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Zürich, Tonhalle: GRIMAUD & JÄRVI; 30.01.2026

Erstellt von Kaspar Sannemann | | Das schlaue Füchslein

Hélène Grimaud und Paavo Järvi, 30.01.2026 Applausbild: K. Sannemann

Hélène Grimaud mit Gershwin

Werke:

Leoš Janáček: Suite aus der Oper DAS SCHLAUE FÜCHSLEIN (eingerichtet von Václav Talich) | Uraufführung: 21. Mai 1937 in Prag

George Gershwin: Concerto in F | Uraufführung: 3. Dezember 1925 in New York, mit dem Komponisten am Klavier1898

Jean Sibelius: Sinfonie Nr. 5 Es-Dur op. 82 | Uraufführung (3. Fassung): 24. November 1919 in Helsinki, unter der Leitung des Komponisten

Dieses Konzert in Zürich: 30.1. | 31.1. und 1.2.2026

Kritik: 

Drei Werke, entstanden innerhalb eines Jahrzehnts im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts, komponiert von drei Komponisten, die sich alle drei auf individuelle Art der aufkeimenden Zeitströmung hin zur Atonalität und zur seriellen Kompositionstechnik der zweiten Wiener Schule entzogen, standen auf dem Programm des gestrigen Konzerts.

Begonnen wurde mit der von Václav Talich überaus stimmungsvoll eingerichteten Suite aus den vielen instrumentalen Intermezzi, welche in Janáčeks Oper DAS SCHLAUE FÜCHSLEIN so voller musikalischer Poesie eingebettet sind. Unter Paavo Järvis Leitung spielte das Tonhalle-Orchester Zürich mit viel Wärme, einer Wärme, der genau die richtige Prise an Herbheit beigemischt war. Das punktierte Hauptmotiv der Füchsin huschte in vielerlei klanglicher Variation durch die farbenprächtig instrumentierte Suite, welcher die Celesta, die Harfe und das Carillon zusätzliche, reizvolle Akzente verliehen. Das ist Musik zum Verweilen, zum Träumen, zum Miterleben – und auch zum Mitleiden mit der gequälten Natur.

Wie eine Urgewalt, allerdings ganz anderer Art, brach danach Gershwins CONCERTO IN F herein. Donnernde Pauken, der Ragtime-Rhythmus, der vom Fagott vorgegeben wurde, dann erst der verspielte Einsatz des Klaviers. Hélène Grimaud, die zur Zeit mit diesem Konzert auf Welttournee ist, spielte dieses jazzige und in vielen Momenten auch spätromantisch angehauchte Klavierkonzert mit bestechender Klarheit. Sehr schön ausgehorcht wurden die zahlreichen inhärenten kontemplativen Momente, in den Aufwallungen allerdings wurde die Pianistin vom sehr vehement auftrumpfenden und ausserordentlich gross besetzten Orchester manchmal fast etwas überdeckt und erstickt. Grimaud begeisterte mit den rasanten Akkordfolgen, den häufigen Wandlungen der Ausdrucksformen, den präzisen Wechseln der Tempi. Die Hornrufe zu Beginn des zweiten Satzes erklangen mit überragender Reinheit der Intonation, die Holzbläser steuerten einen fein gewobenen Klangteppich dazu, das Klavier setzte mit fantastischer Lockerheit perlend ein, ein subtil gestaltetes Solo des Konzertmeisters Andreas Janke liess aufhorchen. Rasant und mitreissend gelangen die hämmernden Tonfolgen im Schlusssatz, das fetzte so richtig dahin, eine (allerdings allzu geordnete) Turbulenz, die ruhig ab und an ein bisschen „dreckiger“ hätte klingen dürfen.

Der Applaus im erstaunlicherweise nicht voll besetzten Saal war enthusiastisch. Klug gewählt war deshalb auch Hélène Grimauds Zugabe nach der Fulminanz von Gershwins CONCERTO: Das Licht im Saal wurde gedimmt. Die Pianistin spielte das wunderbar ruhige, emotional bewegende Moderato aus den drei Bagatellen op.1 von Valentin Silvestrov.

