Zürich, Opernhaus: HÄNSEL UND GRETEL; 28.11.2025
Neuproduktion der Märchenoper in drei Akten | Musik: Engelbert Humperdinck | Libretto: Adelheid Wette, nach Brüder Grimm | Uraufführung: 23. Dezember 1893 in Weimar | Aufführungen in Zürich: 16.11. | 20.11. | 23.11. | 28.11. | 30.11. | 2.12. | 4.12. | 11.12. | 16.12. | 18.12. | 21.12. 2025 | 2.1. | 24.1. | 25.1. und 31.1.2026
Kritik:
Nach Wagners Tod waren die Quellen des Mittelalters und der nordischen Mythologie als Vorlagen für Opernstoffe quasi tabuisiert. So suchten manche Komponisten (wie z. B. Pfitzner, Siegfried Wagner, Kienzl, Reinecke) ihre Inspirationen in der etwas „kleineren“ Welt der Sagen, der Märchen, der Legenden. So auch Engelbert Humperdinck, der mit HÄNSEL UND GRETEL die bis heute erfolgreichste Oper dieses Genres geschaffen hatte. Doch auch er wusste, dass er mit diesem Märchenspiel die Höhe der Wagnerschen Werke bei weitem nicht erreichen konnte, sprach deshalb mit seiner Schwester (der Verfasserin des Textes) von einem „Kinderstubenweihfestspiel“ in ironischer Anspielung auf den PARSIFAL, den Wagner als „Bühnenweihfestspiel“ publiziert hatte. Auch wenn Humperdinck und seine Schwester, Adelheid Wette, dem Märchen den gesellschaftlich abgründigen Biss genommen hatten, es verharmlosender als die Grimmsche Vorlage konzipierten und so dem herrschenden, konservativ-preussischen, wilhelminischen Zeitgeist andienten, besticht die Oper nach wie vor mit der ausgefeilten Kompositionstechnik von Engelbert Humperdinck. Diese Verflechtung von deutschem Kinder- und Volksliedgut mit spätromantischer Klangballung verfehlt ihre Wirkung nie. Der Verstand mag sich noch so sehr gegen die implizierten Aussagen wehren, die Musik des das Werk schon fast leitmotivartig durchziehenden Chorals „Wenn die Not aufs Höchste steigt, Gott der Herr die Hand uns reicht“ oder des Abendsegens „Abends will ich schlafen gehen, vierzehn Engel um mich stehn“ geht einfach in ihrer schlichten Erhabenheit direkt zu Herzen. Das war auch gestern Abend der Fall; allerdings hätte ich mir gerade in der wunderbar konzipierten Ouvertüre, wo Humperdinck das thematische Material in schönster Kontrapunkttechnik ausbreitet, etwas mehr spätromantische Emphase, etwas weniger klanglich herbe Nüchternheit vom Orchester der Oper Zürich gewünscht. Giedrė Šlekytė leitete im weiteren Verlauf allerdings eine klanglich wunderbar ausbalancierte Aufführung, die Stimmen auf der Bühne gingen nie in Orchesterfluten unter, brauchten in keinem Moment zu forcieren. So entstand musikalisch rundum gelungenes, stimmiges und textverständliches Musiktheater auf sehr ansprechendem Niveau. Sevtlina Stoyanova begeisterte restlos mit ihrem schlank geführten, fein timbrierten, einnehmenden Mezzosopran, versprühte Witz und Charme. Dazu kontrastierte Christina Ganschs heller Sopran als Gretel ganz wunderbar. Einzig bei einigen exponierten Ausflügen in die höheren Register schlich sich ab und an eine leichte Verhärtung und eine gewisse Schärfe des Stimmklangs ein. Jochen Schmeckenberger war als Peter Besenbinder (hier Bühnen-Malermeister) schlicht eine Wucht: Sein Bariton strömte mit fantastischer Wärme, klar konturiert und mit exemplarischer Diktion phrasierend. Wohl aus gut gemeinten, psychoanalytischen Überlegungen heraus besetzt man manchmal Mutter und Hexe mit derselben Sängerin. Doch Humperdinck und Adelheid Wette hatten ja explizit den ganzen psychologisch märchendeutenden Ballast in ihrer Oper weggelassen, so dass (gerade auch in dieser Theater auf dem/im Theater Inszenierung) dies nicht zwingend erscheint. Rosie Aldrige legte die Rolle der Mutter Gertrud exaltiert, hysterisch an, chargierte denn auch in ihrer Interpretation allzu sehr, war dann allerdings als Hexe umwerfend. Herrlich witzig, wie sie z.B. mit verächtlicher Geste auf den Applaus aus dem Publikum nach dem fulminant vorgetragenen Hexenritt reagiert, oder sich während des Verbrennens im projizierten Feuerschein des Ofens nonchalant vom weiss geschminkten Diener eine Zigarette anzünden lässt und Arm in Arm mit ihm (dem Liebhaber?) von dannen zieht. Stechi und Schlagi heissen die beiden agilen Gehilfen der Hexe (Leon Blohm und Ondrej Graf mit grossartiger Bühnenpräsenz). Tadellose Auftritte legen Marie Lombard als Sandmännchen (im Frack) und Sylwia Salamońska-Bączyk als Taumännchen (im märchenhaften, königlichen Reifrock und mit diamantenbesetztem Strahlenkranz als Kopfputz) hin. Der Kinderchor und die SoprAlti der Oper Zürich (Einstudierung: Klaas-Jan de Groot) lösen ihre Aufgabe adäquat, wobei das gespielte Engelsflügelschlagen mit der Zeit etwas gar betulich und gekünstelt, ja peinlich wirkt.
