Zürich: IL PIRATA, 01.06.2022
Romantische Oper in zwei Akten | Musik: Vincenzo Bellini | Libretto: Felice Romani, nach Maturins Schauerstück BERTRAM OR THE CASTLE OF ST.ALDOBRAND | Uraufführung: 27. Oktober 1827 in Mailand | Aufführungen in Zürich (konzertant): 1.6. | 6.6. | 10.6.2022
Kritik:
Der Triumph des Mutes
An und für sich birgt schon das Ansetzen einer relativ selten gespielten Oper ein gewisses Risiko. Wenn dies auch noch in Zeiten vermehrt auftretender Erkrankungen geschieht erst recht. So musste Startenor Javier Camarena acht Tage vor der gestrigen Premiere seinen Auftritt als Gulatiero in Bellinis IL PIRATA absagen. Man kann sich die Hektik im künstlerischen Betriebsbüro des Opernhauses lebhaft vorstellen, denn einen kurzfristigen Ersatz für diese grosse und äusserst anspruchsvolle Tenorpartie zu finden - die zudem wahrlich nicht zum Standardrepertoire eines Belcanto-Sängers gehört - scheint ein Ding der Unmöglichkeit zu sein. Doch das Team um die stellvertredende Operndirektorin und Casting-Referentin Natascha Ursuliak (sie zeichnete auch für die zurückhaltende szenische Einrichtung der Aufführung verantwortlich) setzte alle Hebel und Überzeugungskräfte in Bewegung, um die drei geplanten Aufführungen zu retten, wie sie zu Beginn der Vorstellung in launiger Berichterstattung über die hektischen Tage vor der gestrigen Premiere berichtete. Denn - wie zu vermuten war - konnte man auf dem internationalen Markt keinen Tenor finden, der zum Einspringen bereit war. Aber im eigenen Ensemble hatte man einen jungen, vielversprechenden Tenor, Andrew Owens, der eigentlich für die kleine Partie des Itulbo vorgesehen gewesen war. Also fragte man ihn, ob er sich den Gualtiero vorstellen könne. Er bat um eine Stunde Bedenkzeit und sagte dann zu. Innerhalb von acht Tagen lernte er also diese schwierige Partie - und triumphierte gestern Abend auf der ganzen Linie. Sein schön timbriertes Stimmmaterial fiel bereits vor einem Jahr in der Premiere von LUCIA DI LAMMERMOOR auf, wo er den Arturo gesungen hatte. Als Gualtiero beeindruckte er nun mit seiner hellen, wunderbar gestützten Stimme, einer makellosen Intonation und stupenden, sauber und effektvoll lange gehaltenen Spitzentönen und bruchlosen Passagi zwischen den Registern. Selbstverständlich musste er ab und an einen Blick in den Klavierauszug werfen, doch das wirkte nicht weiter störend, da es sich eh um eine konzertante Aufführung handelte. Zu stupender Form lief Andrew Owens in seiner Arie im zweiten Akt auf (Tu vedrai la sventurata), welche er wahrhaftig mit der vorgeschriebenen voce imponente gestaltete. Man freut sich auf weitere Begegnungen mit diesem wunderbaren Sänger!
Durch den Wechsel von Andrew Owens vom Itulbo zum Gualtiero musste nun natürlich der Itulbo neu besetzt werden: Thomas Erlank erklärte sich (auch nach kurzer Bedenkzeit) dazu bereit. Allerdings musste er die Generalprobe wegen Krankheit absagen, meinte jedoch, bis zur Premiere wieder fit zu sein. Dem war nicht so, er sagte am Dienstag die Premiere ab. Zum Glück sprang Luis Magallanes kurzfristig ein, er ist Mitglied des Internationalen Opernstudios des Opernhauses Zürich. Er verfügt über einen sehr schön und weich timbrierten Tenor und fügte sich bestens ins Ensemble ein.
Aber damit nicht genug der Unbill: Auch die Sängerin der Adele meldete sich eine Woche vor der Premiere krank. Aber das Opernhaus Zürich verfügt zum Glück über ein exzellentes Ensemble (das leider manchmal etwas zu zurückhaltend für grössere Partien eingesetzt wird ...). Zu diesem Ensemble gehört seit langer Zeit Irène Friedli, welche ebenfalls nach kurzem Zögern zusagte. Frau Friedli ist nicht nur eine ausdrucksstarke Mezzosopranistin, sondern auch ein "Bühnentier", welches jeden ihrer Auftritte szenisch und mimisch hervorragend zu gestalten weiss. Diese Fähigkeit zeigte sich auch gestern Abend: Sie war praktisch die einzige, welche auch darstellerisch voll in ihre Rolle der besorgten Vertrauten der Imogene hineinschlüpfte. Brava!
