Zürich, Opernhaus: CARDILLAC; 15.02.2026
Fabio Luisi kehrt ans Opernhaus Zürich zurück und leitet diese Neuproduktion von CARDILLAC
Oper in drei Akten | Musik: Paul Hindemith | Libretto: Ferdinand Lion, nach E.T.A. Hoffmanns Erzählung DAS FRÄULEIN VON SCUDERI (aus den SERAPIONSBRÜDERN) | Uraufführung: 9. November 1926 in Dresden, Neufassung (in vier Akten): 20 Juni 1952 in Zürich | Aufführungen dieser Neuproduktion in Zürich: 15.2. | 18.2. | 21.2. | 25.2. | 1.3. | 6.3. und 10.3.2026
Kritik:
Es ist schon erstaunlich: Da wählen mitten in der angesagten Zeit der „neuen Sachlichkeit“ der 1920er Jahre ein Komponist (Paul Hindemith) und ein Autor (Ferdinand Lion) ein Sujet für eine neue Oper aus (Cardillac), das aus der tiefsten Schauerromantik stammt (E.T.A. Hoffmanns DAS FRÄULEIN VON SCUDERI). Doch die 18 prägnanten, knapp und stringent gehaltenen Szenen, die Ferdinand Lion entwarf, enthalten keinen Bezug mehr zur Romantik, sind nicht im wagnerschen Sinne durchkomponiert und durch Leitmotive verknüpft. Nein, die Musik Hindemiths ist rein instrumental gehalten, selbst der Duktus der Stimmführung scheint instrumental zu sein. Die einzelnen Szenen sind durch strenge Formgebungen der absoluten Musik klar abgegrenzt: Fuge, Passacaglia, Duettino (für zwei Flöten in der Pantomime) und Formen der barocken Oper mit Arie, Duett, Quartett. Dazu gesellt sich ein oratorienhaft eingesetzter Chor in einer tragenden, ja mitreissenden Rolle. Die Architektonik Händels trifft also auf die Theatralik Verdis (beide Komponisten erlebten in den Zwanzigerjahren des letzten Jahrhunderts auch eine Art „Renaissance“). Trotz der scheinbaren musikalischen Bezugslosigkeit zwischen den einzelnen Szenen und der knallharten (aber subtilen) Instrumentation Hindemiths mit klarem Schwergewicht auf den vorwiegend solistisch eingesetzten Bläsern und der vorherrschenden Polyphonie des Gesamtklangs erzielt die Musik eine schon fast beängstigende, mitreissende und spannungsgeladene Sogwirkung, der man sich nicht entziehen kann. Diese Wirkung ist vor allem Fabio Luisi, dem ehemaligen GMD der Oper Zürich zu verdanken, der für diese Neuproduktion ans Haus zurückkehrte. Die reichhaltigen Klangfarben und Klangmischungen, die packende rhythmische Gestaltung und die wunderbar ausgespielten poetischen Momente der Partitur (ja die gibt es!), die Maestro Luisi zusammen mit dem fabelhaft spielenden Orchester der Oper Zürich aus dem Graben aufsteigen lässt, sind von packender Intensität und überwältigender Kraft. Luisi scheut das dramatische Aufbegehren nicht, achtet jedoch stets auf eine geradezu magische Transparenz des Musizierens. In das formidable, wuchtige, aber nie lärmige Erlebnis sind die Stimmen der schlichtweg überragenden Besetzung der sieben Gesangspartien sowie der mit ungeheurer vokalen Dramatik singende Chor der Oper Zürich (einstudiert von Klaas-Jan de Groot) voll energiegeladener Dynamik eingebunden. Der Bassbariton Gábor Bretz verleiht der Titelrolle des Goldschmieds Cardillac ein vielschichtiges Profil. Dank der warmstimmigen, souverän gesungenen und darstellerisch so intensiven Interpretation von Gábor Bretz kommt man kaum darum herum, mit diesem Künstler, der unfassbar schöne Kunstwerke schafft und diese dann nicht loslassen kann, Mitleid zu empfinden, selbst wenn er mordet, wenn er seine psychischen Probleme (Narzissmus, inzestuöses und verachtendes Verhältnis zur Tochter) im Alkohol ertränken muss. Cardillac ist denn auch die einzige Figur, die einen Namen trägt. Alle anderen sind „nur“ Typen. Diese werden trotz der Knappheit der Szenen von den Autoren der Oper und vor allem dank der reichhaltigen, einfühlsamen Personenregie von Kornél Mundruczó aber doch zu plastischen Charakteren geformt. So „Die Tochter“, dargestellt und gesungen von Anett Fritsch. Eine junge, modische Frau, beinahe ein bisschen „nerdhaft“, ihrem Vater zärtlich zugetan, die in ihrer Arie Mein Geliebter kommt mit reich verzierter, fast an barocken Gesang erinnernder schwebender Virtuosität fasziniert und die beiden