischer Strassen- oder Tanzmusik. Ein Riesenspass! Daneben waren aber auch sauber ausgeführte Trillerpassagen zu bewundern, eine einnehmende Gesanglichkeit machte sich breit. Im Larghetto folgte dann die wunderbare Referenz Poulencs an Mozarts d-Moll Klavierkonzert KV 466: Sanft wiegende Lieblichkeit und ein wunderbarer Reichtum an orchestralen Farben mischten sich mit wilderem Aufbäumen gegen allzu viel kitschige Süsse. Ausgesprochen herzlich schien das Einverständnis zwischen Dirigent, Orchester und den beiden Solisten zu sein. Daniele Rustioni suchte und fand immer wieder den Blickkontakt mit Lucas oder Arthur Jussen, die beiden verfügen sowieso über eine magische Art des perfekten Zusammenspiels, setzten die knallenden Effekte des dritten Satzes zusammen mit dem Orchester mit fantastischer Präzision. Der Applaus nach diesem fulminanten Schlusssatz war gewaltig – und rief natürlich nach einer Zugabe: Die Jussens spielten das tastenakrobatische Feuerwerk von Igor Roma: STRAUSSEINANDER, eine Paraphrase über Johann Strauss' DIE FLEDERMAUS. Der pure Wahnsinn! Der Applaus wollte nicht mehr enden, so dass eine zweite Zugabe folgte - und eine perfekt gewählte dazu: Mit der Bearbeitung von Bachs Sonatina BWV 106 aus der Kantate GOTTES ZEIT IST DIE ALLERBESTE ZEIT in der Bearbeitung für Klavier zu vier Händen von Györgi Kurtag wurde das Publikum wieder etwas heruntergeholt und mit der tröstlichen Sanftheit der zauberhaften Bach-Melodie in die Pause entlassen.
Nach der Pause dann ein Werk, das gut 100 Jahre vor Poulencs Klavierkonzert entstanden war: Hector Berlioz' bahnbrechende SYMPHONIE FANTASTIQUE. Dieser fünfsätzige Traum-Albtraum eines unglücklich verliebten Künstlers ist Programmmusik allererster Güte, ein wie unter Drogeneinfluss zerklüftetes, manchmal auch sperriges Werk. Daniele Rustioni und das fabelhaft aufspielende Orchester der Oper Zürich hatten den Knäuel an motivischen Fäden bestens im Griff. Im Kopfsatz wurde die „Idée fixe“ welche die Sinfonie durchwandert, wunderschön herausgearbeitet, auffallend die klare Hervorhebung der Bassstimmen durch Rustioni. Die Dramatik des Liebesbegehrens wurde mit fesselnder Spannung gehalten, die Stürme des Herzens plastisch eingefangen. In den Sätzen zwei und drei hatte man dann ein wenig Zeit zum Zurücklehnen, erst mit dem bezaubernden Walzer, dann mit der pastoralen Idylle auf dem Lande, wo sich das wunderschön geblasene Englischhorn auf dem Podium und die Oboe auf der Galerie in einen feinen, Echo artigen Austausch begaben. Daniele Rustioni legte grossen Wert auf die dynamische Gestaltung, machte sich auch physisch ganz klein, wenn er das Orchester der Oper Zürich zum Pianospiel motivieren wollte. Der düstere Marsch zum Richtplatz im vierten Satz erklang dermassen schaudererregend, dass sich das Publikum zu einem Zwischenapplaus hinreissen liess. Doch noch folgte der ungezähmte Hexensabbat, in dem insbesondere die Holzbläser unheimliche Akzente beschworen, welche von der Totenglocke und dem col legno Spiel der Streicher noch verstärkt wurden. Ein berauschendes Erlebnis!
Werke:
Francis Poulenc (1899-1963) schloss sich in den 1920er Jahren der Groupe des six an, einer Vereinigung von fünf Komponisten und einer Komponistin, die um 1920 in Paris aktiv war. Sie verschrieben sich einer Ästhetik der Klarheit, Einfachheit und Modernität – als bewusster Gegenentwurf zum deutschen Wagnerismus und zum französischen Impressionismus von Debussy. Mitglieder waren u.a. auch Arthur Honegger und Darius Milhaud. Der Kritiker Claude Rostand beschrieb Poulenc einmal mit den folgenden Worten: “In Poulenc wohnen zwei Seelen: die eines Mönchs und die eines Lausbuben.” Damit meinte er die tiefe Religiosität dieses bedeutenden französischen Komponisten, die in Werken wie seinem Stabat Mater, der Messe in G oder der Oper LES DIALOGUES DES CARMÉLITES Ausdruck findet. Daneben komponierte Poulenc aber auch für den Film, liess Anklänge des Jazz in seine Instrumentalmusik einfliessen, versprühte Witz und Charme. Diese Ingredienzen würzen auch sein Konzert in d-Moll für zwei Klaviere und Orchester. Diese Komposition sprüht nur so vor Witz und Esprit, quirlige, virtuose Passagen, hämmernde Akkorde prägen den ersten Satz. Der zweite hingegen ist eine Reverenz vor Mozart, eine Melodik, die an Mozarts Romanze in dessen in der selben Tonart geschriebenen Klavierkonzert KV 466 erinnert. Im dritten Satz tritt dann wieder der “Lausbub” Poulenc hervor, witzig und pointiert.
Hector Berlioz (1803-1869), der Meister der Instrumentationskunst, mit einem Hang zum Gigantismus, schrieb seine in mehrfacher Hinsicht bedeutende und für die Zukunft der Formgattung wegweisende SYMPHONIE FANTASTIQUE bereits in jungen Jahren. Sie war sein Opus14. Diese Sinfonie markiert einen Wendepunkt, da sie nicht mehr absolute Musik darstellt, die strengen Formgesetzen verpflichtet ist, sondern perönliche Empfindungen und Erlebnisse schildert. Die klassischen “Gesetze” sind quasi aufgehoben, keine Drei- oder Viersätzigkeit mehr, keine Sonatenhauptsatzformen, sondern eine “Beichte” persönlicher Träume und Albträume, “Episoden aus dem Leben eines Künstlers” lautet denn auch der Untertitel der Sinfonie. Die Sinfonie erstreckt sich über fünf Sätze (Mahler - 1., 5. und 7. Sinfonie - und Schostakowitsch - 8. und 9. Sinfonie - haben diese Fünfsätzigkeit viel später ebenfalls angewandt) und geht von einem Kernthema aus, einer “Idée fix”, das in allen fünf Sätzen in variierter Form wiederkehrt. Der Künstler träumt von einer Frau (konkret war es das Schwärmen Berlioz' für die Schauspielerin Harriet Smithson, die Berlioz auch heiratete, doch die Ehe der beiden scheiterte). Dieses schwärmerische Träumen findet im ersten Satz unter dem Titel “Rêveries-Passions” Ausdruck. Im zweiten Satz “Un bal” tanzen die beiden einen zärtlichen Walzer. Im dritten Satz folgt die - geträumte - idyllische Zweisamkeit auf dem Lande “Scènes aux champs”. Im vierten Satz träumt er, dass er die Geliebte getötet habe und sich nun vor dem Hochgericht verantworten müsse - “Marche au Supplice”. Der fünfte Satz ist ein grauenhafter Albtraum, mit Spukgestalten, Hexen und Zauberern. In diesem “Songe d'une Nuit du Sabbat” wohnt er seiner eigenen Beerdigung bei, das Dies irae steigt bedrohlich empor und das Motiv der “Idée fixe” mischt sich wie eine Parodie darein.