Die Primadonna
Imogene also ist diese Primadonna der Oper. Mit Irina Lungu stand gestern Abend eine Sängerin auf der Bühne, welche in den letzten Jahren in den bedeutendsten Opernhäusern der Welt gefeiert wurde (vor allem nach ihrem Rollendebüt als Traviata unter Lorin Maazel an der Scala, einer Rolle, in der sie seither von Moskau über Venedig, Berlin, Wiener Staatsoper bis nach Madrid Triumphe feiern durfte). In Zürich sang sie letztes Jahr auch die Titelrolle in LUCIA DI LAMMERMOOR, in Covent Garden die Musetta, in Paris die Gilda und in Verona Micaëla, Donna Anna, Juliette und Anna Bolena. Frau Lungu beeindruckte mit ihrer riesigen Stimme, die ab und an durch Mark und Bein fahren konnte, aber immer wieder in den Cavatinen zu wunderbar zarten Piani und fein gesponnenen Lyrismen fand. Sie begeisterte mit stupenden Läufen, agilen Fiorituren, langen Bögen und effektvollen Spitzentönen. Unvergesslich ihr schmerzerfüllter Schrei figlio mio und ihr glutvolles Singen im Concertato und Finale I. Souverän und wunderbar erklangen ihre dezenten Ausschmückungen in der Auseinandersetzung mit ihrem Gemahl Ernesto und im Terzett mit Gemahl und Geliebtem (Gulatiero) im zweiten Akt. Und dann war da natürlich die Schlussszene, auf die alle Aficionados des Belcanto jeweils sehnlichst warten (und gestern nicht enttäuscht wurden): In der "Wahnsinnsarie" legte Irina Lungu Zeugnis ihrer herausragenden Gesangstechnik und ihrer dosiert-voluminösen Kehlkopfakrobatik ab, von den ergreifenden Piani der Cavatina Col sorriso d'innocenza bis zu den attackierenden, fulminanten Ausbrüchen der finalen Cabaletta.
Für diesen konzertanten Auftritt als Imogene trug Frau Lungu drei perfekt geschnittene Abendkleider in Gold, Schwarz und Zartrosa. Wunderschön!
Bariton und Bass
Konstantin Shushakov und Stanislav Vorobyov waren als Imogenes Gemahl Ernesto, respektive als Gualtieros Erzieher Goffredo besetzt. Konstantin Shushakov sang einen trefflich siegesgewissen Ernesto, liess seinen einnehmend und ausgeglichen timbrierten Bariton wunderbar strömen, verfügte aber auch über die erforderliche Agilität und machohafte Kraft für die Rolle. Stanislav Vorobyov gelang mit seiner satten Bassstimme zusammen mit dem kraftvoll singenden Chor der Oper Zürich eine stimmige Bereicherung der die Oper eröffnenden Sturmszene. Da IL PPIRATA in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts oft gespielt wurde, musste Giuseppe Verdi die Oper gekannt haben, denn seine den OTELLO 50 Jahr später eröffnende Sturmszene erinnert sehr an diese Szene aus Bellinis Oper.
Der beseelende Geist
Als wahrhaftiger Spiritus rector der Aufführung erwies sich der Dirigent Iván López-Reynoso (musikalischer Direktor des Palacio de Bellas Artes Mexico City), welcher am Pult der wunderbar satt, dramatisch und auch - wo geboten - zart und einfühlsam aufspielenden Philharmonia Zürich stand: Aus jeder Faser seines Körpers spürte man die Liebe zur Musik Bellinis, die zupackenden, "fetzigen" Passagen (wie etwa das Finale I) waren seine Sache genauso wie die zarten Melismen Bellinis, die zauberhaften, sanften instrumentalen Begleitungen, das Hervorheben einzelner Instrumente wie Flöte, Horn, Cello, Fagott und natürlich die von Clément Noël so ergreifend intonierte Einleitung des Englischhorns zur finalen Wahnsinnsszene.
Am Opernhaus Zürich war Bellinis IL PIRATA zum letzten Mal vor 30 Jahren in der Spielzeit 1992/93 (in einer Inszenierung von Francesca Zambello) zu erleben gewesen. Die musikalische Leitung hatte Nello Santi inne, Imogene wurde von Mara Zampieri gesungen, Gualtiero war Salvatore Fisichella, den Ernesto sang Rodney Gilfry. Es wurde also höchste Zeit diese musikalisch spannende Oper des jungen, viel zu früh verstorbenen Bellini wieder zur Diskussion zu stellen. Diese konzertante Aufführung bietet dazu noch am 6. und 10. Juni Gelegenheit. Nicht verpassen!