Duette mit diesem Geliebten (Der Offizier) und ihrem Vater mit fantastischer vokaler Präsenz bestreitet. Der Offizier wird von Michael Laurenz (ebenfalls ein Rückkehrer ans Zürcher Haus) mit fabelhafter Durchschlagskraft gesungen. Sein herrlich fester, bruchlos geführter, gleissend strahlender Tenor ist ideal besetzt für die Rolle dieses Besitz ergreifenden, leicht schleimig wirkenden Unsympathen. Etwas lyrischer wirkt der zweite Tenor des Stücks, Der Kavalier, der im ersten Akt auftritt: Sebastian Kohlhepp singt die Arie Waagschalen dieser Welt mit heller, einnehmender Stimme – man hätte gerne mehr von ihm gehört, doch wird er während des Stelldicheins mit „Die Dame“ im gläsernen Aufzug des Einkaufszentrums, in welchem Mundruczó die Handlung spielen lässt, ermordet. Wie in einem Slashermovie rinnt sein Blut effektvoll die gläserne Wand herab. Die wohl „romantischste“ Arie der Oper gehört dieser Dame: Die Mezzosopranistin Dorottya Láng singt das Lied Die Zeit vergeht, Rose zerfiel mit fabelhaft schöner, warmer Stimme und spielt ihre begehrende Rolle mit aufreizender Sinnlichkeit. Alle Solist*innen sind Rollendebütant*innen, so auch Stanislav Vorobyov, der den verängstigten Goldhändler mit weicher Stimmführung und sattem Bass gestaltet, und Brent Michael Smith als Führer der Prévôte, der dem wegen der unerklärlichen Morde aufgebrachten Volk im ersten Akt die Einführung eines neuen Gerichtshofs, der „Brennenden Kammer“, mit Autorität verkündet.
Wie gesagt, dass die Oper CARDILLAC dermassen einfuhr, erregte und begeisterte, war sowohl den musikalischen Meisterleistungen aus dem Graben und von der Bühne geschuldet und der fantastisch gelungenen, mit nie nachlassender Spannung inszenierten szenischen Umsetzung durch das Team rund um den ungarischen Regisseur Kornél Mundruczó (dessen Film AT THE SEA übrigens bei der diesjährigen Berlinale im Wettbewerb startet), der phänomenalen Ausstattung (von Monika Korpa entworfen) des Einkaufstempels (könnte in jeder Shoppingdestination für die Schönen und Reichen dieser Welt stehen) und der dramaturgisch vorbildlich klaren Lichtgestaltung durch Elfried Roller. Man kommt den Figuren unglaublich nahe in dieser hässlichen, goldfarbenen Shopping Mall. Der gläserne Aufzug funktioniert perfekt, ist ein Eye Catcher. Im zweiten Akt befindet man sich in der Werkstatt von Cardillac, dem Luxury Jeweler C, und blickt hinaus durch den Laden in die Mall. In der Werkstatt wird man dann auch konfrontiert mit den psychischen Abgründen Cardillacs: Seinem Alkoholkonsum, seiner Gleichgültigkeit gegenüber seiner Tochter, die eine sehr komplexe Beziehung zum Vater hat. Für sie ist er „... wie Gott, als er die Welt erschuf“. Aber ein Gott, der „nur sein Gold streichelt, aber nicht seine Tochter“, wie sie bekennt. Grandios gelungen ist der Auftritt des Königs (Stanislav Hnat in einer stummen Rolle): Der König ist hier eine obertuntige „Shopping-Queen“, begleitet von unglaublich arroganten, smarten Bodyguards. Was der eine der Bodyguards auf der Toilette der Werkstatt mit seinem Handy treibt und dabei erwischt wird, überlässt der Regisseur der schmutzigen Fantasie des Rezensenten. Grossartig auch die Führung des Chors, teils als amorphe Masse, teils sehr individuell gezeichnet. Eindrücklich der Effekt mit den leuchtenden Masken des Chors während des wie ein Concertato daherkommenden Quartetts (Offizier, Goldhändler, Cardillac und Tochter) im dritten Akt. Am Ende stürzen Cardillac und das Volk sturzbetrunken aus der INFINITY BAR & LOUNGE, er bekennt sich zu den Morden, das Volk, das den Goldschmied eben noch jubelnd gefeiert hat, wendet sich als Lynchmob gegen ihn, plündert den Laden, ersticht ihn und wirft ihn in den Brunnen der Mall, das Geschmeide hinterher. Doch Offizier und Tochter wittern gleich ein Geschäft und verkaufen die Schmuckstücke ans Volk. Cardillac wird von den beiden aufgerichtet, mit Maske und Goldrüstung versehen und steht dann wie eine Oscarstatue vor der bunt ausgeleuchteten Brunnenplastik, die ihm wie bunte Flügel verleiht.
