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Zürich: OPER FÜR ALLE - ANDREAS HOMOKI 2012-2025, Buchbesprechung

Erstellt von Kaspar Sannemann |

Bild: Opernhaus Zürich

Nach dreizehnjähriger Intendanz tritt Andreas Homoki zurück. Ein reichhaltiger Bildband ruft einige Höhepunkte seiner Wirkungszeit am Opernhaus Zürich in Erinnerung, angereichert mit Texten, Erinnerungen von Wegbegleiter*innen und Interviews

Dreizehn erfolgreiche Jahre lang prägte ANDREAS HOMOKI als Intendant zusammen mit seinem Team die Geschichte des Opernhauses Zürich. Nun tritt er per Ende der Saison 2024/25 zurück. Es ist also Zeit für einen Rückblick auf eine Ära. Denn von einer Ära kann man wirklich sprechen, wie sie der Präsident des Verwaltungsrats der Opernhaus Zürich AG, Dr. Markus Notter, in seinem Vorwort erwähnt. Homokis Visionen für das Musiktheater sind bei Publikum, Künstlern und Presse aufgenommen und mit überwältigendem Interesse verfolgt worden. Eine Auslastung des Hauses von über 90 % sagt eigentlich schon alles.

Homokis Berufung nach dem Weggang seines Vorgängers, Alexander Pereira, löste im Vorfeld nicht nur Begeisterungsstürme aus. Einige konservative Menschen hatten gehört, dass er an seiner bisherigen Wirkungsstätte, der Komischen Oper Berlin, den „Skandalregisseur“ Calixto Bieito hatte inszenieren lassen, Dabei sei Blut, Gewalt und Nacktheit (z.B. in Mozarts ENTFÜHRUNG AUS DEM SERAIL) zu sehen gewesen. Skandal für das zwinglianische Zürich, das wollten viele hier nicht sehen. Sie urteilten damit vorschnell, wahrscheinlich hatten die meisten der Meckerer diese klugen Inszenierungen gar nicht gesehen. Nun, Homoki liess sich zum Glück davon nicht beirren, engagierte Regisseure, die Geschichten erzählen, psychologische Gründe und Abgründe aufdecken und Licht auf den Subtext hinter der Fassade der Klassiker und der Moderne werfen konnten. Darunter war eben auch Bieito, dessen Inszenierungen in Zürich nun gar bejubelt wurden (z.B. Zimmermanns DIE SOLDATEN, Prokofiews DER FEURIGE ENGEL, u.a.m.). Vorbildlich auch, wie sich Homoki hinter seine Mitarbeiter stellte, wenn er von ihren Arbeiten überzeugt war. Exemplarisch sei dafür das Beispiel der Neuproduktion von Mozarts DON GIOVANNI erwähnt: Anlässlich der Premiere gleich in Homokis erster Spielzeit musste diese Inszenierung von Sebastian Baumgarten einen der heftigsten Buhstürme ertragen, die ich in meiner langen Verbundenheit mit diesem Haus erlebt habe. Homoki stellte sich entschieden vor das Team! Der Dirigent Robin Ticciati legte vor der zweiten Aufführung den Taktstock nieder und weigerte sich, weitere Aufführungen zu dirigieren. Homoki überredete seinen damaligen GMD, Fabio Luisi, die Aufführungn zu übernehmen. Zugegebenermassen war ich nach der Premiere auch nicht begeistert gewesen, doch nach einer weiteren besuchten Vorstellung konnte ich viel Sinniges und Träfes in Baumgartens Arbeit entdecken – die Produktion wurde auch in weiteren Spielzeiten wieder erfolgreich aufgenommen. So erging es einem oftmals mit auf den ersten Blick ungewohnten Herangehensweisen an bekannte Opern: Erst war man leicht befremdet, doch wenn man man darüber geschlafen, etwas nachgedacht hatte, dann erschloss sich einem auf die eine oder andere Art doch die Kernessenz des Stücks in dieser neuen Sichtweise (z.B. Tatjana Gürbacas genialen Regiestreich bei RIGOLETTO). Ja, langweilig war es nie, dafür inspirierend und bereichernd. Homoki reduzierte den ungeheuren und letztendlich dem Haus Kräfte entziehenden Premierenoutput seines Vorgängers, verschaffte so dem Haus Luft zum Atmen und zur Kreativität. Noch immer ist die Anzahl der Premieren mit durchschnittlich neun Musiktheaterpremieren auf der grossen Bühne pro Saison aber auf einem weltweiten Spitzenniveau. Von der Qualität dieser Produktionen kann man sich in diesem hervorragend gestalteten Bildband, der über 300 Seiten umfasst, eine Chronik aller Premieren im Anhang auflistet und viele künstlerische Wegbegleiter des Intendanten zu Wort kommen und vor allem die Bilder der vielen musiktheatralischen Höhepunkte seiner Intendanz sprechen lässt, überzeugen.