Inhalt:
Die Oper spielt in Sizilien zur Zeit der Auseinandersetzungen zwischen den Häusern der Staufer, derjenigen von Aragon und von Anjou im 13. Jh. um die Vorherrschaft auf der Insel.
Vorgeschichte:
Gualtiero, einer der Anhänger des vom Papst als illegitim bezeichneten Königs Manfred, musste nach der Niederlage Manfreds gegen Karl von Anjou aus Sizilien nach Aragon fliehen. Zurück blieb seine Geliebte Imogene. Diese heiratete in der Folge den Erzfeind Gualtieros, den Herzog Ernesto von Caldera, nicht zuletzt um ihren Vater zu schützen, der ebenfalls ein Anhänger Manfreds gewesen war.
Oper:
Gualtiero erleidet in einem Sturm zusammen mit seinen aragonesischen Piraten Schiffbruch vor der sizilianischen Küste. Der Einsiedler Goffredo (und früherer Lehrer Gualtieros) erkennt seinen einstigen Schüler. Die Aragonesen werden im Schloss des Herzogs untergebracht. Dort treffen sich Imogene und Gualtiero nach über zehn Jahren wieder. Doch Imogene, die Gualtiero immer noch innigst liebt, kann sich aus familiären Zwängen nicht von Ernesto trennen, da sie mit ihm auch ein Kind hat. Ernesto jedoch ist misstrauisch geworden. Als er zusammen mit seinen Mannen den Sieg über die aragonesichen Piraten feiern will, bemerkt er die Kühle seiner Frau. Nur mit Mühe kann Imogene ihren Mann davon abhalten, Gualtiero und die Seinen in den Kerker zu werfen.
Ernestos Misstrauen wächst zusehends. Als er erfährt, dass ausgerechnet Gualtiero in seinem Schloss weilt, will er diesen suchen. Inzwischen gelingt es Imogene, ihren Geliebten zu warnen. Sie nehmen voneinander Abschied, werden aber von Ernesto überrascht. Ernesto und Gualtiero duellieren sich. Ernesto fällt und Gualtiero stellt sich dem Gericht. Er wird zum Tode verurteilt. Imogene treibt dieses Urteil in den Wahnsinn.
Werk:
Vincenzo Bellinis (1801-1835) dritte Oper IL PIRATA stellte seinen sensationellen Durchbruch in der internationalen Opernwelt dar und war zugleich der Startschuss für die Epoche der italienischen Romantik im Bereich des Musiktheaters. Der Librettist Felice Romani hatte die schauerliche Vorlage entdämonisiert. Gualtiero ist bei Romani/Bellini nicht mehr so fluchbeladen, begeht am Ende auch nicht Suizid, Imogene vollzieht weder den Ehebruch, noch bringt sie ihr Kind um. Sie verfällt dem Wahnsinn – und damit war die Schleuse für die tragisch-keusche Frauengestalt in der romantischen italienischen Oper für diese unschuldigen weiblichen Wesen geöffnet, die durch tragische (von Männern verursachte) Spiele und Ränke am Ende dem Wahnsinn verfallen (z.B. Lucia di Lammermoor, Elvira in I PURITANI, ).
In der musikalischen Faktur kommt IL PIRATA bei weitem weniger lyrisch daher als seine späteren Erfolgsstücke wie NORMA oder LA SONNAMBULA. Die Partien sind von der Linienführung und der Ausdrucksstärke eher auf der robusten, schmetternden, virtuosen Seite angelegt, nur gelegentlich schimmern die für Bellini so typischen Lyrismen auf, so z.B. im Cantabile der Wahnsinnsszene (Col sorriso d'innocenza), wo die Triolen selige Begleitung quasi das Casta diva aus NORMA vorwegnimmt.
Obwohl IL PIRATA bei der Uraufführung in der Mailänder Scala enthusiastisch gefeiert worden war und von einigen Bühnen auch im Ausland (Dresden, Wien, London, Graz, München, New York, Havanna, Buenos Aires, St.Petersburg) übernommen wurde, kam es im weiteren Verlauf des 19. Jahrhunderts nur noch zu vereinzelten Aufführungen.
Maria Callas stellte IL PIRATA ab 1958 an der Scala und im Jahr darauf in New York erneut zur Diskussion, sang die Wahnsinnsszene gerne in ihren Konzerten. Auf die Callas folgten Leyla Gencer und Montserrat Caballé, sie wurden in der Nachfolge der Callas mindestens ebenbürtige Interpretinnen der schwierigen Partie der Imogene, später nahmen sich auch Mara Zampieri (Zürich), Lucia Aliberti (Berlin), Edita Gruberova (Wien) oder Renée Fleming (New York) erfolgreich der Rolle der Imogene an.