Zürich, Opernhaus: MANON LESCAUT; 09.02.2025
Puccinis Durchbruchswerk in einer Neuinszenierung von Barrie Kosky, mit Elena Stikhina und Saimir Pirgu
Oper in vier Akten | Musik: Giacomo Puccini | Libretto: Ruggero Leoncavallo, Domenico Oliva, Giulio Ricordi, Luigi Illica, Marco Praga | Uraufführung: 1. Februar 1893 in Turin | Aufführungen in Zürich: 9.2. | 13.2. | 16.2. | 19.2. | 23.2. | 1.3. | 6.3. | 13.3. | 16.3. | 22.3.2025
Kritik:
VON VIELFÄLTIGEN EMOTIONEN ÜBERWÄLTIGT -
waren nicht nur das Liebespaar Manon / Des Grieux in der Oper Puccinis und das frenetisch applaudierende Premierenpublikum, sondern vor allem auch die Interpretin und der Interpret der beiden Hauptpartien, Elena Stikhina und Saimir Pirgu. Wie man an der Premierenfeier erfuhr, musste Elena Stikhina bei den letzten drei Proben (inklusive der Generalprobe) fehlen, hatte die Partie hier in Zürich also noch nie komplett mit dem Orchester durchgesungen. Die Nervosität der Sängerin am Premierenabend muss enorm gewesen sein, die emotionale Erleichterung nach den lautstarken Bravi - Rufen am Ende war es dann spürbar auch. Denn was Elena Stikhina da in dieser vielschichtigen Rolle hören und sehen liess, war vom Allerfeinsten. Ihr Timbre ist von einnehmender Schönheit und Wärme, die Phrasen werden herrlich sauber ausgestaltet und die Stimme trägt unforciert in allen Lagen vom Piano ins Forte. Dazu kommt ihr erfrischendes, unbekümmertes Spiel in den ersten beiden Akten, das in den Akten drei und vier immer mehr der Verzweiflung und der Todesahnung weicht. Der Tenor Saimir Pirgu ist ein Publikumsliebling des Zürcher Publikums – zu Recht. Auch ich freue mich immer wieder, ihn hier erleben zu dürfen. Seine Stimme strömt irgendwie direkt aus seinem grossen Herzen. Das ist laut, ja, aber von einer exzellenten Sicherheit und Qualität der Tongebung, von schlicht überwältigender Emotionalität, makellos phrasiert und ohne tenorale Schluchzer auskommend. Ein Rollendebüt der Extraklasse! Neben Saimir Pirgu beglücken in dieser Neuproduktion noch weitere Sänger*innen mit gelungenen Rollendebüts: Konstantin Shushakov füllt die Rolle des mit beeindruckender Lust an der Darstellung dieses vergnügungssüchtigen Trunkenbolds, der seine Schwester Manon ja quasi als Gelddruckmaschine missbraucht (und ihr in dieser Inszenierung auch auf übergriffig inzestuöse Weise bei Vodka und Austern zu nahe kommt). Man bedauert es immer wieder, dass Puccini diesem Charakter kaum ein Arioso, geschweige denn eine Arie gewidmet hat, denn gerade wenn man einen Bariton von der Qualität Shushakovs zur Verfügung hat, hätte man von dieser Stimme gerne mehr gehört. In der Rolle des über enormen Reichtum verfügenden Geronte de Ravoir, mit dem Lescaut seine Schwester dann verkuppelt, nachdem ihr Des Grieux nicht den gewünschten Luxus bieten konnte, debütierte Shavleg Armasi mit seinem weich geführten, angenehm gefärbten Bass. In seinem grauen Anzug und der Brille sah er tatsächlich aus, wie das Klischeebild eines heutigen Steuerbeamten (die detailreichen, vom Rokoko bis in die Jetztzeit reichenden Kostüme hat Klaus Bruns entworfen). Daniel Norman, auch er ein Rollendebütant, führt als Edmondo ein bunt und wild kostümiertes Orchester an (grossartig gesungen und mit ihren Instrumenten gespensterhaft und karnevalesk herumfuchtelnd der Chor der Oper Zürich, einstudiert von Ernst Raffelsberger). Norman singt diesen Edmondo ausgezeichnet, mit ganz wunderbar geführter Stimme. Weitere überaus geglückte Rollendebüts waren von Valeriy Murga (Wirt) und Siena Licht Miller (mit effektvollem Auftritt und goldener Maske als Musico im zweiten Akt) zu erleben. Drei Mitglieder des Internationalen Opernstudios vervollständigten das exzellente Ensemble dieser Premiere: Die beiden Tenöre Álvaro Diana Sanchez (Il maestro di ballo) und Tomislav Jukić (in der Rolle des Lampionaio; Kosky macht in seiner Inszenierung daraus eine der eingekerkerten Frauen, die er Ninetta nennt). Samson Setu als Comandante im 3. Akt liess mit seinem markanten, Autorität gebietenden Bariton aufhorchen.
