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Zürich, Opernhaus: LA CLEMENZA DI TITO; 26.04.2026 & 25.05.2026

Erstellt von Kaspar Sannemann | | La Clemenza di Tito

copyright: Toni Suter, mit freundlicher Genehmigung Opernhaus Zürich

Mozarts zweitletzte Oper in einer Neuinszenierung von Damiano Michieletto. Der Dirigent Marc Minkowski kehrt ans Opernhaus Zürich zurück

Oper in zwei Akten | Musik: Wolfgang Amadeus Mozart | Libretto: Caterino Mazzolà, nach Metastasio | Uraufführung: 6. September 1791 in Prag | Aufführungen in Zürich: 26.4. | 29.4. | 3.5. | 8.5. | 15.5. | 17.5. | 20.5. | 25.5.2026

Kritik: 

Mozarts zeitgleich mit seiner letzten Oper DIE ZAUBERFLÖTE entstandene Opera seria LA CLEMENZA DI TITO gehört erstaunlicherweise meist nicht zu den Selbstläufern an den Theaterkassen (im Gegensatz eben zu DIE ZAUBERFLÖTE, oder den drei Da-Ponte-Opern aus Mozarts Feder LE NOZZE DI FIGARO, DON GIOVANNI oder COSÌ FAN TUTTE). Ob die – kolportierte - abschätzige Aussage der Kaiserin Maria Ludovica (Gemahlin von Kaiser Leopold II., zu dessen Krönungsfeierlichkeiten Mozarts CLEMENZA uraufgeführt worden war) dazu den Ausschlag gab, ist zwar zu bezweifeln, doch irgendwie wirkt dieser Ausruf der gebildeten Kaiserin „ ... una porcheria tedesca“ immer noch nach. LA CLEMENZA DI TITO muss stets gegen den Ruf des Steifen und Langatmigen, ja gar des Langweiligen ankämpfen.

DIE RÜCKKEHRER

Die Aufgabe, diesen ramponierten Ruf zu korrigieren, hat der Intendant des Opernhauses Zürich, Matthias Schulz, nun zwei Künstlern übertragen, welche nach langer Absenz für diese Neuproduktion ans Haus zurückkehrten: Dirigent Marc Minkowski und Regisseur Damiano Michieletto (dessen Inzenierungen von Verdis IL CORSARO oder LUISA MILLER in Zürich beeindruckten). Um das Fazit gleich vorwegzunehmen: Diese CLEMENZA DI TITO geriet unter der Verantwortung der beiden Meister ihres Fachs zu einem atemberaubenden Polit-Thriller. Der musikalisch-feurige Drive, den Minkowski zusammen mit dem fabelhaft aufspielenden Orchestra La Scintilla im hochgefahrenen Graben entfachte und die packende, sorgfältig ausgearbeitete Regiearbeit Michielettos bildeten eine perfekte Symbiose. Michieletto siedelte die Handlung in der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg an, einer Zeit, in der Regierungen nicht allzu fest im Sattel sassen und grosses Misstrauen gegenüber den Inhabern der Macht und ebensolches von den Mächtigen gegenüber dem Volk herrschte. Bereits während der Ouvertüre brachte denn auch Publio überall Abhörwanzen an und setzte sich mit Kopfhörern an den Schreibtisch mit dem Spulentonbandgerät. Da hörte er alles mit, was in den Fluren und Vorzimmern verhandelt wurde und konnte seine Strippen ziehen. Das nüchterne, aber stimmige Bühnenbild von Paolo Fantin zeigt einen nach zwei Seiten und der Decke hin offenen Würfel mit holzgetäfelten Wänden und Vorhängen auf der Drehbühne. Dieser Würfel steht in einem Bühnengeviert mit senfgelben Wänden. Die Kostüme von Klaus Bruns reichen von Männeranzügen in Stile der 50er Jahre des vergangenen Jahrhunderts bis zu eher zeitnahen Polizeiuniformen mit Kevlarwesten. Dazu gesellt sich die stimmungsvolle, die Handlung dramaturgisch subtil unterstützende Lichtgestaltung von Alessandro Carletti.