Ein wichtiges Anliegen war Homoki immer wieder der Blick auf die Werke des 20. und 21. Jahrhunderts, also die unmittelbare Vergangenheit und die Zukunft der Sparte. Damit befasst sich denn auch der erste Teil des Buches, das nicht einen chronologischen, sondern einen thematischen Rückblick auf die vergangene dreizehn Jahre wirft. Im ersten Teil also werden einige der eindringlichsten Produktionen aus der MODERNE. nochmals beleuchtet: DIE SOLDATEN (von Zimmermann, inszeniert von Bieito), DIE HAMLETMASCHINE (von Wolfgang Rihm, inszeniert von Baumgarten), die Uraufführungen von Werken von Schweizer Komponisten (LUNEA von Heinz Holliger, inszeniert von Homoki selbst), GIRL WITH A PEARL EARRING (von Stefan Wirth, inszeniert von Ted Huffman). Dann natürlich Ausgrabungen wie AMERIKA (von Roman Haubenstock-Ramati, inszeniert von Baumgarten). Eine Produktion, die wie DIE SOLDATEN zum Renner wurde, genauso wie LEBEB MIT EINEM IDIOTEN von Schnittke, und das obwohl Kirill Serebrennikov einen nackten Mann den ganzen Abend lang auf der Bühne agieren liess. Und die vor 12 Jahren noch so skeptischen Zürcher*innen sorgten für ausverkaufte Vorstellungen! Höhepunkt für mich aus dem Reigen der Moderne war aber die Inszenierung von Andreas Homoki von Bergs WOZZECK: Was für eine überwältigende Bildersprache im Bühnenbild von Michael Levine! Davon kann man sich in diesem Buch nochmals auf eindringliche Art überzeugen. Natürlich wurde in der Ära Homoki auch die Tradition des „nördlichsten Opernhauses Italiens“, als welches das Opernhaus Zürich oft bezeichnet wird, weiter gepflegt. Das Kapitel VERDI. PUCCINI. ROSSINI. DONIZETTI. blickt auf viele erfolgreiche Produktionen italienischer Opern zurück. Erwähnt seien Koskys unheimliche Reduced-to-the-max Inszenierung von Verdis MACBETH, Loys wunderbare LA RONDINE (Puccini), der bereits erwähnte RIGOLETTO in der Lesart Gürbacas, der labyrinthische SIMON BOCCANEGRA (Verdi) von Homoki, Loys DON PASQUALE (Donizetti), Jan Philipp Glogers umwerfend komische Inszenierung von Rossinis IL TURCO IN ITALIA. Jan Philipp Gloger war auch verantwortlich für eine der Inszenierungen, die im Kapitel BAROCK. nochmals beleuchtet werden: Vivaldis LA VERITÀ IN CIMENTO. Daneben stechen da natürlich die vielen Aufführungen und Konzerte mit dem hauseigenen Barockorchester LA SCINTILLA heraus: Monteverdis L'ORFEO (Evgeny Titov) und L'INCORONAZIONE DI POPPEA (Bieito). Jetske Mijnssens Inszenierung von Händels AGRIPPINA, die soeben eine überaus fulminante Premiere erlebte, schaffte es leider nicht mehr in dieses Erinnerungsbuch (Redaktionsschluss war Anfang Januar 2025). Das nächste Kapitel WAGNER. war Chefsache: In seiner ersten Spielzeit inszenierte Andreas Homoki DER FLIEGENDE HOLLÄNDER. Es folgten LOHENGRIN und dann der vielbeachtete RING DES NIBELUNGEN, mit Rollendebüts von Camilla Nylund und Klaus Florian Vogt. Immer wieder hat er bekannte und vielversprechende Sängerinnen und Sänger davon überzeugen können, in Zürich mit Rollendebüts aufzuwarten. GLUCK. MOZART. BEETHOVEN. WEBER. HUMPERDINCK. ist das folgende Kapitel betitelt: Herauszuheben sind Serebrennikovs (aus seinem Hausarrest in Moskau heraus inszeniert) COSÌ FAN TUTTE, Homokis stringent aufs Zwischenmenschliche fokussierter FIDELIO, der nicht unumstrittene FREISCHÜTZ von Herbert Fritsch (das Zürcher Publikum fremdelte ein bisschen mit seiner knallbunten Lesart und seiner Art von Humor, bereits KING ARTHUR war jetzt nicht so der Renner ... .) Aus dem französischen Repertoire bleiben vor allem Massenets WERTHER (Gürbaca) und MANON (Floris Visser) in Erinnerung – und vor allem Ted Huffmans ROMÉO ET JULIETTE. Offenbachs LES CONTES D'HOFFMANN (in der Inszenierung Homokis) wurde coronabedingt nur gestreamt, wird nun aber noch ganz am Ende seiner letzten Spielzeit im Juni/Juli dem Publikum präsentiert. OPERETTE.MUSICAL.: Man darf im Buch zurückblicken z.B.auf DIE LUSTIGE WITWE (Kosky), auf den irrwitzigen SWEENEY TODD (Homoki), die gestylte Produktion von DAS LAND DES LÄCHELNS (Homoki).