Fazit: Die Aufführung ist ein grandioser Triumph des Musiktheaters, wurde vom Premierenpublikum heftig applaudiert. Diesen Thriller Hindemiths sollte man nicht verpassen – und vor allem keine Angst vor der Musik haben, denn diese ist in ihrer stringenten Kompaktheit von atemberaubender Kraft! Sie löst den Anspruch des Komponisten Hindemith an Musik perfekt ein: „Wie auch eine Musik klanglich und strukturell beschaffen sein mag, sie bleibt ein bedeutungsloses Geräusch, wenn sie nicht einen aufnehmenden Geist berührt. ... der aufnehmende Geist muss in einem gewissen Sinne tätig werden, wenn eine Umwandlung von einem akustischen Eindruck in eine wahre musikalische Erfahrung erreicht werden soll.“ (Paul Hindemith, Komponist in seiner Welt, Weiten und Grenzen, 1959) Ich für mich habe gestern Abend diese Erfahrung gemacht – und werde mir dieses wichtige Werk des Musiktheaters gerne wieder ansehen und hoffentlich nicht erneut 50 Jahre auf eine Gelegenheit dazu warten müssen!
Inhalt: (Text: Opernhaus Zürich)
1. Aufzug
Eine Grossstadt wird von einer rätselhaften Mordserie erschüttert. Um den Täter zu fassen, wurde die Einsetzung eines Sondergerichts angeordnet, die sogenannte «Brennende Kammer». Eine Dame bemerkt, mit welchem Respekt der Goldschmied Cardillac überall empfangen wird. Der Kavalier erklärt ihr den Grund: Cardillac gilt als unübertroffener Meister seines Handwerks – doch jeder, der eines seiner Schmuckstücke erwirbt, fällt kurz darauf einem Mord zum Opfer. Die Dame verlangt daraufhin von ihrem Verehrer als Liebesbeweis das schönste Werk, das Cardillac je geschaffen hat. Als der Kavalier mit einem prächtigen Schmuck zu ihr kommt, wird auch er ermordet.
2. Aufzug
Cardillac arbeitet an einem neuen Schmuckstück. Sein Goldhändler erscheint und erwähnt die jüngsten Morde in Zusammenhang mit dessen Schmuck. Cardillac wehrt jede direkte Unterstellung ab.
Cardillacs Tochter liebt einen Offizier und befindet sich in einem inneren Konflikt: Sie sehnt sich nach der Flucht mit ihrem Geliebten, kann sich jedoch nicht von ihrem Vater lösen. Cardillac selbst hält sie nicht zurück. Sein einziges Interesse gilt dem von ihm geschaffenen Schmuck.
Als ein prominenter Käufer mit seiner Entourage erscheint, hindert ihn Cardillac am Kauf eines Schmuckes. Nicht abwimmeln lässt sich hingegen der Offizier: Er zwingt Cardillac, eine Kette herauszugeben. Cardillac, getrieben von seinem inneren Zwang, weiss, dass er den Offizier töten muss.