DAS ENSEMBLE

Zu einem packenden Thriller gehören natürlich Akteure, welche den Spannungsbogen zu halten und zum Publikum zu transportieren vermögen. Auch in dieser Beziehung bleiben da keine Wünsche offen. Für mich persönlich müssen die Darstellerinnen der Vitellia und des Sesto an erster Stelle genannt werden. Margaux Poguet, welche erst drei Wochen vor der Premiere anstelle von Janine De Bique in der diffizilen Partie der Vitellia in die Produktion eingestiegen war, verblüffte und begeisterte mit einer darstellerischen und gesanglichen Leistung der Extraklasse. Sie brillierte in ihren Arien und den Duetten, Terzetten und den Ensembles mit unter die Haut gehender Ausdruckskraft, brachte durch Mimik und Darstellungskunst alles mit, was diesen wohl komplexesten und interessantesten Charakter der Oper ausmacht, nämlich die manipulative Durchtriebenheit zur Erreichung ihrer Ziele in der Arie Deh se piacer mi vuoi, Ehrgeiz, Rachegefühle und dann ganz am Ende endlich Reue und Schuldgefühle im ebenso schönen, ergreifenden, als auch mit seinen gewaltigen Intervallsprüngen schwierig zu singenden Rondo Non più di fiori, welches Margaux Poguet grossartig zu interpretieren verstand. Besonders zu erwähnen ist die Begleitung des Rondos durch das fantastisch farbenreiche Spiel von Robert Pickup auf dem Bassetthorn, der bereits im ersten Akt in Sestos grosser Arie Parto mit seinem eindringlichen Spiel auf der Solo-Klarinette aufhorchen liess. Lea Desandre ist in Zürich schon zu einem Publikumsliebling gereift. In der Hosenrolle des Sesto hatte sie von Beginn weg die Sympathien des Publikums auf ihrer Seite. Was brach da für ein Jubelsturm los nach der Arie Parto im ersten Akt! Auch Lea Desandre sang nicht nur betörend schön und ergreifend, sie war auch eine perfekte Darstellerin dieses schlaksigen Jünglings, der Vitellia sexuell hörig war und für sie gar bereit war, den Regierungssitz in die Luft zu sprengen und den Herrscher Tito zu ermorden. Michieletto zeigte keinen Historienfilm-Kapitolbrand auf der Bühne. Am Ende des ersten Akts erahnte man den Schrecken bloss in den Augen der Darsteller*innen auf der Bühne und durch den so wunderbar eindringlichen Gesang des Chores (Einstudierung: Ernst Raffelsberger). Mit Gänsehaut wurde man in die Pause entlassen, denn an der Wand des Regierungssitzes blinkte der von Sesto angebrachte Sprengkörper mit Zeitzünder. Wirklich thrillermässig gelang dem Regisseur die Täuschung des Sesto: Er hat nicht (wie er glaubte) Tito mit seinem Dolch niedergestochen, sondern Lentulus, der von Publio (der aufgrund seiner Tonbandaufnahmen natürlich über die Anschlagspläne Bescheid wusste) als Doppelgänger Titos eingesetzt worden war. Nach der Pause klaffte dann auch ein riesiges Sprengloch in der Wand, in den Trümmern schwelte noch das Feuer. 

Ausser für Margaux Poguet als Vitellia beinhaltete die Produktion für die restlichen Sänger*innen allesamt Rollendebüts, so auch für den Titelhelden Tito Vespasiano: Pene Pati debütierte zudem auch noch am Opernhaus Zürich. Was für ein gelungener Einstieg! Der bereits zur Weltklasse gehörende Tenor aus Samoa begeisterte mit wunderschön geführter Stimme, weich im Ansatz, geschmeidig und das Ohr mit herrlichem Timbre schmeichelnd. Alles klang total unforciert und von souverän durchdachter Gestaltungskraft geprägt. Siena Licht Miller war ein wunderbarer Annio. Die Mezzosopranistin aus dem Ensemble des Opernhauses kontrastierte mit leicht herberem Timbre zum Mezzosopran von Lea Desandre als Sesto, was zu aparten, geradezu zauberhaften Duetten der beiden führte. Die Partie von Sestos Schwester Servilia wurde ebenfalls einem Mitglied des Ensembles anvertraut, welches – wie Siena Licht Miller - aus dem Internationalen Opernstudio (was für eine Talentschmiede!) hervorgegangen war: Yewon Han entzückte mit lichter Sopranstimme und mit ihrer Arie S'altro che lacrime begeisterte sie nicht nur das Publikum, sondern löste auch bei der bis dahin eiskalt kalkulierenden Vitellia einen Schub an Empathie aus. Andrew Moore als Publio schliesslich war mit seinem wunderbar rund geführten, warmen Bass die leicht unheimliche Eminenz im Hintergrund und schien dank seiner Spionagekünste (meist) alle Fäden in der Hand zu halten. Das Ende ist eines Thrillers wahrlich würdig – aber ich will hier nicht als „Spoiler“ auftreten. Hingehen und sich überraschen lassen!

