Zürich, Tonhalle: J. STRAUSS, WIENIAWSKI, RAVEL, SAINT-SAËNS, LISZT, DVOŘÁK; 07.01.2026
Neujahrskonzert mit der Bodensee Philharmonie Konstanz unter der Leitung von Gabriel Venzago und mit der Violinistin Anna Naomi Schultsz
Werke:
Johann Strauss (Sohn) Ouvertüre zu «Der Zigeunerbaron»
Henryk Wieniawski «Légende» op. 17
Antonín Dvořák «Karneval» op. 92, Konzertouvertüre
Maurice Ravel «Tzigane», Rapsodie de concert für Violine und Orchester
Franz Liszt «Ungarische Rhapsodie» Nr. 2 cis-Moll S 244 Nr. 2
Camille Saint-Saëns «Introduction et Rondo capriccioso» op. 28 für Violine und Orchester
Johann Strauss (Sohn) «Éljen a Magyar!», Polka schnell op. 332
«Künstlerleben», Walzer op. 316
Kritik:
Von einem Neujahrskonzert der Superlative ist hier zu berichten! Die Bodensee Philharmonie Konstanz gastierte in der Tonhalle Zürich mit einem ganz wunderbaren Programm, bestückt mit Highlights aus dem Schaffen von Komponisten des 19. Jahrhunderts, einer Komposition aus den 1920er Jahren (Ravel) und einer zeitgenössischen Zugabe (Igudesman). Am Ende gab es kein Halten mehr, das Publikum wurde aus den Sitzen gerissen, Standing Ovations für das Orchester, den Dirigenten Gabriel Venzago und die junge Basler Geigenvirtuosin Anna Naomi Schultsz.
Doch der Reihe nach. Eingestimmt auf den hochklassigen Abend wurde man durch Johann Strauss' Ouvertüre zu seiner Operette DER ZIGEUNDERBARON. Auf eine spannungsgeladene Einleitung folgte der lyrische Abschnitt, bevor mit Schmiss und instrumentaler Farbenpracht in den Potpurri-Teil eingebogen wurde. Der Dirigent Gabrie Venzago (seit 2023 Chefdirigent der Bodensee Philharmonie und seit dieser Saison GMD des Staatstheaters Mainz) moderierte das gesamte Konzert mit humorvollen, sehr persönlichen und auch nachdenklich stimmenden Kommentaren und zeigte damit sein unvergleichliches Engagement als ausübender Künstler und als Kulturvermittler. Nach der Strauss-Ouvertüre führte er die Solistin des Abends, die junge Geigerin Anna Naomi Schultsz auf die Bühne, welch zusammen mit dem hervorragend aufspielenden Orchester die elegische Mystik von Henryk Wieniawskis LEGENDE auslotete. Anna Naomi Schultsz ist mehrfache Preisträgerin, erhielt für ihre erste CD eine Nominierung für den Opus Klassik, ist Konzertmeisterin des Gstaad Festival Youth Orchestra und studiert zur Zeit bei Julia Fischer in München. Mit wunderbar sanfter und runder Tongebung gestaltete sie den Solopart in Wieniawskis poetischer Komposition von ca. 1860. Ich kenne kaum ein Orchesterstück, wo der Schlagzeuger mit Beckenschlägen mehr zu tun hat als in Antonín Dvořáks rasant-furioser Konzertouvertüre KARNEVAL. Die Musiker*innen der Bodenseephilharmonie Konstanz und Gabrie Venzago versetzten uns in einen geradezu phantastischen Klangrausch, wilde Hexenritte wechselten mit vorbeihuschenden, feingesponnenen Elfenflügen. Explosiv, trunken und romantisch! Vor der Pause folgte dann mit Maurice Ravels TZIGANE eines der anspruchsvollsten Bravourstücke für Solovioline. In der langen Solointroduktion erforschte Anna Naomi Schultsz mit kunstfertigen, komplexen Doppelgriffen, Trillern, Attacken und Glissandi und Ausflügen in sphärische Höhen die grosse Bandbreite violinistischer Ausdrucksmöglichkeiten, ein trotz der leichten Sperrigkeit, die oftmals Ravels Kompositionen innewohnt, äussert wirkungsvolles, zunehmend sogartig sich entwickelndes Konzertstück.
Nach der Pause offenbarten Gabriel Venzago und sein Orchester ihren Sinn für Dramatik mit Liszts an Höhepunkten so reicher UNGARISCHER RHAPSODIE NR.2 in cis-Moll. Dirigent und Orchester konnten es hier so richtig fulminant knallen lassen. Irre!!!
Mit INTRODUCTION ET RONDO CAPRICCIOSO (dessen Titel, wie Venzago schalkhaft anmerkte, wie eine italienische Vorspeise klinge, doch das natürlich von Camille Saint-Saëns mit französischem Charm komponiert wurde) kam das Publikum nochmals in den Genuss des wunderbar warmen, virtuosen und vortrefflichen Klangs von Anna Naomi Schultsz' kostbarem Instrument (ein Violine von 1690 von Carlo Giuseppe Testore da Milano). Mit zwei Werken des Walzerkönigs Johann Strauss (der Polka ÉLJEN A MAGYAR! und dem Walzer KÜNSTLERLEBEN) ging der offizielle Teil des Programms schwungvoll zu Ende. Die rhythmische Präzision in der Polka und der sich fast unendlich im Dreivierteltakt drehende Walzer begeisterten die Zuhörer“innen (die übrigens durchaus zahlreicher hätten erscheinen dürfen!) ungemein, so dass sich Orchester und Dirigent mit einer knalligen Interpretation der Strauss-Polka UNTER DONNER UND BLITZ bedankten, einer Wiedergabe mit kleinen Feinheiten bestückt, die einfach nur „geil“ waren (Sorry für die Wortwahl). Auch die Solistin Anna Noemi Schultsz wünschte dem Publikum ein frohes neues Jahr und spielte Aleksey Igudesmans unglaublich virtuoses Stück FUNK THE STRING für Solovioline, das zuerst so kratzend (chopping) und schräg beginnt und sich dann in einen funkigen, atemberaubenden Strudel steigert. Das Publikum kannte kein Halten mehr vor Begeisterung. Ganz am Ende durfte natürlich der RADETZKY-Marsch von Johann Strauss Vater nicht fehlen, wobei das Orchester diesen mit markanter Selbständigkeit darbot, da Gabriel Venzago mit Witz und Charme vor allem damit beschäftigt war, die klatschende Begleitung des Publikums entsprechend zu steuern und zu kanalisieren!
Dies war ein wunderbarer Gute-Laune-Abend, auf hohem Niveau präsentiert!