Nach der Pause folgte dann die spannende Sinfonie Nr. 5 in Es-Dur von Jean Sibelius. Im ersten Satz spürte man das Ringen um den Ausdruck; Sibelius hatte die Sinfonie ja zweimal umgearbeitet. Das reichhaltige, motivische Material wurde mal aufwallend, ja aufpeitschend verarbeitet, dann wieder in ruhiges Fahrwasser zurückgeführt. Auffallend sind in der ganzen Sinfonie die ausgedehnten, endlosen Tremoli der Streicher (ob diese die Sinfonie gerne spielen?), über welche sich Passagen der Bläser legen. Das erzeugte jedoch klanglich grossartige Effekte, die im Finale dieses ersten Satzes präzise mit Trompeten und kurzem Paukenschlag kulminierten. Im zweiten Satz wichen die Tremoli langen im Pizzicato intonierten, von liedhaften Segmenten dominierter Lyrik. Das Tonhalle-Orchester Zürich brillierte mit grandioser klanglicher Transparenz im perfekt ausbalancierten Zusammenspiel. Obwohl die Sinfonie absolute Musik darstellt, keinen vom Komponisten vorgegebenen programmatischen Bezug hat, wird das Hauptthema des dritten Satzes, das sich wie eine grandiose Welle von den Hörnern her kontinuierlich aufbaut, als „Schwanenthema“ bezeichnet. Und tatsächlich scheint man die Flügelschläge der über den Seen sich aufschwingenden Schwäne zu hören und eine unermessliche Weite öffnet sich. Dieser sich erst mit ungeheurer Wärme und später mit ergreifender Erhabenheit ausbreitende Horizont rührte tief auf. Paavo Järvi und das Tonhalle-Orchester Zürich waren dafür die perfekten Vermittler.

Anmerkung:

Das Programm war klug zusammengestellt, stellte ein gefeierte Klaviervirtuosin ins Zentrum. Trotzdem war der Besucherandrang überschaubar. Lag es vielleicht daran, dass Gershwins CONCERTO IN F bereits vor gut zwei Jahren (mit Wayne Marshall) in der Tonhalle zu hören gewesen war und Sibelius 5. Sinfonie vor weniger als einem Jahr (unter John Eliot Gardiner) gespielt wurde? In Anbetracht dessen, dass zu Beginn des 20. Jahrhunderts viele Werke abseits der Zweiten Wiener Schule entstanden waren, die noch kaum je in der Tonhalle (oder schon länger nicht mehr) in Zürich aufgeführt worden waren (die Sinfonien von Vaughn Williams, William Walton, Werke von Schreker, Krenek, Weill, Pfitzner u.v.a.m.) hätte eventuell die Ansetzung eines solchen Werks mehr Publikumsinteresse erzeugt. Nichtsdestotrotz war es natürlich ein fantastischer Abend, der restlos begeisterte. Und allen, welche auf die Kombination von Sibelius, Gershwin und Janáček zu Recht neugierig sind, sei der Besuch der Konzerte von heute und morgen ausdrücklich empfohlen.

Werke:

Leoš Janáčeks (1854-1928) Oper über die Abenteuer des Füchsleins Schlaukopf – DAS SCHLAUE FÜCHSLEIN – gehört zu den vielschichtigsten, facettenreichsten Werken des musiktheatralischen Repertoires. Das 100 Minuten dauernde Werk weist  vordergründig die Folie von der freiheitsliebenden Füchsin, ihrer Gefangennahme und Flucht, der Idylle des Waldes, der Trauer des plötzlichen Todes durch den Schuss des Wilderers auf. Doch hinter dieser parabelhaften Folie werden Themenkreise des Eros, der Sozialkritik, der Revolution aufgetan, feinsinnig und auch humorvoll eingebettet in die Handlung, die nie putzig oder verniedlicht wirkt. Dazu hat Janáček eine Musik komponiert, die mal flirrend und irisierend wirkt, die Mystik der Natur evoziert, dann wieder geradezu melancholische Züge aufweist, Anklänge an Märsche und mährisches Musikantentum aufweist und am Ende beinahe apotheosenhaft strahlt. Die Partitur besteht ungefähr zu einem Drittel aus reiner Instrumentalmusik (Vor- und Zwischen- und Nachspiele). Zum Inhalt: Ein Förster fängt im Wald eine junge Füchsin ein und nimmt sie mit zu seinem Hof, um sie seinen Kindern als Spielgefährtin zu überlassen. Dort wird die Füchsin jedoch von den Kindern geärgert. Als sie sich wehrt, wird sie angebunden. Sie wehrt die Avancen des Dackels ab, wiegelt die Hennen zur Revolution auf, die sind jedoch ihrem Schicksal ergeben und resistent gegen marxistische Theorien. Die Füchsin kann ihre Stricke zerbeissen und flieht in den Wald. Sie vertreibt den grossmäuligen Dachs aus seinem Bau, lernt einen jungen Fuchs kennen und sieht schon bald Mutterfreuden entgegen. Unterdessen erfreuen sich die Menschen weniger Liebesglücks; sowohl Schulmeister wie Pfarrer trauern verlorenen oder unerreichbaren Liebsten nach. Jahre später: Die Füchsin, die eben noch von neuem Mutterglück schwärmte, wird von einem Wilderer, den sie um seine Hühnchen erleichtert hat, erschossen. Der Förster erfährt von ihrem Tod. Im Wald erblickt er einen jungen Fuchs, seiner Füchsin wie aus dem Gesicht geschnitten. Der Förster sinniert über die Schönheit und den immer währenden Kreislauf der Natur. Es gelingt ihm nicht, das Füchslein zu fangen. 