Die Inszenierung von Thom Luz (geniale Videoclips: Tieni Burkhalter, stimmungsvolles Licht: Elfried Roller, Tina Bleuler, die auch die Kostüme entworfen hat, Bühne: Michael Köpke) ist etwas zwiespältig geraten. Einerseits nimmt er auf persönliche Erinnerungen Bezug, als er als Schuljunge einmal eine Führung im Opernhaus erleben durfte und fasziniert war von allem, was hinter der Bühne so abläuft: Technik, Effekte, Licht etc. Nun lässt Thom Luz uns also an seinen Kindheitserinnerungen teilhaben (hm...) und schickt ein staunendes und zuerst etwas unbeholfenes Kinderpaar in die Oper; die beiden erleben Proben auf nackter Bühne, werden von den erwachsenen Darstellerinnen des Hänsel und der Gretel immer stärker involviert, bis dann quasi die Rollen getauscht werden, wobei natürlich die beiden Sängerinnen weiterhin den gesanglichen Part übernehmen. Man sieht fantasievolle Effekte, einen vorzüglichen, eindrücklichen Bühnenzauber, der aber stets gebrochen wird, weil wir sehen, wie er entsteht. Ja es gibt unglaublich schöne, poetische Momente (die Entstehung des Waldes, der Birkenstämme, die Projektionen der Instrumente, die bedrohlich wirken können – Musik kann Ängste auslösen - , das Opernhausmodell als Lockvogel – mit schönen Stimmen - , das giftgrüngelbe Licht, das aus dem Opernhausmodell strömt, die Projektion des sich immer schneller drehenden Hauses, die einen ganz wuschig macht, Nebelmaschinen und fliegende Kinder und Engelein, das Lichtklavier, das Piano im Hexenhaus, in dem die beiden Kinder gefangen sind, und die durch das Klavierspiel der Hexe durch das Anschlagen der Hämmer gefoltert werden u.v.a.m.) Ja, es gibt viel zu entdecken, zu staunen – und doch bleibt ein leicht schales Gefühl zurück: Wo bleibt die eigentliche Geschichte? Kinder lieben und brauchen Geschichten. Einige mögen sich für die Technik und was dahinter steckt interessieren, doch die meisten wollen Erlebnisse. Die dürfen auch mal krass, lustig oder (alb)traumhaft sein und sollten nicht durch Brechungen – wie sie eben solche Theater auf dem/im Theater-Inszenierungen darstellen – gestört werden. Ganz ehrlich gesagt, ich gehe nicht ins Theater um Theater auf dem Theater zu sehen. Das sind für mich meist Verlegenheitslösungen, weil einem zu der eigentlichen Geschichte und/oder deren Deutung wenig einfällt. Bisher habe ich nur ganz wenige solcher Aufführungen erlebt, die wirklich restlos überzeugten. Wie gesagt, technisch war das alles herausragend gelöst, doch war für mich am Ende doch zu wenig Fleisch am Knochen – wie für die Hexe, als ihr Hänsel den Klavierhammer als Finger entgegenstreckte.
Inhalt:
Die beiden Kinder des Besenbinders Peter und seiner Frau Gertrude leben in Armut und leiden Hunger, es gibt nichts anderes als trockenes Brot zu essen. Doch von der Nachbarin hat die Familie einen Topf mit Milch erhalten. Aus lauter Vorfreude auf etwas Abwechslung im Speiseplan, beginnen die Kinder ausgelassen zu tanzen. Die Mutter kehrt erschöpft von der Arbeit zurück, schilt die Kinder als Faulpelze und will sie bestrafen. Dabei fällt der Milchtopf vom Tisch und zerbricht. Nun jagt die Mutter die Kinder hinaus in den Wald, um Beeren zu suchen. Der Vater kehrt angesäuselt nach Hause zurück. Heute liefen die Geschäfte nicht schlecht und er hat einen Korb mit Lebensmitteln mitgebracht. Als er jedoch erfährt, dass die Kinder im Wald sind, schlägt seine aufgeräumte Stimmung in Besorgnis um, da er weiss, dass eine Hexe im Wald wohnt, welche den Kindern gefährlich werden könnte. Die Eltern machen sich auf, um nach den Kindern zu suchen.