3. Aufzug
Cardillacs Mordversuch scheitert. Der Goldhändler, der den Kampf zwischen Cardillac und dem Offizier beobachtet hat, schlägt Alarm. Die herbeigeeilte Menge stürzt sich auf Cardillac. Um Cardillac zu schützen, bezichtigt der Offizier den Goldhändler der Verbrechen. Doch Cardillac gesteht die Morde – das Volk tötet ihn. Selbst im Tod gilt Cardillacs letzter Gedanke seinem Schmuck.
Werk:
Paul Hindemith (1895-1963) war beileibe kein unumstrittener Komponist und Musikvermittler. In seinem OPERNFÜHRER FÜR FORTGESCHRITTENE führt ihn Ulrich Schreiber als ein „vom Bürgerschreck zum erschrockenen Bürger“ Gewandelten. So provozierten seinen frühen Bühnenwerke in den Zwanzigerjahren (Die Einakter MÖRDER, HOFFNUNG DER FRAUEN, DAS NUSCHI-NUSCHI und SANCTA SUSANNA) das Bürgertum. Und selbst vor eineinhalb Jahren führte noch eine provokante Inszenierung der SANCTA SUSANNA zu Ohnmachtsanfällen im Publikum, knallenden Türen – aber dadurch auch restlos ausverkauften Vorstellungen, so dass gar Zusatzvorstellungen angesetzt werden mussten. Doch zurück zu den Zwanzigerjahren des letzten Jahrhunderts: Mit dem Aufstreben der Rechten, der Faschisten und der Nationalsozialisten wurde der freischaffenden Kunst und der Freizügigkeit auf den Bühnen der Garaus gemacht (Hitler entsetzte sich über eine angeblich nackte Frau in der Badewanne in Hindemiths Oper NEUES VOM TAGE), das Spiessbürgertum feierte Urständ, die neue Biederkeit hielt Einzug am Theater. Und in der Folge wurden auch Hindemiths Opern und seine Musik als Kulturbolschewismus bezeichnet und verboten. Gleichzeitig aber setzte auch bei Hindemith ein Umdenken ein: Er bezeichnete viele seiner früheren Werke als „Gebrauchsmusik“, plädierte für eine freie Tonalität anstelle der seriellen Musik eines Schönberg. Hindemith emigrierte 1938 in die Schweiz (in Zürich wurde seine Oper MATHIS, DER MALER uraufgeführt), nach dem Ausbruch des 2. Weltkriegs in die USA, wo er 1946 die amerikanische Staatsbürgerschaft erhielt.
Seine Erfolgsoper CARDILLAC von 1926 war unter Fritz Busch uraufgeführt worden, Otto Klemperer brachte sie in Wiesbaden heraus, viele Opernhäuser setzten sie bis 1932 auf ihre Spielpläne. Nach dem Krieg erstellte Hindemith eine (inhaltlich geglättete) Neufassung – nun in vier Akten - des CARDILLAC, die 1952 in Zürich uraufgeführt wurde. Die deutsche Erstaufführung fand unter der Leitung von Georg Solti in Frankfurt statt, war eigentlich ein Erfolg, denn die Produktion ging auf Tournee im In- und Ausland, doch danach setzte sich diese Zweitfassung nie durch. Die Erstfassung hingegen ist von exzeptioneller Wucht, ein hoch spannendes Künstlerdrama. Hindemith entfernt sich weit von der Durchkomposition und der motivischen Verknüpfung der Szenen im Sinne Wagners, setzt vielmehr auf tradierte Formen des Neobarock mit Arien, unterschiedlichen Ensembles und eindringlichen Chorpassagen. Man entdeckt aber auch Formen der absoluten Musik, wie Fugen, Variationen und vor allem Hindemith liebste Form, die Passacaglia. Er beherrscht den Kontrapunkt wie kaum ein anderer, kann ganz intime, spärlich aber apart instrumentierte Momente zaubern, dann wieder durch Schichtungen ins grell Lärmige vorstossen.
Von mir besuchte Aufführungen von CARDILLAC im Opernhaus Zürich:
16.10.1976: Musikalische Leitung: Ferdinand Leitner, Inszenierung: Günther Rennert
Cardillac: Ernst Gutstein, Die Tochter: Gerlinde Lorenz, Der Offizier: Thomas Herndon, Der Goldhändler: Werner Gröschel, Der Kavalier: Harald Ek, Die Dame: Charlotte Berthold