Zürich, Bernhard Theater: WIE DU WARST! WIE DU BIST!, 20.09.2025
Musiktheater von Simon Steen-Andersen, mit Liliana Nikiteanu, die seit 34 Jahren am Opernhaus Zürich auftritt!
Termine: 20.9. | 21.9. | 25.9. | 2.10. | 3.10.2025 | 4.7. | 5.7.2026
Kritik:
Gestern Abend fand die erste Premiere im Rahmen der neuen LABOR-Reihe des Opernhauses Zürich statt. Das „Labor“ verschafft dem Publikum die Möglichkeit, Einblicke in experimentelles Musiktheater zu bekommen, neue Hör- und Seherlebnisse zu gewinnen – und später auch an ungewohnten Orten (dem ehemaligen Sex-Kino in Oerlikon) Formen des Musiktheaters zu erleben. Den Anfang machte der mehrfach ausgezeichnete Allround-Künstler Simon Steen-Andersen mit WIE DU WARST! WIE DU BIST!. Der Titel spielt natürlich auf die Premiere von Strauss' DER ROSENKAVALIER an, die heute Abend auf der grossen Bühne stattfinden wird. Auf der ins Haus integrierten Bühne des Bernhard Theaters steht die Zeit und deren Vergehen wie im grossen „Schwesterwerk“ im Zentrum. Zusammen mit der Mezzosopranistin Liliana Nikiteanu, die seit 1991 Ensemblemitglied des Hauses ist, begibt sich Steen-Andersen auf die Suche nach Klängen, nach Vibrationen im Haus, nach Bildern, nach verflochtener Geschichte und nach der Zukunft des Opernhauses und des Bernhard Theaters. Steen-Andersen ist nicht nur der Komponist (und Re-Komponist) der Klänge und der Melodiefetzen, die wir zu hören bekommen, er ist auch verantwortlich für das Gesamtkonzept, die virtuosen Video-Schöpfungen, die Bühne und die Regie des Abends. Einem Experiment wohnt ja stets die Gefahr des Scheiterns inne. Auch gestern Abend hatte man zu Beginn das Gefühl, dass das Experiment nicht gelingen würde. Der Anfang mit dem an- und ausgehenden Licht, den sich öffnenden und schliessenden Vorhängen, der unterlegten Vokalise aus dem Off, die immer wieder durch an blubbernde Urgeräusche des Alls oder des unheimlichen Untergrunds, auf dem die Oper gebaut worden war, unterbrochen wurde, geriet etwas gar lang. Einige wenige Besucher*innen verliessen leider auch bereits den Saal. Schade, denn was danach folgte, als es endlich richtig losging, war durchaus faszinierend. Die Sängerin Liliana Nikiteanu, halb als Clownin kostümiert, halb als elegante Conferencière, wurde auf einen Stuhl gesetz, der einem Kettenkarussellsitz ähnelte und flog damit quasi vor den Projektionen öffentlicher und verborgener Räume durch den Theaterbau und den „Fleischkäse“ genannten Anbau. Manchmal agierte Frau Nikiteanu auch als ein Reinigungskraft, saugte Ping-Pong-Bälle beim FORZA-Bingo aus einem Gefäss (Anspielung auf die Premiere von LA FORZA DEL DESTINO und die Bingo-Veranstaltungen im Bernhard Theater). Diese Bälle rollten dann in faszinierenden Videosequenzen durch Schläuche und landeten beim nächsten Handlungsort im Haus. Es wurden auch immer wieder Interviews mit Liliana Nikiteanu eingespielt, die auch sehr persönlich wurden, intime Einblicke in das Leben einer Sängerin gaben (Umgang mit der Menopause, Veränderungen der stimmlichen Möglichkeiten, Bewusstsein, dass man gewisse Rollen – bei ihr z.B. der Octavian, für den sie eine langjährige Idealbesetzung gewesen war – nicht mehr singen konnte, das Aufwachsen in der Ceaușescu – Diktatur, das Einsingen mit der Bubble-Flasche, die Initiation zum Ergreifen des Sänger*innen-Berufs – sie hörte ein Frau den Frühlingsstimmenwalzer singen – usw). Als sie mit Simon Steen-Andersen auf Rumänien zu sprechen kam, durfte natürlich das Thema DRACULA nicht fehlen, und sie verkörperte dann auch gleich mehrere Rollen aus Marschners Oper DER VAMPYR. Sie war auf dieser Reise aber auch die Filipjewna aus EUGEN ONEGIN, diese alte Amme, die sie bereits als neunzehnjährige Anfängerin verkörpern und eine Olga auf den Schoss nehmen musste, die etwas dreimal so gross war wie sie. Auch diese Episode wurde bildlich wunderbar umgesetzt. Natürlich hatte der Abend auf der musikalischen Seite nichts von einem „Best of“ - Arienabend. Die Fetzen, die aus diversen Opern erklangen, liefen wie auf einem zu langsam drehenden Plattenspieler, tief und grummelig verzerrt, auch das alte Filmmaterial war von immens schlechter Bildqualität. So geriet der Zeit-Monolog der Marschallin schon fast zu einer Art Parodie, zeigte aber auch die Brüchigkeit, welche Simon Steen-Andersen zu faszinieren scheint, und die uns die Ohren für das Original neu öffnen soll. Es gab viel Lustiges, Ironisches zu erleben in diesem zunehmend kurzweiliger werdenden Experiment: Etwa wenn Liliana Nikiteanu in der Szene zwischen Ochs und Mariandl aus dem dritten Akt des ROSENKAVALIERS gleich beide Partien selber übernahm, oder wenn sie zur PARSIFAL – Musik („Enthüllet den Gral“) im Fundus erstaunt in eine Röhre guckte. Einige Dialoge zwischen ihr und Steen-Andersen hatten schon beinahe die absurden Theater Qualitäten eines Ionescu. Davon hätte man gerne noch mehr gehabt. Daneben ging es aber auch um ganz ernste Themen: Träume und Albträume des Sänger*innen – Daseins oder um die Opernhauskrawalle (Züri brännt) in den 80er Jahren. Am Ende sang Frau Nikiteanu Teile aus dem Schlussduett des ROSENKAVALIERS, es gab Torte für alle Mitwirkenden auf der Bühne zu verstörenden Bildern einer Laryngoskopie und einer Abrisskugel, die durch durch die Wand brach (Zukunft Oper). Wobei Boulez' Aussage "Sprengt die Opernhäuser in die Luft!" ja nur symbolisch als Aufruf zur Erneuerung des Musiktheaters gemeint war.