Die Kinder haben unterdessen ihren Korb mit Waldbeeren gefüllt, doch kurz darauf die Beeren selber gegessen. Langsam wird es dunkel, sie finden den Heimweg nicht mehr, sie bekommen Angst. Das Sandmännchen erscheint und beruhigt Hänsel und Gretel. Bevor sie einschlafen, sprechen sie ihr Abendgebet. Vierzehn Engel steigen herab, um die Kinder im Schlaf zu beschützen. Am nächsten Morgen werden sie vom Taumännchen geweckt. Da erscheint vor ihren Augen auch schon ein Lebkuchenhaus. Sie naschen davon. Die Hexe will sie hineinlocken. Widerstand ist zwecklos, der Zauberstab der Hexe bannt die Kinder. Während Hänsel im Käfig gemästet wird, muss Gretel im Haus der Hexe helfen und alles für den kannibalischen Genuss der Hexe herrichten. Gretel hat sich jedoch den Zauberspruch der Hexe gemerkt und befreit ihren Bruder aus dem Käfig, während die Hexe in grausam-gieriger Vorfreud auf dem Besen durch die Lüfte tanzt. Durch eine List gelingt es den Kindern, die Hexe in den Ofen zu schieben, der Ofen stürzt zusammen, die Lebkuchenkinder, die einen Zaun um das Grundstück der Hexe darstellten, erwachen durch Gretels Berührungen und Hänsels Hilfe mit dem Zauberstab der Hexe zum Leben. Von ferne ertönt die Stimme des Vaters. Die Eltern schliessen die Kinder in die Arme. Alle stimmen ins Gebet des Vaters ein: „Wenn die Not auf's Höchste steigt, Gott, der Herr die Hand uns reicht.“ Unterdessen ist die Hexe selbst zum Lebkuchenfrauchen geworden.
Werk:
Engelbert Humperdinck (1854-1921) gehört zu der tragischen Gruppe von Komponisten, deren Name mit einem einzigen Werk verbunden ist – bei ihm ist es seine Oper HÄNSEL UND GRETEL. Humperdincks Schwester, Adelheid Wette, schrieb den Text als Märchenspiel für den Hausgebrauch und bat ihren Bruder, die Verse zu vertonen. Da dieses häusliche Singspiel auf so grosse Begeisterung stiess, arbeitete Humperdinck es zu einer abendfüllenden Oper um. Humperdinck hatte Richard Wagner bei der Einstudierung der Uraufführung von PARSIFAL in Bayreuth assistiert und Wagner hatte einen unüberhörbaren Einfluss auf den jungen Komponisten ausgeübt, vor allem was die Behandlung des Orchestersatzes und die Instrumentation anbelangt. Doch gerade in HÄNSEL UND GRETEL wirkt dieses grosse Orchester erstaunlicherweise nie zu dick oder zu schwer, der Wagnersound verbindet sich in entzückender Art mit dem volksliedhaften Duktus der Gesangsstimmen und führte dazu, dass das Werk seit seiner Uraufführung (dirigiert hatte kein Geringerer als Richard Strauss) nichts an seiner Popularität bei gross und klein eingebüsst hat. Für viele spätere Aficionados der Oper stand HÄNSEL UND GRETEL am Anfang einer langen Liebesbeziehung zur Opernwelt.
Humperdinck hatte zwar noch ein knappes Dutzend weiterer Werke für die Bühne komponiert (neben Schauspielmusiken, Kammermusik und Orchesterwerken), von denen aber höchstens KÖNIGSKINDER ab und an noch auf den Spielplänen auftaucht. Auch als Lehrer war Humperdinck sehr gefragt, die Liste seiner Schüler ist lang und prominent: Wagners Sohn Siegfried, Robert Stolz, Kurt Weill und Friedrich Hollaender gehörten dazu.
Von mir besuchte Vorstellungen von HÄNSEL UND GRETEL im Opernhaus Zürich:
3.11.1973
ML: Matthias Aeschbacher/Inszenierung: Edwin Zbonek
Gretel: Renate Lenhart, Hänsel: Marion Gassmann, Mutter: Gerry DeGroot, Vater: Howard Nelson, Hexe: Rudolf Späni
21.12.1975
wie oben, ausser Gretel: Ruth Rohner, Mutter: Merkl-Freivogel
7.9.1988
ML: Michale Christie/Inszenierung: Frank Corsaro, Bühne: Maurice Sendak
Gretel: Elena Mosuc, Hänsel: Liliana Nikiteanu, Mutter: Gabriele Lechner, Vater: Rudolf A. Hartmann, Hexe: Volker Vogel, Sandmännchen: Martina Jankova, Taumännchen: Milena Jotowa
8.12.1999
ML: Thomas Barthel/Inszenierung: Frank Corsaro
Gretel: Martina Jankova, Hänsel: Irene Friedli, Mutter: Margaret Chalker, Vater: Rudolf A. Hartmann, Hexe: Martin Zysset, Sandmännchen: Eun Yee You, Taumännchen: Julia Neumann