Neben all diesen wunderbaren Solist*innen und dem klangprächtigen, differenziert gestaltenden Chor war Maestro Marco Armiliato für den vielschichtigen Klangteppich verantwortlich, den er zusammen mit der spritzig-päsenten Philharmonia Zürich auslegte. Das war einmal mehr ein hochklassiges Dirigat von Armiliato, dem es gelang, die farbenreiche Orchestrierung effektvoll zur Geltung zu bringen. Die Solostellen und die Tutti wurden von den Musiker*innen im Graben mit packender Verve und einfühlsamer Phrasierung gespielt.
DAS DEFILEE DER KUTSCHEN
Neben dem Glück für die Ohren war die Neuproduktion auch ein echter Hingucker für die Augen. Barrie Kosky inszenierte im Bühnenbild von Rufus Didwiszus einen – wie er seinen Regieansatz im Interview nannte – Fiebertraum. Oder eben einen Albtraum: Denn bereits zu Beginn waren Edmondo und sein Karnevalsorchester grotesk maskiert und kostümiert. Zentrales Bühnenelement waren in allen vier Akten Kutschen, die (ausser im letzten Akt) von stupend lebensecht aussehend und agierenden Pferden gezogen wurden, mal Rappen, mal Füchse, und stets vom Tod persönlich auf dem Kutschbock gelenkt wurden. Dem Hersteller der Pferde, Jan Vágner, gehört ein ganz besonderes Lob, das war einfach überwältigend. Im ersten Akt also zogen die Pferde einen langgestreckten Omnibus, mit welchem u.a. Manon und Lescaut in Amiens ankamen. Manon und Des Grieux flohen dann in einem eleganten Zweispänner. Im zweiten Akt thronte Manon wie eine Königin in einem mit Edelsteinen bestickten, luftigen Chiffonkleid in einer goldenen Kutsche mit eingebautem Kronleuchter, in einem Luxus, wie ihn wohl noch keine wirkliche Königin erleben durfte – eben fiebertraumhaft überzeichnet, da konnte das Inszenierungsteam seine Lust an der Opulenz bis zum optischen Overkill ausleben (beim Schlussapplaus bekamen sie jedoch nicht nur ungeteilte Zustimmung). Im dritten Akt zogen die Pferde einen Käfigwagen, weitere Käfige mit inhaftierten Frauen, darunter Manon, schwebten vom Bühnenhimmel (eindrücklich gespenstisches Bild mit entsprechender Beleuchtung, die vom renommierten Franck Evin eingerichtet worden war). Im Schlussakt schliesslich mussten Des Grieux und Manon eine abgewrackte Kutsche barfuss selbst durch die Wüste Lousianas ziehen, für Pferde war kein Geld mehr vorhanden. Den Bühnenhintergrund bildete eine mit düsterem Pinselstrich übermalte Wand, durch die immer mal wieder, wie als Hoffnungsschimmer in all der Trostlosigkeit und Groteske des Fiebertraums, die impressionistische Malerei einer Landschaft schimmerte. So z.B. beim so wunderbar erklingenden Intermezzo Sinfonico. Äusserst raffiniert gemacht! Exzellent gelang Barrie Kosky die Personenführung und damit die subtil erfasste Herausarbeitung der Charaktere. Das Ende dann, nachdem Elena Stikhina als Manon mit ihrer so erschütternd gestalteten Arie Sola, perduta, abandonata berührt hatte und sich der verzweifelte Des Grieux von Saimir Pirgu auf der leer geräumten Bühne an sie kuschelte, war tief ergreifend.