Aus der reichhaltigen Partitur von  Janáčeks 1924 in Brünn uraufgeführter Oper hat der Dirigent Václav Talich 1937 eine Orchester-Suite zusammengestellt, welche den Hörer*innen die Abenteur und den Freiheitsdrang der Füchsin mit eindringlicher musikalischer Erzählkraft zum Miterleben nahebringt.

George Gershwin (1898-1937) wollte sein Concerto in F ursprünglich “New York Concerto” nennen, da er mit seiner Musik die pulsierende Atmosphäre der angesagten Metropole der 20er Jahre des letzten Jahrhunderts einzufangen beabsichtigte. Das Konzert beginnt denn auch mit Paukenschlägen, einem Ragtime-Rhythmus des Fagotts, Glissandi des Klaviers, die zu einem lyrischen Seitenthema und wiederum in donnernde Akkordfolgen führen. Ganz in Anlehnung an die klassische Dreisätzigkeit der Solokonzerte ist der zweite Satz in einem zarten Andante gehalten, mit atmosphärisch dichtem Klarinettenklang und gedämpften Trompeten ausgestattet. Mit filigranen Vorschlägen und accelerando Bewegungen mischt sich das Klavier ein. Das finale Allegro agitato ist (auch hier wird der Tradition gehuldigt) eine Art Rondo mit hämmerndem Hauptthema und Reminiszenzen an die vorangehende motivische Arbeit in den Zwischenspielen und dem Paukenmotiv endend, mit welchem das Konzert begann. Natürlich kann Gershwin auch in dieser - übrigens äusserst erfolgreichen - Komposition seine Liebe zum Jazz, zum Charleston und zum Blues, die in all seinen Kompositionen quasi die Essenz seines Stils ausmacht, nicht leugnen. Der Komponist von RHAPSODY IN BLUE, AN AMERICAN IN PARIS oder PORGY AND BESS und meisterhafter Improvisator am Klavier hat mit seinem CONCERTO IN F einen wichtigen Beitrag zur Hinüberrettung des romantischen und spätromantischen Klavierkonzerts ins 20. Jahrhundert geleistet.

Jean Sibelius (1865–1957), der bedeutendste Komponist Finnalnds, wird oft als verspäteter oder letzter “Spätromantiker bezeichnet, was eigentlich höchstens auf seine frühe Schaffensperiode zutrifft. Ab dem ersten Weltkrieg wurden seine Kompositionen sperriger, grüblerischer. Auch war er ein äusserst selbstkritischer Schaffer, ein ”Sklave meiner eigenen Themen", wie er mal sagte. Das gilt auch für seine fünfte Sinfonie. Trotz des Erfolgs anlässlich der Uraufführung arbeitete er dieses Werk noch zweimal grundlegend um und war erst mit der dritten Fassung von 1919 zufrieden. Die fünfte Sinfonie weist - wie alle von Sibelius' insgesamt sieben Sinfonien - kein Programm auf. Für Sibelius beginnt in seinen Sinfonien “die Musik da, wo das Wort aufhört.” Es ist also nicht illustrative Programmmmusik, sondern absolute Musik, in welcher man allerdings Seelenzustände erkennen kann. Im Finalsatz baut Sibelius gewaltige Steigerungen auf, deren motivische Keime bereits in den beiden vorangehenden Sätzen zögerlich zu spriessen begannen.

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