Beteiligt am Erfolg des Experiments waren auch die dezent agierenden Statisten und ein Instrumentalensemble (Klarinette: Azra Ramić, Posaune: Antonio Jiménez Marín, Schlagzeug: Romane Bouffioux, Kontrabass: Melda Umur und E-Gitarre: Francesco Palmieri) unter der Leitung von Stefan Schreiber an der Hammondorgel.
Es hat sich wirklich gelohnt, bis zum Ende zu bleiben!
Persönliche Anmerkung:
Liliana Nikiteanu habe ich u.a. in folgenden Partien am Opernhaus Zürich erleben dürfen: Nicklausse (Contes D'Hoffmann), Dorabella (Così), Siebel (Faust), Annio (Clemenza di Tito), Fricka (Ring des Nibelungen), Lola (Cavalleria rusticana), Jezibaba (Rusalka) Ljubascha (Zarenbraut), Federica (Luisa Miller), Ragonde (Le Cone Ory), Podotschina (Die Nase), Emilia (Otello), Mary (Der fliegende Holländer), Ericlea (Il Ritorno d'Ulisse in Patria), in Die Rote Laterne, Wirtin (Der feurige Engel), Clotilde (Norma), Larina (Eugen Onegin), Mère Jeanne (Dialogues des Carmélites), Maria Thins (The Girl with the Pearl Earring), Ino (Semele), Auntie (Peter Grimes), Amme (Ariane et Barbe-Bleue), Ascanio (Benvenuto Cellini), Marguerite (La Damnation de Faust), Giulietta (Un Giorno di Regno)
LILIANA NIKITEANU, Biografie:
Liliana Nikiteanu studierte am Konservatorium in Bukarest. Ihr erstes Festengagement erhielt sie 1986 im Musiktheater Galati. Sie gewann zahlreiche Preise, und im Jahr 2000 wählte sie die Opernwelt zur «Besten Nachwuchssängerin des Jahres». Ihr Repertoire umfasst über 80 Rollen, die sie in Zürich, wo sie seit 1991 Ensemblemitglied ist, oder in anderen Opernhäusern gesungen hat, u.a. Octavian («Der Rosenkavalier») an der Bastille, der Wiener und Hamburgischen Staatsoper, Ježibaba («Rusalka») in Montreal, Sesto («La clemenza di Tito») in Dresden, Rosina («Il barbiere di Siviglia») in Wien und München, Dorabella («Così fan tutte») in Dresden, München, Salzburg und Aix-en-Provence, Fjodor («Boris Godunow*) in Salzburg, Margarethe («La damnation de Faust») in Brüssel und Dulcinée («Don Quichotte») im Theater an der Wien. In Zürich verkörperte sie alle Mozartpartien ihres Fachs sowie Partien wie Ljubascha («Die Zarenbraut»), Amme (Dukas’ «Ariane et Barbe-Bleue») und Fricka («Das Rheingold»). Als Konzertsängerin reicht ihr Repertoire von Bach bis Berio. In Bamberg sang sie Berenice von Haydn unter Adam Fischer, in Paris Berlioz’ «Les nuits d'été» unter Heinz Holliger, in Kopenhagen Verdis Requiem und in Tel Aviv und Haifa Bruckners Te Deum unter Zubin Mehta. Zu den Dirigenten, die sie geprägt haben, gehören Nikolaus Harnoncourt, Claudio Abbado, Fabio Luisi, Franz Welser-Möst, John Eliot Gardiner, René Jacobs und Philippe Jordan. Zuletzt war sie in Zürich u.a. Tisbe («La Cenerentola»), Frau Waas / Frau Mahlzahn («Jim Knopf»), Praškowia («Die lustige Witwe»), Mama («Wir pfeifen auf den Gurkenkönig») und Sir Pumpkin («In 80 Tagen um die Welt») zu erleben. (Biografie der Künstlerin, Opernhaus Zürich)