Ich denke mal, hätte die Kaiserin Maria Ludovica DIESE Aufführung von LA CLEMENZA DI TITO gehört und gesehen, hätte sie nicht von einer „Porcheria tedesca“ gesprochen, sondern Mozarts Oper als „Furore stupendo“ gelobt!

Kurze Würdigung der letzten Vorstellung in dieser Saison:

Der Adrenalinspiegel für diese Derniere schien bei allen Beteiligten besonders hoch gewesen sein (oder die Erfahrungen der vergangenen Vorstellungen flossen in die Interpretationen ein). Jedenfalls war das ein durch und durch packender, mitreissender und begeisternder Abend. Mozart at its best! Zeitgemässe Lesart zeitloser Gefühlslagen. Allen voran das problematische Paar Sesto - Vitellia. Lea Desandre als von Gefühlen und Stimmungen nur so durchgeschüttelter Sesto legte gegenüber der schon auf stupendem Niveau gesungenen Premiere vor einem Monat noch ein paar Zacken zu - man hing regelrecht an ihren Lippen und was aus ihrer Kehle strömte, war vom Allerfeinsten. Margaux Poguet als Vitellia hat unterdessen eine beeindruckende, unter die Haut gehende und sowohl darstellerische als auch vokale Souveränität erreicht, vor der man sich nur verneigen kann. Auch der Annio von Siena Licht Miller schien mir selbstsicherer gesungen und wunderschön timbriert. Yewon Han mit ihrem lichten, aber klangstarken Sopran war noch immer eine Ohrenweide, Andrew Moore hat an Sonorität als Publio noch zugelegt und Pene Pati in der Titelrolle beeindruckte nach wie vor mit seinem schönen Timbre und seiner differenzierten Gestaltung der sich in seiner Seele widerstreitenden Emotionen. Marc Minkowski und das erneut mit exzellentem Drive dem dramatischen Impetus des Dirigenten folgende Orchestra La Scintilla machten die Partitur zu einem hochspannenden Erlebnis. Bravi tutti! Ein grosses Lob gebührt auch dem Chor der Oper Zürich, dessen Co-Leiter Ernst Raffelsberger mit der gestrigen Vorstellung seinen Abschied vom Opernhaus Zürich (nach 33 Jahren!) gab und nun in den verdienten Ruhestand gehen kann. Seine Verdienste wurden vom Publikum mit stehendem Applaus gewürdigt, der GMD des Opernhauses Zürich, Gianandrea Noseda, überbrachte mit einem riesigen Blumenstrauss persönlich den Dank der Direktion!

Werk:

Neben seiner Arbeit an der ZAUBERFLÖTE blieb Mozart nur wenig Zeit, dieses Auftragswerk zur Krönung Leopolds II. als König von Böhmen zu komponieren. Innerhalb von 50 Tagen schrieb Mozart die Arien und Ensembles, die Rezitative stammen vermutlich von seinem Schüler Süßmayr. Der vermeintliche Rückgriff auf die Form der opera seria hat dazu geführt, dass das Werk nie die Beliebtheit der spritzigeren da Ponte Opern Mozarts (NOZZE DI FIGARO, DON GIOVANNI, COSI FAN TUTTE) erreicht hat, obwohl Mozart die sture Abfolge von Arien durch Ensembles aufgelockert hatte und das schon oft vertonte Libretto Metastasios auf zwei Akte durch Mazzolà kürzen liess. Ganz der Tradition der seria entsprechend, wurden die Partien des Sesto und des Annio für Kastraten geschrieben, diese standen jedoch bei der Uraufführung nicht zur Verfügung, so dass sie (wie heute auch ;-)) mit Frauenstimmen besetzt wurden und werden. Das Werk beinhaltet eine ganze Reihe wunderbar ausgestalteter Bravourarien. Die Tenorrolle des Titus ist nicht ganz einfach zu besetzen, fordert sie vom Sänger doch eine beinahe heldentenorale Strahlkraft, jedoch gepaart mit Agilität und Geschmeidigkeit. Der historische Kaiser Titus (39 bis 81 n.Chr.) war wohl nicht so humanistisch, gütig und weise wie er in Mozarts Oper gezeichnet wird. Insbesondere sein Anteil an der Zerstörung Jerusalems und des dortigen Tempels ist nicht unumstritten.

