Zürich, Opernhaus: AUTOGRAPHS (Ballettabend); 19.04.2025
Drei kontrastreiche Werke grosser Choreograf*innen
Crystal Pite: EMERGENCE | Uraufführung: 4.3.2009 durch das National Ballet of Canada
Wayne McGregor: INFRA | Uraufführung: 13.11.2008 durch das Royal Ballet London
William Frosythe: IN THE MIDDLE, SOMEWHAT ELEVATED | Uraufführung: 30. Mai 1987 in Paris
Aufführungen in Zürich: 19.04. | 13.05. | 14.05 | 6.06. | 11.06.2025
Kritik:
Im dreiteiligen Ballettabend AUTOGRAPHS zeigt das Ballett Zürich auf bestechende Art drei unterschiedliche choreografische Handschriften anhand von „Signature“ - Arbeiten dreier herausragender Choreograf*innen: EMERGENCE der Kanadierin Crystal Pite, INFRA des Briten Wayne McGregor und der quasi Klassiker IN THE MIDDLE, SOMEWHAT ELEVATED des Amerikaners William Forsythe. Alle diese drei Stücke sind bereits früher in anderen Kombinationen vom Ballett Zürich getanzt worden und wurden nun für diese Serie neu einstudiert – natürlich auch mit der von der Ballettdirektorin Cathy Marston neu zusammengesetzten Compagnie. Um es vorweg zu nehmen: Es war grossartig. Eröffnet wird der Abend mit EMERGENCE, dieser schon rein optisch überwältigenden Erfolgschoreografie von Crystal Pite im fantastischen Bühnenbild von Jay Gower Taylor, diesem Insektennest inklusive Schlupfröhre, das mit dem Lichtdesign von Alan Brodie ganz fantastisch ausgeleuchtet worden war. Wie sich die Tänzerinnen und Tänzer langsam entpuppen, zu Insekten werden, wie aus Individualität mittels Schwarmintelligenz ein Ganzes, eine glasklare Synchronizität entsteht, das ist jedes Mal, wenn man diese Choreografie sieht, ein Ereignis. Zusammen mit der Musik von Owen Belton, deren innerer Puls quasi einen Herzschlag darstellt, aus welchem leben erst entsteht, und den präzis ausgeführten insektenartigen Körpersprache der hervorragenden Compagnie des Balletts Zürich und des Junior Balletts (insgesamt 36 Tänzer*innen, einstudiert von Eric Beauchesne und der ehemaligen Ersten Solistin des Balletts Zürich: Giulia Tonelli) entsteht ein grandioses Gesamtkunstwerk aus Körper, Bild, Licht, Musik und choreografischer Architektur. Man kann sich daran nicht sattsehen.
Meine erste Begegnung mit INFRA vor gut eineinhalb Jahren habe ich nicht in allerbester Erinnerung. Aber bereits damals hatte ich geschrieben, dass man sich das Stück ein zweites Mal ansehen sollte, um es wirklich ergründen zu können. Diese Gelegenheit zu nutzen hat sich nun ergeben – und mehr als gelohnt. Wenn man es schafft, den Blick von den LED – Männchen und – Weibchen zu lösen, kann man sich in eine virtuos choreografierte, solistische Tanzsprache vertiefen und am Ende eine echt berührende Erfahrung machen, mitleiden mit dem Individuum, das in der teilnahmslosen Masse quasi untergeht. Das Ende mit dem eindringlichen Pas de deux, der einen fantastischen choreografischen Kreis schliesst, ist überaus berührend. Die Bühne versinkt ins Dunkel, das Gewusel der unbeteiligten, anonymen Masse der Grossstadtmenschen ist weg, die individuelle Liebe bleibt. Die an Minimal Music (in der Art von Philipp Glass) gemahnende Musik von Max Richter kommt nun komplett ab Band (in der letzten Saison wurde die elektronische Musik noch mit einem live spielenden Streichquintett mit Klavier gespielt). Die zwölf Tänzer*innen Greta Calzuola, Jorge Garcia Pérez, Marià Huguet, Irmina Kopaczynska, Brandon Lawrence, Sujung Lim, Nancy Osbaldeston, Nehanda Péguillan, McKhayla Pettingill, Lucas Valente, Joesl Woellner und Charles-Louis Yoshiyama tanzen die sechs parallel ablaufenden, vertrackten und rasanten Pas de deux in ihren Licht – Rechtecken mit bestechender Souveränität.
Gut 20 Jahre vor den beiden Choreografien von Pite und McGregor war William Forsythes „Klassiker“ IN THE MIDDLE, SOMEWHAT ELEVATED entstanden – und trotzdem wirkte diese älteste der drei Choreografien in ihrer totalen Abstraktion durch den Verzicht auf Handlung oder Spuren davon, in ihrer Konzentration auf die Körperlichkeit, der Dekonstruktion und erneuten Zusammensetzung der Bewegungen zur knallhart peitschenden Musik von Thom Willem als „modernstes“, innovativstes der drei Werke. Die Atemlosigkeit, mit welcher das alles abläuft, die unterschiedlichen, wechselnden Konstellationen der Tänzerinnen und Tänzer untereinander, die manchmal beinahe improvisatorisch (was sie natürlich nicht ist) wirkende Tanzsprache, die Kraft in den zerhackten Variationen, das alles wurde von Nancy Osbaldeston, Sujung Lim, Karen Azatyan, Daniela Gómez Pérez, Coroline Perry, KcKhayla Pettingill, Shelby Williams, Wei Chen und Joel Woellner mit stupender Virtuosität umgesetzt. Ein Werk, das in seiner vertrackten Komplexität in seinen Bann zieht. Und über allem schwebt die goldene Doppelkirsche, somewhat elevated - und rätselhaft.
Werke:
Crystal Pite ist eine der ganz wenigen Frauen, welche es an die Spitze der Choreograf_innen des zeitgenössischen Tanzes geschafft haben. Ihre 2009 für das National Ballet of Canada entstandene Choreografie EMERGENCE (zur Musik von Owen Belton) an der Premiere in Zürich 2018 und bei den Wiederaufnahmen in den folgenden Spielzeiten für Begeisterungsstürme. Darin nimmt Crystal Pite die sozialen Interaktionen eines Insektenstaates (Bienen, Ameisen) unter die Lupe, verwendet sie als Metapher für die Situation innerhalb einer Ballettcompagnie – und damit auch für die Gesellschaft ganz allgemein.
INFRA: Der britische Choreograf Wayne McGregor präsentiert mit INFRA ein Protrait des Lebens unter der Oberfläche der Stadt, eine abstrakte Meditation über zwischenmenschliche Interaktionen unter der faszinierenden LED Wand mit den walking figures von Julian Opie. Dazu mischt die Musik von Max Richter elegische Streicherklänge mit elektronischer Musik.
Mit William Forsythes IN THE MIDDLE, SOMEWHAT ELEVATED steht einer der ganz grossen Klassiker des modernen Tanzes auf dem Programm dieses dreiteiligen Ballettabends. Forsythe untersucht dabei in einer Art Variationenfolge Elemente des klassischen Tanzes, führt sie zu verrückten Formen, steigert die Intensität im Zusammenspiel mit der repetitiven, gleichförmigen elektronischen Musik von Thom Willems zu soghafter Wirkung.