Mit dem Engagement von Christian Spuck als Ballettdirektor erlebte das Ballett Zürich einen ungeahnten Höhenflug. Spuck und Homoki hatten ähnliche Visionen des Theaters und Spucks Erzählballette werden unvergessen bleiben, vor allem auch die spartenübergreifenden Inszenierungen von MESSA DA REQUIEM und WINTERREISE (auch dank der Ausdruckskraft der Ersten Solistin Giulia Tonelli). Begonnen hatte die Ära Spuck (ja, auch bei ihm darf man gerne und zu Recht von einer „Ära“ sprechen) mit dem absoluten Kassenschlager ROMEO UND JULIA. Auch auf DAS MÄDCHEN MIT DEN SCHWEFELHÖZERN mit der komplexen Partitur Helmut Lachenmanns und der dramaturgisch so spannenden Erzählweise Spucks wird im Buch nochmals eingegangen. Seit zwei Jahren ist nun Cathy Marston als Ballettdirektorin am Arbeiten. Von ihren Abendfüllern haben ATONEMENT und CLARA Aufnahme ins Buch gefunden.

Natürlich waren nicht alle 151 Premieren auf der grossen Bühne in der Ära Homoki Sternstunden, das erwartet auch niemand. Aber Sternstunden waren für Tausende von Kindern ganz sicher immer wieder die FAMILIENOPERN: Auch davon berichtet das Buch mit eindrücklichen Produktionsfotos!

OPER FÜR ALLE – so ist der reichhaltige Bildband betitelt. Und OFFEN. heisst das letzte Kapitel, mit Impressionen der Saison-Eröffnungsfeste und der Veranstaltung OPER FÜR ALLE, bei der Vorstellungen live für 10000 Besucher*innen auf den Sechseläuteplatz übertragen werden. Mit seinen Visionen vom Theater hat Andreas Homoki während seiner Intendanz begeistert, berührt, zum Nachdenken angeregt, manchmal vielleicht auch irritiert – aber man spürte seine Liebe zum Theater, seine uneitle Suche nach Ausdrucksmöglichkeiten, sein Interesse an jungen Talenten und vor allem an der Raumgestaltung. Von all dem zeugt der vorliegende, wunderbar gestaltete Bildband, der nur schon beim Anschauen Lust auf Musiktheater und Ballett macht.

Zu bestellen ist das Buch für Fr. 35.-- (zuzüglich Versandkosten, es kann aber auch direkt an der Kasse abgeholt werden) hier:

www.opernhaus.ch/service/shop/abschiedsbuch-1/

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