Inhalt:
Auf einem Platz in Amiens: Eine fröhliche Menschenmenge erwartet die Postkutsche. Der junge Student Des Grieux ist mit seinen Freunden da. In Liebesdingen ist er eher unerfahren und deshalb zynisch (Arie: Tra voi belle). Die Postkutsche kommt, darin der Soldat Lescaut, welcher seine Schwester Manon auf Geheiss ihrer Eltern ins Kloster bringen soll. Aus der Kutsche steigt auch der reiche Steuerpächter Geronte de Ravoir. Manons Schönheit begeistert die Studenten, allen voran Des Grieux. Schon bei der ersten Gelegenheit gesteht er Manon, dass er unsterblich in sie verliebt sei. Manon eilt ins Gasthaus, verspricht ihm aber ein nächtliches Treffen. (Arie Des Grieux: Donna non vidi mai). Geronte und Lescaut unterhalten sich über Manons Zukunft. Dabei wird klar, dass Lescaut eigentlich gar nicht damit einverstanden ist, dass Manon ins Kloster muss. Geronte beflügelt dies, eine Entführung Manons zu organisieren, wird dabei aber von einem Freund Des Grieux', Edmond, belauscht. Edmond berichtet Des Grieux von diesen Plänen, worauf Des Grieux seinerseits den Plan fasst, mit Manon zu fliehen – und zwar in Gerontes Kutsche! Nach einem Liebesduett setzen sie die Tat um, und Geronte bleibt als Lackierter zurück. Lescaut reagiert gelassener, er kennt die materiellen Bedürfnisse Manons, welche der arme Des Grieux wohl kaum befriedigen können wird.
Und er sollte recht behalten. Im zweiten Akt ist Manon nämlich schon mit Geronte zusammen, umgeben von Luxus. Die leidenschaftliche Liebe Des Grieux' hat sie aber nicht vergessen (Arie: In quelle trine morbide). Sie fragt ihren Bruder Lescaut nach Des Grieux. Der schickt den nun dem Glücksspiel Verfallenen zu Manon. Erneut flammt die Liebe zwischen den beiden auf. Geronte kommt hinzu, steigert sich in Wut und Zorn und stösst unmissverständliche Drohungen aus. Lescaut warnt die beiden Liebenden vor der Polizei, welche von Geronte verständigt wurde. Des Grieux und Manon sollten unverzüglich fliehen, doch Manon will erst noch ihren Schmuck zusammenraffen. Verhängnisvolle Gier: Manon wird verhaftet.
Ein delikates Orchesterintermezzo leitet den dritten Akt ein. Die Kriminellen, darunter Manon, sollen von Le Havre aus nach Louisiana deportiert werden. Des Grieux und Lescaut planen eine Flucht Manons. Manon erblickt von einem Fenster des Gefängnisses aus Lescaut. Das Gespräch der Liebenden steigert sich in eine herrliche Liebesszene. Doch Lescaut muss mitteilen, dass die Fluchtpläne sich nicht umsetzen lassen. Der Alarm ging los. Das Volk kommentiert die Verlesung der Namen der Verurteilten mit Hohn, Spott oder Mitleid. Manon wird zum Deportationsschiff geführt. Des Grieux bittet in einem letzten verzweifelten Ausbruch den Kapitän, ihn als Schiffsjungen anzuheuern. Der Kapitän willigt ein, ein Jubelthema verheisst Hoffnung am Schluss dieses Aktes.