Inhalt:

Vitellia (Tochter des ehemaligen Kaisers Vitellius) fühlt sich um die Kaiserwürde betrogen und unternimmt alles, um dem neuen Machthaber Tito zu schaden. Sie stiftet den ihr verfallenen Sesto dazu an, eine Verschwörung gegen den Kaiser anzuzetteln. Sestos Freund Annio bittet um die Hand von Sestos Schwester Servilia. Sesto stimmt zu. Tito jedoch teilt Sesto zu dessen Entsetzen mit, dass er selbst eine Heirat mit Servilia in Betracht ziehe. Servilia begibt sich zum Kaiser und gesteht ihm dass sie Annio liebe. Grossmütig verzichtet Tito auf seine Auserwählte. Der Vertraute des Kaisers, Publio, teilt Vitellia mit, dass der Kaiser nun beschlossen habe, sie, Vitellia, zu ehelichen. Vitellia schöpft neue Hoffnung auf den ihr zustehenden Thron und will Sesto von seinen Anschlagsplänen zurückpfeifen. Zu spät: Das Kapitol steht bereits in Flammen. Die Nachricht vom Tod des Kaisers verbreitet sich.

Von Gewissensbissen gequält will sich Sesto selber töten. Annio berichtet ihm, dass der Kaiser am Leben sei. Vitellia rät zur Flucht, doch Sesto wird von Publio verhaftet und vom Senat zum Tod verurteilt. Tito ist tief erschüttert vom Verrat seines Freundes Sesto. Kurz bevor der verurteilte Sesto hingerichtet werden soll, fällt Vitellia dem Kaiser zu Füssen und bekennt, den Freund zum Anschlag angestiftet zu haben. Der Kaiser ist bewegt und begnadigt die Verschwörer. Das Volk bejubelt den gütigen Herrscher.

Musikalische Höhepunkte:

Deh se piacer mi vuoi, Arie der Vitellia, Akt I

Del più sublime sogno, Arie des Tito, Akt I

Ah, se fosse intorno al trono, Arie des Tito, Akt I

Parto, ma tu ben mio, Arie des Sesto mit obligater Klarinette, Akt I

Vengo, aspettate, Terzett Vittellia, Publio, Annio, Akt I

Torna di Tito a lato, Arie des Annio, Akt II

Deh per questo istante solo, Rondo des Sesto, Akt II

Se all' impero, Arie des Tito, Akt II

S'altro che lacrime, Arie der Servilia, Akt II

Non più di fiori, Rondo der Vitellia, Akt II (wiederum mit obligatem Bassetthorn)

Von mir besuchte Aufführungen von LA CLEMENZA DI TITO am Opernhaus Zürich:

25.10.1989: ML: Nikolaus Harnoncourt/Inszenierung: John Dew; Tito: David Randall, Vitellia: Roberta Alexander, Sesto: Iris Vermillion, Servilia: Margaret Chalker, Annio: Vesselina Kasarova, Publio: Matti Salminen

02.12.1990: ML: Julius Kalmar/I: John Dew; Tito: Philippe Langridge, Vitellia: Ashley Putnam, Sesto: Ann Murray, Annio: Vesselina Kasarova, Servilia: Margaret Chalker. Publio: Laszlo Polgar

24.04.2005: ML: Franz Welser-Möst/Inszenierung: Jonathan Miller; Tito: Jonas Kaufmann, Vitellia: Eva Mei, Sesto: Vesselina Kasarova, Annio: Liliana Nikiteanu, Servilia: Malin Hartelius, Publio: Günther Groissböck

Karten

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