Doch die Hoffnung erfüllt sich nicht. In einer Einöde Louisianas bricht Manon nach entbehrungsreicher Flucht entkräftet zusammen. Des Grieux begibt sich auf die Suche nach Wasser, nach Menschen, nach Hilfe. Herzzerreissend beklagt Manon ihr Schicksal (Arie: Sola, perduta, abbandonata). Mit den gehauchten Worten „Le mie colpe travolgerà l'oblio – ma l'amor mio non muor ...“ (Meine Schuld wird einst vergessen werden, aber meine Liebe stirbt nicht) stirbt sie in Des Grieux' Armen.
Werk:
Es war schon erstaunlich: Trotz der Arbeit von sechs Librettisten (inklusive den Einwänden und Änderungen durch den Komponisten) entstand mit MANON LESCAUT ein Werk von musikalisch stringenter Geschlossenheit. Mit dieser Oper gelang dem 35jährigen Puccini der Durchbruch, acht Tage bevor Verdi seine letzte Oper FALSTAFF an der Scala zur Uraufführung brachte, stieg Puccini mit MANON LESCAUT zum neuen Stern am Opernhimmel Italiens auf. Die von eindringlichen musikalischen Einfällen und seelischen Stimmungsschilderungen überschäumende Partitur brachte all das zum Erklingen, was wir heute noch an Puccini schätzen: Prägnanz, Sentimentalität, kulminierende Ekstase, orchestraler Farbenreichtum. Nach der begeistert aufgenommenen Uraufführung wurde das Werk binnen dreier Jahre in 15 verschiedenen Ländern aufgeführt (welche zeitgenössische Oper schafft heute noch einen solchen Siegeszug?), Puccini war ein gemachter Mann. Dabei hatte die Arbeit nur zögerlich Form angenommen. Der erste Librettist, Ruggero Leoncavallo, seinerseits ebenfalls Komponist (PAGLIACCI), erst Freund dann Rivale Puccinis, scheiterte mit seinem Textentwurf. Oliva, Praga und selbst der Verleger, Giulio Ricordi, kamen zu Hilfe. Ricordi war es auch, der schliesslich Luigi Illica hinzuzog (der später zusammen mit Giacosa an Puccinis sensationellen Erfolgen mit BOHÈME, TOSCA, BUTTERFLY massgeblich beteiligt war). Eine Herausforderung stellte auch die Tatsache dar, dass der Roman des Abbé Prévost Histoire du Chevalier Des Grieux et de Manon Lescaut bereits mehrfach für die Opernbühne adaptiert worden war, so z.B. von Hérold für eine Ballett, von Auber für MANON LESCAUT und ganz besonders erfolgreich von Jules Massenet mit seiner MANON 1884. Doch Puccinis Ehrgeiz stellte sich bewusst dieser Herausforderung – und er triumphierte (vorübergehend). Heutzutage erscheinen beide Opern oft auf den Spielplänen, völlig zu Recht, denn jede hat ihre Meriten. Puccini selbst sagte einmal: „Massenet erlebt den Stoff als Franzose – mit Puder und Menuett; ich werde ihn als Italiener erleben – mit der Leidenschaft der Verzweiflung.“
Von mir besuchte Aufführungen von MANON LESCAUT im Opernhaus Zürich:
26. Februar 1975: ML: Nello Santi, Inszenierung: Michael Hampe, Manon: Antigone Sgourda, Des Grieux: Jon Buzea, Lescaut: Howard Nelson, Geronte: Aurelian Neagu
8. Januar 1976: ML: Francesco Maria Martini, I: Michael Hampe, Manon: Marilyn Zschau, Des Grieux: Robert Ilosfalvy, Lescaut: Howard Nelson, Geronte: Aurelian Neagu
16.10.2004: ML: Nello Santi, I: Grischa Asagaroff, Manon: Sylvie Valayre, Des Grieux: Marcello Giordani, Lescaut: Cheyne Davidson, Geronte: Carlos Chausson